ÖDIPUS
O der du alles bedenkst, Tiresias!
Gesagtes, Ungesagtes, Himmlisches und was
Auf Erden wandelt. Siehst du auch die Stadt nicht,
So weißt du doch, in welcher Krankheit sie
Begriffen ist. Von ihr, als ersten Retter,
O König, finden wir allein dich aus.
Denn Phöbos, wenn du gleich nicht hörst die Boten,
Entgegnete die Botschaft unsrer Botschaft,
Es komm allein von dieser Krankheit Rettung,
Wenn wir die Mörder Lajos', wohl erforschend,
Umbrächten oder landesflüchtig machten.
Du aber neide nun die Sage nicht von Vögeln,
Zu lösen dich, die Stadt, auch mich zu lösen,
Zu lösen auch die ganze Schmach des Toten.
Dein nämlich sind wir. Und daß nütz ein Mann,
Soviel er hat und kann, ist schönste Mühe.
TIRESIAS
Ach! ach! wie schwer ist Wissen, wo es unnütz
Dem Wissenden. Denn weil ich wohl es weiß,
Bin ich verloren; nicht wär ich gekommen!
ÖDIPUS
Was ist's, daß du so mutlos aufgetreten?
TIRESIAS
Laß mich nach Haus. Am besten wirst du deines,
Ich meines treiben, bist du mir gefolgt.
ÖDIPUS
Nicht recht hast du geredt, noch Liebes für die Stadt,
Die dich genährt, entziehend diese Sage.
TIRESIAS
Ich sehe nämlich zu, wie dir auch, was du sagst,
Nicht recht geht; um nicht Gleiches zu erfahren.
CHOR
Bei Göttern nich! sei's mit Bedacht auch! kehre
Nicht um! denn all knien flehend wir vor dir.
TIRESIAS
Denn alle seid ihr sinnlos. Aber daß ich nicht
Das meine sage! nicht dein Übel künde!
ÖDIPUS
Was sagst du, sprichst du nicht, wenn du es weißt,
Willst du verraten uns, die Stadt verderben?
TIRESIAS
Ich sorg um mich, nicht dich; du kannst im Grund
Nicht tadeln dies. Du folgtest mir ja doch nicht!
ÖDIPUS
Sprichst du, der Schlimmen Schlimmster (denn du bist
Nach Felsenart gemacht), einmal heraus?
Erscheinst so farblos du, so unerbittlich?
TIRESIAS
Den Zorn hast du getadelt mir. Den deinen,
Der beiwohnt, siehst du nicht, mich aber schiltst du.
ÖDIPUS
Wer sollte denn nicht solchem Worte zürnen,
Mit welchem du entehrest diese Stadt?
TIRESIAS
Es kommet doch, geh ich auch weg mit Schweigen.
ÖDIPUS
Mitnichten kommt es! sagen mußt du's mir!
TIRESIAS
Nicht weiter red ich. Zürne, wenn du willst,
Darob mit Zorn, der nur am wildsten ist.
ÖDIPUS
O ja! ich werde nichts, wie auch der Zorn sein mag,
Weglassen, was ich weiß. Verdächtig bist du mir,
Mit angelegt das Werk zu haben und gewirkt,
Nur nicht mit Händen mordend; wärst du sehend,
Das Werk auch, sagt ich, sei von dir allein.
TIRESIAS
In Wahrheit! Ich bestätig es, du bleibst
Im Tone, wo du anfingst, redest noch
Auf diesen Tag zu diesen nicht, zu mir nicht,
Du sprichst mit dem, der unsrem Land ein Fleck ist.
ÖDIPUS
So schamlos wirst du dieses Wort heraus?
Und glaubest wohl, nun wieder dich zu sichern?
TIRESIAS
Gesichert bin ich, nähr ich Kräftigwahres.
ÖDIPUS
Von wem belehrt? denn nicht aus deiner Kunst ist's.
TIRESIAS
Von dir. Du zwangst mich wider Willen zu reden.
ÖDIPUS
Und welch Wort? wiederhol's, daß ich es besser weiß.
TIRESIAS
Weißt du's nicht längst? und reden zu Versuch wir?
ÖDIPUS
Nichts, was man längst weiß, wiederhol's!
TIRESIAS
Des Mannes Mord, den du suchst, ich sag, auf dich da fällt er.
ÖDIPUS
Mit Lust jedoch nicht zweifach mißlich sprichst du.
TIRESIAS
Sag ich noch anders nun, damit du mehr zürnst.
ÖDIPUS
Wieviel du willst! vergebens wird's gesagt sein!
TIRESIAS
Ganz schändlich, sag ich, lebst du mit den Liebsten
Geheim, weißt nicht, woran du bist im Unglück.
ÖDIPUS
Glaubst du allzeit frohlockend dies zu sagen?
TIRESIAS
Wenn irgend etwas nur der Wahrheit Macht gilt.
ÖDIPUS
Sie gilt bei dir nicht, dir gehört dies nicht,
Blind bist an Ohren du, an Mut und Augen.
TIRESIAS
Elend bist aber du, du schiltst, da keiner,
Der bald nicht so wird schelten gegen dich.
ÖDIPUS
Der letzten Nacht genährt bist du, mich nimmer,
Nicht einen andern siehst du, der das Licht sieht.
TIRESIAS
Von dir zu fallen, ist mein Schicksal nicht,
Apollo bürgt, der dies zu enden denket.
ÖDIPUS
Sind Kreons oder sind von dir die Worte?
TIRESIAS
Kreon ist dir kein Schade, sondern du bist's.
ÖDIPUS
O Reichtum, Herrschaft, Kunst, die Kunst
Im eiferreichen Leben übertreffend!
Wie groß ist nicht der Neid, den ihr bewachet!
Wenn dieser Herrschaft wegen, die die Stadt mir
Gegeben, ungefodert anvertraut hat,
Kreon von der, der treue, lieb von je,
Geheim anfallend mich zu treiben strebet?
Bestellend diesen list'gen Zauberer,
Den trügerischen, bettelhaften, der Gewinn
Nur ansieht, aber blind an Kunst geboren.
Denn siehe, sag, ob du ein Seher weise bist?
Was sangst du nicht, als hier die Sängerin war,
Die hündische, ein Löselied den Bürgern?
Obgleich das Rätsel nicht für jeden Mann
Zu lösen war und Seherkunst bedurfte,
Die weder du von Vögeln als Geschenk
Herabgebracht, noch von der Götter einem.
Doch ich, der ungelehrte Ödipus,
Da ich dazu gekommen, schweigte sie,
Mit dem Verstand es treffend, nicht gelehrt
Von Vögeln. Auszustoßen denkst du
Den, meinest nah an Kreons Thron zu kommen.
Mit Tränen wirst du, wie mir dünkt, und der's
Zusammenspann, es büßen. Wärst du alt nicht,
Du würdest leidend fühlen, wie du denkst.
CHOR
Es scheinen uns zugleich von dem die Worte
Im Zorn gesagt und deine, Ödipus.
Doch dies bedarf's nicht, wie des Gottes Spruch
Am besten sei zu lösen, ist zu sehn.
TIRESIAS
Bist du noch eigenmächtig, muß ein Gleiches
Ich dir erwidern. Hierin hab ich auch Macht.
Nicht dir leb ich ein Knecht, dem Loxias,
Nicht unter Kreon werd ich eingeschrieben.
Ich sage aber, da mich Blinden du auch schaltst,
Gesehen hast auch du, siehst nicht, woran du bist
Im Übel, wo du wohnst, womit du hausest.
Weißt du, woher du bist? Du bist geheim
Verhaßt den Deinen, die hier unten sind
Und oben auf der Erd, und ringsum treffend
Vertreibet von der Mutter und vom Vater
Dich aus dem Land der Fluch gewaltig wandelnd,
Jetzt sehend wohl, hernach in Finsternis;
Und deines Geschreies, welcher Hafen wird
Nicht voll sein, welcher Kithäron nicht mitrufen bald
Fühlst du die Hochzeit, wie du landetest
Auf guter Schiffahrt an der Uferlosen?
Der andern Übel Menge fühlst du auch nicht,
Die dich zugleich und deine Kinder treffen.
Nun schimpfe noch auf Kreon und auch mir
Ins Angesicht, denn schlimmer ist als du
Kein Sterblicher, der jemals wird gezeugt sein.
ÖDIPUS
Ist wohl von dem zu hören dies erduldbar?
Gehst du zu Grund nicht plötzlich? wendest nicht
Den Rücken hier dem Haus und kehrst und gehest?
TIRESIAS
Nicht wär ich hergekommen, riefst du nicht.
ÖDIPUS
Wohl wußt ich nicht, du würdest Tolles reden,
Sonst hätt ich nicht dich her ins Haus geholt.
TIRESIAS
Wir sind also geboren, wie du meinst,
Toll, eines Sinns, den Eltern, die dich zeugten.
ÖDIPUS
Und welchen? Bleib! wer zeugt mich unter Menschen?
TIRESIAS
Der Tag, der! wird dich zeugen und verderben.
ÖDIPUS
Wie sagst du alles rätselhaft und dunkel!
TIRESIAS
Dennoch glückt dir nicht sehr, derlei zu lösen.
ÖDIPUS
Schilt das, worin du wirst mich groß erfinden.
TIRESIAS
Es hat dich freilich dies Geschick verderbt.
ÖDIPUS
Doch rettet ich die Stadt, so acht ich's nicht.
TIRESIAS
Ich geh also. Du Knabe, führe mich!
ÖDIPUS
Er mag dich führen, wenn du so dabei bist,
Du möchtest vollends noch das Elend häufen.