Marcus Caecilius Decius
Die genagelten Caligae klapperten auf dem harten Stein der römischen Straßen. Die Soldaten der I. Centurie marschierten im Gleichschritt über die Via Tiburtina, durch die Porta Viminalis. Ihr Ziel lag im Zentrum Roms, dort wo üblicherweise eins der größten Praetorianerkontingente stationiert war.
Lucius Quintilius Valerian
Valerian kannte die Straßen Roms. Schließlich war er hier aufgewachsen und hatte hier stets gelebt, bis es ihn nach Germanien verschlagen hatte. Es war eigenartig, nach zweieinhalb Jahren diese Straßen wieder zu beschreiten. Irgendwie war es, als wäre es erst gestern gewesen. Und doch wieder stellte er Veränderungen fest.
Auf jeden Fall war es ein gutes Gefühl, inmitten einer Centurie von Praetorianern zu marschieren und die teils bewundernden, teils furchtsamen Blicke der Passanten zu sehen, die natürlich eiligst aus dem Weg gegangen waren.
Darüber, daß der Kaiser nicht mal anwesend war, machte sich Valerian keine Gedanken. Hatte der Optio ihn nicht am ersten Tag noch mit großer Bestimmtheit darauf aufmerksam gemacht, daß die gesamte Familie des Kaisers geschützt werden mußte? Na, und von denen waren schließlich schon einige da. Valerian war schon sehr gespannt darauf, wer wohl so im Palast ein und aus ging. Und überhaupt den Palast mal von innen zu sehen! Als Normalsterblicher kam man da schließlich nicht rein und so war auch er noch nie drin gewesen. Bestimmt war er das reinste Labyrinth. Hoffentlich verlief er sich nicht mal darin, das wäre wirklich im höchsten Maße peinlich.
Marcus Caecilius Decius
"Laevum! Laevum! Laevum"
Der Optio gab den Marschtakt an, und die Centurie polterte über die Straßen, in Richtung Forum Romanum. Decius war sich bewusst, dass es für die Neuen sicherlich ein ganz neues Gefühl war hier in Rüstung und bewaffnet durch ROm zu marschieren - war es für Nicht-Angehörige der Stadteinheiten doch unzulässig, bewaffnet durch Rom zu rennen. So ließ er bewusst die etwas längere Route über das Forum einschlagen, denn es konnte nicht schaden dort einmal die Präsenz der Garde zu zeigen.
Die auf den Straßen gehenden Passanten machten den Soldaten eiligst Platz, denn deren Marsch behidern wollte niemand. Wer konnte schon garantieren dass man sich dann nicht unversehens im Carcer der Praetorianerfestung wieder sah?
Lucius Quintilius Valerian
Seit der Grundausbildung hatte niemand mehr den Takt angesagt und Valerian mußte sich ein Grinsen verkneifen. Praetorianer grinsten nicht, wenn sie durch die Straßen marschierten. Er dachte an den Übungsmarsch damals, als Crispus das alte Soldatenlied von dem Mädchen in Clusium angestimmt hatte. Wie würde so etwas wohl hier in Rom wirken?
Es war wirklich nicht leicht, nicht zu grinsen.
Ah, es ging über das Forum! Wie lange war Valerian hier schon nicht mehr gewesen? Er empfand es als Nabel der Welt. Alles traf sich hier und hier war es, wo alles besprochen wurde, was irgendwie von Bedeutung war. Und eigentlich auch alles, was völlig bedeutungslos war. Wie oft hatte er mit seinen Freunden dort hinten unter dem Torbogen gesessen, lachend, scherzend und über Passanten lästernd. Er war doch noch ein ziemlicher Kindskopf gewesen, damals. Wo die anderen wohl inzwischen waren? Die würden sicher Augen machen, wenn sie Valerian jetzt sehen könnten. Ob sie ihn überhaupt erkennen würden? Er hatte sich schon ziemlich verändert. Fand er zumindest.
Es war wirklich ein gutes Gefühl, in Rüstung und bewaffnet hier über den Platz zu marschieren. Eine ganze Centurie gar. Sie scheuchten einen Schwarm Tauben auf und sogar die ganz wichtigen Leute mit purpurgesäumten Togen gingen ihnen aus dem Weg.
Decima Lucilla
Was wäre ein Tag, ohne dass Lucilla sich in der Stadt vergnügt? Es ist daher kein Zufall, dass sie unterwegs ist als die Prätorianergarde in Rom einrückt. Bei Lucilla sind ihre Freundinnen Fabulla, Peducaeana und Funisulana. Natürlich springen die jungen (und nicht mehr ganz so jungen) Damen eilig bei Seite und bleiben gaffend am Straßenrand stehen als die Prätorianer an ihnen vorbei ziehen.
Peducaeana rollt vergnüglich mit den Augen. "Ah, was für ein Anblick! Die Elite Roms ist zurück in der Stadt! Für so einen Kerl würde ich meine Unschuld aufgeben!"
"Da kommen diese Jungs aber ein paar Jahre zu spät, denn von deiner Unschuld ist wohl kaum noch etwas übrig, Pedu."
"Pff, was weißt du schon, Lucilla. Du hast ja sogar den Hauptgewinn abgelehnt als er vor deiner Nase stand und dich für einen alten Senatorenlangweiler entschieden."
"Crassus ist auch nicht viel jünger als Avarus."
"Aber ein aufregender Prätorianer!"
"Mit dem Kaiser war er trotzdem nicht fort. Da, einen von denen müsste man sich schnappen." wirft Funisulana ein.
"Wisst ihr, warum das Wappentier der Prätorianer der Skorpion ist?" fragt Fabulla kichernd, woran der Rest der Damen schon erkennt, dass die Frage keine gute Antwort nehmen wird. "Wegen der spitzen Stachel, kchchch"
Lucilla dreht entnervt die Augen zum Himmel.
Funisulana beugt sich zu Lucilla herüber und flüstert leise. "Sind die Prätorianer eigentlich schon auf den neuen Kaiser eingeschworen?"
"Die aus Rom schon, soweit ich weiß." entgegnet diese ebenso leise. "Bei denen, die in Parthien waren, bin ich mir nicht sicher. Aber sie sehen nicht so aus, als wollten sie zum Palast, um ihren eigenen Kaiser auszurufen, oder?"
"Ein bisschen unheimlich sind sie ja schon. Also ich wollte keinem von denen in die Finger geraten."
"Kommt ganz darauf an, was er mit seinen Fingern anstellt."
Wieder verdreht Lucilla entnervt die Augen. Manchmal hat sie wirklich das Bedürfnis, sich ein paar neue Freundinnen zu suchen ...
Marcus Caecilius Decius
Sie überquerten das Forum Romanum, um dann auf direktem Weg gen Süden zum Palast zu gelangen. Man erwartete die Wachablösung sicherlich schon sehnsüchtig.
So kamen sie schon bald
am Palasttor an.
Lucius Quintilius Valerian
Eine Gruppe schöner Frauen fiel Valerian auf, sie schienen bewundernd auf die Praetorianer zu blicken und tuschelten und lachten miteinander. Valerian straffte unwillkürlich seine Gestalt und erlaubte sich ein kurzes Lächeln in Richtung der Frauen. Leider waren sie allzuschnell an ihnen vorbeimarschiert. Doch Valerian mußte zugeben, solche Blicke entschädigten doch für so manche Strapazen. Und vielleicht... vielleicht würde er ja einmal solch eine schöne Frau kennenlernen.
Mit derlei aufmunternden Gedanken beschäftigt, marschierte Valerian inmitten der Kameraden hinter dem Centurio her zum Kaiserpalast.