Schnell hatten sich die Ränge gefüllt und Marcus vernahm das Stimmenmeer um sich herum, die vielen Zuschauer, die gespannt dem entgegen harrten, was heute auf den Brettern zum Besten gegeben werden würde; noch vor einigen Herzschlägen hatte Marcus diese Vorfreude nicht geteilt, denn es gab für ihn kaum etwas öderes als einer der alten Schinken aus Griechenland, die immer wieder aufgeführt wurden, ganz besonders mit den ollen Kamellen und den trantütigen Tragödien konnte er nichts anfangen, waren sie dann auch noch auf Griechisch, war es am Schlimmsten, denn dann verstand Marcus nur die Hälfte von dem, was vorne gesagt wurde. Deutlich erhellte sich deswegen der Ausdruck auf Marcus' Gesicht als er hörte, daß es ein Stück für das Volk werden würde – und wer vermochte sich beßer in das
Volk hinein zu versetzen als Marcus, der viele ihrer Schwächen und ihrer Vorlieben teilte, insbesondere für die leichte und unkomplizierte Materie einer Komödie? – Marcus lächelte selig, denn dann war die Chance, sich zu blamieren noch etwas geringer, wenn es eine zünftige Komödie war, schlief er womöglich nicht während der Vorstellung ein, er wollte ja auch seinen Vetter nicht in Verlegenheit bringen, indem er in dessen Theaterstück die Bretter mit seinem Geschnarche zu zersägen gedachte, dabei hatte Marcus genug andere Gewohnheiten, die die Schamesröte in Gracchus' Gesicht treiben könnten; oh, hoffentlich hatte Gracchus nicht darauf bestanden, daß die Komödie in griechischer Sprache verfaßt war!
„Sehr gut! Ein wenig Erheiterung paßt vortrefflich für den heutigen Tag!“
, sprach er und griff schon nach den Oliven, um eine Handvoll davon zu eßen; erst, als er diese herunter geschluckt hatte, konnte er auch angemeßen Antonia antworten. Er lächelte ihr freundlich zu; ja, die Claudiae hatten alle wirklich ein schönes Äußeres, aber allesamt leider auch den Hang, etwas zu dünn zu sein – für Marcus' Geschmack -, sowohl Epicharis, als auch Antonia könnten noch ein paar Pfund zulegen, was ihnen bestimmt gut stehen würde.
„Um nichts in der Welt hätte ich die Aufführung heute verpaßt, so ein Kratzer am Bein hält mich da nicht auf!“
Marcus wollte noch etwas weiteres sagen, doch schon verstummte es neben ihm und er bekam – unverschämterweise – von dem griechischen Sklaven einen Wink, in dem dieser ihn in die Seite stubste; Marcus sah den Sklaven indigniert an, der jedoch schon gebannt nach vorne schaute, so folgte Marcus dem Blick von tausenden Zuschauern, schob sich dabei ein paar Früchte in den Mund und lauschte gespannt dem, was jener Mann zur Einleitung von sich gab. Kauend vernahm er die Worte, die zwar im Reim geschrieben waren, aber für ihn dennoch deutlich und verständlich war, vergnügt lächelte Marcus und lehnte sich etwas zurück, wobei ihm unangenehm ein Fuß in den Rücken stieß; Marcus grummelte leise und lehnte sich wieder vor. Schon begann der erste Akt, Marcus, immer noch den Weinbecher in der Hand, ließ sich nicht von dem pikierten Blick seines Sklaven stören und trank einen tiefen Schluck und während er mit wachsendem Interesse dem Stück folgte, aß er – natürlich auch ab und an leise raschelnd! - ungeniert aus dem Behältnis mit Oliven. Immer mal wieder beugte sich Marcus vor, zu seinem Vetter, und konnte sich leise Kommentare nicht verkneifen, aber Marcus war schon von je her ein Mann gewesen, der auch wirklich an den Theaterstücken Anteil nahm, wenn er sie mal verstand.
„Weißt Du in welchem Land das spielt, Manius?“
, fragte Marcus gleich zu Beginn.
„Ach, Athen...!“
, murmelte er schließlich.
„Das ist ein Satyr! Bestimmt!“
, meinte er, als Kresh auftrat, dabei schon wieder vergeßend, daß der Magus das am Anfang durchaus schon gesagt hatte.
„Ja, so sind die Griechen, gemeine Kerle...!“
, raunte er, als der arme Kresh in Gefahr war, sein Schlammloch zu verlieren. Marcus schüttelte den Kopf und ihm tat der arme Kresh schon Leid, selbst wenn er nicht ganz verstand, was es mit dem Schlammloch auf sich hatte, aber womöglich war das ja für einen Satyr ganz großartig. Marcus aß noch ein paar Früchte, die Oliven waren mittlerweile leer, als die zweite Szene begann; Marcus lehnte sich zurück als er erneut den Fuß an seinem Rücken spürte. Herrje, was sollte denn das immer? Marcus drehte sich nun um und sah zu dem Mann hinter sich,
Claudius Tucca.
„Verzeihung!“
, raunte Marcus brummelnd.
„Du trittst mir ständig in den Rücken, guter Mann.“
Marcus schüttelte verärgert den Kopf.
Was für Barbaren im Theater!!, dachte er sich und aß noch eine Frucht.
„Pah! So sind die Griechen! Laßen andere für sich kämpfen, typisch!“
War schon der nächste Kommentar an den armen geschundenen Gracchus. Vetterlich um die magere Gestalt seines Vetters besorgt, der wohl immer das Essen vergaß, wie sonst erklärte es sich, daß Gracchus auf die Naschereien verzichtet hatte, wahrscheinlich war er ganz nervös wegen der Vorstellung, also so besorgt hielt Marcus ihm das Behältnis mit Früchten und Nüßen hin.
„Möchtest Du?“
, flüsterte Marcus und sah dabei gespannt auf die Bühne. Marcus reckte und streckte sich als schließlich der Satyr bis zum König kam.
„Ja, hau ihm eine rein!“
, gab Marcus beifällig von sich, dabei etwas lauter als das Flüstern, was er vorher an Gracchus gerichtet hatte. Wenn es gut lief, dann würde es vielleicht noch Mord und Totschlag auf der Bühne geben, was wohl weniger zu einer Komödie paßte, aber daran dachte Marcus in dem Augenblick nicht. Doch schon war der erste Akt vorbei und Marcus spürte erneut etwas in seinem Rücken und er drehte sich, in der Pause, zu dem Mann hinter sich um.
„Guter Mann, ich wäre Dir sehr verbunden, wenn Du Deine Füße etwas woanders läßt, ja? Wäre das möglich?“
, grollte Marcus.