Tiberius Lupus
Tiberius nickte der Torwache zu und eilte den Decumanus Maximus entlang. Noch vor dem Theater bog er nach rechts ab und hielt auf den Tiber zu. Als er am Marktplatz fast vorbei war, hielt er sich erneut rechts und erreichte den kleinen Platz schräg gegenüber dem Eingang der Kaserne der Vigili.
Mit etwas Herzklopfen betrat er die väterliche Taberna. Nur zwei Gäste saßen an einem Tisch in der Ecke und aßen. "Tiberius!" Mit einem Freudenschrei auf den Lippen kam seine Schwester Sabina auf ihn zu und umarmte ihn. "So lange haben wir uns nicht gesehen." Tiberius strich ihr über das Haar. "Du bist eine schöne Frau geworden." sagte er und erntete ein verlegenes Lächeln. "Wie geht es Vater?" Sofort verdunkelte sich die Mine Sabinas. Sie senkte den Blick. "Er liegt fast nur noch und ißt wenig. Man kann zusehen, wie ihn die Kräfte verlassen." erwiderte sie traurig. Tiberius streichelte sie über die Wange, löste sich dann von ihr und ging in die hinteren Räume.
Der Vater lag gut zugedeckt in seinem Bett und schlief. Leise setzte sich Tiberius neben das Lager. Er sah den Alten an. Das Gesicht war eingefallen und das spärliche Haar hing ihm wirr im Gesicht. Die Arme waren dünn geworden und die Decke schien nur noch Haut und Knochen zu verbergen. Tiberius beschloß, zu warten, bis der Vater von selbst erwacht und gab sich seinen Gedanken hin...
Tiberius Lupus
Der Alte erwachte nach Stunden. "Mein Sohn! Endlich bist Du da." sagte er. Schwach war seine Stimme. Und sie zitterte vor Aufregung. Er versuchte, sich aufzustützen. Tiberius wartete ab, bis er sich aufgesetzt hatte.
"Warum wolltest Du mich sehen?" fragte er. Mit Mühe bewahrte er sich die Teilnahmslosigkeit in der Stimme. Der Alte schien zu überlegen. Dann sagte er: "Ich bin alt. Meine Zeit ist bald gekommen." Er machte eine Pause, doch Tiberius verzog keine Miene. Also setzte er fort: "Ich möchte meinen Frieden mit Dir machen, Tiberius. Wir sind doch eine Familie." Tiberius stand auf. Er hatte diese Worte erwartet, doch wußte er, daß dies nicht alles war. "Ich bin bereit, zu vergessen." erwiderte er. "Was also den Frieden angeht, so will ich mich nicht verweigern."
Ein Lächeln kam auf im Gesicht des alten Mannes. "Aber Du hast mich nicht nur deshalb gerufen." setzte Tiberius fort. Der Alte nickte. "Durch Deine Schwester wußte ich immer, wie es Dir geht und was Du tust. Du hast Dich gut entwickelt..." Tiberius atmete tief durch. "Ich hatte gute Lehrer. Was willst Du von mir?" Der Alte erhob sich gequält. "Ich möchte, daß Du die Taberna nach meinem Tod übernimmst. Ich weiß, daß Du sie gut führen wirst." Er sah Tiberius fest in die Augen. "Doch ich möchte, daß Du dafür etwas tust. Du sollst für die Familie das Bürgerrecht erlangen."
Tiberius fühlte sich überrumpelt. Der Gedanke war ihm selbst schon gekommen. Doch nun wollte ihm sein Vater die Entscheidung nehmen. Er wollte gehen, einfach weg, aber der Alte hielt ihn am Arm fest: "Sei doch vernünftig, Junge. Denk an die Vorteile, die es Dir bringen würde. Dir und der Familie. Mit Dir würden wir in eine neue Ära gehen. Für mich ist es zu spät. Ich kann es nicht mehr leisten, aber Du, Du bist jung. Tu es."
Tiberius riß sich los. "Ich muß nachdenken. Gebt mir etwas Zeit." sagte er und verließ das Haus. Der Alte sah ihm nach. " Warte nicht zu lange, mein Sohn." murmelte er vor sich hin. Dann kehrte er zurück zu seinem Schlafplatz und ließ sich wieder auf die Liege sinken.
Tiberius Lupus
Nach Stunden kehrte Tiberius in die Taberna zurück. Erwartungsvoll sahen sie ihn an: Sein Vater Marcus Lupus, seine Schwester Sabina und der kleine Bruder Secundus. "Ich habe mich entschieden." sagte Tiberius mit fester Stimme. "Ich werde meiner Verantwortung für die Familie gerecht werden. Dazu muß ich jedoch die Stadt wieder verlassen." Nach kurzem Schweigen setzte er fort: "Ich werde nach Mantua gehen und dort meinen Militärdienst leisten. Ist dies geschehen, kehre ich als Civis hierher zurück."
Erleichtert ließ Marcus die Schultern sacken. Sabina kam auf Tiberius zu und er nahm sie in den Arm. "Ich freue mich." sagte sie. "Auch, wenn Du jetzt wieder fort mußt. Wen Du wiederkommst, wird alles besser werden. Das Leben wird einfacher für uns als Civis." Auch Secundus kam zu ihm und fiel ihm in den Arm. "Wenn Du wiederkommst, zeigst Du mir dann, wie man schreibt und rechnet? Ich möchte etwas anderes machen, nicht meine Tage damit verbringen, hier in der Taberna zu servieren." sagte er hoffnungsvoll. "Alles, was Du willst, Kleiner." antwortete Tiberius. "Doch nun muß ich gehen." Er trat seinem Vater gegenüber. Marcus sah zu ihm auf. "Du bist ein guter Junge." sagte er. "Deine Entscheidung war klug. Nun geh!" Er klopfte ihm auf die Schulter und sah ihm nach, als er mit seinen Geschwistern zum Stadttor ging. "Ich hoffe, Deine Heimkehr noch erleben zu können..."
Sabina
Kurz war der Besuch von Tiberius. Zu kurz. Sabina war froh, ihren Bruder nach der langen Zeit wieder gesehen zu haben. Sie wußte, wie ungern er sich zum Militär nach Mantua gemeldet hatte. Doch war dies das Beste für die Familia.
Nun hieß es zurückkehren in die Taberna. Die Taberna war nicht der Lebenstraum Sabinas. Sie war eine recht gute Köchin, das wohl, doch in einer Küche wollte sie nicht Tag für Tag ihr Leben bestreiten.
Ihr Vater würde das nie verstehen. Aber wenn Tiberius erst Civis war, dann würde alles anders werden...