| Zitat: |
Original von Marcus Decimus Mattiacus
Eins war Mattiacus klar. So übertrieben wahnsinnig wie Strabo hier tat, war niemand. Im Carcer war er völlig unauffällig.
"Welche Rolle spielte Helvetius Sulla bei deinem Unterfangen?" |
Ich hatte die Rolle des Wahnsinnigen langsam satt. Am Ende würde ich in die unrühmliche Geschichte der Staatsfeinde noch als geisteskrank eingehen. Der Zeitpunkt war günstig, den Schleier zu lüften. Gemächlich erhob ich mich wieder von der Bank und auch das Nervenleiden im Gesicht schien geheilt.
"Wie Du sicher schon bemerkt hast, werter advocatus, stehen die einzigen schwarzen Männer, die mir auf meinem Weg je gefolgt sind, direkt neben mir.
Ich revidiere daher meine Aussage von vorhin und werde noch einmal von vorn anfangen.
Ich kam nach Hispania. Blühend war an dieser Provinz leider nur die Natur. Um nicht viel Zeit verstreichen zu lassen nach meinen Diensten in Germanien - Meridius halte ich noch immer für einen großen Staatsmann - sprach ich beim Proconsul vor. Und was soll ich sagen? Die Gerüchte, die nach Rom dringen, sind wahr. Dieser alte Mann frönte lieber seinen sexuellen Gelüsten, als wichtige Aufgaben wahrzunehmen. Während sich auf seinem Schreibtisch hunderte Schriftrollen mit unerledigten Aufträgen türmten, befriedigte unter der Tischplatte ein Jüngling seine Glut. Ich sah Reichtümer, die man sich hier in Rom kaum vorstellen mag in einer Provinz, die zumeist nur Stiere und den besten Wein des Reiches hervorzubringen mag. Gold in unermesslichen Mengen, Kunstgegenstände, die ich eher bei Dieben vermutet hätte denn in den Privatgemächern eines ehrenwerten Senators. Aber die privaten Angelegenheiten dieses Mannes sollen anderswo erörtert werden, ich bin - so denke ich - nicht der richtige Mann, um zu beurteilen, was richtig oder falsch ist.
Was ich jedoch mit meiner Erfahrung - mein Verteidiger hat diese ja schon anschaulich aufgelistet - in Staats- und Verwaltungsangelegenheiten beurteilen kann ist die Schwammigkeit und Ineffizienz, mit der dort gearbeitet wurde. Nicht nur der Proconsul gab sich zahlreichen Lastern hin, auch sein Stellvertreter Sevycius, genannt Bibulus - so jedenfalls die Gerüchte vor Ort - war mehr damit beschäftigt, die Lupanare Tarracos zu besuchen, als seinen mannigfaltigen Aufgaben nachzukommen. Woher ich nun diese Dinge weiß? Nun, scheinbar gehört es zum Aufnahmeritus eines jeden neuen Beamten, mit den hohen Würdenträgern zechend durch die Stadt zu ziehen und dabei bestenfalls die Lupanare mit den ältesten und hässlichsten Kreaturen auszulassen.
Als ich nun vorgesprochen hatte und eingeführt wurde ins verantwortungsvolle Amt des Duumvirs, brannte ich zwar innerlich vor Wut auf diese Faulheit und Völlerei, war jedoch beflissentlich darauf aus, es in Corduba besser zu machen. So reiste ich denn auch schnell ab und erreichte nach einer Woche - in der ich die wunderbare Schönheit dieser Provinz bewundern durfte - meinen neuen Arbeitsplatz: die Stadt Corduba.
Was sich meinen Augen zuerst bot, war das Bild einer sauberen, anständigen und durchaus schönen Mittelmeerstadt, die ihren Status als wichtige Handelszentrale dieser Region zu behaupten wusste. Flux begann ich mich einzuarbeiten und erste Aufgaben wahrzunehmen. Dabei konnte ich auch einen fähigen Mann im cursus deorum kennenlernen, sein Name war Annaeus Domitianus, wenn ich mich nicht irre. Ein fleißiger und integrer Mann, der mir hilfreich zur Seite stand und die göttlichen Angelegenheiten der Stadt so gut kannte wie kein Zweiter.
Als zweiten wichtigen Bezugspartner hatte ich Appius Helvetius, den damaligen Magister Scriniorum der Regio Baetica. Er tat stets gute Dienste und ist selbst in Anbetracht seiner Missetaten - derer ich mich nun offensichtlich auch schuldig gemacht habe - als fähiger Staatsmann zu bezeichnen.
Was jedoch negativ ins Gewicht fiel und letztlich auch den ausschlaggebenden Grund für meine späteren Verbrechen darstellte, war die Tatsache, dass zahlreiche Würdenträger der Stadt lieber in den Tag hineinlebten und sich den Bauch vollschlugen, als sich um administrative Belange zu kümmern. Ferner interessierte sie die Stadtbevölkerung nicht. Ich erinnere mich dabei an ein Gespräch mit dem Beamten Cremonius, der meinte, er würde lieber an seiner Fresssucht zugrunde gehen, als einen Finger für den Pöbel zu rühren.
Das war für mich genug und ich versuchte die Macht dieser Männer zu beschneiden und sie dem Volk wiederzugeben. Meine verbalen Attacken gegen den Kaiser rührten daher, dass ich ihn damals als Urheber für diese Missstände in der Verwaltung verantwortlich machte. Hatte er doch damals Agrippa als Proconsul eingesetzt. Im Carcer wurde mir jedoch bewusst - und das ist keine hohle Heuchelei, wie sie ein Proconsul in seinen letzten Amtshandlungen vorbringen würde - dass der Kaiser nur im Ermessen seiner damaligen Kenntnisse gehandelt hatte. Ich meine im Geflüster der Carcergänge auch mitbekommen zu haben, dass Agrippa bereits befragt worden ist zu diversen Vorgängen. Sicher auch auf Drängen des imperators.
Letztlich wurde meine Wut so groß, dass ich die männliche Bevölkerung mobilisieren und bewaffnen ließ. Ich wollte die Krankheit der Verwaltung ausmerzen. Dabei spielten keine Machtgelüste mit. Wie mein tiberischer Verteidiger schon ausgeführt hat, stand im Süden Hispanias eine Auxiliareinheit, die zwar mit der Hälfte der Kräfte auskommen musste, drilltechnisch aber überlegen war. Niemand soll denken, ich hätte dies nicht bedacht. Ich wollte vielmehr ein Zeichen setzen mit meinen Attacken und weniger militärisch auftrumpfen.
Zu guter Letzt wäre noch die Frage zu beantworten, warum ich dann floh. Ich floh - und das mag mir vorhalten, wer will - um mein Leben zu retten. In seinem Fanatismus erkannte Sulla nicht, dass es bereits zu spät war, noch etwas zu retten. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Tarraco reisen, um den Proconsul zu bewegen, mich in geordneten Verhältnissen an die römische Justiz auszuliefern und vor allem seine Verhältnisse zu regeln. Bis dahin kam ich aber leider nicht. Der Rest ist sicher nachzulesen in der Acta."
Ich musste Luft holen und meinen Armen etwas Erholung verschaffen, bevor ich wieder ansetzte und Rednerpose einnahm.
"Nun möchte ich zu Sulla selbst kommen. Er war mir ein Gefährte im Geiste und anfangs politisch noch sehr realitätsnah. Er konnte meine Beweggründe sämtlich nachvollziehen. Jedoch, und das muss ich ihm vorhalten, wurde er irgendwann größenwahnsinnig und gedachte bereits, die gesamte Stadt niederzubrennen, wenn man seinen Weisungen nicht Folge geleistet hätte. Noch im Carcer beschimpfte er mich als Feigling. Das allein reicht schon als Beweis dafür, dass er die Situation letztendlich nicht mehr unter Kontrolle hatte."
Entschuldigend wandte ich mich an meinen Verteidiger.
"Es tut mir leid, Manius Tiberius, dass ich dein exzellentes Plädoyer durch mein vielleicht besseres Geständnis zunichte gemacht habe. Sicher, du stehst auf verlorenem Posten da und hast keine andere Möglichkeit, als mich wahnsinnig zu nennen. Aber in Anbetracht meiner klaren Worte und vor allem meiner Leistungen..."
, begann ich wutentbrannt.
"Wie konnte es Dir da im Traum einfallen, mich als unzurechnungsfähig hinzustellen? Sollte man mich hinrichten - und ich hege daran keinen Zweifel - so möchte ich mit klarem Verstand sterben und ganz Rom wissen lassen..."
Ich wandte mich nun zu den Rängen der Zuschauer.
"...dass ich, Decimus Pompeius, genannt Strabo, im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte bin und dies auch in Hispania war.
Noch einmal will ich Reue beteuern. Ich habe im Carcer viel Zeit gehabt, nachzudenken. Ich habe mehrere Menschenleben auf dem Gewissen, ich habe gegen die kaiserliche Ordnung rebelliert. Und noch viel schlimmer, ich habe gebrandschatzt, anstatt mitzuhelfen, den Proconsul Agrippa abzusetzen, der für all die Jahre Misswirtschaft in Hispania verantwortlich zu machen ist. Als jemand, der von sich behaupten kann, diesen Mann zu kennen, klage ich ihn hiermit der Selbstbereicherung, der Misswirtschaft und vor allem unzumutbarer Zustände in der Verwaltung an."
Nachdem ich wieder Platz genommen hatte, ließ ich meinen Blick durch den Saal schweifen. Dabei streifte er auch kurz den meines Verteidigers. Ganz kurz zwinkerte ich ihm zu und tat dann wieder teilnahmslos. Vielleicht konnte er aus meiner Vorlage etwas machen. Wenn sich der Angeklagte selbst verteidigt und beteuert, nicht wahnsinnig zu sein, konnte der Verteidiger ja weiterhin vom Gegenteil überzeugt sein.