Artoria Medeia
Zufrieden lehnte Medeia ihre Wange an Plautius Hals und verharrte still und ruhig, ließ ihre Finger an seiner Schulter entlang kreisen und empfand ein Gefühl, was dem Glück am Nächsten kam, wenn es nicht sogar dieses war. Als Plautius zu sprechen begann, hob sie ihr Kinn an und sah ihm lächelnd in die Augen, doch nicht für lange. Denn als er Demokrit erwähnte, blitzten ihre Augen auf. „Tatsächlich?“ Sie reckte sich und griff nach der Schriftrolle. Ihre Augen wanderten schnell von Zeile zu Zeile, als ob sie in Kürze alles aufsaugen wollte. „Wo hast Du die Schrift abschreiben lassen. Alexandria? Ich habe gehört, diese Schrift gibt es nur noch dort. Camillus, wie bist Du nur daran gekommen?“ Medeia nickte und lauschte mit halbem Ohr, was Plautius sagte, ließ dabei ihre Augen auf dem Schriftstück ruhen. „Oh…“ murmelte sie mal leise, es war nicht zu erkennen, ob sie den Text oder Plautius Worte kommentierte. Erst als er zu Ende gesprochen hatte, hob sie ihren Blick und sah Plautius unverwandt und mit Entzücken an. „Hast Du auch die Abhandlung über Kenon, die Leere und den Tractaus der Solidität betreffend?“ Doch dann ließ Medeia schnell die Schriftrolle auf ihren Schoß sinken und hob ihre Hände, um Plautius über den Nacken zu streichen. Sie seufzte schwer und das Lächeln minderte sich etwas. Denn über Plautius Abreise wollte Medeia immer weniger nachdenken, je mehr Zeit sie für sich hatten. „Die Casa Matinia? Nun…“ Medeia zögerte leicht. „Und Du bist Dir sicher, dass ich nicht doch mitkommen könnte…also…nach Parthia oder Syria?“ Medeia grauste es vor der Vorstellung, sich in ein Feldlager begeben zu müssen, würde es womöglich Plautius zuliebe jedoch tun. „Und ich denke, die zukünftige Residenz hängt doch auch von Dir ab. Was planst Du nach dem Feldzug? Wo würdest Du gerne hinstreben? Rom oder dann doch eine Provinz?“
Camillus Matinius Plautius
“Die Rolle ist eine Abschrift von einem Original in Alexandria. Bezogen habe ich sie für eine horrende Summe von einem jüdischen Priester, Rabbi Schromel Ben David oder so. Keine Ahnung wie der genau heißt, zumindest scheint sein Vorname Rabbi zu sein und der ist so selten, daß die hier lebenden Juden immer wissen wen ich meine, wenn ich mich ab und an erkundige, ob er mal wieder in der Stadt ist. Er bereist die Strecke Mantua-Alexandria-Mantua regelmäßig und bringt ab und an Abschriften für ausgesuchte Kunden und seine Discipuli mit. Ein sonderbarer Kauz, vielleicht einen Kopf größer als Pumilus und er spricht auch nur Griechisch und seine eigene Sprache, obgleich er Latein versteht. Aber die Juden begegnen ihm mit großem Respekt.
Die andenen eben genannten Schriften habe ich nicht. Es ist nicht einfach und günstig an gute Abschriften zu kommen, vom deinem Schriftrollen-Verkäufer in Roma mal abgesehen. Wobei der auch nicht günstig ist, zumindest bei einigen erlesenen Stücken bekomme ich dort auch Tränen in die Augen. Und du weißt ich verdiene nicht schlecht.
Nein! Ich möchte nicht, daß du mitkommst. Die Reise ist hart und entbehrungsreich, das Leben in einem Zelt und in der permanenten Gefahr eines Angriffs nicht sehr komfortabel. Es ist mir lieber, wenn ich dich in relativer Sicherheit weiß. Spätestens nach 3-4 Tagen würde es Dir wie der Tartarus vorkommen. Außerdem ist es nicht angenehm, denn außer den Trosslupas und Iulia Helena gibt es keine Frauen. Mißgunst wäre an der Tagesordnung.
Hm, was plane ich nach dem Feldzug. Eine gute Frage. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich mit auf diesen Feldzug möchte. Mein Ziel war es als Nächstes das Examen Tertium und Quartum an der Militärakademie zu machen. dann wollte ich mich um den Posten des Praefectus Legionis oder einen vergleichbaren Posten in Aegyptus bewerben. Allerdings macht der Feldzug mir da einen Strich durch die Rechnung. Außer Auszeichnungen und einer langen Abwesenheit rechne ich da mit nichts. Vermutlich ist das eh nur ein aufgebauschtes Strohfeuer und wir werden ewig lange durch die Wüste laufen. Die ganzen Zivilisten werden die Examen inzwischen ablegen können, während wir Militärs auf der Strecke bleiben. Ohnehin eine Schande, daß Nicht-Berufssoldaten diese Examina ablegen dürfen. Alternativ gäbe es die Entscheidung den Weg des Cursus Honorum zu beschreiten, sofern der Kaiser mich in den Ordo Senatorius erhebt. Und dann würde ich die normale Laufbahn durchlaufen. So wie Flavius Aristides, einer unserer Centuriones es plant. Der könnte auch schon die erste Amtszeit fast hinter sich haben, wenn er zwischenzeitlich ausgeschieden wäre.
In der nächsten Zeit wollte ich noch das Geld für einige Grundstücke zusammen sparen, die du dann für uns erwerben kannst, damit wir ein Auskommen nach meiner aktiven Zeit in der Legio haben. Und dann würde ich mich gerne einige Zeit in Alexandria tummeln und ein Heer von Scribas damit beauftragen mir Abschriften von interessanten Schriftrollen zu erstellen.”
Artoria Medeia
Liebevoll umfasste Medeia die Schriftrolle am Rande, spürte die rauen Fasern des Papyrus, sicherlich auch aus Ägypten importiert. Medeia lehnte sich wieder näher an Plautius und betrachtete ihn von ganz nahem. Rabbi, das Wort hatte Medeia durchaus öfters vernommen, dachte eigentlich keinen Namen dahinter, aber mit den Juden hatte sich Medeia selten beschäftigt. Genauso wie Christen war ihr ein Ein-Götter-Glauben etwas zu suspekt, zudem soll der Gott der Juden angeblich kein Bildnis haben. Wo sollte man denn da seine Opfer bringen können und an wen die Gebete schicken, wenn man keinen Gott vor Augen hatte, sondern nur abstrakte Symbole? „Ein Jude…ja, die scheinen viel zu reisen, dieses Volk. Und sie sind sehr gebildet. Wir haben auch einen Juden an der Schola, wenn ich mich recht entsinne.“ Medeia nickte auf die Worte mit den Schriftrollen hin. Das Problem kannte sie allzu gut, wenn sie auch froh war, einiges an Schriften über die Schola ab und an borgen zu können und sich selber zu kopieren. Eine gewisse Erleichterung durchströmte Medeia auf Plautius Abweisung ihres Vorschlages. Dennoch bedauerte sie es ein wenig, wenn auch nicht des Feldzuges wegen, sondern weil sie dann umso länger getrennt war von ihrem Mann.
Doch dann war Medeia verblüfft. Trosslupae und Iulia Helena? Eine Falte erschien auf ihrer glatten Stirn, die Medeia schnell verschwinden ließ, denn so was sah schließlich nicht gut aus, etwas worauf sie penibel achtete und es machte zudem schnell Falten. „Iulia Helena kommt auf den Feldzug mit?“ Medeia sah Plautius verwirrt an und hörte wieder nur mit halbem Ohr hin, denn im Kopf ging sie durch, was das implizierte und was Plautius damit meinte, besonders mit dem Zusammenhang seiner Wortwahl. Demnach würde es wohl doch nicht gefährlich sein, mitzureisen, nur unkomfortabel. So sah Medeia Plautius weiterhin fragend an, murmelte zwischenzeitlich. „Ah, der Verlobte von Epicharis? Der Cursus Honorum ist sicherlich ein lohnenswertes Ziel.“ Was Medeia wieder auf Plautius bezog.
Medeias Nase kräuselte sich ein wenig, wieder nur leicht und sehr kurz, dann nickte sie, halb pikiert noch wegen der Vermutung, dass Plautius sie nicht beim Feldzug dabei haben wollte, und halb erfreut über die Aussichten der Zukunft betreffend. Zudem über die Möglichkeit, dass Plautius womöglich doch den Feldzug in den Wind schlagen würde. „Wovon hängt es denn ab, ob Du doch nicht zum Feldzug mitgehst? Ich denke, Du weißt ja, wie sehr ich mich freuen würde, weiter mit Dir zusammen sein zu können und Dich nicht in ferner Fremde zu wissen.“ Sie lächelte ihn an, es war sogar vollkommen ehrlich gemeint und kein, wie oft in der Öffentlichtkeit, gespieltes Lächeln. Zu Zivilisten und Militärexamen konnte Medeia kaum etwas Sinnvolles beitragen. Sie war noch nie in die Versuchung zu kommen, sich dafür zu bewerben, würde es auch niemals. Aber den Ärger diesbezüglich versuchte Medeia trotzdem zu verstehen. „Ägypten klingt ganz wunderbar. Aber Du würdest Dich entscheiden müssen. Erst mal Ägypten und dann Cursus Honorum oder nur den Cursus Honorum, es sei denn der Kaiser erlaubt Dir als Senator die Provinz zu bereisen.“ Medeia lächelte und stellte sich Plautius in der Toga eines Senators vor und in den Hallen des Senates. Er würde sicherlich seinen Spass mit all den mehr trägen Senatoren haben. Medeia schmunzelte bei der Vorstellung. „Dann wäre es doch sinnvoll, in Ägypten die Grundstücke zu erwerben, Camillus. Ich könnte mich darum kümmern, zudem das mit einer Reise für die Schola eventuell verbinden, sofern mein Rector zustimmen würde. Aber noch schöner wäre es, wenn Du natürlich mitkommen könntest.“
Quintus Tiberius Vitamalacus
Camillus Matinius Plautius
“Keine Ahnung, ob Iulia Helena bzw. Tiberia Helenia mitkommt. Es fiel da mal das ein oder andere Gerücht in dieser Richtung. Zumindest der Luchs von Vitamalacus soll mitkommen. Wir werden sehen was sich ergibt. Bis Ravenna ist es ein langer Weg. Da kann viel passieren. Vielleicht kapituliert der Feind ja bis dahin. Wir packen die Tage alles zusammen. Du reist erst einmal nach Ägypten und ich schreibe Dir wann immer ich kann. Den Hausrat lässt du nachkommen und kaufst uns in Ägypten ein Anwesen und Grundstücke. Und vielleicht schaffst du es ja auch einige gute Schriften kopieren zu lassen. Hm, ich vermisse dich schon jetzt.”
Plautius wechselte von Griechisch auf Latein und brummelte etwas Unverständliches. Dann drückte er seine Frau sanft an sich.
Artoria Medeia
Das pikierte Kräuseln der Nase, was in schönen regelmäßigen Abständen auftrat, verschwand. Medeia unterdrückte dies und betrachtete Plautius stumm, lächelnd und mit den Fingerspitzen an seiner Schulter. „Hm?“, murmelte sie leise. „Ich komme aber noch bis nach Ravenna! Beziehungsweise, ich reise mit der Sänfte dorthin.“ In dem Soldatentross wollte Medeia nicht mitkommen. Aber Ravenna lag nicht so weit, dass es nicht noch einen kleinen Katzensprung erlauben könnte. Zudem würde sie eventuell auch von dort ein Schiff bekommen können, was nach Ägypten fuhr und sie somit auch genauso prompt nach Alexandria brachte. „Ich werde sicherlich was schönes dort finden können. Und Schriftrollen lasse ich Dir dann zuschicken...nur wie?“ Medeia sah Plautius ratlos an, hoffte jedoch, dass der Cursus Publicus dort hin lieferte oder sie müßte sich an das Militär in Ägypten wenden. „Ich Dich auch!“, erwiderte Medeia leise, legte ihre Wange auf seine Schulter und betrachtete einer der mehr groben Fresken auf der Wand. „Was hast Du gesagt?“, fragte Medeia leise, als sie seine Worte nicht mehr verstehen konnte.
Camillus Matinius Plautius
"Entweder mit dem Cursus Publicus oder mit einer abgestellten Einheit der Legio. Post wird eigentlich immer in beide Richtungen befördert, wenn eine Legio im Krieg ist.
Meine letzten Worten waren ein Schwur, der nicht für die Ohren einer anständigen Ehefrau gedacht ist. Dafür waren meine Worte zu vulgär."
Plautius drückte seine Frau an sich und lauschte ihrem Atem und Herzschlag.
Camillus Matinius Plautius
Das grosse Packen
Irgend so ein schlauer Philosoph hatte einmal gesagt, daß Hausrat alles ist, was aus einem Haus rausfällt, wenn man es auf den Kopf stellt. In diesem Fall fiel verdammt fiel aus der Casa von Plautius . Plautius, Medeia, die Sklaven und der Casa-Katze Augustus. Und verdammt viel Hausrat.
Ein Heer von Sklaven wuselte durch die Casa und hatte begonnen alles für eine Übersiedlung von „Matinius Medeia“ nach Ägyptus zu verpacken. Plautius hatte geschmunzelt als er diesen Namen auf einer großen Kiste mit dem Zusatz „Kleider für zu Hause“ entdeckt hatte. Etwas irritierter hatte er dagegen geschaut als er eine andere Kiste entdeckt hatte: „Artorius Plautius – Korrespondenz“. Na ja, solange es alles im selben Haushalt in Alexandria ankam.
Kiste für Kiste wurde auf Reisekarren verladen, die vor dem Haus standen. Das ganze Zeug für die Kisten konnte doch unmöglich alles in dieser Casa gewesen sein? Oder verpackte man auf Medeias Anweisungen alles einzeln. Die Kisten schienen beschriftet und katalogisiert zu sein. Wann trug Medeia nur die vielen Kleider? Vage erinnerte er sich, daß sie jeden Tag und bei jedem öffentlichen Anlass etwas anderes trug. Auch hatte sie ein beeindruckendes Sortiment durchsichtiger Nachtgewänder aus Seide mit raffiniertesten Schnitten, welche sie aber meist nur kurz trug, wenn Plautius ins Bett kam. Aber die schienen ohnehin nie sonderlich warm zu halten, denn in der Nacht klaute sie Plautius dann die Decke und zog sie sich bis über die Ohren. Diese Kisten füllten zusammen mit dem Schmuck, den Kosmetika und den Schuhen von Medeia 3 Karren. Vermutlich gab es dafür nur noch leere Medeia-Zimmer in der Casa Artoria in Roma. Ein Zeichen dafür, wie wohl sich seine Frau bei ihm fühlte.
1 weiterer Karren wurde mit dem persönlichen Hausinventar von Medeia und Plautius bepackt. Etruskische Vasen, Vorhänge, Teppiche, die Schlachtsouvenirs aus Germania, Marmorbüsten etc.. Den gallischen Hinkelstein würde man erst einmal nach Roma, zur Casa Matinia und Bruder Fuscus, schicken.
Hier würde sich seine Frau in Alexandria bei dem neuen Domus um eine komplett neue Einrichtung und Möbel kümmern müssen, denn die Casa eines Tribunus oder Praefectus war bereits vollständig eingerichtet, wenn man sie bekam. Das Inventar gehörte aber der Legio. Diese Sachen müssten aussortiert und wieder hinein getragen werden. Ohnehin hoffte er, daß Medeia dort ein passendes Anwesen fand.
2 Karren wurden mit Kisten von Plautius beladen. Nachdem Medeia ihn mal neu eingekleidet und seine Togas und Sandalen aufgestockt hatte, kam da auch einiges zusammen. Eigentlich wären es in seinem Fall mindestens 6 Karren gewesen, aber Medeia hatte den Umzug zum Anlass genommen mal ohne Ende auszusortieren. Aber daß er immer noch so viel Zeug hatte, zumal sein Reisegepäck und die Ausrüstung für Parthia schon ausgesondert war ... Sein Schreibtisch war seine Sache gewesen. Medeia hatte hier nichts angerührt. Zumindest hatte er nichts davon bemerkt. Ob sie seinen Testamentsentwurf gelesen hatte?
Medeias Reisesänfte und dazugehörige Sklaven wurden aus einem Horrea heran getragen, wo die Sänfte in der Zwischenzeit meist geparkt worden war.
Dann kamen die Kisten mit den vielen Schriftrollen, Karten und Büchern. Medeia und Plautius hatten alles persönlich verpackt und keinen Sklaven ran gelassen. Da kam auch noch einmal 1 Karren zusammen. In seiner Bibliothek hatte das nach gar nicht mal so vielen Schriftrollen ausgesehen, aber er hatte sich geirrt. Bis auf die ein oder andere Karte, sowie einige militärische Standardwerke hatte er nichts für Parthia eingepackt. Lediglich noch 1 dickes Buch über Medizin und „Frauenleiden“. Ob Medeias „Unpässlichkeiten“ der letzten Zeit auf eine Schwangerschaft hindeuteten? Sie wollte doch keine Kinder, aber vielleicht hatte Iuno das anders gesehen. Vielleicht sollte er hier mal Medeias Leibsklavin Olympia als Informantin gewinnen.
Er beobachtete Olympia kurz, welche einen Katzenkorb mit dem Casa-Kater Augustus zu einem der Karren tragen ließ. Medeia wäre nicht begeistert, wenn sie wüsste, daß die Katze mitkam, aber Pumillus und Olympia würden sich um das Tier kümmern. Pumillus wuselte überall herum und gab Anweisungen und überwachte.
Plautius ließ seinen Blick über die Sklaven schweifen. Die hatten sich in den letzten Wochen und Monaten auch immer mehr vermehrt. Plautius konnte sich dem Eindruck nicht erwehren, daß seine Frau hier sehr berechnend und strategisch vorgegangen war. Sobald er einen Sklaven 3-4 Mal gesehen und sich etwas an ihn gewöhnt hatte, tauchte irgendwo im Haus der Nächste auf. So waren es immer mehr geworden. Also wenn er die Sklaven der Legio jetzt mal abzog, ebenso die Trägersklaven der Sänfte und die 2 Leibsklaven von Medeia, Pumillus und Olympia, dann blieben mindestens noch 11-14 Sklaven übrig. Ob die alle ihm und Medeia gehörten?
Er ging ein letztes Mal durch das geräumte Haus, welches die Präsenz seiner Bewohner aber immer noch enthielt. Zumindest glaubte Plautius Medeias Duftöl in jedem Raum riechen zu können.