[Mons Palatinus]Templum Magnae Matris

Artoria Medeia





Der Magna Mater Tempel befindet sich auf dem westlichen Palatin, ein Heiligtum zu Ehren der Kybele. Kybele, die Magna Mater, eine Göttin aus Kleinasien, die Fruchtbarkeit und Leben brachte. Alles, um Rom den Segen während der Kriegszeiten nach den Punischen Kriegen zu bieten- so verhießen es die Sibyllinischen Bücher den Römern damals. Der Tempel erhebt sich auf einer künstlichen Terrasse aus Tuffstein, in denen eine Reihe von Räumen gegraben worden waren. Eine überdachte Straße grenzt an den Tempel, der auch einige Läden beherbergt. Eine große Treppe führt zur Basis des Tempels, von wo man durch einen korinthischen Säulengang zur quadratischen Cella kommt.



Artoria Medeia
„Magna Mater! Magna, Magna Mater, Magna Mater...Magna Mater...“ Schwaden von Weihraum umwaberten eine schlanke Gestalt, die auf Matten von Bast saß. Ihre Haare waren völlig von einer schwarzroten Palla bedeckt. Ihre Haltung in Demut gebeugt und ihre Lippen flüsterten immer wieder. „Magna Mater, Magna Mater...“ Wie in Trance kamen die Worte aus ihr heraus. Goldenes Sonnenlicht wogte durch die Stoffbahnen, die eine kleine Kammer innerhalb der Cella für sie bildete. Der Wind spielte mit dem Stoff und bildete kleine Wellen darin. Doch die Frau bemerkte das nicht. „Magna Mater...Magna Mater...!“ Leichtfüßige Schritte näherten sich der betenden Gestalt, deren Singsang davon nicht unterbrochen wurde. „Du bist Medeia?“ Die auf dem Boden kniende Frau hob ihren Blick, es war Medeia. Ihre grünen Augen wirkten noch einen Moment verschleiert, doch dann klärten sie sich und sie betrachtete die Frau vor sich. Es war eine ältere Frau mit leicht schrägstehenden Augen. Ihre ehemals schwarzen Haare waren völlig ergraut und ihre Haltung von den Jahren gezeichnet. Trotzdem strahlte sie eine große Würde aus. „Ja!“ Die alte Kybelepriesterin musterte sie ernst und nickte schließlich. „Folge mir!“

Anmutig erhob sich Medeia und musste tief einatmen. Sie schwankte kurz, doch die alte Frau kam ihn nicht zu Hilfe. Als sie sich gefangen hatte, nickte sie der Priesterin zu und folgte ihr ebenso barfuss. Die Vorhänge aus goldgelbem Stoff teilten sich vor Medeia und sie trat in einen düsteren halbrunden Raum. Eine hohe Opferplattform dominierte die Mitte des Raumes und ein großes Becken, zum Reinigen, lag daneben im Boden eingelassen. Wie Zungen leckten die Flammen der Öllampen aus ihren Öffnungen heraus, bereit jeden zu verschlingen, der sich ihnen näherte. Ihre Schatten fielen wie tanzende Geister auf die Wände und die Gestalt der alten Priesterin. Die Priesterin blieb stehen und hob ihre Hände der hohen Statue der Magna Mater entgegen. Sie schloss ihre Augen und verharrte einige Momente schweigend. Auch Medeia senkte ihren Blick und wartete ruhig. Abrupt wandte sich die Priesterin um. „Du willst die Stimme der großen Mater vernehmen?“ Medeia sah sie wieder an. „Ja!“ Die Priesterin musterte sie scharf. „Du bist bereit den Preis zu zahlen?“ Ausdruckslos erwiderte Medeia den durchdringenden Blick ohne dabei zusammen zu zucken. „Ja!“ Die Priesterin lächelte nicht, sondern drehte sich nur um. „Zieh Dich aus!“
Artoria Medeia
Eine Glocke schlug, Wasser tröpfelte als kleines Rinnsal aus einer kleinen Schale über die Hände der Priesterin. Eine Öllampe tauchte Medeia in goldenes Licht. Stumm sah sie der Priesterin hinter her und rührte sich für einen Moment nicht. Ihre Hand griff dann nach einer silbernen Brosche und löste die Palla um ihren Kopf. Sanft glitt der Stoff von ihren roten Locken herunter und segelte wie ein hauchzartes Rosenblatt auf den Boden herunter. Und nach einem weiteren Lösen glitt die dünne grüne Tunika langsam und ihren Leib liebkosend an ihre herunter. Nackt, wie sie geboren wurde, stand sie still in der Cella. Bis auf die alte Frau war niemand sonst dort. Die alte Priesterin trat langsam wieder auf sie zu und hielt eine Schale in der Hand. Ein wenig abwesend ging Medeia auf die Priesterin zu und blieb dicht vor ihr stehen. Leises Gemurmel hob sich an, rauh und archaisch klangen die heiseren Worte der alten Frau. Immer wieder mischten sich die Worte Kybele, Megale Meter und Magna Mater in den Singsang. Ihre Hände rührten in einer blutroten Pampe, dann fing sie an Symbole und Schlangenartige Linien auf Medeias Gesicht und ihren Körper zu malen. Medeia schloss ihre Augen und der Weihrauch einer nahen Rauchschale hüllte sie ein, benebelte sie immer mehr. Die Priesterin trat zurück und stellte die Schale aus ihren Händen weg. Sie griff nach einem elfenbeinfarbenen Gewand und reichte dieses Medeia. Ganz benommen griff Medeia dieses und streifte sich die weite Tunika über.

In dem Moment klatschte die Priesterin in die Hände. Drei Männer traten in die Cella. Doch es waren nicht normale Männer, nein, ihre leicht aufgeschwemmten Körper, die verweiblichten Gesichtzüge und ihre langen rituell geflochtenen Haare verrieten sie als Eunuchen des Magna Mater Tempels. Lange farbige Gewänder und aufwendiger Schmuck zierten ihre bemalten Leiber. Auch sie hatten orientalische Gesichtszüge. Die drei Eunuchen trugen Trommeln, Peitschen und Flöten in den Händen. Einer setzte die Flöte an seine weichen Lippen an und ein schrilles Pfeifen erklang in der Cella. Die Priesterin umschritt langsam die Opferplattform, Medeia folgte ihr langsam und setzte jeden Schritt ihrer bloßen Füße sorgfältig vor den Anderen. Vor einem urtümlichen schwarzen Stein, der im Schatten der Cella verborgen lag sank die Priesterin in die Knie. Dies war das größte Heiligtum des Tempels, der Himmelsstein. Auch Medeia folgte mit anmutiger Bewegung der Bewegung und sank auf ihre Knie und neigte ihren Opferkörper in demütiger Haltung. Ihr Kopf presste sich auf den kühlen Stein des Tempels und sie schloss ihre Augen. Mit leichtem Fingerschlag wirbelten die Hände der Eunuchen über die Trommeln. Ihre hellen Stimmen vereinten sich zu einem leisen Gemurmel und einem stetig lauter werdenden Singsang.
Artoria Medeia
Das Taurobolium, Pars Prima

Ein Chor aus hellen Männerstimmen verwob sich mit dem Trommeln und dem Klang einer einzigen Flöte. Noch klang der Gesang ruhig, fast beschaulich, nur unterbrochen von schrillen Zwischentönen der Flöte. Ein junger Mann, fast noch ein Knabe kam hinein, der von Kopf bis Fuß in weißer und roter Farbe bemalt war. Sein magerer Körper, schon in den Jahren entmannt, war gezeichnet von den Entbehrungen des Tempels. Ruhig und mit demütiger Haltung führte er einen schwarzen Widder in die Cella hinein. Die Hufen des Widders waren mit rotleuchtender Farbe bemalt und die Hörner mit weißschwarzer Tonerde bestrichen. Das Tier lief klappernd über den Stein, aber ruhig hinter dem jungen Eunuchen her, so sehr war er von den Kräutern und dem Mohnsud betäubt. So kletterte er auch folgsam auf die Opferplattform. Der junge Mann, dessen weibliche Gesichtzüge sofort ins Auge stachen, kettete den schwarzen Widder an den vier Säulen am Rand fest. Das Eisen klirrte leise als sich der Widder ein wenig zur Seite bewegte, doch dann verharrte er ruhig.

Immer wieder glühte der Weihrauch in den großen Feuerschalen auf und verströmte den sinnlichbetörenden Duft. Schlangen schienen durch den Rauch durch die Luft zu wabern. Eine Hand durchriss eine solche Schlange und reichte einen tönernen und einfachen Becher an Medeia. Diese nahm den Becher von der alten Frau entgegen und trank den Inhalt, ein bitteres Zeug, in einem Zug aus. Für einen Moment schloss Medeia ihre Augen und ließ sich von der alten Frau zu der Opferplattform führen. Die Kräuter stiegen Medeia schon schnell zu Kopf, hatten sie doch drei Tage lang vorher gefastet. So wankte sie einen Moment ehe sie langsam die rauen Stufen in die Grube hinabstieg. Die alte Frau ließ sie los. Leicht schwanken blieb Medeia in der steinigen Grube unter der Opferplattform stehen. Man sah nicht wie die alte Frau verschwand, doch dann stand Medeia alleine in der Cella mit den Eunuchen. Schwere Schritte näherten sich der Plattform. Ein alter und weißhaariger Eunuch, ein Priester der Kybele, kam heran. Sein Gewand war tiefrot und mit goldsilbernen Fäden durchwoben. Seinen Kopf zierte ein hoher Hut, der spitz nach oben zulief und sich wieder etwas verbreitete. Genau als Medeia langsam und mit verschleierten Augen niedersank, bestieg er die Stufen der Opferplattform und trat an die Seite des Widders und seines Opferhelfers, dem jungen und bemalten Eunuchen.
Artoria Medeia
Das Taurobolium, Pars Secunda

Ein bunt bemalter und eunuchenhafter Tänzer wirbelte im Kreis um die Grube herum. Seine Glieder verzerrten und verrenkten sich in akrobatischen Bewegungen. Trommeln untermalten jeden seiner Schritte, mal langsam, dann wieder schnell. Der Galli, der Priester der Magna Mater, hob seine Stimme zu einem Gebet mit uralten Worten an. Anrufungen, die fast keiner mehr verstehen konnte und die schon vor Jahrhunderten weit weg von Rom zu der Göttin Kybele gewispert wurden. Immer mehr Weihrauch wurde verbrannt und hüllte die kniende Medeia ein. Die Augen geschlossen raunte sie leise und unhörbar griechische Silben und Gebete. Langsam fing sie an, sich hin und her zu wiegen. Der Trank nahm ihr immer mehr die Sinne und berauschte sie. Suchend griff ihre Hand neben sich. Kaltes Eisen schmiegte sich in ihre Hand und diese umschloss den Griff des scharfen Messers. „Megale...Magna Mater...Megale!“ Stoßweise presste sich ihr Atem aus ihrem Mund und die Worte sprudelten leise aus ihr hervor. „Sühnen...sühnen will ich! Das Blut, was ich einst...bei Mondenschein...“ Vom Rausch befallen fing sie an einige unsinnige Worte zu raunen. „...das Blut, was ich vergossen hatte. Menschen...gestorben...durch mich...Magna...“

In dem Moment zog sich Medeia das Messer über ihren Unterarm. Blut quoll aus dieser haarfeinen Wunde hervor, wie rote Perlen. Langsam sickerte es um ihren Arm und tropfte auf den Boden der Grube. Doch Medeia spürte das Ganze nicht. „...gelogen...getötet...Megale, sühnen will ich heute!“ Wieder zog sie das Messer über ihren Arm und das neue Blut vereinte sich mit den anderen roten Tropfen. Das Messer blitzte im Schein der Fackeln auf und wieder schnitt sich Medeia über ihren Arm. Das Trommeln wurde immer ekstatischer, die Flöte immer schriller, das Raunen des Priesters lauter. Mit fest zusammengepressten Augen schnitt sich Medeia immer wieder über die Arme. „Sühnen will ich und den Preis bezahlen...Megale...bezahlen!“ Die Flöte spielte laut und langgezogen. „Kybele!“ Das Wort peitschte laut durch den Raum, gesprochen von dem Galli. Im dem Moment fiel der Widder über der Grube zusammen. Der Dolch des Galli hatte den Hals durchschnitten und das Tier war noch tot ehe es auf dem Boden aufkam. Der Lebensodem des Widders floss durch die Lücken in die Grube hinein und tränkte Medeias feines Gewand, umfloss sie und vereinte sich mit ihrem eigenen Blut.

„Megale...!“ Immer noch war Medeia weit entfernt. Ihr Messer glitt über der roten Blutmasse aus, schnitt dann jedoch tief in ihr eigenes Fleisch. Diesmal erreichte der Schmerz sie und sie stöhnte gepeinigt auf und ließ das Messer fallen, was im Blut versank. Stöhnend griff sie sich an die Schläfen und beugte sich langsam vor, krümmte sich zusammen. „Megale...Magna Mater...!“ Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Und dann schien es vor ihren Augen in einem hellen Lichtblitz zu explodieren. Der Schmerz raste durch ihren Kopf hindurch. Mit einem leisen Aufschrei krümmte sie sich noch weiter zusammen, merkte gar nicht, wie viel tiefer sie in das Blut des Widders tauchte. „Der Preis! Du wirst ihn bezahlen müssen!“ Es war als ob ein Schemen vor Medeia stehen würde. Langsam hob sie ihren Blick, weiße Punkte, schwarze Schatten vermischten sich und eine Frau schien vor ihr zu stehen und über dem Blut zu schweben. „Deine Sühne wird hart und teuer erkauft sein!“ Medeias Lippen wollten Worte formulieren, ihre Hände wollten sich nach der Frau ausstrecken. Doch sie war erstarrt. „Für Dich wird eine neue Zeit beginnen. Du wirst anders sein, eine Neugeburt. Doch die Sühne wird folgen...!“ Medeias Gedanken rasten und schienen dann wieder auf den Schmerz konzentriert zu sein. Wer war die Frau? Medeia wusste es nicht. Doch dann sah sie vor ihren Augen die Schwärze herannahen. Ein Mann schien sich über sie zu beugen. Quintus? Gabriel? Camillus? Namen raunten durch ihren Geist und dann fiel sie in die Schwärze hinein.
Artoria Medeia
Eine lichtumflutete Gestalt beugte sich über Medeia. Ihre Augen waren offen. Bin ich wach? Medeias sah auf die Gestalt über sich. Magna Mater? Medeia wusste es nicht und sie sah der Gestalt nur stumm entgegen. „Du bist wach? Gut!“ Langsam klärte sich die verschwommene Gestalt vor Medeias Augen und die alte Frau aus der Cella erschien vor Medeia. Leise stöhnend sah sich Medeia um. Sie lag auf einer der Bastmatten im Nebenraum der Cella. Durch einen schmalen Fensterspalt fielen Sonnenstrahlen in den kleinen Raum hinein. Als sich Medeia bewegte, zuckte Schmerz durch ihre Arme. Verwundert betrachtete sie die Leinenverbände an ihren Armen. Die Erinnerungen an das Opfer waren nur noch verschwommen. Was ist...? Sie sah auf und formulierte die Frage aus ihrem Geist. „Was ist passiert?“ Die alte Frau sah sie ernst an. „Du hast das Sühneopfer begangen und Dein Blut ist vergossen worden. Sobald Du aufstehen kannst, wird Dich ein Eunuch nach Hause geleiten. Eine Sänfte wartet schon vor der Tür.“ Matt nickte Medeia und sah der alten Frau hinter her, als sie den Raum verließ.

Medeia schloss ihre Augen. Doch hinter ihren Augenliedern sah sie immer noch das gleißende Licht der Sonne. Ist das Sühneopfer angenommen worden? Medeia erinnerte sich an eine Lichtgestalt. Teuer erkaufen? Neugeburt? Was meint sie damit? Ein leichtes Pochen zog durch Medeias Schläfen und als sie Schritte hörte, öffnete sie wieder ihre Augen und richtete sich langsam auf. Ein dicklicher Mann, grell geschminkt, trat auf sie zu. Er beugte sich vor und half Medeia aufzustehen. Für einen Moment drehte sich noch alles um sie herum. Sie trug ein anderes Gewand, das Blutige hatten sie ihr wohl ausgezogen. Immer wieder schwarze Punkte vor Augen sehend, geleitete sie der Eunuch durch einen Seitenausgang und zu einer Sänfte. Erschöpft ließ sich Medeia dort hinein sinken. Die Sänfte wurde hochgehoben und unter dem sanften Schaukeln verließ Medeia den Bereich des Magna Mater Tempel.
Decima Lucilla
In eine dunkle Palla gehüllt wandert Lucilla völlig alleine den Weg zum Tempel der Magna Mater auf den Palatin hinauf. Natürlich ist sie nicht völlig alleine, unzählige andere Frauen gehen heute und in den kommenden Tagen diesen Weg. Die Megalesia haben begonnen und während der Staat der Göttin mit öffentlichen Feierlichkeiten dankt, nutzen viele Frauen diese Zeit um der großen Mutter für ganz private Dinge zu danken - oder auch, um sie um etwas zu bitten. Lucilla will beides tun, und da es in den nächsten Tagen voll wird im Tempel ist sie schon recht früh auf den Beinen, noch bevor am Mittag das große Opfer stattfinden wird. In einem Korb, der über ihrem Arm hängt, liegen teure Früchte aus dem Süden des Reiches - Datteln und Feigen - und eine fest verschlossene Amphore mit Wein aus Hispania. Außerdem ist da auch ein kleiner Käfig mit einem verschreckten schwarzen Karnickel drin, von dem Lucilla hofft, dass es nicht allzu viel stercus ablassen würde, denn der Käfig ist an den Seiten natürlich nicht ganz dicht.

An einer etwas älteren Frau, die auf dem Weg nach draußen ist, huscht Lucilla vorbei in den Tempel hinein und blinzelt in die weihrauchgeschwängerte Luft. Der süßliche Duft der Räucherungen kann nicht ganz den Geruch nach Blut und Schweiß überdecken, nach dem Blut der zahlreich geopferten Tiere und dem Schweiß der ekstatisch sich bewegenden, bunt gekleideten eunuchischen Tempelpriester, die über die kommenden Tage kaum bei Sinnen sind. Lucilla legt ihre Palla ab und öffnet ihr Haar, dann streift sie die Sandalen von ihren Füßen und legt alles in eine kleine Nische neben dem Tempeleingang. Sie reinigt ihre Hände am Becken neben der Tür, nimmt ihren Korb auf und schreitet durch den Tempel, zwischen den Tänzern hindruch, selbst beschwingt von den schweren, dumpfen Schlägen der Trommel, dem Rasseln der Schellen und den langgezogenen Trance-artigen Gesängen. Vor dem schwarzen Stein nimmt sie eine Hand voll Weihrauch aus einer silbernen Schale, die vor einer der Säulen aufgestellt ist, und wirft die groben Körner auf das Gitter vor dem Kultbild der Kybele. Das Ergebnis ihrer Gabe ist kaum zu sehen, denn wegen der vielen Opferungen schlängeln sich die Rauchsäulen forwährend in die Höhe und füllen den Raum. Doch die große Mutter braucht kaum einen Hinweis darauf, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf den Tempel richten sollte. Wenn sie heute nicht die Gebete und Bitten erhört, dann hat sie sich eh für immer vom römischen Volk abgewendet.

Lucilla kniet sich auf den Boden und lässt sich von der Schwere des Raumes, vom Licht der zahlreichen Öllampen und Kerzen, von Rauch und Musik einhüllen. Die Augen halb geschlossen starrt sie auf den nachtschwarzen Stein vor sich und wippt langsam ihren Körper vor und zurück. Nach kurzer Zeit beginnt sie unablässig zu murmeln. "Magna Mater ... große Göße Göttin ... meine Gaben für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... meine Gaben ... Magna Mater ... für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... für Dich ... Magna Mater ... meine Gaben ... große Göttin ..." Mechanisch greift sie in den Korb neben sich, holt die Früchte heraus und legt sie zu den anderen Opfergaben um den Stein. Dann folgt die Amphore. Es dauert, bis sie den Korken entfernt hat, weiter vor und zurück wippend, dann gießt Lucilla den guten Wein in die kleine schalenförmige Vertiefung auf dem etwas erhöhten Opferstein zwischen den Räuchergittern. "Ich danke dir für deinen Schutz und deine Hilfe. Bitte gewähre mir auch für die nächsten 13 Monde deine Gunst."
Decima Lucilla
Ein weiterer Handgriff und Lucilla hält das scharfe Opfermesser in der Hand, ein zweiter und der Deckel des Käfigs ist geöffnet. Sie umfasst mit fester Hand die Ohren des Karnickels und zieht es heraus. Fast leblos hängt das Tier in der Luft, zuckt nur ab und zu mit den Pfoten. Lucilla sieht es kaum. Ihre Stimme wird noch etwas leiser, als sie das Messer hebt. "Schütze auch das Leben von Quintus Tullius ... lass seine Tage schlimmere Qual als im Hades sein, lass seinen Körper leiden und seinen Geist verzweifeln, doch gewähre ihm sein Leben." Ein schneller Schnitt und das Karnickel ist tot. Dunkelrot fließt das Blut über das schwarze Bauchfell und tropft auf den Boden vor Lucilla, sammelt sich dann in der Kuhle für die Trankopfer und fließt träge durch das kleine Loch in der Vertiefung ab. Sie legt das tote Tier auf den Gabenplatz und das Messer daneben. Dann tunkt ihre Hand in das warme Blut und verfällt wieder in ihr Gemurmel.

"Magna Mater ... große Göße Göttin ... meine Gaben für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... meine Gaben ... Magna Mater ... für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... für Dich ... Magna Mater ... meine Gaben ... große Göttin ... Magna Mater ..." Sie hebt die blutgetränkte Hand und fährt sich in einer langsamen Bewegung über ihre Drosselgrube, so dass ein roter Fleck dort zurück bleibt. Neben Lucilla lässt sich eine weitere Frau zum Opfer nieder und beginnt ihrerseits den Namen der großen Göttin zu murmeln. "Magna Mater ... große Göße Göttin ... meine Gaben für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... meine Gaben ... Magna Mater ... für Dich ... große Göttin ... Magna Mater ... für Dich ... Magna Mater ... meine Gaben ... große Mutter Magna Mater..."

Es ist heiß im Tempel, doch Lucilla spürt auf einmal Kälte in sich aufsteigen. Die Lichter der Kerzen verschwimmen, schwimmen in der Luft, schwimmen im Meer, im Mare Internum, auf einem Schiff im Nebel, im Sturm. Der Gesang im Hintergrund wird zum Tosen des Windes, das Klingen der Schellen zum Rauschen des Meres, das Schlagen der Trommeln zum Platschen der Ruder. Ein Flüstern zieht an Lucilla vorbei Das nächste Mal solltest Du das Schwert fester halten, Lucilla., neben ihr, hinter ihr, überall um sie herum. Er ist nah, viel zu nah, Lucilla spürt seinen kalten Hauch im Nacken, seinen warmen Kuss auf ihren Lippen, die Klinge des Messers am Hals. Du bist der Fluch, Lucilla. ... du bist der Fluch.... der Fluch ...

Erschrocken ruckt Lucilla hoch, hebt ihren Kopf, ihr Herz rast und sie hört es bis in die Ohen pochen. Neben ihr sind zwei Frauen in ihr eigenes Opfer für die große Mutter vertieft, die extatischen Tänze im Tempelinneren dauern fort, die Räucherschwaden hängen schwer unter der Decke. Das Blut auf Lucillas Haut ist trocken, in der Auffangschale vor ihr längst frisches Blut von frischen Opfern. Zitternd greift sie nach dem Korb, steht auf und wankt noch immer benommen zum Ausgang des Tempelgebäudes. Sie lässt sich bereitwillig von einem Tempeldiener beim Anziehen der Sandalen helfen und zieht die Palla über ihrem Kopf eng zusammen, nicht nur, um ihr offenes Haar in der Stadt zu verbergen, sondern auch wegen des blutigen Flecks, den sie erst Zuhause abwaschen wird. Später am Tag wird sie dann auch noch das offizielle Opfer besuchen.