Menas

Es war also soweit. Orsabaris, die
cubicularia hatte zwar keinen blassen Schimmer, was sie zu tun hatte, doch sie war so geistesgenwärtig an die Türe zu laufen, diese aufzureißen und nach draussen zu brüllen, dass das Kind unterwegs war. Dann kehrte sie in das Zimmer wieder zurück, lief einmal zu ihrer Herrin, dann wieder zu einem Korb, nicht wissend was sie mit diesem wollte, dann wieder zur Herrin, ehe sie in ihrer Panik von dem nächsten eintretenden Sklaven unterbrochen wurde.
Es war Silanus, der
vestispicus 
. Er hatte sich zufällig gerade auf dem Gang befunden und er betrat umgehend das Zimmer um zu sehen, ob er helfen könnte. Orsabaris schien Hilfe gebrauchen zu können, sonst hätte sie nicht so panikhaft von einem Kind geschrien.
"Ist es soweit?" fragte nun auch Silanus, die Herrin nickte indess stumm, sie schien genau zu wissen, was nun kommen würde.
"Ich hol schnell den Leibarzt des Senators."
Er hatte die Worte kaum gesprochen, als er auch schon wieder verschwand.

Iotape betrat als nächste den Raum, begriff instinktiv was zu tun war, gab Orsabaris zu verstehen, dass sie heißes Wasser, Tücher und eine Wanne bräuchte und auch die Windeln solle sie gleich bringen. Orsabaris widersprach nicht, sondern tat, was Iotape forderte. Was Schwangerschaften betraf, hatte Iotape mehr Erfahrung. Sie hatte einmal in einem Haushalt gedient, in welchem sie vier Geburten hatte beiwohnen dürfen.
Zum Glück der Schwangeren fehlte nur noch der Arzt.
Und dieser trat wenig später ein ...
"Dann wollen wir mal ..."
Tiberius Decimus Optatus
Die ersten Geräusche, welche der kleine Decimus von sich gab, waren die eines heulenden Säuglings.
OUIN! OUIN! OUIN!
Zu fremd erschien ihm noch die Welt, welche sich ihm gerade eben eröffnet hatte. Wem konnte er in dieser Welt trauen? Und warum war es plötzlich so kalt? Wo war seine Mutter und was hatte dieser fremde Mann mit ihm zu tun, welcher ihn für einen kurzen Moment in die Höhe hob, sein Geschlecht kontrollierte, seinen Kopf und seinen Brustkorb abtastete? Er wollte zu seiner Mutter zurück. Und so sehr er darum bat, man schien ihn nicht zu hören. Was blieb ihm also anderes übrig als zu Heulen? Und dies tat er mit seiner ganzen Kraft. Er konnte nicht wissen, dass die Erwachsenen darin ein gute Omen sahen.
Maximus Decimus Meridius
Meridius war von einem Sklaven so schnell es ging benachrichtigt worden. Unruhig ging er vor dem cubiculum seiner Gemahlin auf und ab. Für ihn war es die erste Geburt, als Vater. Auch wenn er mit Maximian schon einen Sohn hatte. Doch war er bei dessen Geburt nicht anwesend gewesen. Hin und wieder öffnete sich die Türe und ein Sklave trat heraus um etwas zu holen. Meridius warf dann einen Blick nach innen um etwas erkennen zu können. Doch konnte er nicht allzuviel erspähen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig als abzuwarten, bis man ihn hereinrufen würde. Bei den Göttern, wenn nur alles gut ging. Wenn das Kind nur gesund zur Welt kam. Ob es ein Mädchen oder ein Junge werden würde? Und hoffentlich überstand Iulia die Geburt. Er wusste, wie schwer Geburten sein konnten und er wusste, dass nicht selten Mütter bei der selbigen verstarben. Iulia musste überleben. Seine Hand ballte sich zu einer Faust, doch nicht lange.
Schon ertönten von innen die ersten Geräusche des Kindes, und die Sklaven lachten und freuten sich, die Türe öffnete sich und eine Sklavin streckte ihren Kopf heraus. Es sei ein Sohn, er sei gesund, der Senator möge eintreten. Meridius ließ sich nicht zweimal bitten und trat ein. Seine Schritte waren schwerer als damals auf dem Triumphzug. Seine Brust war stolzgeschwellt. Seine Augen suchten das Bett seiner Geliebten und Gemahlin, erkannten eine erschöpfte Frau, welche schweißgebadet in ihrem Kissen lag und lächelte. Und dort war er. Der kleine Decimus.
Eine Amme wusch ihn gerade, wie es Tradition war, in einer Wanne und reinigte seinen Körper. Dann trocknete sie ihn ab, nahm ihn behutsam in ihre Arme und schritt mit dem Säugling im Arm auf ihn zu. Kurz vor dem Senator blieb sie stehen, ging in die Knie und legte das Kind auf dem Steinboden ab. Es war an Meridius ihn als seinen Sohn anzuerkennen und von dem Boden aufzuheben. Sein Blick ging für einen Moment zu Iulia, dann zu dem kleinen Knaben am Boden und ohne lange zu überlegen, beugte er sich nach vorne. Tiberius Decimus Optatus. So wollte er ihn nennen. Diesen Namen hatte er sich zurecht gelegt für den Fall der Fälle, dass es ein Sohn werden würde. Iulia hatte darauf bestanden, dass er Optatus heißen sollte.
"Dies ist mein Sohn!"
sprach Meridius, als er ihn hochhob und in den Himmel streckte.
Menas
Der Senator hatte den Knaben durch das liberum suscipti - also das Aufnehmen vom Boden - als seinen Sohn anerkannt und das Kind legitimiert. Gleich in Anschluss daran, wurde der junge Decimus von einer Sklavin entgegen genommen, in weiße Windeln gewickelt und mit Blumen geschmückt. Dann betete man ihn zur Ruhe.
Die Herrin indess lag immer noch erschöpft in ihrem Bett. Die Sklavinnen der Hausherrin kümmerten sich rührend um sie und auch der Senator sah immer wieder nach ihr, wurde jedoch meist von der energischen Dinerschaft nach draussen gescheucht. Die Herrin brauche ihre Ruhe hatte der medicus personalis gesagt und der Senator fügte sich, wenn auch widerwillig.
Das Kind selbst war in den ersten Tagen Gegenstand zahlreicher Gesten und Handlungen geworden, die ein übles Schicksal von ihm abwenden sollten. So fand am neunten Tag nach der Geburt die lustratio statt, in welcher das Kind gereinigt wurde. Man rief die parzen an und opferte ihnen. Und der Senator gab dem Knaben einen Vornamen. Tiberius Decimus Optatus wie der Junge ab sofort hieß, erhielt darüber hinaus die bulla aurea als Zeichen seiner freien Geburt und als Schutz vor schlechten Dingen.
Die restliche Familie wurde indess noch nicht benachrichtigt. Der Senator selbst war noch zu sehr in Sorge um seine Gemahlin, welcher es nicht besonders gut ging. Und er wollte sicher gehen, dass die Verwandtschaft nicht zu einer Trauerfeier anreiste
...
Maximus Decimus Meridius
In den folgenden Tagen verließ der Senator das Haus nicht. Unruhig ging er auf und ab, sah nach seiner Gemahlin, saß an ihrem Bett, strich ihr behutsam durch das Haar und hielt ihr die Hand. Es ging ihr nicht gut. Der medicus personalis verschrieb einige Rezepturen, mischte Salben und tat sein Bestes. Für einen Moment war Meridius gar versucht, nach seinem Cousin Mattiacus schicken zu lassen. Doch kannte sich dieser kaum mehr in diesen Gebieten aus, als der medicus, welcher als gebürtiger Grieche, sich schon seit Jahren mit der Medizin beschäftigte. Mattiacus war ein Allroundtalent. Vielseitig gesegnet. Arzt, Jurist und eines Tages sicher auch Senator. Doch in diesem speziellen Fall vertraute Meridius lieber auf einen wahrhaften Experten auf seinem Gebiet.
"Es wird alles wieder gut!"
flüsterte er Iulia zu, gab ihr einen Kuss auf die heiße Stirn, strich ihr dann eine Strähne aus dem Gesicht, sah in ihre fiebrigen Augen und betete zu den Ahnen, dass es auch so sein würde, wie er sagte. Iulia musste ihm erhalten bleiben. Schon alleine wegen seiner beiden Söhne. Hatte er nicht ein halbes Leben auf sie warten müssen? Er wollte sie für den Rest seines Lebens nun auch behalten.
"Es wird alles wieder gut ..."
Maximus Decimus Meridius
So schnell wurde es doch nicht gut. Iulia lag immer noch zu Bett, auch wenn der medicus meinte, dass das Schlimmste überstanden sei. "Sie kommt bald wieder auf die Beine, mein Herr!" meinte er und Meridius mochte ihm nur allzugerne glauben. Der kleines Decimus indess kam in ein Alter in, welchem es angebracht war, der Familie Bescheid zu geben, zumal sich auch das Jahr dem Ende neigte und das neue Jahr begann. Er gab also seinem Schreiber den Auftrag, in seinem Namen allen in der Familien die frohe Nachricht umgehend zukommen zu lassen.
An den Januar-Kalenden verbrachte der Senator eine gute Zeit am Altar des Gutshauses. Er opferte zuerst den Laren, den Penaten und Ahnen, schließlich auch Iupter, Iuno und Minerva und dem Gott Ianus. Auch Mars wurde bedacht, um den Truppen im Osten einen siegreichen Feldzug zu schenken, sowie Ceres, damit die Getreidefelder und Weinberge des Senators auch in diesem Jahr ihre Frucht bringen würden.
"Bonum annum novum faustum felicem!", schallte es durch das ganze Haus. Meridius hoffte, dass es ein gute Jahr werden würde. Vor allem für Iulia, dann für seinen Kleinen, für Maximian, die Familie, die entfernten Verwandten und natürlich den Kaiser.
MARS
Mars kam seinen Opferanteil erst etwas später abholen, da er die Ianuar-Kalenden bei seiner Mutter verbracht hatte, entweder weil oder obwohl sie Migräne hatte. So genau wusste er das nicht mehr; er war selber noch etwas müde...
Maximus Decimus Meridius
Nach dem
Todesfall in der Familie, ließ Meridius so schnell als möglich Gattin und den neu geborenen Sohn nach Rom zurück holen. So brachen an einem frühen Morgen mehrere gefederte und gut gespolsterte Wagen mit einer starken Eskorte auf und brachten die Familie wenig später in der Casa Decima in Rom wieder zusammen ...
Auf dem Landgut verblieben einige wenige Sklaven und eine Anweisung an den Ianitor.