Quartus Flavius Lucullus
Wenn man ihr so zuhörte, schien sie wahrlich in Gedanken eine gute Gläubige zu sein. Oft kamen Römer nur zu den Tempeln, um ihr Opfer abzugeben oder zu warten, das das Ritual beendet war. Doch bei ihr schien es anders zu sein. Sie machte sich Gedanken um ihr Seelenheil.
So lächelte ich zurück und wurde etwas gelassener. Nicht selten stellten nämlich die hohen Priester kleine Diener wie mich auf die Probe, indem sie versuchten mit einem sonst unbeteiligt wirkenden Menschen Fehler zu offenbaren.
"Ach wenn dein Schmerz groß genug ist, hören sie dir gern zu und helfen auch. Glaub mir ich hab viele Tage schon allein in diesem Tempel verbracht, weil Rom nicht das hatte, was ich brauchte. Manchmal ist es besser zu den Göttern zu gehen, als seinen Schmerz, sein Laster in sich hinein zu fressen.
Willst du mir erzählen, was dich bedrückt?"
Etwas neugierig hatte sie mich schon gemacht...
Sergia Plotina
Plotina erschrak bei der letzten Frage des sacerdos. Zwar ahnte sie schon selbst, dass in ihr seit ihrer Ankunft in Rom einiges in Aufruhr war; jetzt aber, als man sie so direkt danach fragte, sprang die schwärende Wunde auf. Plotina atmete schwer; sie war auf dem besten Wege, die Fassung zu verlieren. Nur die Anwesenheit des Priesters und die Würde, die er auf so natürliche Weise ausstrahlte, bewahrten die Sergierin davor.
"Zunächst danke ich dir, dass du dir soviel Zeit für eine einfache Gläubige wie mich nimmst! Und sag' bitte gleich, wenn ich dich aufhalte!"
Nur zögernd sprach Plotina weiter.
"Nun fragst du mich so gütig nach meiner eigenen schwachen Person, und ich möchte dir auch keine Antwort schuldig bleiben, aber du flößt mir natürlich auch großen Respekt ein. Es sind bestimmte Erfahrungen, die mich zu diesen Fragen geführt haben, und manchmal denke ich, dass ich mit diesen Erfahrungen nicht allein bin."
Plotina hatte sichtlich Mühe, zum Punkt zu kommen.
"Ich bin also in Aegyptus aufgewachsen, auf dem Lande. Und weißt du, wenn du Vieh hütest und den Acker bebaust, wie auch unsere Vorfahren hier in Rom, dann ist alles so einfach, und du weißt genau, was du tun musst. Aber in einer großen Stadt wie hier in Rom mit unendlich vielen Menschen aus allen Schichten und Völkern - was ist da das Richtige? Alles ist viel komplizierter. Manchmal dachte ich schon, dass unsere Götter vielleicht auch keine Antwort wissen."
Hier brach Plotina ab, setzte aber nach einer kurzen Pause hinzu:
"Aber natürlich ist der Götterglaube unabdingbar für den Zusammenhalt des Gemeinwesens, daran zweifle ich durchaus nicht. Und vielleicht ist es wirklich oft das Beste, sich aus dem Getriebe der Stadt hierher zurückzuziehen, um neue Kraft zu schöpfen, wie du es erzählt hast."
Quartus Flavius Lucullus
Schon mit den ersten ihrer Worte zeigte sie mir auf, wie sich die Stadt immer weiter selbst verkrampfte. Wenn ich an die Geschichten denke, die früher erzählt wurden, dann war es den Römern ein Bedürfnis nach Rom zu kommen und das pulsierende Leben der Stadt zu genießen. Dann wenn es ihnen zuviel wurde, zog man sich zurück auf das Land. Ich wußte nicht so recht, was an meiner in jungen Jahren stehenden Person soviel Respekt verströmte. War es der Schleier, den die Ordenskluft über meinen Körper legte?
Viel Zeit legte ich meine Gedanken zurecht, überlegte was der jungen Frau so schwer auf der Seele lastete. War es wirklich nur der Alltag in seiner hektischen Art und Weise? Ein Seitenblick riskierend, starrte ich danach auf ein Päärchen Tauben, wie sie gurgelnd um eine Häuserecke turtelten.
Erst viel später fand meine Stimme ihre Worte wieder.
"Du hältst mich nicht auf, ich werde noch etwas sitzen bleiben."
Und... -das bleiben meine Gedanken-
"Du bist also nicht mittellos aus Aegypten nach Rom gezogen?" Was für eine Frage ohne Geld wie sollte sie sich die Überfahrt leisten können... "Jetzt wo du die Stadt ergründet hast, treibt es dich an ein Leben außerhalb der häuslichen Mauern zu leben und zu arbeiten?" Frauen die Arbeiten sind nicht besonders schicklich, vorallem wenn es Hochwohlgeborene sind. Das sie es nicht war, beruhigte mich. Einen weiteren Seitenblick später und dem Gedanken an ihre doch noch sichtbare Jugend warf ich einen neuen Gedanken ins Gespräch. "Hast du schonmal daran gedacht, deine Kraft in den Orden der Vestallinnen zu investieren?"
Sergia Plotina
| Sim-Off: |
Passend zum Fest der Vesta!
|
Plotina erschrak, als sie den letzten Satz des sacerdos hörte, und errötete.
"Orden der Vestalinnen?",
hauchte sie. Sie konnte sich noch sehr gut an ihre kurze Begegnung mit der freundlichen Virgo Vestalis Maxima Flavia Agrippina erinnern. Aber dass sie selbst ... Ihr schwindelte ein wenig.
"Du tust mir zuviel der Ehre an! Rom dienen und der Vesta im Orden der Vestalinnen - das ist sicher der Traum vieler Mädchen und auch ihrer Eltern. Jemand wie ich ist dazu sicher viel zu unwürdig; ach, und außerdem: Ich bin auch schon zu alt, die 20 habe ich schon hinter mir."
Plotina war erleichtert, dass ihr dies jetzt noch eingefallen war. Andererseits hatte der Priester mit seiner Frage natürlich einmal mehr einen sensiblen Punkt bei der Sergierin getroffen. Man merkte, dass er in einem besonderen Verhältnis zu den Göttern stand.
"Dennoch ... habe ich schon mal daran gedacht, mein Leben ganz dem Dienst der Götter zu weihen. Ich frage mich allerdings, ob ich dazu wirklich berufen bin, oder nur eine Fluchtmöglichkeit vor dem lauten Getriebe der Welt suche. Weißt du, wenn ich sehe, dass ein guter Freund von mir eine Stellung anstrebt, für die er nicht geeignet ist, die aber großen Einfluss und viel Verantwortung für die öffentlichen Angelegenheiten mit sich bringt - wie verhält man sich da? Unterstütze ich den Freund vorbehaltlos, oder halte ich mich zurück? Warst du dir denn immer sicher in deinem Beruf?"
Quartus Flavius Lucullus
"Oh ich sehe es nicht als Beruf. Eine Berufung könnte man es nennen, aber auch eine Pflicht, die es gilt zu leisten. Weißt du wieviele Bürger darauf bestehen Dienste der Götter zu beanspruchen? Eine ganze Menge, wenn ich dann sehe wie wenige im Vergleich es zu den Opfern zieht und wie gering die Anzahl jener ist, die die letzte Tunika für ihr Seelenheil opfern, dann trägt es sich schwer die Last der Berufung. Trotzdem finde ich immer wieder Gefallen daran und kann mir nur schwer vorstellen, was ich ohne diesen Dienst tun würde."
Ihre Worte hallten in mir nach und ich überlegte wie ich in ihrer Lage gehandelt hätte. Nun es schien etwas plebejisches zu sein, das sie da beschrieb.
"Dein Verwandter scheint auf seinen eigenen Vorteil mehr bedacht zu sein, als auf das Wohl des Reiches. Ich kann dir sehr nachfühlen, wenn du dich davon abgestoßen fühlst. Wir Römer sollten uns zufrieden geben mit dem was wir tun und den Göttern die Wahl überlassen. Tritt ein Stern in unser Leben werden sie uns den rechten Weg weisen. Sind wir bereit werden sie einen Boten finden uns zu berufen. Doch von sich aus zu fordern scheint mir mehr als unangemessen und du tust gut darin dieses Treiben aus der Ferne zu beobachten."
Sergia Plotina
Bei den Worten des sacerdos nickte Plotina eifrig. Sie fühlte sich wie eine Schülerin, die in einer Prüfung auf eine Frage nur ungenau hatte antworten können, deren Prüfer aber nun nicht weiter auf dieser Frage insistierte, sondern selber formvollendet die Antwort lieferte. Tatsächlich hatte der Priester mit seiner Antwort nämlich genau das getroffen, das auch Plotina in dem von ihr geschilderten Fall für das Richtige hielt.
"Ich bin erleichtert, dass du, was diesen Fall angeht, genauso denkst wie ich. Natürlich müssen Freunde einander helfen, und dazu bin ich auch gerne bereit, aber in diesem Fall geht das Wohl des Reiches vor. - Weißt du, wenn man mitten im Getriebe der Welt steckt, sieht man auch solche einfachen Wahrheiten oft nicht mehr klar. Darum ist es mir auch so wichtig, mich von Zeit zu Zeit zu den Tempeln und den Göttern zurückziehen; oder sogar das Gespräch mit jemandem zu suchen, der ganz dem Dienst an den Göttern lebt wie du."
So unauffällig wie möglich musterte Plotina den sacerdos noch einmal. Seine Erscheinung unterstrich das, was er über seine persönliche Berufung zum Cultus Deorum gesagt hatte. Sicherlich hätte er aber mit seiner Ernsthaftigkeit auch in so manchem anderen verantwortungsvollen Amt eine gute Figur gemacht. Erfüllt von solchen Gedanken, griff Plotina noch einen letzten Hinweis des sacerdos auf.
"Ja, so wollen wir beten, dass wir den Stern nicht übersehen, wenn die Götter so gnädig sind, ihn uns zu senden. Bete du auch für mich; und ich will dich nicht in meinem Gebet vergessen."
Mit diesen Worten erhob sich Plotina und sah den Priester noch einmal an.
"Ich danke dir sehr für dieses Gespräch, das mir die Quellen unserer Religion von Neuem erschlossen hat! Vieles sehe ich nun wieder klarer. Jetzt will ich deine Zeit aber nicht länger in Anspruch nehmen! Vale!"
Dabei strahlte sie den sacerdos an - das erstemal überhaupt an diesem Tag, dass sie strahlte - und machte Anstalten, sich zu entfernen.
Quartus Flavius Lucullus
Feiner Rauch stieg über dem Altar auf. Ich hatte mich dieser Tage immer wieder in die tiefen Grotten der Tempelanlage zurückgezogen. Es war mein erster Sommer seit Jahren in Rom und ich vermisste das kühle Lüftchen, das den Lago umweht hatte. Sehr drückend schob sich eine unangenehme Luft durch die Straßen der Stadt. Immer wieder war ich gezwungen ein Tuch vor den Mund zu halten, um dem Geruch zu entkommen. Die Wege zum Templum Quirini und davon weg wurden zu einer Qual. Mit den Stunden in seinem Bauch kam ich sehr gut zurecht. Fast täglich weitete ich meine Zeit im heiligen Bau aus. Irgendwann allerding wies man mich an zeitiger nach Hause zu gehen, um das Risiko eines Überfalls zu entgehen.
In den drückenden Nächten wünschte ich mir in den Hallen Quirinals zu sein und sein Kühle zu nutzen. Doch neben dem Dienst an den Göttern schufen jehe irdischen Figuren immer neue Aufgaben für einen aufstrebenden Priester. Nur selten konnte ich Zeit für mich allein haben. Zu oft blockierten wichtige Versammlungen meine Zeit.
Mit wachsamen Auge beobachtete ich heute ein Opfer. Jener Opferpriester hatte keine leichte Kür. Sengende Hitze donnerte durch die Macht der Strahlen auf das Pflaster. Sein Umhang verdeckte das Meiste seines Körpers. Doch in seinen Augen war die Qual zu sehen mit welcher er seine Arbeit versah. Glücklich der Blick gleich das erste Opferlamm als rein vermelden zu können.
So begannen die Gesänge eher mit einem Murmeln. Nur wenige der anwesenden Zuschauer und Priester vermochte der Bruthitze eine kräftige Stimme abzugewinnen. Auch meine Worte waren heller im Kopf, als Silben auf den Lippen.