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Decima Lucilla
Längst kommt Lucilla an den Feiertagen nicht mehr beladen mit Schüsseln, Schalen und Krügen zum kleinen Hausaltar. Sie kommt mit leeren Händen, dafür gefolgt von einem Sklaven, der Schüsseln, Schalen und Krüge hinter ihr herträgt. Barfuß tritt Lucilla vor den Altar, ihr Haar fällt ihr offen auf die Schultern, und rückt die kleinen Götterfiguren und Hausgeister zurecht, so dass Platz für die Gaben für Ops ist. Aus einer der Schalen von einem Sklaven nimmt sie mit einer kleinen Metallzange ein Stück glimmende Kohle und legt es in die Räucherschale, die vor der bronzenen Hippona steht. Dann legt sie vorsichtig die Salbeiblätter auf die Kohle und wartet, bis die trockenen Pflanzen zu Rauch verglühen.

"Ops Mater, ich danke Dir für Den Segen, den Du im letzten Jahr unserer Familie zuteil werden lassen hast. Unser Dank gebührt Dir." Ein kleine Schale mit frischem Getreidekorn wandert auf den Altar, danach schenkt Lucilla Wein aus Hispania in einen silbernen Becher ein. "Schenke den Decima auch in diesem Jahr weiter Deinen Segen, beschere uns Reichtum, nicht nur materiell, sondern auch in unseren Herzen, und Erfolg. Dafür unsere Gaben." Zu guter Letzt platziert Lucilla einen goldgelben Opferkuchen auf dem Hausaltar, der danach ziemlich gefüllt ist, und schließt das kleine Opfer ab.
Maximus Decimus Meridius
Meridius kam zum Hausalter, wie er es jeden Morgen tat um den Laren, Penaten und Göttern zu opfern. Man hatte ihn so erzogen, so war es Pflicht, Recht und Tradition bei den Decima. Und der Hausherr hatte vorran zu gehen, wenn auch der Hausherrin eine hohe Verantwortung zukam. Bis vor kurzem hatte Lucilla viele der Opfer noch übernommen. Doch nun opferte sie in der Casa Germanica und Meridius hatte die Arbeit zu übernehmen.

"Ihr Ahnen, Hüter des Feuers, ich danke euch, dass ihr über meinem Haus gewacht habt auch diese Nacht. Meine Familie liegt in eurer Hand, ich bitte euch, wacht über meiner Frau, wacht über meinem Sohn mit dem blanken Schwert. Vater, Mutter, blickt stolz auf mich herab, der ich euch ehre von ganzem Herzen..."

Der Duft des Räucherwerks stieg von dem kleinen Altar auf.

"Ihr Laren, wacht an der Türe meines Hauses, haltet das Unglück fern, lasst nur das Gute herrein. Schützt mich vor dem Unglück, begleitet mich am heutigen Tage, führt meine Hand, führt meine Worte und lasst mich nicht zuschanden werden ..."

Er brachte den Göttern nun Brot, Kuchen und Wein.

"Ihr Götter, Iuno, Erhabene, Mutter allen Lebens, bewahre meinen Sohn, meine Gattin, meine Familie, schütze sie mit Deiner Macht..."

Und noch einiges mehr, betete der Senator. Er bat um seine Verwandten, befahl sie dem Schutz der Götter an, dachte auch an die Entfernten, an Livianus, welcher verschollen war, an Valeria, welche sich in Ägypten aufhielt ... Er ließ sich eine Menge Zeit.
Maximus Decimus Meridius
Die Götter verdienten Respekt. Und wenn sie ihn nicht bekamen, forderten sie ihn. Und blieb er weiter aus, straften sie. Das war eine alte Regel und Meridius hatte sie bereits in jungen Jahren gelernt. Seine Mutter hatte am Altar des Hauses gestanden, die Zweige und Hölzer verbrannt und der Duft war zum Himmel gestiegen, hatte sich würzig und süßlich in seiner Nase ausgebreitet. Er hatte vorsichtig eingeatmet, stand es ihm ja nicht zu, den Duft - welcher den Göttern vorbehalten war - zu stehlen und mit Inbrunst hatte er seine Gebete verrichtet. Mutter war eine gewissenhafte, ein innbrünstige Beterin gewesen. Erhaben und tadellos, wenn es um die Götter ging, warmherzig und aufopfernd, wenn es ihre Kinder betraf, freundlich und gütig zu den Fremden, ihrem Gemahl eine leidenschaftliche Liebhaberin. So und nicht anders hatte sie Meridius in Erinnerung. Und mit einem Lächeln stand er nun selbst am Altar seines Hauses und dachte an seine Ahnen und seine Verwandten. Tertia hatte dem Feuer nicht weniger aufopferungsbereit gedient, seine Schwester war Vestalin geworden. Und Lucilla hatte die Götter nie vergessen. Nur dass sie ihnen nun im Hause seines Schwagers diente.

"Ihr Ahnen, nehmt dieses Räucherwerk und meinen Dank. Wacht über mein Haus und die meinen. Wacht über meine Frau und meinen Sohn. Vater beschütze sie mit dem blanken Schwert. Mutter, beschütze sie in Deiner Liebe. Ihr Laren, wacht an der Türe meines Hauses. Haltet das Unglück fern. Lasst Krankheiten und Tod nicht über die Pforten kommen ..."

Der Duft stieg auch an diesem Tag wieder reichlich auf. Und wie jedem Tag opferte der Senator auch an diesem und an den folgenden IUNO der Erhabenen, der Göttin, die er seit der Geburt seines Sohnes am meisten verehrte. Er verdankte ihr viel.

Seit einigen Tagen jedoch fügte er noch weitere Gebete hinzu. Seit die Amme an seinem Sohn schwarze Zeichen entdeckt hatte, betete er dafür, dass sich diese Zeichen nicht vermehrten, dass sie nicht größer wurden und dass sie nichts Böses bedeuteten. Und er bat die Götter um Verzeihung. Hatte er als Soldat zu viel getötet? Hatte er als Senator zu viel begehrt? Den Göttern zu wenig geopfert? Den Toten und Ahnen zuwenig Ehrerbietung entgegengebracht? Ihm fielen einige Situationen ein, in denen er gefehlt hatte. Umso tiefer war sein Bedauern. Umso intensiver gab er sich dem täglichen Opfer hin. Es war die Pflicht des römischen Hausherrn den Göttern zu opfern. Er wollte in dieser Hinsicht seinen Nachbarn in keinster Weise nachstehen. Die Götter sollten nicht behaupten können, dass im Hause Decima weniger aufrichtig geopfert würde, als in anderen Häusern der Stadt.
Maximus Decimus Meridius
Die Familie der Decima war dem Kaiser treu ergeben gewesen. Livius Decimus Hispanicus, Decurio einer Ala des römischen Heeres hatte vor vielen Jahren einen Hinterhalt auf den Kaiser Lucius Ulpius Iulianus verhindert und sein Leben in diesem Kampf hingegeben. Der Kaiser hatte daraufhin der kompletten Familie das römische Bürgerrecht erteilt, zumal er selbst seine Herrschaft aus Hispania heraus errichtete und den iberischen Familien seit damals dankte. Meridius tat es seinem Vater gleich und diente ebenfalls diesem Kaiser, zunächst in den Truppen, dann in Germanien, dann im Senat. Und nun war dieser Kaiser zu den Ahnen gegangen und hatte die Herrschaft an seinen Adoptivsohn übertragen. Da es sein Wille war, würden auch die Decima diesem Kaiser dienen. Nicht anders, als sie Iulianus gedient hatten. Kaum war also der neue Kaiser Gaius Ulpius Aelianus Valerianus inthronisiert, ließ Meridius im Heiligtum des Hauses die Büsten der beiden Kaiser aufstellen.


Iulianus war zu seinen Ahnen eingegangen und die Decima würden ihn nie vergessen. Aelianus hatte den Thron bestiegen und ihm würden sie dienen. Mochten die Götter dafür sorgen, dass er das Erbe seines Vaters erfolgreich antreten würde. Und mochten sie dafür sorgen, dass sich die Sorgen um seine Gesundheit als haltlos erwiesen. Zur Vorsicht ließ Meridius jeden Tag Räucherwerk zum Himmel aufsteigen.
Maximus Decimus Meridius
Am Tag des Totenfestes trat der Senator schon sehr früh vor den kleinen Hausaltar und brachte Speck und Bohnenbrei mit, der für die Göttin Carna vorgesehen war. Carna war die Göttin der inneren Organe und Gesundheit. Es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Tod dem Hause fernblieb, dass die Geistervögel nicht in der Nacht über das Haus kommen würden und Optatus die Eingeweide herrausrissen und ihm das Blut aussaugten. Meridius hatte zwar noch nie im Leben diese Geistervögel gesehen und er wusste auch von keinem Fall, dass einem Säugling wirklich die Eingeweide herausgepickt worden waren, doch auszuschließen war es nicht. Die alten Weiber und Priester erzählten immer wieder von solchen Fällen und dass sie nicht öfters auftraten, mochte daran liegen, dass an den Carnaria der Göttin geopfert wurde. Jetzt wo er selbst einen Säugling im Haus hatte, konnte er kein Risiko eingehen. Und so stand fest, dass Carna heute ihren Spreck und ihre Bohnen erhalten würde. Zusammen mit Räucherwerk, Gebeten und Fürbitten. Und es stand auch fest, dass der gesamte Haushalt am heutigen Tage nur Speck und Bohnenbrei speisen würde, vorzugsweise in der Pfanne zubereitet. Ein eigentümlicher Brauch. Wesentlich angenehmer waren die Rosenfeiern, welche mit diesem verbunden waren.

Wenig später stieg der Duft des Opfers gemeinsam mit den Gebeten des Senators auf ...
Maximus Decimus Meridius
Die Vestalia, das römische Opferfest zu Ehren der Göttin Vesta ging seinem Ende entgegen. Eine Woche hatte der Tempel offen gestanden. Meridius hatte dies zum Anlass genommen zumindest am heutigen Tage dort noch einen Besuch abzustatten. Lange war es her gewesen, dass Tertia als Vestalin dort gedient hatte. Er daher den Ort nicht nur aufgesucht um Vesta ein kleines Opfer zu bringen, sondern auch, um an diesem Ort seiner verstorbenen Schwester nahe zu sein. Die Räume waren voll Erinnerungen gewesen und Meridius hatte für einen Moment das Gefühl gehabt, dass sich nichts verändert hatte. Dass sie noch unter ihnen lebte. Zurück im Haus trat er vor den kleinen Altar und betrachtete nachdenklich die kleinen Figuren der Ahnen.

"Ihr Penaten.
Beschützt und bewacht mein Haus.
Lasst Speis und Trank niemals ausgehen, niemals faul werden.
Bewahrt die Einheit der Familie und beschützt das Leben meiner Lieben."


Der Duft des Opfers stieg zum Himmel.

Im Tempel der Vesta hatten die Penaten des Staates ihren Platz und ihnen zu dienen, war eine der größten Ehren die es gab. Doch ebenso sehr wie alles Leben von ihnen abhängig war, lag das Wohlergehen des Hauses oft in den Händen der Götter des eigenen Hauses. Der Senator wusste nur zu gut, dass alles miteinander zusammen hing. Sollte Rom auf ewig Bestand haben, musste den Göttern auch zu Hause gedient werden.