Aquilia Flavia Agrippina
Die Pforte des Atrium Vestae.
Marcus Aurelius Corvinus
Neuerlich hatte ich mich mit Pyrrus im Schlepp zum
atrium vestae begeben. Die Stufen kamen mir inzwischen allzu bekannt vor. Weißer Marmor strahlte aus jeder Ecke, und wo er nicht ganz so hell strahlte, wurde bereits gekehrt oder gewischt. Ein leichtes Lüftchen trieb einige Blütenblätter vor sich her und an mir und meinem
scriba vorüber.
"Soll ich mal fragen gehen?" wollte Pyrrus wissen. Ich nickte lediglich, woraufhin sich der Schreiberling trollte.
"Halloooo?" rief er. Seine Stimme hallte vom Marmor wider. Die Tafel in seiner Hand wurde fortwährend gedreht. War er etwa nervös? Amüsiert hob ich eine Braue und schloss alsbald zu ihm auf. Endlich bemerkte uns jemand.
"Salve!" rief Pyrrus schon, als die Gestalt sich näherte.
"Dies ist der decemvir litibus iucandis
Marcus Aurelius Corvinus. Er würde gern prüfen, ob diese Personen ein Testament hinterlassen haben." Pyrrus reichte die Tafel.
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Didia Veronia
Marcus Iulius Clemens
Lucius Sabbatius Sebastianus
Nero Iunius Serenus
Appius Decimus Sicca
Caius Didius Octavianus
Decimus Pompeius Strabo
Aegimus Castor
Tiberius Antonius Marius
Caius Claudius Cunctator
Marcus Tiberius Gracchus
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Aquilia Flavia Agrippina
Ich hörte jemanden vor der Türe laut rufen und wollte deshalb Lydia den Befehl geben, öffnen zu gehen. Doch sie war nirgends zu finden. Deshalb begab ich mich wohl oder übel selber zur Pforte. Nachdem mir Corvinus sein Anliegen dargelegt hatte, sagte ich: Einen Moment bitte, ich werde gleich nachsehen.
Nach kurzer Zeit kam ich zurück.
Ich muss Euch leider enttäuschen, keiner der Genannten hinterlegte im Tempel ein Testament.
Titus Aurelius Ursus
Gefolgt von Pyrrus, dem Scriba, den Corvinus ihm zur Verfügung gestellt hatte, erklomm Ursus die Stufen zum Vestatempel. Die Unterlagen mit den Listen hatte Pyrrus unter dem Arm, wie es sich gehörte. Dabei murmelte der Scriba schon wieder unzufrieden vor sich hin. "Dieses ewige zu Fuß laufen. Wir hätten doch die Sänfte nehmen können."
Ursus drehte sich um, sein Gesichtsausdruck war unübersehbar ärgerlich. "Hör auf mit dem Gejammer. Wir sind weder alt und gebrechlich noch krank. Und gerade Dir tut so ein Fußmarsch ganz gut, wie ich feststellen muß." Der Mann war ohnehin ein Stubenhocker sondergleichen. "Und nun geh anklopfen."
Pyrrus brummelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, ging dann aber doch zur Türe und klopfte an.
Vestalin
Es dauerte ziemlich lange, ehe ein junges Mädchen öffnete, das vermutlich noch nicht einmal seine Ausbildung beendet hatte. Sie sah den Schreiber und kurz darauf den Beamten mit großen Augen an.
"Was kann ich für Dich tun?"
fragte sie dann endlich.

Vestalin
Das Mädchen nickte und nahm die Liste entgegen. Als Spross reicher Eltern beherrschte sie trotz ihrer Jugend das Lesen und Schreiben sehr gut, sodass es ihn keine Mühe machte, die Buchstaben zu entziffern. Während sie so las, schloss sie die Tür und ließ den Magistraten mit seinem Schreiber draußen stehen...

Titus Aurelius Ursus
Ziemlich schweigsam, das Mädchen, kein Gruß, kein nichts. Sie mußte wirklich außergewöhnlich schüchtern sein. Warum man gerade sie für den Dienst an der Tür eingeteilt hatte?
Es war schon ein etwas eigenartiges Gefühl, hier einfach vor der Tür auf den Stufen warten zu müssen. Und so ging Ursus ein paar Schritte hin und her, während er darauf wartete, daß sich die Tür wieder öffnete. Pyrrus hingegen hatte sich auf den Stufen niedergelassen. Der ging wirklich keinen einzigen Schritt mehr, als er unbedingt mußte. Aber wenigstens murrte er nicht mehr und das war auch schon viel wert, wie Ursus fand.
Vestalin
Endlich öffnete die Tür sich und eine ältere, aber durchaus elegante Vestalin sah dem jungen Magistraten entgegen. In ihrer Hand hielt sie eine Schriftrolle.
"Gib gut darauf Acht!"
meinte sie nur und überreichte sie an Ursus. Dann sah sie ihn an, ob er noch etwas sagen wolle.
Titus Aurelius Ursus
"Salve", grüßte Ursus aufs Neue, als dieses mal eine ältere Vestalin öffnete, weiterhin und unbeirrbar freundlich. Als sie ihm eine Schriftrolle übergab, nahm er diese respektvoll entgegen. "Selbstverständlich werde ich gut darauf acht geben." Immerhin wurden die Testamente ja hier hinterlegt, damit eines Tages ein Decemvir kam und den letzten Willen des Verstorbenen ausführte. Nichts anderes hatte Ursus mit der Urkunde vor. "Ich danke Dir und wünsche noch einen schönen Tag. - Bis zum nächsten mal." Denn er war garantiert nicht zum letzten mal hier gewesen.
Er winkte Pyrrhus, ihm zu folgen, und stieg die Stufen des Tempels hinunter, um sich wieder auf den Heimweg zu machen.
Titus Aurelius Ursus
Es waren nur wenige Tage vergangen, seit Ursus das letzte mal hier gewesen war. Doch es hatte schon wieder so viele Sterbefälle gegeben, daß er sich doch lieber gleich darum kümmerte, bevor sich zu viel ansammelte.
So erklomm er an diesem sehr kalten Tag zusammen mit seinem Scriba die Stufen zum Tempel und ließ ihn anklopfen, um wieder einer der ehrenwerten Vestalinnen eine neue Liste mit den Namen kürzlicher Verstorbener zu übergeben, damit sie nachschauen möge, ob einer von ihnen ein Testament hinterlegt hatte.
Vestalin
Diesmal öffnete eine ältere, recht hässliche Dame, die ganz offensichtlich mindestens Virgo Vestalis Aeterna war - wenn sie nicht nur noch hier war, weil sie keiner mehr heiraten wollte. Mit barscher Stimme fragte sie
"Was willst du?"
Titus Aurelius Ursus
Freundlichkeit schien den Vestalinnen wahrhaftig nicht gegeben zu sein. Oder ob das einfach eine Schutzmaßnahme war, damit sich ihnen wirklich niemand näherte? Nun, bei dieser kam gewiß niemand auf die Idee, selbst wenn sie honigsüße Worte von sich geben würde.
Unverdrossen lächelte Ursus die Alte an, überließ aber dieses mal Phyrrus, seinem
scriba, das Reden. Der versuchte gar nicht erst zu lächeln, vermutlich konnte er so etwas überhaupt nicht, blieb aber zumindest höflich.
"Salve. Dies hier ist Titus Aurelius Ursus, amtierender decemvir litibus iudicandis und er hätte gerne Auskunft darüber, ob einer der Verstorbenen dieser Liste ein Testament hinterlegt hat." Er reichte ihr die aktuelle Verstorbenenliste.
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Marcus Helius
Marcus Didianus Gabriel
Tiberia Livia
Helvetia Calvina
Appius Annaeus Accianus
Lucius Atius Nepos
Titus Flavius Milo
Faustus Furius Corvus
Iunia Maecia
Titus Helvetius Gabor
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Vestalin
Die Alte packte die Liste und schloss einfach wieder die Tür, dass es knallte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, ehe sie zurückkehrte und sich die Tür wieder öffnete.
Sie schüttelte nur den Kopf.
"Keine Testamente hinterlegt. Vale!"
Dann schlug sie die Tür wieder zu und die beiden Beamten standen allein da.
Titus Aurelius Ursus
Nicht nur Phyrrus, sondern auch Ursus zuckte zusammen, als die Tür mit Schwung zugeknallt wurde. Ob sie die Vestalinnen bei etwas wichtigem gestört hatten? Essenszeit war jedenfalls nicht. Merkwürdig das alles. Und dann dieses Warten. Ewig. Das Zuschmeißen der Tür hatte der Alten wohl alle Energie abverlangt, derer sie fähig gewesen war. Oder litt sie an dieser Krankheit der alten Leute, bei der sie von einem Moment auf andere alles vergaßen? Beim letzten mal jedenfalls hatte es nicht so lange gedauert.
Ursus war schon versucht, den scriba abermals klopfen zu lassen, als die Tür sich dann doch wieder öffnete. Und nach einer kurzen Antwort wieder zuknallte. "Vale. Und danke für die Mühe und die freundliche Antwort", sagte Ursus unverdrossen zur geschlossenen Tür.
Dann lachte er. Das war jedenfalls besser, als sich zu ärgern. "Na, wenigstens können wir jetzt weitermachen. - Sehen wir zu, daß wir die Aufstellungen der Besitztümer bekommen."
Ohne das mißmutige Brummeln des scribas zu beachten, schritt er die Stufen des Tempels herab und betrat die Straße.
Titus Aurelius Ursus
Wieder einmal war Ursus auf dem Weg zum Vestatempel. Gestorben wurde halt immer und es war schon wieder eine ganze Liste zusammen gekommen. Heute hatte Ursus seinen neuen scriba dabei. Und Cincinnatus war eine um Klassen angenehmere Gesellschaft als Phyrrus.
"Bin gespannt, ob heute wieder ein stummes, verschüchtertes Mädchen aufmacht oder diese unfreundliche alte Frau vom letzten mal. Wie sieht es aus, möchtest Du klopfen? Hast Du die Liste parat?" Er blickte sich zu Cincinnatus um und grinste ihn ein wenig verschmitzt an. Er selbst hatte die Reaktionen der Vestalinnen etwas befremdlich gefunden. Doch natürlich war das alles kein Grund, selbst unhöflich zu werden.
Gnaeus Iulius Cincinnatus
Cincinnatus stand also mit dem Vigintivir vor dem Tempel der Vesta. Sofort spangen ihm wieder Erinnerungen aus den Schriften, die er in Griechenland studiert hatte, in den Kopf. In diesem Tempel war das heilige Feuer der Vesta aufbewahrt. Er wollte gerade seine Überlegungen weiterspinnen, doch dafür blieb keine Zeit, wie Cincinnatus merkte, als dieser von Ursus aus Griecheland wieder zurück vor das große Gebäude brachte.
Achso.. Äh. Ja, die Liste. Moment.
Er suchte anfangs noch etwas verwirrend, dann aber doch konzentrierter die Liste der Verstorbenen. Der Tempel der Vestalinnen hinterließ durchaus einen bleibenden Eindruck. Und das sollte er vermutlich auch. Dann fand er sie schließlich und warf einen Kontrollblick drauf. Man wolle doch vermeiden, eine Verwechslung oder gar eine veraltete Liste vorzubringen.
Ok, Cincinnatus hatte die richtige Liste bei. Er war zwar ab und zu etwas vergesslich, doch wie es bei jedem so ist, gibt man sich am Anfang durchaus mehr Mühe, als wenn man Jahre seiner Arbeit nachgeht. Nichtsdestotrotz hing es wohl oder übel an ihm, dies im Laufe der Zeit zu bestätigen oder sich dem zu widersetzen, wobei Ausnahme sprichwörtlich die Regel bestätigen.
"Die Liste ist hier. Ich werde klopfen und du übernimmst das Gespräch mit den Vestalinnen, ganz nach dem Prinzip der Arbeitsteilung.", scherzte Cincinnatus lächelnd.
Titus Aurelius Ursus
Ursus lachte. Da hatte sich sein scriba ohne Zweifel den angenehmeren Teil der Arbeit ausgesucht. "Na, dann klopf mal an. Und nicht wundern, wenn sich ewig nichts tut. Der Tempel muß innen viel weitläufiger sein, als er von außen aussieht." Oder aber die Vestalinnen hatten Freude daran, ihre Besucher ein wenig warten zu lassen. Zumindest bei der letzten, mit der Ursus zu tun gehabt hatte, war er geneigt, dies zu glauben.
Cincinnatus war von dem Tempel sichtlich beeindruckt. Ja, die Tempelbauten waren alle eine Pracht. Auch Ursus konnte sich kaum an diesen herrlichen Bauwerken sattsehen. Nur kam man ja leider in den Vestatempel nicht hinein. Drinnen war er sicherlich nicht weniger prächtig als außen.
Gnaeus Iulius Cincinnatus
Cincinnatus klopfte. Ursus schaute auf einmal sehr misstrauisch zu ihm herüber, als würde er in Gedanken sagen: "Als ob das jemand gehört hat."
Aber beide schwiegen, und Cincinnatus machte sich daran, erneut zu klopfen, diesmal lauter als zuvor. Das müsste man gehört haben. In jedem Fall.
...
Was nun? Er schaute erwartungsvoll zu Ursus rüber. Aber nichts geschah. Ursus hatte wohl recht, oder aber Cincinnatus war einfach zu ungeduldig. Dabei galt Geduld doch als virtus.
Vestalin
Eine Vestalin öffnete - die gleiche Alte, wie beim letzten Besuch. Mürrisch blickte sie die jungen Herren an.
"Was wollt ihr? Testamente?"
Sie schien sich an Ursus zu erinnern.