Wie immer war es bereits jetzt ziemlich warm in der Stadt. Avitus saß alleine im großen Atrium, während Archias unterwegs war, um seiner Anweisung Folge zu leisten und den Brief dem Cursus Publicus zu übergeben. Seine Gedanken drehten sich um seinen Sohn, dessen Ermordung. Stets versuchte er, sich keine Bilder auszumalen, wie der Junge irgendwo im Lazarett der Legion blutüberströmt dalag, von Schmerzen geplagt und mit Sterbensangst in den Augen. Manchmal kamen die Bilder einfach, ohne, dass er sie verdrängen konnte, ohne, dass er sich ihrer irgendwie erwehren konnte. Dann zitterten die Hände des Avitus und viele verschiedene Gefühle vermischten sich in seinem Inneren zu einem Chaos, gegen das es schwer war anzukommen.
Er stand auf und näherte sich dem Impluvium, das mit ein wenig Wasser gefüllt war. Sauberes Wasser, doch nicht tief, kaum ein Palmus. Er hockte sich neben dem Impluvium, senkte seine rechte Hand ins Wasser. Es war kühl und erfrischend. Er befeuchtete den Nacken etwas und erhob sich wieder, überlegte, das Atrium zu verlassen und in den Garten zu gehen, um dort es vielleicht leichter zu haben, die düsteren Gedanken an das Vergangene zu verdrängen. Ihn erwartete noch das Examen, welches in zwei Tagen stattfinden würde und er musste sich vorbereiten auf das Kolloquium. Doch das verschob er auf später. Das hatte noch Zeit.
Das Haus wirkte leer, so, wie er hier alleine stand. Wirklich alleine, denn selbst die Sklaven hatten sich zurückgezogen. Wie gerne hätte er es erfüllt mit Leben gesehen. Mit Stimmen spielender Kinder, mit Musik vielleicht oder Gesang oder dem Rezitieren der Werke bedeutender Schreiber vergangener Zeiten durch eine Stimme aus dem Garten. Die Stimme einer Frau vielleicht. Oder die eines heranwachsenden Kindes. All das war ihm bisher nicht vergönnt gewesen, all das hatte er zugunsten seiner Laufbahn beim Militär Roms hintenanstellen müssen. Er bereute nicht, sich für's Militär entschieden zu haben. Schließlich hatte er einen Sohn. Doch nun, nachdem Severus tot, seine Mutter von ihm getrennt und Avitus alleine vor den Scherben dessen stand, was einmal sein Privatleben war - so bescheiden und zweitrangig es auch war - erkannte er, dass ihm im Grunde nichts anderes übrig blieb, als weiterzumachen. Von vorne anzufangen. Er war jung. Ein junger Vater war er gewesen, ein sehr junger Centurio und einer der jüngsten Primipili im Imperium. Noch hatte er die Möglichkeit, von vorne anzufangen. An Geld mangelte es ihm nicht. An Lebenskraft nicht minder. Tief atmete der Artorier durch und blickte durch die Öffnung im Atrium, durch die ein Sonnenstrahl hereinschien und teils aufs Wasser fiel. Ein schönes Bild. Ein schönes Haus. Ein schöner Traum. Etwas, wovon es sich lohnte, zu träumen, wofür es sich lohnte, weiterzumachen.
Ende