Das Schicksal nimmt seinen Lauf ...

Sibylle
Die Priesterin nickt aufmunternd, dass Tilla die Tafel ruhig öffnen könne. Das Mädchen vor ihr tut ihr etwas leid, doch so ist das mit der Wahrheit. Sie lässt sich nicht leugnen, nicht biegen und nicht aufblähen. Die Frage der Sklavin ist beantwortet wie jede andere Frage, die der Sibylle gestellt wurde, mit der Wahrheit.

Schon viele Menschen hat die alte Frau von diesem Ort fort gehen sehen. Die wenigsten haben ihre Antwort nach dem ersten Lesen verstanden. Der Großteil von ihnen hat sie vermutlich niemals verstanden. Dennoch gingen viele mit einem Aufleuchten in den Augen, denn sie glaubten genau die Antwort erhalten zu haben, die sie hören wollten. Auch keine Antwort ist eine Antwort, doch der Interpretationsspielraum ist viel geringer.
Tilla Romania
Ein aufmunterndes Nicken. Die alte Frau sprach keine weiteren Worte. Langsam senkte Tilla ihren Blick zur Tafel hinunter, öffnete sie stückweise und hielt beim Anblick der leeren Schreibfläche den Atem an. Keine Antwort? Kein Schicksal? Tilla atmete aus und blinzelte mit den Augen: sie träumte diesen Anblick sicher nicht. Die Fläche auf der Tafel war vollkommen leer. Ihre Zeichnungen der Delphine und Haie, Stute Luna und die Münzen befanden sich auch nicht mehr darauf. Einfach nur leer, ganz und gar eine leere Fläche.

Die Tafel rutschte aus ihren Händen, aber Tilla fing sie wieder auf, bevor sie den Boden erreichen und in viele Teile zerbrechen konnte. Nach der ersten Überraschung blickte sie Aurelia Prisca aus ihren dunklen Augen, sich ganz durcheinander fühlend, an. Und nun? Die Frau hatte den Weihrauch bekommen und keine Antwort mitgebracht. Keine Antwort auch eine Antwort? fragte sie sich selbst und die anderen beiden Frauen mit einem lautlosen Flüstern. Eine Träne perlte über ihre Wange hinunter bis zum Kinn, wo sie hängenblieb und sich ganz langsam daran machte der Schwerkraft nachzugeben, um irgendwann auf Tillas Tunika zu tropfen. Es war kein schönes Gefühl so in der Luft zu hängen, zu schweben zwischen Nichts und Sein, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Fallen und Platzen, zwischen Überraschung und Ernüchterung.
Aurelia Prisca
Endlich macht sie die Tafel auf!, dachte sich Prisca voller Spannung und Ungeduld. Auf das aufmunternde Nicken der Priesterin hin, öffnete Tilla ganz langsam die Tafel. Und… was steht jetzt da? Prisca stand nun direkt neben ihrer Sklavin und hielt beim Anblick der leeren Schreibfläche den Atem an. Keine Antwort? Kein Schicksal? In dieser Sekunde glichen die Reaktionen und Gedanken beider Frauen sich wie ein Ei dem Anderen. Lediglich Prisca war es, die zuerst wieder durchatmete als sie spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Kein Schicksal? Gab es das? Jeder Mensch hatte doch ein Schicksal! Oder hatten Sklaven kein Schicksal, weil sie eben keine …

Prisca wollte nicht weiter darüber nachdenken, sie wusste auch keine Antwort. Die Geschichte um das Amulett war eben nur ein Hirngespinst. Eine Lügengeschichte so wie es die Bibliothekare damals in Athen gesagt hatten. Trotzdem - Prisca war enttäuscht, sehr enttäuscht. Aber nicht, weil sie letztendlich ihre Zeit mit einer Sklavin verschwendet hatte, sondern weil ihr das Mädchen leid tat. Da stand Tilla nun mit einer leeren Tafel in den Händen und wirkte so traurig und verlassen. Prisca bemerkte die Träne, die sich eben aus Tillas Augen stahl, um über ihr zartes Gesicht zu wandern und …

… in dem Moment hob sie ihre Hand , strich sanft über die Wange des Mädchens und fing diese Träne auf bevor sie irgendwann auf Tillas Tunika getropft wäre. Hatte sie mit dieser Geste am ende das Schicksal schon wieder verändert? Es lag Jahre zurück, dass Prisca eine Sklavin so innig berührt hatte und eigentlich hatte sie sich geschworen es niemals wieder zu tun. Aber was brachten solche Gedanken, wenn am Ende nur eine leere Tafel übrig bliebe?

"Komm jetzt Tilla! Wir haben noch einiges zu erledigen!", forderte Prisca schließlich ihre Sklavin mit warmer Stimme auf ihr zu folgen und nickte der Priesterin zum Abschied zu. War es das Schicksal, das sie heute hierher geführt hatte, oder war es nur reiner Zufall gewesen? "…nur die Götter allein wissen, warum sie dir diesen Blick auf dein Schicksal verwehren, Tilla. …"Mit diesen Worten drehte Prisca sich um und verlies gemeinsam ihrer Sklavin die heilige Stätte wieder . Trost konnten sie wohl beide nicht finden. Doch dieser Augenblick würde vorüber gehen und wer wusste schon wohin sie der Weg und das Schicksal noch führen würde ...
Tilla Romania
Sie starrte an der alten Frau vorbei ins Leere und hielt die Tafel an ihre Brust gedrückt fest. Die Träne fiel nicht auf Tillas Tunika hinunter, denn sie wurde aufgefangen von einer warmen Hand die zudem ihre Wange berührte und streichelte. Eine lang vermisste Erinnerung stieg in ihr auf. Sie kannte lediglich die Hand der alten weisshaarigen Frau, die sie damals getröstet hatte. Tilla neigte aus dem Impuls der Erinnerung heraus ihren Kopf dieser warme Hand entgegen und genoß mit nun geschlossenen Augen diese Berührung auf der Wange. Sie dauerte nicht lang, aber es war gut diese Berührung zu spüren. Für Tilla schien die Zeit stehen zu bleiben, so kam es ihr jedenfalls vor. Bleib da... bei mir. bettelte sie in Gedanken.

"Komm jetzt Tilla! Wir haben noch einiges zu erledigen! Nur die Götter allein wissen, warum sie dir diesen Blick auf dein Schicksal verwehren, Tilla." Priscas Stimme zerriss den für Tilla so kostbaren Moment. Das stumme Mädchen öffnete die Augen und hob die eigene Hand, um sich selbst an der Wange zu berühren. Was für eine Geste! Sie verabschiedete sich mit einem Knicks von der alten Frau und wanderte Prisca hinterher. Auf dem Weg zurück ins warme Sonnenlicht verdrückte Tilla überwältigt von den Erinnerungen und Gefühlen noch die eine oder andere Träne, wischte sie allesamt vom Gesicht. Den Tränenstein verstaute sie zurück an seinen Platz unter dem Tunikakragen. Entgegen aller Gewohnheiten drehte sie sich mitten im Ein-Ausgang zwischen den Säulen stehend um und winkte der alten Frau. Bestimmt hatte die alte Frau, die aus dieser Entfernung kaum noch richtig zu erkennen war, ihr Bestes gegeben. Tilla drehte sich um und folgte Prisca die Treppe hinunter. Der Weg war vor dem Besuch des Orakels schon angekündigt worden... es sollte noch der Markt besucht werden. Tilla seufzte bedrückt auf und kuschelte sich tief in ihren Umhang hinein.