Casa Flavia

Lucius Flavius Furianus
Das provisorische Heim eines flavischen Reisenden in Misenum. Gelgen an einem der Hügel im Umland Misenums, jedoch in Stadtnähe.
Claudia Catilina
Lange Schreie hallten durch die Gänge des Landhauses am späten Abend. Sie kamen aus einem schwach illuminierten Raum der privaten Gemächer der Claudia Catilina. In der Mitte dieses Raumes stand ein großes Bett, in welchem eine vor Schweiß nasse Claudia Catilina mit offenem und wilden Haar lag - sie wand sich von einer Seite, dann zur anderen, um schließlich ihre Finger in die Laken zu krallen und ihr Becken nach oben zu bewegen. Vor jenem stand ein Arzt, welcher es schon vor Stunden aufgegeben hatte der Frau gut zuzureden. An den Seiten des Bettes warteten Sklaven mit Handtüchern, frischem Wasser, heißem Wasser, verschiedenen Salben und Mixturen.
Plötzlich verstummte die Frau, die sich fast den ganzen Tag in diesem Bett hatte quälen müssen und ein erst leichter, dann einschneidend langer Schrei eines Säuglings durchzog den Raum.
Das ebenfalls mit Schweiß benetzte Gesicht des Arztes erhellte sich schlagartig und er rief zu seinem Nebenmann: "Schnell, das Messer!" und hielt den Säugling wie eine reife Frucht in seinen Händen.
Claudia Catilina rang derweil nach Luft und die geplatzten Lippen versuchten in der gnadenlosen Erschöpfung, in der sie war, einzelne Worte zu formen. Man hört sie nicht, so dass ein Sklave sich hinüber beugen musste, um zu verstehen, was sie sagte.
"Das Geschlecht, die Domina fragt nach dem Geschlecht des Kindes!", entgegnete er dann in die Richtung des Arztes, welcher gerade die Nabelschnur, durch die das Kleine mit der Mutter noch verbunden war, zu durchtrennen versuchte.
"Es ist ein wunderschönes Mädchen, Domina, ein gesundes Mädchen.", rief der Arzt mit einem Lächeln aus.
Claudia Catilina sank in ihr Bett zurück. Ein Mädchen. Sie gebar keine Mädchen!
Claudia Catilina hatte drei Söhne, drei gesunde und prächtige junge Männer. Alle sportlich, gutaussehend, intelligent - vielversprechende Jungs. Sie gebar keine Mädchen, sie schenkte ihrem ersten Mann drei Stammhalter. Es konnte nicht sein. Sie war sich in allem sicher gewesen, die Rundung des Bauches, der starke Tritt des Säuglings im Bauch der Mutter - die starken Schmerzen bei der Geburt. Alles war vielversprechend gewesen. Und es war doch ein Mädchen.
Sie konnte es nicht wahr haben, sie schenkte ihrem Mann ein Mädchen. Er brauchte einen Stammhalter. Ein viertes Kind würde sie nicht gebären können, nicht in ihrem Alter und nicht im derzeitigen Zustand ihres Mannes. Er stand mit einem Bein im Elysium, er war auf Kur in Achaia, fort, weit fort. Er war ein Schatten seiner selbst, nur dieses Kind hielt ihn an dieser Welt - und nun war es ein Mädchen. Ein Kind ohne Chancen, bestenfalls eine Vestalin würde aus ihr werden, jedoch kein Tribun, kein Senator - kein Consul. Das große Vermögen ihres Vaters würde sie nicht erben, Claudia Catilina hatte versagt. Ihr Gesicht glitt zur Seite und die leeren Augen blickten zur Seite.
Nein, sie hatte nicht versagt. Er war es. Marcus Atilius Proximus konnte starke Buben zeugen, drei an der Zahl schenkte sie seinem Namen. Ja, Marcus konnte Männer zeugen. Ihr Mann war es, der dafür verantwortlich war. Lucius war talentierter, war erfolgreicher und doch war sein Samen schwach. Sie traf keine Schuld, sie opferte, sie verhielt sich wie immer, sie nährte das Kind gut, sie tat den Göttern nicht Unrecht.
Und doch, es war kein Stammhalter.
Die Hebamme trat, nachdem sie das Kind provisorisch gesäubert hatte, mit dem Säugling auf dem Arm, zu der Mutter und lächelte dieser entgegen.
"Domina, wollen sie das Kleine halten? Ein wunderbares Kind, so vital und munter.", und beugte sich zu der Mutter, um das Kind an deren Seite zu legen.
"Schaff es fort!", zischte Catilina zurück. Sie brauchte es nicht zu sehen oder zu halten - sie musste denken. Was würde er nun tun? Er war nicht einmal da, um sein Kind nach altem Brauch vom Boden zu heben. Sie haben sich im Vorhinein zwar darüber geeinigt, dass ein anderer Vertrauter stellvertretend das Kind würde hochheben können, doch wenn sie von Kind sprachen, dann von einem Jungen. Was würde er nun machen, wenn er davon Nachricht erhielt? Würde er sie verstoßen, das Mädchen überhaupt akzeptieren? Vielleicht hatte er noch Bastarde. Ja, jeder Mann hatte irgendwo welche. Er würde sie anerkennen, er würde Catilina und das Mädchen verstoßen. Vielleicht sich eine Jüngere suchen, falls er noch imstande war zu zeugen.
Sie konnte das Kind auch jetzt schnell vertauschen. Nein, das wäre Selbstbetrug. Und was für einen Namen sollte das Kind nun erhalten? Lucius sprach immer von Jungennamen, er gab seinem Sohn einen. Aber er hatte nun keinen Sohn. Wie würde er sie nennen, sie überhaupt benennen?

Während die Mutter sich mit diesen Gedanken quälte, färbte sich ihr Laken rot und der Arzt sprang wild umher, um die Blutung am Unterleib irgendwie zu stoppen. Kurz darauf fielen ihr vor Ohnmacht die Augen zu und der Arzt schrie wild umher - sie hatte Blutungen und ihr Leben war ernstlich in Gefahr.
Und das kleine Mädchen wurde von der Hebamme liebevoll in einer Kupferwanne gebadet. Es lächelte.
Marcus Iulius Dives
Ein Bote aus Ostia gab einen Brief an der Casa ab:

   

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Lucius Flavius Furianus
Casa Flavia
Misenum, Italia



Salve Consulare Flavi,

Es ist eine meiner Pflichten als Quaestor Ostiensis, die Aufsicht über die Stadtkasse der Civitas Ostia zu führen und sämtliche Einnahmen und Ausgaben der Civitas genaustens zu kontrollieren und zu überwachen. Des Weiteren fällt mir die Aufgabe zu, dich, als Eigentümer des Navis Actuaria "Penelope", um die Zahlung der nach ausgehängter neuer Hafenverordnung fälligen Gebühren zu bitten.

Da besagte Neufassung der Hafenverordnung erst seit ANTE DIEM V ID OCT DCCCLXI A.U.C. (11.10.2011/108 n.Chr.) Gültigkeit besitzt, erfolgt die Berechnung der Abgabe auch erst mit diesem Tag. Abzüglich der verordnungsmäßig 10 kostenfreien Liegetage, bleiben für den Monat November somit noch genau 11 kostenpflichtige Liegetage à 20 Sesterzen. In Summe sind für den vergangenen Monat folglich 220 Sesterzen an Gebühren zu begleichen, die ich dich im Folgenden bitte, nach Ostia (Konto: 1217) zu überweisen.

Weiterhin möchte ich dich höflich um eine möglichst zeitnahe Zahlung der Hafengebühr bitten, spätestens aber bis zu den ID NOV DCCCLXI A.U.C. (13.11.2011/108 n.Chr.). Denn sollte bis dato keinerlei Reaktion deinerseits erfolgt sein, so ist die Civitas Ostia gezwungen, über entsprechende Maßnahmen zu befinden. Dies liegt jedoch weder im Interesse der Civitas Ostia, noch gehe ich davon aus, dass es in deinem Interesse liegt.

Mögen die Götter dich und die Deinen schützen.
Vale bene.

Marcus Iulius Dives
QUAESTOR - OSTIA






Anbei zum Brief fand sich auch noch eine Kopie der aktuellen Hafenverordnung.
Claudia Catilina
Nachdem der Brief ihres Gatten die Claudia erreicht hatte, zögerte sie nicht länger und gab entsprechende Anweisungen an die Sklaven des Hauses. Das, was schnell zu Geld zu machen war, sollte auch so umgesetzt werden. Das Mobiliar und sperrige Gegenstände sollten mit der Zeit veräußert werden, auch wenn ihr bewusst war, dass ein Nachschicken des Geldes trotz bester moralischer Absichten des Obersklaven kaum möglich war - schließlich flohen sie, ohne eine Adresse zu hinterlassen und an diesem Umstand sollte sich auch nichts ändern.
Das eigene Schiff wurde angewiesen von Ostia nach Misenum zu kommen. Furianus hatte schon oft erzählt, dass dies eine recht luxuriöse Art darstellte zu reisen, anstatt sich irgendwo auf einem Frachter einquartieren zu müssen. Auf den Geschmack ihres Mannes bauend, versprach sich die Claudia etwas davon und kümmerte sich höchstselbst um ihre Truhen und Kisten. Sie war pragmatisch genug, um zu erkennen, dass sie im Norden keine überaus üppige Garderobe würde brauchen, so dass sie sich beschränkte ein paar ausgesuchte Stücke mitzunehmen, jedoch den Rest veräußern zu lassen. Bis auf die Büste ihres Vaters und einigen kleineren Skulpturen ausgewählter Götter wurde auch keinerlei Kunstwerk mitgenommen. Schmuck und teures Geschirr sollten allerdings mit, das würde sicherlich in einigen Notsituationen vonnöten sein.
Nubische Sklaven kümmerten sich um das Verladen in die Wagen, der alte Magister Gladii sollte währenddessen nach Schutz suchen, denn die paar Sklaven, welche ausgebildet und trainiert waren, konnten die Claudia nicht ruhig schlafen lassen. Sieben Veteranen, Klienten ihres ersten Mannes, verweilten in Misenum und würden ihr folgen, doch zum Schutz benötigte sie noch ein paar Söldner, am besten ehemalige Nauta, die sich auch darauf verstanden auf dem Deck eines Schiffes zu kämpfen. Ein Begleitschiff sollte ebenfalls angeheuert werden.
Die kleine Agrippina indess wurde gewickelt und umsorgt. Seit dem ersten Tage an kümmerte sich eine Amme um das Mädchen und nach Claudias Geschmack sollte sich dies auch nicht ändern. Ohnehin hatte sie nur Kenntnisse in der Erziehung von Jungs, auf Mädchen verstand sie sich nicht - oder wollten sich nicht darauf verstehen.
Alles war in Aufbruchstimmung, morgen sollten die Verwalter der umliegenden Güter kommen, um die Gewinne auszuzahlen. Wenn das erledigt war, konnte sie aufbrechen.