Iulia Helena
~* Cubiculum der Iulia Livilla *~
Dies ist der Schlafraum der Iulia Livilla.
Iulia Livilla
Wieder kehrte die Nacht ein in Roma, doch hatte ich in den letzten Tagen weit aus besser geschlafen, ruhiger und traumlose Nächte hatte ich gehabt. In mir war auch keinerlei Abneigung, mich alleine in ein Zimmer zu begeben und am morgen unausgeruht wieder zu erwachen. An diesem Abend betrat ich mein Cubiculum, wusch mich, zog mein Nachtgewand an und spürte dabei wie es sanft über meinen Körper glitt. Nicht ein Lichtlein erhellte den Raum nur der Mond den man von meinem Fenster aus sehen konnte. Kurz bevor ich mich dann endlich ins Bett legte, trank ich noch einen Schluck. Der Innenraum wurde schon leicht kühl, doch es fror mich nicht und so erwartete ich auch diese Nacht wieder einen erholsamen Schlaf.
Mein Kopf war leer und so verfiel ich auch sogleich in einen tiefen Schlaf, der sich als doch nicht so tief feststellte.
Träumte ich oder war ich wach, doch befand ich mich an einen Ort, der so unheimlich düster war, so eiskalt zu still. Und ich selbst in einer Gruppe von Menschen, die nur in eine Richtung blickten. Einige mit einen neutralen Gesichtausdruck und andere so unwahrscheinlich traurig. Ich selbst spürte in mir die Trauer, die schmerzte und die so selbstverständlich war, doch wusste ich, weshalb ich dies fühlte und wendete ich meinen Kopf nur leicht nach rechts, so sah ich einen Menschen, dem es gleichgültig zu sein schein, was hier vor sich ging. Wieso war er dort? Keines Blickes würdige ich ihn mehr sondern sah wieder in diese eine Richtung, wohin alle Augen blickten.
Ich wusste nicht weshalb ich aufwachte, doch mein Herz raste und der Wind der in mein Cubiculum wehte war erstaunlich wärmer. Es war das Weinen eines Kindes auf der Straße und so ging ich aus meinen Bett und eilte verschwitzt zum Fenster. Nichts war zu sehen, nur die klagenden Schreie eines Kindes, das erstarb als sich eine weibliche Stimme näherte. Zittern sah ich zur Türe, doch es gab keinen Grund mehr sich zu fürchten. Ich wollte den Traum vergessen, nicht einmal einen kleinen Moment daran denken und so legte ich mich schon bald wieder ins Bett und schlief gleich darauf ein, das mich sehr wunderte.
Doch wieder passierte es, dieses Mal betrat ich einen Raum und in ihm obwohl er bemerkswert mit Menschen gefüllt war, herrschte Stille. Jemand schien sich von hinten zu nähern, den gleichen Weg, wie ich kam und so erkannte ich wieder dieses Gesicht das ich jetzt auf einmal so sehr fürchtete. Zügig setzte ich mich auf einen der freien Stühle und er verschwand auf einer Treppe, für nicht lange, denn als er wieder kam erreichte er mir, mit einen leichten mitleidigen Blick, ein Pergament und ich konnte nicht wegsehen.
Flehte ich im Schlaf aufzuwachen, so erwachte ich hastig mit einen Kopfschütteln. Erhebte mich leicht und legte beide Hände auf mein Gesicht und wimmerte sogleich. Was hatte das alles mit dem Tod zu tun, wollte mir dieser Traum sagen, das es nicht richtig war, an gestimmte Menschen zu denken? Hoffte ich so sehr das es nur die Fantasie eines jungen Mädchens war und keinerlei Vorahnung, die mir unheimlich waren. Und so wünschte ich Contantius wäre nun bei mir.
Iulia Livilla
Eine Dienerin und ich erreichten mein Cubiculum. Reflexartig eilte ich nachdem ich es betreten hatte zum Fenster, sah auf die Straße herab, aber so und hörte nichts. Eben wollte ich mich schon umdrehen, da vernahm ich ein Knarren. Eine Gesalt verlies die Casa Iulia, es war Constantius. Erleichtert atmete ich durch und die Dienerin ergriff das Wort.
"Herrin, bitte setzt euch ans Bett damit ich euch waschen."
Langsam schritt ich auf sie zu, meine braunen Augen, sie waren immernoch feucht. Sie half mir beim ausziehen und wusch mich, doch bis sie mir auch beim ankleiden half, wendete ich meinen Blick von ihr und so trug ich eine weiße Tunika. Sie symbolieste die Reinheit, das weiße Gefieder einer Taube die sich jetzt so beschmutzt fühlte. Nachdem dies geschehen war, bat ich die Dienerin mich zu verlassen, es war nicht höflich mit ihr so umzugehen, doch hatte ich das Gefühl, das sie mich anstarrte.
Iulia Helena
Die Dienerin hatte die Herrin des Hauses bei der Arbeit angetroffen, wie so oft in der späten Nacht war sie noch dabei, etwas zu schreiben, was sich am Tage nicht hatte erledigen lassen - und der Aktenberg aus Ostia schien einfach nicht abnehmen zu wollen, zu viel war während der Absenz eines amtsinhabenden Magistraten aufgelaufen. Entsprechend schockiert hatte Iulia Helena von ihrer Arbeit aufgeblickt, als ihr die Botschaft Constantius' überbracht wurde, um dann die Dienerin sofort wieder zu ihren Aufgaben zurück zu schicken. Vor den Sklaven gab sie sich wohlweisslich keine Blöße, den Nimbus der Hausherrin hatte sie in jeder Lebenslage beizubehalten, um das Regiment über den Haushalt entsprechend beibehalten zu können.
Sie hatte sich über die einfache, dunkelblaue Stola, die sie zuhause oft trug, nichts angezogen und schritt folglich auch leise die wenigen Türen entlang zu Livillas Zimmer, um dort vor der Türe tief einzuatmen. Was sollte sie jetzt tun? Für den Ausgang spätabends, ohne Begleitung der Diener, verdiente sie eine Strafe, aber gleichzeitig war die junge Frau momentan sicher aufgeregt genug. Zuerst würde sie versuchen, sie zu trösten, falls sie das irgendwie zuließe ... denn auch wenn Livilla bisher immer freundlich zu ihr gewesen war, spürte sie die von ihrer Cousine ausgehende Distanz doch, ohne sie sich erklären zu können.
Langsam hob sie die Hand zur Tür und klopfte leise an, wie sie dies immer tat. "Livilla?"
Iulia Livilla
Einerseits war ich froh darüber, als die Dienerin gegangen war, andererseits hatte ich das Gefühl zu voreilig gehandelt zu haben. Vielleicht verstand sie so manchen Kummer viel leichter, weil sie mit den Problemen ihrer Herrin bisher nicht konfrontiert wurde und auch gerne ihre Gefühl mit ihr teilen wollte, vielleicht aus Interesse oder auch aus Bewunderung. Aber dies wirklich einer wildfremden Dienerin ans Herz zu legen, das wäre sehr unüberlegt gewesen, denn wusste ich nicht, mit wem sie alles in Verbindung stand.
Ich berührte langsam mit der Hand den Stoff meiner Tunika, fühlte ich diese Reinheit und konzentrierte mich einen Moment darauf doch alles zu vergessen, alles was geschehen war, nur kurz, vielleicht würde ich dadurch neue Kräfte sammeln können oder einsehen, das alles nur wieder ein Traum sein musste. War es nur Einbildung oder war ich jetzt wirklich entspannt, denn meine Gedanken, sie waren bei meinen Vater. Erst ein leises Klopfen riss mich aus der Ruhe, lies mich hochschrecken, erkannte dabei aber Helenas Stimme, worauf ich dankend meine Augen schloss und tief durchatmete.
Trotzdem fand ich es geeignter selbst die Türe zu öffnen, damit ich mir auch vollkommen sicher sein konnte. So erhob ich mich von meinen Bett und öffnete die Türe nur einen kleinen Spalt. Sie war es, doch wusste ich nicht ob dieses etwas gutes zu verheißen hatte.
"Helena!", antwortete ich ihr mit einer ruhigen Stimme, die immernoch mit Trauer erfüllt war.
Iulia Helena
Sicher, ihre Cousine war gereinigt worden, aber dennoch, von ihrer Leichtigkeit und jugendlichen Sorglosigkeit war nicht viel geblieben. In diesem Augenblick empfand die Iulierin ein starkes Mitgefühl für ihre junge Verwandte, auch wenn ein gewisser Teil ihres Selbst sie am liebsten gepackt und für ihre Dummheit und den Ungehorsam übers Knie gelegt hätte. Doch dafür war es nicht die Zeit. Dass Livilla die Türe nicht einmal öffnen wollte, sagte ihr genug und versetzte sie einmal mehr in eine gewisse Sorge.
"Livilla, darf ich hereinkommen? Ich möchte Dich in dieser Stunde ungern alleine lassen ..." Ruhig blickte Helena zu ihrer Cousine, ihre Entscheidung abwartend. Die anstehende Unterhaltung wollte sie ungern auf dem Gang führen wollen, nicht zuletzt, weil es die Sklaven nichts anging, was sich ereignet haben mochte - Constantius' Botschaft war erschreckend genug gewesen.
Iulia Livilla
Mit einen abwarteten Blick sah ich Helena entgegen, ihre Stimme klang so friedlich, war ich es doch von Hispania gewohnt, das ich harte und strenge Anschuldigen von meiner Mutter erhielt, die nur aus Gerechtigkeit waren. Weshalb sah ich sie jetzt überhaupt so kaltherzig, es war doch nur die Sorge um mich, weshalb sie davon ablies, mir angereizt entgegenzutreten. Doch eine Strafe werde ich zu erwarten haben.
"Gewiss, komm doch rein!", sprach ich immernoch mit dieser verzweifelten Stimme, öffnete dabei die Türe und ging selbst zurück in Richtung meines Bettes, so das ich im Mittelpunkt des Zimmers stand und wartete wie sie mir entgegentrat.
Meine Anspannung war erheblich, denn trotz der ruhigen Begrüßung, wusste ich nicht exakt, was mich wohl erwarten würde. Daher sah ich in ihren Augen, vielleicht würden ihre Blicke verraten, was sie jetzt dachte.
Iulia Helena
Langsam betrat sie den Raum ihrer Cousine, aber dieses Mal blickte sie sich nicht um. Es gab wichtigeres, als dem Impuls nachzugeben, nach einer Nachlässigkeit der Sklaven beim Aufräumen zu schauen, auch wenn sie sich selbst gestehen musste, dass es ihr nicht leicht fiel, den Kontrollblick abzustellen. Wahrscheinlich machte sie das einfach schon zu lange. Die Ehe hatte aus ihr tatsächlich in so einigem eine Hausfrau gemacht, die auch in dunklen Stunden nicht ganz von ihrem Instinkt lassen konnte.
Livilla wirkte inmitten des Zimmers fast ein wenig verloren, sorgenvoll, unsicher vielleicht? Sicher war sich Helena noch immer nicht, wie sie die Stimmung ihrer Cousine einschätzen sollte, aber vielleicht war das im Augenblick auch nicht so entscheidend. Vielleicht würde Wärme zu ersetzen helfen, was Worte nicht richtig fassen konnten. So breitete sie schlicht die Arme aus, einen weiteren Schritt auf Livilla zu tretend, um ihr stumm die Möglichkeit zu offerieren, zumindest für einen Moment lang von der Beherrschung lassen zu können, zu der sie sich erstaunlich gut gebracht hatte. Die Tür war hinter ihr geschlossen, sehen würde es wohl niemand ausser ihr und Livilla selbst ... "Komm her," sagte sie nur leise, mit einer Wärme im Klang der Stimme, die verriet, dass sie Mitgefühl für Livilla empfand, eine Wärme, die in diesem Moment auch die blauen Augen erreichte.
Iulia Livilla
Jede einzelne Bewegung von Helena schien ich zu studieren, als sie mein Cubiculum betrat und als sie die Türe geschlossen hatte, war ich mir vollkommen sicher, das sich jetzt ihre Freundlichkeit in tobende Wut wandeln würde. Ich musste die Kraft aufbringen es zu ertragen, lag die Schuld doch in mir und außerdem würde ich es dann endlich hintermir haben. Doch schien es noch nicht so weit zu sein, dass sich meine Sehnsucht nach Strafe erfüllte. Auf meinen Gesicht starb die Verzweiflung, denn sie wurde von der vollkommenen Verwirrung besiegt.
Wie Helena ihre Arme ausbreitete, wie sie mich ansah, so sehr ich auch danach suchte, ich konnte keinerlei Wut erkennen. In keinem einzigen Blick existierte sie. Und vorallem ihre Bitte, das ich mich ihr nähern sollte. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, doch irgendetwas hielt mich zurück, ihr zu Nahe zu kommen. Schon bei der Sklavin lies ich mich ungern berühren, aber Helena, sie war immerhin meine Cousine und so überwand ich meine Scheu und ging eilig auf Helena zu um sie, mit Kummer erfüllt, zu umarmen. Ich sehnte mich so nach Wärme und hoffte sie durch Helena wieder zu erlangen, mein Körper erwärmte sich, doch mein Herz blieb kalt.
"Es tut mir so Leid, ich habe unserer Familie Schande bereitet.", entgegnete ich ihr und man hörte Qual und Schuld in jeder meiner Worte. Obwohl ich anfangs froh war, das sie dieses Thema nicht sofort angesporchen hatte, fühlte ich mich jetzt durch ihre Geste so schuldig und daher verpflichtet, mein Vergehen zuzugeben.
Iulia Helena
Mit einem leisen Seufzen zog sie ihre Cousine in ihre Arme und hielt sie eine Weile einfach still, ohne einen Vorwurf, ohne Zorn, ohne Wut, denn sie hielt es für wichtiger, erst überhaupt zu erkennen, was geschehen war, wie sich Livilla fühlte, was sie im Augenblick wirklich beschäftigte, als gleich wie ein Zorngiebel auf ihren Gefühlen zu trampeln und damit am Ende mehr kaputt zu machen als zu helfen. Zumindest schien sie sich wegen ihres Entwischens schuldig zu fühlen, das war schon ein angemessener Anfang - ein gewisses Bewusstsein für das falsche eigene Handeln zu besitzen war nicht verkehrt.
"Du hättest anders handeln können, Livilla," sagte Helena schließlich und bemühte sich, ruhig und sachlich zu klingen. "Aber es lässt sich nicht rückgängig machen. Viel wichtiger finde ich, was Dir alles geschehen ist. Constantius ließ mir ausrichten, dass Dir etwas passiert ist, während Du unterwegs warst und jemand verletzt wurde, aber das ist doch sicher nicht die ganze Geschichte, nicht wahr?" hakte sie behutsam nach und löste sich etwas von der Cousine, um sie anzublicken, aufmerksam und ernst, aber noch immer ohne Vorwurf. Vielleicht war es ein iulisches Erbe, das in ihr stark war, vieles zuerst rational zu sehen, bevor man sich eine Emotion gestattete.
Iulia Livilla
Nach Helenas Umarmung, drehte ich mich um und entfernte mich von ihr, abemals in Richtung des Fensters. Die kühle Brise der Nacht war nun viel deutlicher zu spüren und hoffte ich doch nur Constantius bald erblicken zu können, wie er nach Hause kommt. Es war nun an der Zeit zu antworten, doch was genau war vorteilhaft ihr zu erzählen? Alles oder nur Tatsachen, die nicht eindeutig mit Secundus zu tun hatten.
"Das ist sie wahrhaftig nicht!", antwortete ich ihr und es hörte sich verloren an, als würde ein Täter sein Geständnis ablegen. Doch bevor ich anfing, wendete ich mich wieder ihr zu, sie sollte erkennen, wie ich litt, wie diese Schuld mich zu vernichten drohte.
"Heimlich verlies ich die Casa um Secundus Mela zu treffen. Er machte mir dieses Angebot und ich habe einfach zugestimmt. Ich weiß nicht was mich daran so gereizt hat, aber jetzt weiß ich das es falsch war.", gestand ich ihr wütend.
Iulia Helena
Also doch. Ein kleiner Ausflug wegen eines jungen Mannes, von dem sie allerdings nicht mehr wollte als Freundschaft - diese Gedanken miteinander zu verbinden hatte irgendwie etwas sehr eigentümliches für die Iulierin. Es gab so vieles, das sie am Handeln der jungen Verwandten nicht wirklich verstand, aber letztendlich musste sie zugeben, dass sie auch nicht immer ihr eigenes Handeln nachvollziehen und erklären konnte. So blieb sie in der Mitte des Raumes stehen und betrachtete den Rücken der Cousine eingehend, sich selbst in so manchen Gedanken verlierend, der nicht unbedingt nur mit der gegenwärtigen Lage zu tun hatte. Sie klang so schuldbewusst, dass es Helena ernsthaft erstaunte, wieso Livilla überhaupt aus dem Haus gewitscht war - für einen Mann, für den sie angeblich nicht mehr empfand als Freundschaft.
"Nun, zwischen einem gestohlenen Abend mit einem jungen Mann und blutbefleckter Kleidung und einer Horrorgeschichte über einen Angriff besteht doch ein kleiner Unterschied, Livilla. Was ist auf der Straße geschehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dich Dein Begleiter angegriffen hat."
Iulia Livilla
Ich schloss meinen Augen und bis mir auf Lippe. Entstanden auch wieder diese Gefühle in mir, welche ich erlitten hatte, diese schmutzigen Berührungen und die Worte eines Mannes, der mich zum erstarren gebracht hatte. Mit einer Hand krallte ich mich förmlich in den Stoff meiner Tunika. Es war Hass, purer Hass, den ich empfand, doch die Angst war stärkter, sonst würde ich nicht zögern und Helena alles offenbaren. Lange schwieg ich bevor es zu einer Antwort kam, wo sollte ich nur anfangen?
"Du hast mir gesagt ich sollte nachts nicht alleine auf den Straßen unterwegs sein, ich war es ja auch nicht, Secundus war bei mir. Doch dann in einer engeren Gasse, da war dieser Mann, er...er sprach uns wüst an. Secundus versuchte ihn höflich aus dem Weg zu gehen, aber es nahm kein Ende. Er behauptete mein Vater wäre Schuld an seiner Suspendierung aus der Legio, er stürzte auf Secundus und zog ein Messer. Er stach ihn einfach nieder. Ich schrie um Hilfe, aber dann ging er auf mich zu und sagte mir, er wolle mich schwängern, damit ich ihn niemanls vergesse und Vater mich hasst...immer näher kam er zu mir. Ich hatte so viel Angst, ich starrte in seine Augen, es konnten doch niemals menschliche gewesen sein, so kalt war sein Blick, wie der Tod."
Nach und nach liefen mir wieder vereinzelte Tränen über meine blassen Wangen. Offenbarte ich Helena mehr als ich vorhatte, doch wollte ich damit beweisen, eine gewisse Unschuld zu besitzen.
Iulia Helena
Ihre Miene verdunkelte sich merklich von Moment zu Moment, und vielleicht war es ganz gut, dass Livilla ihr noch beim ersten Teil ihrer Erzählung den Rücken zukehrte, denn sie konnte nicht sehen, dass Helena ihre Faust ballte und am liebsten gleich aus dem Raum gestürmt wäre, um diesen Frevler mit dem gladius ihres Mannes zu enthaupten. Er hatte es gewagt, die Hände an eine Iulierin zu legen und dafür würde er büßen. Das Gefühl des ohnmächtigen Zorns war mit einem Mal so stark in ihr, dass sie tief einatmen musste, um sich überhaupt beherrschen zu können - und der Unterton in Livillas Stimme, der die Tränen verriet, tat sein übriges, sie noch um Beherrschung zu gemahnen.
Langsam trat sie auf ihre Cousine zu und legte ihr sachte eine Hand auf die Schulter, so dieser stumm ihren Beistand versichernd, um dann vorsichtig nachzufragen: "Ist dir etwas geschehen dabei, Livilla? Hat er seine Drohung wahrgemacht oder ... erhieltest Du Hilfe?" Ihr Götter, bitte lasst sie unversehrt sein, dachte sie inständig und versprach im Geiste ein Dankopfer an Iuno zu richten, sollte sie sich darin bestätigt sehen, dass Livilla keine Gewalt angetan worden war.
Iulia Livilla
Das Helena sich mir näherte schien ich gar nicht bemerkt zu haben, denn aus den einzelnen Tränen wurde ein Meer. Schreckhaft atmete ich ein als ihre Hand meine Schulter berührte. Abermals tat es mir gut sie zu spüren, die Wärme einer Frau, dieser mütterliche Schutz. Ich musste ihr antworten, so schwer es mir auch fiel.
"Seine widerlichen Hände sie wählten diesen einen verbotenen Weg , ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich spürte seinen Atem, er war mir so nah. Ich glaubte ich müsste sterben. Hätte Secundus nicht eingegriffen, wäre er mir nicht zu Hilfe gekommen, dann ....wäre ich verloren gewesen. Wieso wollte er mir das antun, wieso?" flehte ich weinend und drehte mich sofort danach zu Helena. "Glaubst du, ich werde nun jemals einen Mann vertrauen können, wenn ich ihn ansehe?", entgegnete ich ihr gequält und das Meer aus Tränen schien nicht zu enden.
Iulia Helena
Helena blickte ihre junge Verwandte mit einer Mischung aus Sorge und Mitgefühl an, ließ die Hand allerdings noch nicht sinken, als sei die bloße Berührung fähig, eine Brücke zwischen ihr und Livilla zu schlagen, die sie zuvor noch nicht erprobt hatten. Zumindest hatten sie bisher auch noch keine solchen Sorgen zusammengeführt, und das sonstige Zusammenleben war eher harmonisch denn aufgeregt verlaufen, wie man es sich eigentlich hätte wünschen können in jedem Haushalt.
"Ich weiss es nicht, warum er sich gerade Dich ausgesucht hat, um seine Rache zu befriedigen, aber wenn er wirklich Deinen Vater tief treffen wollte, dann warst Du wohl das passendste Opfer, Livilla - manche Menschen sind von ihrer Natur aus her einfach schlecht und böse, und wenn sie irgendeinen Kummer erfahren, brechen diese Eigenschaften umso deutlicher hervor. Er muss einer von jenen gewesen sein, und dass er sich rächen wollte, spricht meiner Ansicht nach sehr dafür ... den Göttern sei Dank für die Tat Deines Begleiters."
Damit reichte sie ihr ein kleines Tüchlein, um die Tränen zu trocknen und blickte Livilla ernst an. "Ich weiss nicht, ob Du dieses Vertrauen wiederfinden wirst, aber Du solltest nicht vergessen, dass es auch Männer gibt, die sich für Dich einsetzen und die sich nicht so benehmen wie dieser Schurke. Dein Begleiter zum Beispiel, wenn er derjenige ist, der verletzt wurde, wie Constantius sagte - er dürfte sein Leben für Dich riskiert haben."
Iulia Livilla
Schweigend nahm ich das Tüchlein aus ihrer Hand, trotz ihrer wohltuenden Berührung, entfernte ich mich von ihr und schreitete zu meinen Bett, worauf ich mich dann setzte. Scheußliche Gedanken gerieten in meinen Kopf, denn ich wollte mich nicht nur von dieser Last befreien, die aus der Tat des Widerlings bestand, so waren es auch Gefühle, die ich schon Tage lang mit mir zog.
"Ich wagte es nicht einmal Constantius ins Gesicht zu sehen, er wollte mir nur helfen, doch ich werte mich, als würde er mich gerade überfallen wollen. Und Secundus Mela, vielleicht war dies auch in seinem Sinn, immerhin stellt er mir nach und an diesen Abend machte ich ihn zornig, weil ich ihn nicht wollte, aber er mich. Weshalb sollte ich es gutheißen, das die Götter mir ihn als Retter schicken, damit es meine Pflicht wird, das ich ihn zum Mann nehme?"
Grässliche Worte waren es die ich aussprach und der Zorn hallte in jedem wieder. Wieso tat ich das? Aus Verzweiflung? Langsam schien ich wieder zu mir zu finden und zu erkennen, das meine Aussage ungerrecht war.
"Doch was sage ich da? Trage ich doch ganz alleine die Schuld dieser Tat." fügte ich wieder erneut mit Tränen in den Augen und wimmernd hinzu.
Iulia Helena
Ruhig blickte sie Livilla nach, ein wenig sinnierend nun, doch die Wut und der Hass in ihren Worten erschreckten sie mehr, als sie es fassen konnte. Dass so tiefe Gefühle im Inneren ihrer sonst eher heiter und sorglos wirkenden Cousine zu herrschen schienen, sprach von einem gewaltigen erlebten Schrecken, aber auch von mehr, das sich dahinter verbarg. Gefühle, die älter sein mussten als gerade vom heutigen Tag.
"Du warst erschrocken, Livilla, jeder würde das verstehen und ich bin mir sicher, auch Constantius hat es verstanden, dass Du Dich nach einem solchen Angriff auch zuerst gegen ihn wehrtest. Was Secundus Mela angeht - hat er Dich angerührt? Hat er Dir gegen Deinen Willen etwas getan? Wenn das nicht der Fall war, darfst Du nicht so hart über ihn urteilen. Dass er enttäuscht ist, nicht Deine Aufmerksamkeit erregt zu haben, ist menschlich, enttäuschte Liebe schmerzt sehr. Aber dass er Dir half, ist seine Pflicht, und nicht eine Verpflichtung für Dich zur Ehe. Sagtest Du nicht, er sei Soldat? Dann umfasst sein Eid auch, die römischen Bürger zu verteidigen, und das tat er."
Sie trat wieder auf Livilla zu und setzte sich neben sie auf das Bett, nun aber einen gewissen Abstand haltend, um ihre Cousine nicht zu bedrängen. "Warum glaubst Du, an diesem Abend Schuld zu sein? Wenn dieser Fremde sich rächen wollte, dann hätte er das sicher zu jeder sich bietenden Zeit getan und dass es heute geschah, war nur ein unglücklicher Zufall." Ernst blickte sie Livilla an, um dann leise zu seufzen. "Dass er Dich auf diese schmutzige Weise anging, ist ganz sicher nicht Deine Schuld, Liebes, sondern die seines schmutzigen Geistes."
Iulia Livilla
Die Tränen auf meinen Gesicht begannen zu brennen als ich Helenas Worte vernahm. Es waren genau diese Worte, die gesucht werden mussten, damit man seine Unschuld beweisen konnte. Abermals krallte ich meine Hande an der Tunika fest, aber dieses Mal aus Wut, über mein Handeln. Dabei fiel das Tüchlein zu Boden. Ich wusste nicht genau wieso ich es Helena erzählte, kannte ich sie doch so wenig und so offen wollte ich auch nicht bei ihr sein.
"Enttäuschte Liebe! Alles schien seinen Anfang zu nehmen an diesen einen Abend in Germania, als ich Secundus Mela kennengelernt hatte, wenn ich darüber nachdenke, muss ich ihn förmlich gezwungen haben mich anzusehen, ich wollte den Blicken eines anderen ausweichen und da bot sich eben Secundus an. Doch als er mich nach Hause geleitet hatte, gab ich ihn nie einen Anlass auf Hoffnungen, ich wollte nur seine Freundschaft gewinnen, nicht mehr. Er hatte mich auf eine andere Art und Weise berührt, zärtlich, sanft....nicht burtal, wie dieses Scheusal. Aber kann ich ihm nicht das schenken, was er verlangt. Ich ertrage es nicht wie er mich ansieht und in jeden meiner Blicke sich eine Lüge wiederspiegelt. Sollte ich nicht glücklich sein, das er solche Gefühle für mich empfindet?"
Langsam löste sich mein Griff wieder und aus der Wut entstand die reine Traurigkeit, die mich zur Zeit so oft aufsuchte und nicht mehr los lassen zu schien.
"Ich kann keine Liebe wiedergeben, dazu bin ich wohl zu kalt.", fügte ich traurig und mit einem geschmeidigen Ton hinzu, während ich mein Gesicht Helenas zuwendete.
Iulia Helena
Langsam neigte sie sich vor, um das zu Boden gefallene Tüchlein aufzuheben, und sobald sie es in den Fingern hielt, wandte Helena wieder den Blick zu ihrer Cousine. Diese ganzen Fragen, kein Wunder, dass sie neben ihrem Schmerz auch verwirrt sein musste - ob Livilla mit ihrer eigenen Mutter hatte über Liebesdinge sprechen können? Ob sie wohl überhaupt eine Vertraute für derlei Sorgen in Germania gehabt hatte? Mit ihrem Vater, ihrem Onkel Numerianuns, dürften die Gespräche über diese Thematik eher sehr kurz und knapp ausgefallen sein, denn ihr Onkel hatte, was Frauen anbelangte, nicht gerade die glücklichste Hand. Ob er dieses Talent wohl auch an seine Tochter vererbt hatte?
"Nein, Livilla, so ist es nicht. Wenn Dich jemand liebt, und Du dieses Gefühl nicht erwiedern kannst, dann kann man es nicht erzwingen. Weder er noch Du. Und Du musst dich ganz sicher nicht schuldig fühlen, nur weil Deine Gefühle nicht tiefer zu ihm reichen als die seinen zu dir. Liebe ist ein Geschenk, das selten genug zwei Menschen zur selben Zeit trifft, auch ich habe meinen Gemahl nicht geliebt, als ich ihm zur Frau gegeben wurde. Dennoch ... wenn er mehr empfindet als Du, und Du Dich durch diesen Wunsch in seinem Blick bedrängt fühlst, solltest Du einen gewissen Abstand einnehmen. Manchmal hilft die Zeit auch, ein etwas besseres Verhältnis zwischen zwei Menschen hervor zu bringen."
Dann, als sie die Tränen ihre Cousine beim letzten Satz sah, seufzte sie leise und schüttelte abermals den Kopf.
"Vielleicht ist Dir einfach noch nicht der richtige Mann begegnet, den Du hättest lieben können, Livilla. Manchmal kommt die Liebe sehr spät und mit sehr leisem Schritt zu einem, sodass man sie gar nicht bemerkt, meist dann, wenn man sie gar nicht erwartet hat." Damit legte sie ihr sanft das Taschentuch in die Finger.