Asny
Es scheuert.
„Wenn es scheuert ist es nicht fest genug gebunden.“
Klar, bind’s fester und schnür‘ dir flott das Blut ab.
„Es ist nicht optimal. Grauenhaft.“
Inmitten der frühlingshaften Kolossstadt Rom herrschte eine kleine, aber ordentlich abgegrenzte Blase grauenhafter Inoptimalität. Für die Allgemeinheit ebenso unsichtbar, wie die Allgemeinheit in diesem Augenblick unsichtbar innerhalb der Grenzen dieser Blase war. In jener abgesicherten Zone prüfte die Alleinherrscherin mit nach außen hin wie gewohnt nicht klar zu deutenden Gesichtszügen den Sitz ihrer aus Eigenproduktion stammenden Fußgelenkgewichte, bestehend aus einer erlesenen Auswahl flussströmungsgeglätteter Buntkiesel, mehrerer Lagen unterschiedlicher Stoffe und fixiert mit dünnen Lederbändern. Ihren gewichtigen Gegenpart fanden diese Konstruktionen an den Handgelenken und an genau diesem auf den ersten Blick unschuldigen Ort lauerte der Corpus delicti. Sie saßen zu locker. Die alteingesessene Stoffverbindung hatte dem stetigen und rücksichtslosen Nagen des Zahns der Zeit nicht standhalten können und ernüchtert wie fädenziehend die Waffen gestreckt. Das ‚optimal‘ war für’s Erste dahin und einem verlotterten ‚semi-optimal‘ gewichen, das Asnys gesammelten Unmut auf sich spüren konnte, dadurch aber keinen Deut besser wurde.
Mit Asnys Laune sah es ähnlich aus, schließlich hatten ihr die fädenspinnenden Schicksalsgöttinnen mitten in ihrem Konditions- und Aufwärmungstraining, das sie so kreuz wie quer durch den Villengarten führte, böse in die fein angerichtete Suppe gespuckt. Unterbrechungen dieser Art brachten die Sklavin aus ihren gründlich geschmiedeten Plänen und stahlen ihr wertvolle Zeit. Würde sie nicht während der Reparaturarbeiten gleichzeitig noch griechische Verben konjugieren und die römischen Provinzen aufzählen, befände sich innerhalb der verschlossenen Blase ein Zustand reinster Zeitverschwendung. Da sie diese und andere geistige Übungen ansonsten aber während ihres täglichen Laufs und diverser Dehnungs- und Sprungakrobatik durchführte, glaubte ihr Ehrgeiz förmlich zu sehen, wie die Elastizität aus ihren Muskeln schwand. Wenn sie nicht höllisch aufpasste, gehörte sie alsbald der trägen, antriebslosen, grauen, strunzdummen Masse aller Sklaven an, eine Vorstellung, die gleich noch einen fruchtigen griechischen Fluch in der Mitte der konjugierten Verben einschlagen ließ, den sie höchstwahrscheinlich irgendwann einmal von Milios gehört und für Fälle wie diesen memoriert und aufgespart hatte. Wenngleich die weite Welt vermutlich auch diesen Teil ihres Wesens niemals würde miterleben dürfen und ihre Schwester kein Griechisch verstand, so ergab sich doch die erhoffte Wirkung einer zumindest temporären Erleichterung und eines schnelleren Flußes römischer Provinzen in alphabetischer Reihenfolge.
Asa über ihr schwebend genoß wie üblich die sonnigen Frühlingsstrahlen, kratzte sich dann und wann träge am Kopf und betrachtete die Umgebung, für die ihre lebende Schwester derzeit absolut keinen Sinn hatte. Selbstredend mochte auch Asny den prachtvollen Garten, der zu dieser Jahreszeit geradezu obszön bunt und lebendig wirkte, aber man konnte sich eben nicht immer um Regenwürmer und Blumen kümmern, besonders dann nicht, wenn im geistigen Tagesplan aktuell andere Schwerpunkte notiert waren als blühende Gärten. Schwerpunkte, die gerade übelst blockiert wurden.
Nach einer kleinen Weile Fummelei und Flechterei erhob sich Asny schließlich mit einem energischen Ruck, warf die ausnahmsweise zu einem langen Zopf geflochtenen weißblonden Haare zurück und sprang federnd einige Male auf der Stelle, um den nun hoffentlich wieder gewährleisteten Sitz ihres reparierten Gewichtsbandes zu prüfen. Sandalen oder sonstiges Schuhwerk trug sie nicht, da es ähnlich wie auch ihre ansonsten so heißgeliebte Haarpracht bei derartigen sportlichen Betätigungen stören würden, und auch ihre dunkelrote, ärmellose Tunika endete bereits auf Kniehöhe, um höchstmögliche Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Ob sich an diesem Anblick irgendwer störte war Asny im Wahn ihres Trainings ebenso einerlei wie die gesamte Bewohnerschaft der Villa, solange sie ihr nicht auf irgendeine Weise gerade von Nutzen sein konnte. Und die alteingesessene Angabe, dass sie dies alles ja nur zum Wohle ihres Herren anstellte, würde wohl noch eine ganze Weile ihre Ziele erreichen: Frieden, Einsamkeit und Handlungsfreiheit.
Während sie ihre Laufroute derart plötzlich und geradlinig wieder aufnahm, dass ihre tote Schwester erst einige Zeit später davon Notiz nahm und ihr eilig hinterherflog, holte ein wesentlich unerfreulicher Gedanke die weißblonde Sklavin noch um einiges schneller ein. Nämlich die Aussicht auf fehlenden Nachschub an Lernmaterial. Früher oder später würde sie Mittel und Wege finden müssen, in die Bibliothek zu gelangen und sich dort ebenso ungehindert austoben zu können wie ansonsten in ihrer freien Zeit. Wenn möglich natürlich noch mehr, denn ‚mehr‘ war immer gut. Am Besten stellte sie diese Station auf ihrem Weg gleich in allernächster Nähe auf, bevor noch (schauderhaft) Langeweile aufkam. Menschen boten im Großen und Ganzen doch nicht dieselbe Herausforderung wie eine ordentlich strukturierte Bibliothek und angenehmes Eigenstudium dies vermochten. Vor allem war Eigeninitiative wesentlich zeitsparender und direkter, als eine nervtötend umständliche Unterhaltung. Asny unterbrach ihre gleichmäßig tiefe Atmung für einen kurzen Seufzer. Andererseits, war eine zu schnelle und zu einfache Strecke zum Erfolg nicht auch langweilig, waren die Herausforderungen durch die umständliche Art mancher Menschen, die ihr einfach nicht so rasch und problemlos als Informationsspender dienen wollten, nicht vielmehr stimulierend und antreibend? Vermutlich lag die Antwort wieder einmal irgendwo im Schoß der goldenen Mitte.
Unter einem neuerlichen Seufzer ließ die Sklavin diesen Gedanken erst einmal los und beschleunigte ihren Lauf, um die verlorene Zeit wieder einzuholen.
Marcus Flavius Aristides
Steine flogen in die Luft als die Hufen über den trockenen Boden hin weg flogen; das tosende Donnern der tausende und abertausende Hufpaare näherte sich, die schwarzen Rüstungen schienen die Sonne aufzuschlucken und zu freßen, die Gesichter der Reiter waren verzerrte Daimonenfratzen, die danach lechzten, ihr Blut zu trinken oder dem Boden zu weihen. Wie das Tosen des Styx näherten sich die Wesen aus der Unterwelt, um sie herum loderten die Flammen, römische Soldaten verbrannten in den goldroten Zungen und gaben grauenerregende Schreie von sich, ihre Gesichter waren verzerrt, ihre Augen aufgerissen, ein Ausdruck lag darin, den man nie vergeßen würde, die er niemals vergaß; die Lanzen der Daimonen senkten sich, um sich in gnadenloser Schnelle zu nähern, immer wieder die Schreie in den Ohren, die Pein; Schmerz durch raste ihn, hilflos versuchte er sein Schwert zu heben, doch bleiern hing der Arm herab, schon stieß die Lanze in seine Richtung, er schloß die Augen in Erwartung des schmerzhaften Stoßes und hörte die Laute des Grauens in seinen Ohren, den Schrei eines zum Tode verdammten...
...und erwachte; schweißgebadet schlug Marcus die Augen auf und starrte schwer atmend auf die Decke über sich, es brauchte viele seiner rasenden Herzschläge bis er sich bewußt wurde, daß er nicht in Parthia war, nicht in jener verhängnisvollen Schlacht, die zudem den Schicksalsspruch für ihren göttlichen Kaiser gebracht hatte. Die Leinendecke klebte an seinem Körper, seine Haare waren verschwitzt und sein Gesicht ganz stoppelig von dem täglich heraus sprießenden Bart, gegen den er immer ankämpfen musste mit Messer und Öl, eine ständige Plage. Schließlich empfand Marcus es als unrömisch mit einem wuchernden Bart herum zu laufen, selbst wenn es in Mode kam. Immer noch schnell atmend schlug Marcus die Decke zur Seite und setzte sich auf; zerstreut und noch von den Bildern erschüttert fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Das Licht fiel bereits in sein cubiculum, es schien schon lange heller Tag zu sein; Marcus' Kopf brummte schrecklich, er war einfach zu lange gestern Nacht noch in der Stadt unterwegs gewesen, hatte die Freuden der Stadt genoßen, da er zwei Tage frei von den CU hatte, das erste Mal seit einigen Wochen. Es dauerte eine Weile bis sich Marcus etwas gefangen hatte und er sich erhob, das Wasser fühlte sich erfrischend kühl an, als er es sich ins Gesicht spritzte; ohne daran zu denken, daß zahlreiche Sklaven im Haushalt waren, die sonst die Aufgaben übernommen hätten, begann Marcus sich selber zu rasieren – alte Gewohnheiten vom Militär waren eben schwer zu durchbrechen. Vorsichtig schabte er mit dem Messer, das er immer bei sich im Felde führte, über sein Gesicht. Öl und harte Bartstoppeln blieben am Messer hängen, mehr schludrig rasierte sich Marcus an jenem Morgen. Seine Wangen glänzten danach rot als das Blut unter die gereizte Haut schoß. Dann zog er sich seine rostrote und recht schlichte tunica an, schnürte die Soldatenstiefel – auch aus Automatismus – und verließ sein cubiculum.
Die Vögel zwitscherten munter, die villa schien nur so von Leben zu strotzen als Marcus durch die Gänge des Anwesens schlenderte, einen Sklaven hielt Marcus dann doch an.
„Hol mir...ähm...“
Marcus überlegte einen Augenblick lang...dekadentes Frühstück...Wachteleier? Entenfleisch? Schnecken in einer Fenchelsoße? Marcus schüttelte den Kopf.
„...puls!“
Da war er mal ein paar Tage außerhalb der Kaserne und was fiel ihm zum Frühstück ein? Der Soldatenfraß! Marcus schüttelte über sich selber den Kopf, aber sein Magen schien wie verschloßen zu sein – eine seltsame Erfahrung für ihn. Der Sklave musterte ihn erstaunt, widersprach natürlich nicht und eilte davon. Marcus wanderte etwas unruhig und humpelnd weiter, im Innenhof blieb er stehen und betrachtete die vor sich hin plätschernde Statue, ehe er etwas rastlos den Weg in den Garten einschlug. Die Sonne blendete ihn, er blinzelte einige Male, ehe er sich an den herrlich- sonnigen Tag gewöhnte und den Weg entlang ging. Immer wieder schoß ein Kribbeln durch sein Bein; inmitten des Gartens blieb Marcus stehen und bückte sich, um sein Knie zu reiben, an dem noch die rosigen Narben zu erkennen waren, die von dem üblen Bruch stammten, der von den Hufen eines Söldnerpferdes her rührte. Marcus bewegte sein Knie vorsichtig und besah es sich genauer, richtig beugen konnte er es seit dem Tag nicht mehr, aber immerhin war es noch an seinem Körper dran, wenn es nach dem medicus gegangen wäre, hätte er jetzt dort nur noch einen Stumpf und sein Bein wäre irgendwo vergraben oder verbrannt worden. Doch seitdem hinkte Marcus immer und es schien, als ob sein Bein jeden Tag steifer wurde und immer wieder schmerzte es fürchterlich. Völlig von seinem körperlichen Gebrechen vereinnahmt, blendete Marcus jegliche Umgebung aus: den Garten, die zwitschernden Vögel, die summenden Bienen, den Fischteich in der Nähe, die Statue, deren langer Schatten auf sein Fuß fiel und auch eine energisch trainierende, blonde junge Frau.
Asny
Dieser Tag wollte und wollte nicht die von Asny so sehr angestrebte Perfektion erkennen lassen. Zwar war es ordentlich heiß, es herrschte wenig anderes menschliches Leben innerhalb des grün-bunten Villengartens und ihr Puls hatte sich den selbstauferlegten Strapazen recht gut angepasst, aber nach dem Vorfall mit den Gewichten und deren immer noch nicht ordentlich sitzenden Befestigungen hatte sich die Laune der Sklavin kaum gehoben. Sie hatte um die verlorene Zeit auszugleichen und die unfreiwillige Pause wieder wettzumachen noch an Geschwindigkeit zugelegt, und, eigentlich noch recht früh in ihrem üblichen Programm, bereits ab und an Elemente wie Sprünge und Räder einfließen lassen. Möglichst ohne in den Rosensträuchern zu landen oder gegen eine Zypresse zu prallen. In jener Hinsicht konnte der üppige Garten zu dieser Jahreszeit unglaublich vollgepflanzt und hinderlich sein. In manch einer Ecke artete es beinahe mehr in einen Hindernislauf aus denn in einem geradlinigen Training. Gerade die Gegenden, in denen man Platz und Länge für mehrere Überschläge fand, waren in wirklich gutem Zustand nur an einigen besonderen Stellen zu entdecken. Inzwischen kannte Asny ihre übliche Laufstrecke allerdings ausreichend um zu wissen, an welchem Ort sie welche Übungen wagen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich in einem künstlichen Teich oder den stacheligen Armen einer Hecke wiederzufinden.
Von Asa war nichts zu hören, auch wenn ihre Anwesenheit nach wie vor spürbar war. Doch die tote Schwester wusste, bei welchen Gelegenheiten selbst sie ihren Plappermund zu halten hatte. Angesichts der steinernen Konzentration des lebenden Zwillings hätte allerdings ohnehin höchstens Pluto und seine blutleeren Untergebenen ihre Kommentare gehört, und dieses seelengierige Pack sollte ihr nach wie vor möglichst von ihrer unsichtbaren Haut bleiben. Es mochte langweilig und öde sein, die immergleichen Runden hinter einer trainierenden Schwester herzuschweben, aber als Geist durfte man wohl eben kein allzu aufregendes Dasein mehr erwarten.
Seit einiger Zeit waren sie schon keinem anderen Gartenbesucher mehr begegnet, da es den Herrschaften vermutlich zu sonnenintensiv hier draußen war und die Sklaven ihren Pflichten innerhalb der Villa nachgingen. Wie man gehört hatte, erhielt eine sorgfältige Auswahl von ihnen nun speziellen Hausunterricht. Selbstredend war auch Asny angesprochen worden, hatte jedoch sehr schnell deutlich werden lassen, dass allgemeine Grundlagen von Sprache und Wissen bei ihr keiner Lehrstunde mehr bedurften. Speziellere Wissensgebiete lockten sie, doch der bedauernswerte Lehrer würde wohl kaum Zeit und Muße finden, um sich bei all den Lücken in der Bildung seiner Schäfchen noch angemessen um jemanden wie Asny zu kümmern, die sich viel lieber die gesamte Zeit allein mit ihm beschäftigt hätte, als sich die dummen, gestammelten Antworten irgendwelcher Sklaven anzuhören und zu spüren, wie die Furie der Zeitverschwendung an ihr nagte - die allerschlimmste dieser Rachegöttinnen.
Gemeinschaftslernen musste sie also gar nicht erst ausprobieren um zu wissen, dass es für sie nicht taugte. Trotzdem hätte sie eigentlich gern einmal diesen Neuzugang von Lehrer getroffen, allerdings hatte sie das Glück bislang dank geschlechtergetrennter Schlafräumlichkeiten und zu unterschiedlicher Arbeitsgebiete noch nicht gehabt. Am Ende würde sie doch einmal bei diesen fragwürdigen Unterrichtseinheiten vorbeischauen und wertvolle Stunden ihrer Lebenszeit zum Fenster hinauswerfen müssen, nur um die Qualitäten und selbstredend den Nutzen für sich selbst, den dieser Lehrer besaß, näher in Augenschein nehmen zu können.
Ebenso im nachtschwarzen Schatten lag bislang das Ausmaß der Herrlichkeit ihres Herrn - der durch seine Sklavin allein ja schon unglaublich großartig sein musste. Nicht, dass sich Asny danach verzehrte, diesem Flavier ihre Trainingszeit zu opfern, und der beste Herr war schließlich der, von dem man nichts sah und hörte. Was andere Menschen über sie dachten und von ihr hielten, war ihr nach wie vor herzlich egal und sie würde ihren Wert sicherlich nicht von der Meinung ihres Besitzers abhängig machen. Abgesehen von einer dezenten Neugier auf den dank ihr sicherlich glücklichsten Römer des gesamten Imperiums war ihr diese Angelegenheit also überaus einerlei. Asa sah das etwas anders, aber Asa war nun mal nicht der Zwilling, welcher noch lebte und besaß insofern offiziell keinerlei Mitspracherecht.
Wann der werte Schwesterngeist allerdings durchaus etwas hätte sagen können war bei unerwartet auftauchendem Gegenverkehr. Zwar kannte Asny nach einiger Erfahrung bereits die perfekte Bahn zwischen der Statue und dem in der Nähe befindlichen See hindurch, allerdings hatte sich an diesem grünen Fleck bislang noch kein scheinbar unschlüssig in der Gegend herumstehender Römer befunden, der den schwungvollen Übergang zwischen Flick-Flack und wiederaufgenommenem Lauf mehr als nur leicht behinderte. Wenigstens war es keine aus dem Nichts emporgewachsene, neue Statue, wie sie noch nicht wirklich wach aus ihren inneren Lehrstunden für den Bruchteil eines Augenblickes dachte. Doch auch wenn die junge Sklavin nicht gegen massiven Marmor prallte, so war dieses Hindernis doch nicht wirklich 'weich' zu nennen. Für irgendwelche schnellen Reflexe besaß sie zuviel Schwung und schaffte es nur eben noch den Kopf einzuziehen, bevor dieser auch schon Bekanntschaft mit Stoff {kein Problem}, Haut {auszuhalten, auch wenn derart enger Kontakt zu anderen Menschen keine von Asnys Lieblingsbeschäftigungen darstellte} und schließlich etwas sehr unbequem Hartes, das erst nach dem Kontakt mit ihrem blondhaarigen Schädel nachgab und sich irgendwann später als männliches Brustbein entpuppen sollte. Auch ihr Knie schlug gegen etwas Widerstandsfähigeres und sie konnte nur knapp hoffen, dass das begleitende Knirschen vom menschlichen Hindernis und nicht von ihr selbst kommen möge. Kurz danach kam der Boden erst rasant näher und fing sie anschließend wenig polsternd auf.
Asny fluchte in Gedanken schneller, als ihre Nervenenden brauchten, um ihr schmerzhaften Bericht über geschundene Körperpartien zu erstatten. Das fehlte ihr wirklich gerade noch, irgendeine lästige wie unnötige Verletzung, die sie einschränken und stören würde, die ihre Konzentration und Bewegungsfreiheit beeinträchtigte und Tage, vielleicht Wochen bräuchte, um gänzlich abzuklingen. Brennendes Pochen in der Stirn und eine dumpfe Schmerzexplosion im Knie presste zunächst ihre Zähne zusammen, um sie dann umso nachhaltiger zu öffnen.
"Bei den blutigen Wassern des Erebos, kannst du nicht aufpassen, wo du herumstehst und in die Gegend starrst?! Das ist ein Garten und nicht dein privates rosa Wolkentraumland, hier können sich auch noch andere Leute herumtreiben!" Asnys sonst so perfekte Gesichtsfassade zerbrach schellend an der unglaublichen Dämlichkeit jener Person, die in diesem Moment nichts war als einfach nur eine Stolperfalle, ein unnötiges Hindernis, das Asnys Pläne auf höchst ärgerliche Weise zerstörte. Und das mochte die unerschütterliche Planerin und Kalkulatorin in ihr überhaupt nicht. Entweder Menschen waren ihr von Nutzen oder sie waren und hatten ein Problem.
Zunächst einmal nicht weiter auf der Hindernis achtend rappelte sie sich langsam aus dem Gras und einigen Heckenausläufern hoch und prüfte nach und nach die verbliebene Einsatzfähigkeit ihres Körpers. Zu ihrer stillen Erleichterung blutete das Knie wenigstens nicht, allerdings schien sich dort ein ordentlicher Bluterguss unterhalb der Haut zu bilden. Diese Erkenntnis trieb ihre Stimmung noch tiefer in die Schatten, während sie das beschädigte Gelenk probehalber beugte um den Schmerzgrad abschätzen zu können. Diesen durfte sie dann wahrscheinlich für den kommenden Morgen nach der Nachtruhe gleich noch einmal verfünffachen. Immerhin war der Teich in der Nähe, wo sie ihre Blessuren gleich so gut wie möglich kühlen konnte. Eine richtig üble Schwellung war wirklich das letzte, was sie nun besitzen wollte. Der bis dato unbekannte Mann - diese Information hatte sich ihr doch irgendwie zugeschlichen, obwohl es sie nach wie vor überhaupt nicht interessierte - hätte in diesen Momenten auch in seinem eigenen Blut liegen können, Asny hätte sich deswegen nicht mehr um ihn gekümmert. Stattdessen beschäftigten sie weiterhin die Spuren des Zusammenstoßes an ihrem eigenen Körper, die sie mit raschem, gezieltem Abtasten und Untersuchen in ihrer Gänze und dem schmerzlichen Ausmaß aufzuspüren versuchte.
Marcus Flavius Aristides
Die Sonne brannte auf seinem Nacken als er sich zu seinem Knie herunter beugte und es kräftig rieb und massierte; manchmal half es, den Schmerz zu vertreiben und auch dieses Kribbeln, das einerseits das Fleisch taub werden und andererseits tausend Ameisen über seine Haut laufen ließ. Tatsächlich ließ das unangenehme Gefühl nach, während er es knetete. Seine Augen streiften über das grüne Gras, das von vielen Sklavenhänden sorgfältig gepflegt wurde, über den Sockel der Statue vor ihm, die mit goldenen, roten und blauen Farben bemalt war und mit einem träumerischen Lächeln in den Garten sah. Gerade als der Schmerz nachzulassen schien, sann Marcus über eine Musestunde mit seinem Instrument im Garten nach, jetzt, wo die meisten Flavier ihren Geschäften nachgingen, die Hitze des Tages im Garten mieden und auch die Sklaven anderweitig beschäftigt waren, so würde Marcus keine unerwünschten Zuhörer haben. Außerdem war er immer noch ein wenig aufgewühlt durch jene Reminiszenzen, die ihn in jenen Nacht- und Traumstunden eingeholt hatte, so daß ihm die Saiten unter seinen schwieligen Fingern durchaus gut tun würden. Kein Schwert, das er führen mußte, sondern sich den schönen Seiten des Lebens widmen.
Doch es kam ganz anders als Marcus es wohl erwartet hätte, überhaupt sich jemals in einem Alb hätte erträumen können. Wums! Rums! Gerade als er sich aufrichtete schlug etwas Weiches und dann doch sehr Hartes – ein wahrlicher Dickschädel – in ihn ein. Es war die Entspannung, das Wissen im sicheren Heim zu sein, die die Reflexe von Marcus zum Erlahmen brachten. Ansonsten hätte er wohl – in Anbetracht seines letzten Traumes – auch schneller reagiert, da er es jedoch nicht tat, näherte sich bereits der Boden ihm in rasender Schnelligkeit, die Farben des Gartens wirbelten in einem bunten Kreisel um ihn herum, schon weniger als einen Herzschlag später schlug er wuchtig mit seinem Rücken auf dem saftig grünen Gras auf, Marcus keuchte mehr verblüfft auf...ehe der Schmerz durch sein Bein schoß, als ob ihm tausend glühende Nadeln in die Haut stachen, das Feuer ihrer Glut sein Fleisch verbrennen und seine Knochen zerschmettern wollte. Im ersten Augenblick war er auch gar nicht in der Lage, einen Laut von sich zu geben, denn der Schmerz raubte ihm im wahrsten Sinne den Atem. Er wurde bleich und schloß die Augen, erst nach einigen Herzschlägen vermochte er wieder Luft zu schöpfen, er sog die Luft tief durch seine Nasenflügel ein und öffnete blinzelnd die Augen.
Die Sonne um strahlte eine schlanke Gestalt über ihn, schien sie mit einem güldenen Kranz zu um leuchten, während ihr Schatten auf ihn fiel. Im Nebel von Schmerz gefangen, erschien die Gestalt von überaus unirdischer Natur zu sein, ein Erscheinung der Götter, um ihn unwürdigen, menschlichen Wurm zu strafen, es gab ja auch einiges, wofür ihn die Götter strafen konnten und es auch immer wieder taten, selbst wenn sie ihn hin und wieder mit Glück und Segen beschenkten. Der erste Impuls, als er ihre herrische Stimme vernahm, war ein Zusammenzucken und eine Entschuldigung, die auf seinen Lippen lag und sich leise murmelnd auch löste, dann stöhnte er verhalten auf und versuchte sich aufzurappeln, wobei seine Hand zu seinem Bein wanderte und er noch mal die Augen schloß.
Nachdem die tausend Sterne vor seinen Augen verschwanden, die der Schmerz hervor gerufen hatte, die fleischliche Qual schon einigermaßen menschliche Dimensionen erreicht hatte, rappelte sich Marcus ein wenig mehr auf und sah auf das weibliche Geschoß, dessen Ermahnung ihm langsam wieder in den Sinn kam, die die Schichten des grauen Schmerznebels und der Verblüffung durchdrang und ganz langsam bis zu seinem – zugegebenermaßen, nicht immer flinken! – Geist tropfte. Rosa Traumland? Wolkentraumland? Nicht sein privates...was auch immer? Ganz langsam zog sich Marcus hoch und stützte sich an der Statue ab, wobei seine Hand auf der runden, steinernen Hüfte jener Gestalt sich abstützte, ohne freilich davon Notiz zu nehmen.
„Was...beim Hades und Elysium...“
, begann er, doch aus seiner Kehle drang nur ein brüchiges Krächzen, was einem Raben alle Ehre gemacht hätte. Langsam schälte sich heraus, wer ihn denn da angefallen hatte. Marcus' Augen verengten sich als er die blonde, junge Frau sah, die ihre Bleßuren versorgte. Eine Flavia war sie bestimmt nicht, zu blond, zudem war Marcus keine Kunde an die Ohren gedrungen, daß eine neue Flavia in der villa eingekehrt war. Eine ratlose Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen, die sich langsam zusammen zogen. Er hob die Hand, rieb sich über seinen Nacken – wieder eine Gestik, die seine Verwirrung untermalte – dann über sein – nicht ganz sauber rasiertes – Kinn, um sie dann auf die Soldatentunika fallen zu laßen.
„Wer - bei Mars - bist Du? Und wie kannst Du...“
Marcus unterbrach sich und hustete kräftig, um dieses Krächzen aus seiner Stimme zu vertreiben.
„...wagen, derart mit mir zu sprechen, puella?“
Seine Augen wanderten zu dem kühlen Naß und er humpelte langsam auf den Teich zu, um sich mit einem gequälten Stöhnen auf den Rand herunter fallen zu laßen, um seine Stiefel vom rechten Bein zu streifen und sein Bein in das Wasser zu tauchen. Ein goldroter Fisch huschte eilig davon, als sich das Wasser in lebhafte Wellen schlug. Das kühle Wasser umschloß das Bein von Aristides, der erleichtert auf seufzte und die Augen für den Moment schloß, als der pochende Schmerz nachließ.
„Verflixt und zugenäht!“
, murmelte Marcus und wandte sich zu der jungen Frau wieder zu.
„Komm her, puella! Und dann erkläre mir mal bitte, wer Du bist und was Du hier treibst!“
Daß er wahrlich in dem Moment nicht die Erscheinung eines flavischen Patriziers bot, sondern selber mehr wie ein angeheuerter Soldat, der sich um die Sicherheit der Patrizier zu sorgen hatte, wirkte, das bemerkte Marcus nicht, er war schließlich in seinem Garten und erwartete, daß die Sklaven die Herrschaften kannten.
Asny
Irgendein Gekrächze wohl menschlichen Ursprungs kämpfte hinter Asny um Aufmerksamkeit, kassierte diesbezüglich jedoch eine jämmerliche Niederlage. Hatte die junge Sklavin unter normalen Umständen bereits mehr mit sich selbst denn mit ihren Mitmenschen zu schaffen, so hatten ihre Verletzung diese Einstellung noch einmal hundertfach verschärft. Ganz zu schweigen davon, dass es sich auch noch um den Grund ihrer Blessuren handelte, der sich hinter ihr wand und anscheinend versuchte, das soeben Erlebte für sein eigenes, stark begrenzt wirkendes Gehirn in handliche Portiönchen zu unterteilen.
Asny ignorierte das furchtbar sinnlose Gestammel und ließ sich stattdessen an einer geeigneten Stelle am Teichufer nieder, um ihr leicht zuckendes Bein behutsam in die nasse Kühle des Wassers zu tauchen. Ihr Kreislauf würde sich freuen. Andererseits sollten abrupte Temperaturwechsel gut für Stoffwechsel und Körperstärkung sein. Ein wenig beruhigte sie der Gedanke, allerdings nur solange, bis ihr wieder einfiel, dass die plötzliche Ruhe nach der Anstrengung kein geeigneter Übergang war, ganz zu schweigen von dem völlig verlorenen Rhythmus. Und weswegen? Nur wegen diesem nichtswürdigen, unnützen Stück lebenden, atmenden Fleisches, das sich anscheinend gerade keuchend zu ihr an den See schleppte. Asny hoffte, dass er mindestens ebenso stark in Mitleidenschaft gezogen worden war wie sie, obgleich seine Schmerzen schon von titanischen Ausmaßen sein mussten, um die ihren auch nur ansatzweise ausgleichen zu können. Von den Folgebeschwerden und Einschränkungen gänzlich abgesehen.
Mit aus mehreren Gründen zusammengepressten Kiefern löste Asny eine Lage Sternmoos von einem der den Teich umsäumenden Steine, tauchte es ins Wasser und legte es anschließend auf ihre dumpf schmerzende Stirn. Mit einigen tiefen Atemzügen versuchte sie ihren Herzschlag etwas weniger plötzlich zu beruhigen und schloß dabei die Augen, welche aufgrund der hinabrinnenden Wassertropfen ohnehin nicht wirklich viel hätten erblicken können. Das Gestöhne und Geächze von diesem anscheinend doch sehr mitgenommenen ‚Ding‘ nahm sie auch so leider nur zu gut wahr, wie es sich zum See schleppte und dieselbe Kur wie sie anstrebte.
Asny sog die sommerlich flirrende Luft tief ein und presste das Moos noch etwas stärker an ihre erhitzte Stirn, wodurch weitere dünne Bäche Teichwasser über ihre geröteten Züge flossen. Als wäre dieses dämliche Missgeschick nicht schon störend und nervtötend genug, nein, jetzt musste die noch viel störendere und nervtötendere Ursache der ganzen Misere auch noch groß und breit darüber reden und dumme Fragen stellen!
Zwischen kleinen grünen Pflanzensternen blinzelte eines von Asnys blassblauen Augen flüchtig wie desinteressiert zu der abgerissenen Erscheinung in ihrer Nähe, und schloss sich gleich darauf mit einem geringschätzigen Hochziehen der Augenbrauen wieder. Wäre sie doch in eine der vielen Statuen hineingelaufen, aber nein, die Moiren hatten sich offenbar etwas viel Begriffsstutzigeres und Hinderlicheres als behauenen Stein ausgesucht. Er sah aus wie ein Söldner, dem man, egal um wieviel Geld es sich auch handelte, definitiv zu viel bezahlte. Dafür, dass er im Garten nur im Weg stand und Menschen von ihren deutlich wichtigeren Tätigkeiten abhielt. Große Töne spucken und das Maul aufreißen, als besäße er irgendeinen Wert - diese Kunst beherrschte er jedoch anscheinend nur zu gut.
Asnys Mundwinkel zogen sich eine zynische Spur nach oben und repräsentierten eine Eiseskälte, welche die über die schmalen Lippen rinnenden Wassertropfen angenehm warm erscheinen ließen. Wenigstens in diesem Bereich hatte die Sklavin ihre Beherrschung wiedererlangt. Sie war zu ihrer altbekannten Mimik zurückgekehrt und hielt dieses ganz spezielle, sanfte Lächeln für ihre finstersten Gedanken bereit.
„Wer ich bin?“ Leise, seidige Worte floßen über ihre Lippen, während sie die Augen kurz auf das Wasser senkte, in welchem sie das Moos erneut kühlte und befeuchtete.
„Es hat den Anschein, als wäre ich das komplette Korrelat zu dir. Fähig, intelligent, begabt, lernfähig und voll beschäftigt mit etwas Sinnvollem. Deswegen solltest du nicht noch mehr meiner wertvollen Zeit mit dummen Fragereien verschwenden, du magst dir müßiges Herumstehen leisten können, andere geben ihrem Leben bevorzugt einen Sinn. Wenn du die Fische also genug von deinen behaarten Waden hast kosten lassen, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du diese stupide, fruchtlose Zusammenkunft beendet würdest, homo stultissimus. Danke.“
Vermutlich waren Beleidigungen bislang kaum derart höflich und sanft vorgetragen worden, wodurch sich allerdings der schneidende Sarkasmus darin bis in ungeahnte Höhen verstärkte. Ihre Fingerspitzen schoben zunächst den blonden, geflochtenen Zopf über die Schulter nach hinten und tasteten anschließend erneut über das malträtierte Knie unter Wasser.
„Ach, und bitte spare dir ausnahmsweise all deine maskulin-pseudostolzen Attitüden. Wir weilen hier nicht in einer heruntergekommenen Taverne.“
Obwohl seine raue, brüchige Stimme durchaus auf einen wiederholten Alkoholkonsum hinzuweisen schien.
Marcus Flavius Aristides
Dat mul apen hollen, Maulaffe feilhalten, dumm aus der Wäsche gucken; verdutzt, verblüfft und ratlos zugleich, all das vermochte Marcus mit einem wenigen Blinzeln und einem halb geöffneten Mund zum Ausdruck zu bringen, als er die kess- freche, dabei wohl gesetzte Rede von Asny vernahm. Marcus verfolgte das tropfende und naße Moosstück, das die malträtierte junge Frau benäßen sollte und sah zu Asny, deren Lippen scheinbar sanft und dann wieder messerscharfe Worte formulierten, mit denen Marcus nicht im Mindesten gerechnet hätte – gut, auf den ganzen Zusammenprall war er nicht gefaßt gewesen! - und die ihn in ein heillose Verwirrung stürzten. Denn es fing schon beim ersten Satz an. Korreland? Korriwas? Sein Gesicht zeugte deutlich, daß er Asny nicht ganz folgen konnte. Vielleicht meint sie damit das Gegenstück...? Kore...Marcus wußte schon, er würde Gracchus fragen müßen, sofern er sich dieses Wort überhaupt bis zu einem Gespräch mit seinem Vetter merken könnte. Angestrengt verfolgte Marcus, was Asny ihm an den Kopf warf und erstarrte als er schließlich etwas vernahm, was ihm durchaus sofort klar war. Jegliche weitere Worte waren verschwendet, sie kamen nämlich schon nicht mehr bei Marcus an, so daß er sich nicht in neue Ratlosigkeit stürzen mußte, was sie mit Attitüden wohl meinen könnte.
In den ersten Schlägen von Marcus' Herz wurde sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Gerade weil Marcus so sehr darunter litt, daß er nicht die Genialität von seinem Vetter Gracchus auch nur im Ansatz hatte, noch die Schläue von Aquilius, die geistige Raffinesse seiner Mutter oder die Cleverness und Witz seines Sohnes, all das, was ihm seine eigene Unzulänglichkeit, sobald es Geistangelegenheiten betraf, vor Augen führte, genau deswegen war er an jener Stelle durchaus empfindlich. Sicherlich, er wußte, daß er nicht länger als eine viertel hora in Schriften sich vertiefen konnte, daß seine eigene Handschrift und Orthographie einfach nur noch blamabel war, er des Griechischen nur holprig mächtig war und er Platon wohl für einen Zeitgenoßen, Sokrates für einen Sklaven und Aristoteles für eine Nachspeise aus Achaia halten würde. Aus genau dem Grund traf ihn die Beleidigung von Asny - die er immer noch nicht in ein Weltbild oder einfach nur eine Kategorie einordnen konnte! - messerscharf, verletzend und sehr tief. Vielleicht weil Asny selber in ähnlicher Weise wie Gracchus oder Aquilius zu sprechen vermochte und über eine feinsinnige Eloquenz verfügte, somit eine solche Beschimpfung nicht in die Kategorie: Billige Goßensprache, eingeordnet werden konnte.
Marcus Mund preßte sich fest zusammen, ein beleidigter Ausdruck glitt über seine Gesichtszüge und seine Augen, vorher noch ratlos und von Schmerz gezeichnet, fingen an, wütend zu glühen – sofern man solche subtilen Veränderungen an Marcus' Mimik überhaupt bemerken würde.
„Wie...?“
Marcus Stimme war noch brüchiger als in dem Moment zuvor, seine Stimme erbebte vor dem immer stärker werdenden Zorn, der sich erst in einem zaghaften Wind näherte, langsam an der inneren Landschaft von Marcus' Seele rüttelte, dann immer heftiger an den Zweigen seiner Gedankenbäume zerrte und immer mehr sich zu einem Sturm ausbreitete, der das Potential eines Orkans hatte. Doch in seiner Stimme, die noch nicht an schwoll, zeigte sich nur wenig bisher von jenem gefühlsmäßigen Unwetter, außer dem Schwanken und Zittern seiner Stimme.
„...das...Du...ich...“
Schier atemlos versuchte Marcus die richtigen Worte zu faßen und wurde dadurch noch wütender, bestätigte er doch mit seinem Gestammel nur, geistig etwas langsamer als so manch einer zu sein und ganz offensichtlich lahmer als die junge Frau, die ihm so schlagfertig unverständliche, aber sehr schlaue Wörter an den Kopf geworfen hatte – ohne scheinbar lange darüber nachdenken zu müßen! Marcus schluckte und holte tief Luft, um seine Faßung wieder zu sammeln.
„Wie kannst Du es wagen...?“
, begann Marcus, verwarft es jedoch, daß sie es gewagt hatte, war allzu deutlich, der Grund war ihm eigentlich herzlich egal. Langsam verfärbte sich Marcus' Gesicht rot, es fing an seinem Nacken an, breitete sich über seine Wangen dann in seinem ganzen Gesicht aus; es war jene tiefe Röte, die sich deutlich von dem verlegenen Rot unterschied, was mehr heller Natur war – wenn er sich genierte – , oder dem Rotton abgrenzte, wenn er so lange lachte, daß ihm die Tränen in die Augen schoßen. Marcus richtete sich ein wenig auf, denn wenn er schon nicht geistig der jungen Frau überlegen war – und das war er nicht im Mindesten! – so mußte er immerhin andere Größe beweisen, um sein angekratztes Selbstbewußtsein etwas zu hegen.
„Wenn Du nicht die Frau des Kaisers bist, die herabgestiegene Diana oder was auch immer an göttlichen Gestalten, erklärst Du sofort wer Du bist, puella! Denn in meinem Garten laße ich mich noch nicht mal derart von meiner Familie, geschweige denn von Gästen beleidigen!“
Sie mußte wohl der Gast von einem der Flavier sein, ein Sklave oder peregrina würde es doch nicht wagen, so mit ihm zu sprechen, oder? Nein, ganz unmöglich! Dann beäugte Marcus sie doch schief...Diana...? Sie hatte durchaus etwas nymphenhaftes an sich, mit den hellen und klaren, blauen Augen, der leichtfüßigen Art und ihrer grazilen Gestalt. Bei Mars!, dachte sich Marcus und blinzelte einen Augenblick lang.
„Du bist....bist Du eine Nymphe?“
, schoß es schon aus Marcus' Mund, er redete oftmals schneller als das er dachte, was ihn manchesmal in Schwierigkeiten brachte oder in ein Fettnäpfchen treten ließ.
Asny
Natürlich war es nicht dermassen einfach. Natürlich erhob sich dieses wandelnde Hindernis nicht sofort und eilte davon, oder verflüchtigte sich einfach mit einer sommerlichen Brise. Das taten in der Regel auch die wenigsten, die sich gerade von einer kleinen arroganten Göre schwerstens auf den Arm genommen fühlten. Meistens ging es mit durch Entrüstung angefachter Wut dann erst richtig los. In diesem aktuellen Fall hätte es Asny auch überhaupt nicht überrascht, wenn ihr Gegenüber sehr schnell sehr handgreiflich geworden wäre, um seine geistigen Unzulänglichkeiten dadurch zu kompensieren. Zerbrechlich und schwach wirkte er zumindest nicht und vermutlich prügelte er gemeinhin seine Meinung durch, da ordentliche Argumentationen ihn in Bereichen überlasteten, die er bislang leider sträflich vernachlässigt hatte. Solcherlei Spielereien der Natur fühlten sich zudem in der Regel höchst ungern unterlegen und hofften, im starken Gegensatz zu ihrem sonstigen Gebaren, erstaunlicherweise auf die Höflichkeiten (oder die Furcht) ihrer Umwelt, die sie ihre geistigen Diskrepanzen freundlicherweise nicht spüren lassen sollten. Dass Asny weder um Höflichkeit noch um Furcht großes Aufsehen machte, brachte einen derart eingestellten Menschen bisweilen gerne außer Fassung, besonders da es zusätzlich wenig gewinnträchtig und befriedigend wirkte, ein kleines schwaches Mädchen zu verprügeln. So sehr einem die Finger danach auch jucken mochten.
Die Sklavin hatte diesen groben Haufen Platzverschwendung neben sich bereits derart tief in die Sparte ‚zurückgebliebener Schläger‘ mit all den daraus resultierenden Konsequenzen geworfen, dass jener bedauernswerte Mensch sich nicht mehr aus diesem Abgrund hätte hinausarbeiten können, selbst wenn er eintausend Jahre alt würde. Während ihre eigenen Schmerzen von der Kälte des Wasser mehr und mehr erstickt wurden, glaubte Asny förmlich zu hören, dass es im Gehirn ihres Teichnachbarn knirschte wie eine steinerne Tür über Sandkörner während er versuchte, ihren Worten zu folgen. Eben aus diesem Grunde hatte sie auch jene zweifelsfrei eindeutige Titulierung einfließen lassen, damit man den Grundgedanken ihrer Erläuterungen selbst als kleines Licht zu erkennen vermochte. Und ganz offensichtlich hatte er es erkannt.
Sein Gestammel ließ durchscheinen, dass ihre Worte seinen herzlich unbegründeten aber deswegen meist nur umso ausgeprägteren Stolz ordentlich verletzt hatten. Beinahe konnte man angesichts seiner verzweifelten Suche nach den richtigen Worten oder gar Sätzen einen Anflug von Mitleid verspüren, doch Asny bediente sich dieses Gewürzes überaus sparsam und nach dem unangenehmen Zwischenfall vorhin blieb jenes Gefäß fest versiegelt im Regal. Im Gegenteil besaß die junge Sklavin die Absicht, ihre Dankbarkeit ob der Unterbrechung des vorgesehenen Tagesablaufes so tief und unerbittlich in des Tors lachhaft aufgeblasenen Stolz zu treiben, als handele es sich dabei um einen gerade harpunierten, um sein erbärmliches Leben zappelnden, dürren Hering.
Hui., ich glaub‘, der ist ganz schön sauer... Asas Gesicht klebte kurz vor dem des Mannes und ihre silberblassen Augen musterten interessiert die Farbveränderungen der Haut und die Entwicklung einiger wütend pulsierenden, hervortretenden Adern an Hals und Schläfen.
Wäre er ein Kater, hätte er jetzt soooo einen Schwanz! ergänzte der Schwesterngeist kichernd und deutete mit den Armen das Ausmaß eines ordentlichen Weinfasses an. Tatsächlich besaß dieser Vergleich zu tierischem Imponierverhalten eine gewisse Wahrheit. Die Drohgebärde des Aufrichtens, um größer und beeindruckender zu wirken, beispielsweise. Allerdings besaßen Tiere irgendwo noch etwas Possierliches und Lehrhaftes, woran es diesem Exemplar jedoch ganz gehörig mangelte.
Dann folgte auch schon der sich im Voraus bereits anbahnende Ausbruch, der, oh Wunder, tatsächlich in ganzen Sätzen daherkam. Asa huschte sicherheitshalber wie unnötig zwei Schritte zurück und schlug einen kleinen Purzelbaum in der Luft, während dem ihr köstlich amüsiertes Kichern jedoch keinen Augenblick abzubrechen vermochte.
Die Frau des Kaisers! Herabgestiegene Diana! Sein Garten! Herrlich! --- Hö? SEIN Garten? Mitten in einem tollkühnen Wirbel hielt Asa inne und blickte ein wenig unschlüssig erst zu dem angeblichen Gartenbesitzer und dann zu ihrer Schwester hinüber. Die sah dies jedoch weit weniger erschreckend, schließlich tendierten Männer im Angesicht eines schmerzenden Egos gerne einmal zu Verallgemeinerungen oder Übertreibungen, etwa ‚Mich lieben alle Frauen‘ oder ‚Ich habe drei tollwütige Löwen auf einer brüchigen Hängebrücke über einem reißenden Lavastrom mit zwei gebrochenen Beinen, einem gefesselten Arm und nur mithilfe einer Steinschleuder besiegt – ohne Frühstück!‘ Vermutlich handelte es sich um eine Art Wächter, der auf die Gartenanlage zu achten hatte und Eindringlinge fernhalten sollte. Und offenbar war er auf dem Markt der Preiswerteste im Angebot gewesen.
Andererseits, selbst wenn es sich bei ihm wirklich um einen Flavier handeln sollte – als etwas exzentrisch und ‚anders‘ war die Familie schließlich allenthalben verschrieen -, so hatte auch er Asny übel im Weg gestanden und dies rechtfertigte in ihrer Welt vollkommen die Behandlung des Unbekannten. Seltsam eigentlich, dass er ihr immer noch unbekannt war, Männer seines Schlages wählten gerne auch die Phrase ‚Weißt du eigentlich, wer ich bin?!‘ in solchen Situationen. Vielmehr schien diesem Exemplar jedoch daran gelegen zu sein, ihre Identität herauszufinden.
Eine Nymphe. Besäße Asny normale Reaktionen hätte sie wohl sarkastisch aufgelacht. Zwar hatte man sie bereits mit einigem Mythologischen verglichen, doch eine nympha war bislang nicht darunter gewesen. Wahrscheinlich verband man mit diesem zarten Geschöpf zu viele gute Eigenschaften. Asny pflegte für gewöhnlich auch nicht völlig sinnfrei und blümchenstreuend in der Gegend herumzufrohlocken oder sich mit kleinen Ziegenböcken zu paaren. Allem Anschein nach saß sie hier einem sehr gläubigen Mann gegenüber, der ihr vermutlich sogar geglaubt hätte, wenn sie ihn darauf aufmerksam machte, gerade von einem Geist ausgelacht zu werden. Wenn er sie also für eine Najade hielt, die gar jenen Fischteich ihr Eigen nannte – nun, wäre es so gewesen, hätte er sich als Erstes von seinen das heilige Wasser verunzierenden Beinen verabschieden können.
Andererseits war es viel zu amüsant mitanzusehen, wie das menschliche Hindernis sich in seinen eigenen geistigen Unzulänglichkeiten wälzte. Wenigstens eine stille Genugtuung für die katastrophale Unterbrechung ihres Trainings.
Sacht tupfte sie sich mit dem zweckentfremdeten Stück Moos noch einmal über die Stirn und schloß dabei langsam die Augen, obgleich die letzte Frage des Mannes schon seit einer kleinen Weile verklungen war. Sie hatte es nicht eilig zu antworten und die Ungeduld würde möglicherweise auch noch den letzten Rest Verstand aus seinem leeren Kopf hinausjagen. Nachdem die vielleicht nicht ganz angenehme Pause sich zog und zog und sie gerade hörte, wie ihr ‚Gesprächsopfer‘ die Luft einsog, öffnete sie ihre Augen zu einem ansonsten fast regungslosen wie durchdringenden Seitenblick, um die einzige auf eine solche Frage mögliche Antwort hauchzart in die warmen Sommerwinde zu flüstern.
„Ja.“
Marcus Flavius Aristides
Eben noch plätscherte das Wasser an Marcus' schmerzendem Knie entlang, er spürte die warmen Strahlen der Sonne, die ihm auf den Nacken brannten, hörte das Rauschen der Blätter, wenn mal ein lindernder Wind durch die Zweige strich, doch ein schlichtes Wort brachte all das zum Vergeßen – Ja! Marcus sah die junge Frau neben sich mit einer Mischung an aus vom Donner gerührt bis hin zu heilloser Verwirrung, jedoch ohne eine Spur von Mißtrauen im ersten Moment - einfach die Portion an Naivität in sich aufkeimen laßend, die ihm oftmals doch so sehr eigen war. Oder es war mehr das Verdrängen vom Schlechten an den Mitmenschen – so lange sie nicht seine Mutter beleidigten, Nymphe hin oder her, bei so was hätte Marcus keine Ausnahme gemacht! Erstarrt sah Marcus Asny an und blinzelte langsam, einmal, zweimal, dreimal, dann löste sich ein leises: „Oh!“ von seinen Lippen. Ganz langsam begannen die kleinen Rädchen vom seinem Geist an, sich zu drehen und in Bewegung zu kommen. Eine Nymphe im Garten der Flavier? War sie gar eine Nymphe, die das Wasser ihr zu Hause nannte? Bei den hellblauen Augen war das durchaus zu vermuten! Marcus' Augen wanderten von Asny zu dem Fischteich und von dem kleinen Weiher zu der jungen Sklavin zurück. „Oh!“, murmelte er noch einmal und begann sich aufzurichten und sein Bein aus dem Teich zu ziehen. Das Wasser tropfte an seiner Wade entlang und hinterließ auf dem umliegenden Gras und der Erde dunklere Flecken.
Immerhin, jeglicher Ärger war aus Marcus' Gesicht gewichen, zudem hatte seine Hautfarbe einen fast normalen Ton angenommen; nur das ungläubige Staunen dominierte noch, mit dem langsam aufkeimenden Gefühl der Ehrfurcht, wußte man doch, was paßierte, wenn man eine Nymphe beleidigte oder erzürnte, schließlich waren die Nymphen mystische Gestalten. Herrje, schoß es Marcus durch den Kopf, sicherlich war die Nymphe recht wütend auf ihn...sie hatte es ja schon allzu deutlich – gut, nicht allzu deutlich, mehr kryptisch! - zum Ausdruck gebracht.
„Bist Du...“
, begann Marcus vorsichtig und beäugte die Nymphe, um ihre Reaktion zu sehen.
„...Du eine Nymphe der Diana?“
Diese Wildheit und die Art, wie sie auftrat, verliehen ihr etwas Kriegerisches, das einer Jägerin wahrlich gut zu Gesicht stehen würde. Und mit Diana wollte es sich Marcus ganz gewiß nicht verscherzen, was sie doch nach Mars mit Abstand die Gottheit, die ihm am Nächsten stand, schließlich war Marcus ein passionierter Jäger und welcher Jägersmann war nicht auf das Glück der Gottheit angewiesen? Sprich, eine Nymphe der Diana konnte Marcus das Leben sehr, sehr schwer machen, hatte er doch vor, einem seiner liebsten Zeitvertreibe hier in Italia wieder nachzugehen. Vorsichtig erhob sich Marcus, um mit seinem Fuß aufzutreten, erneut schoß ein scharfer Schmerz durch sein Knie und er stöhnte leise durch seine zusammen gepreßten Zähne.
„Verzeih!“
, murmelte Marcus ganz betreten und in größter Sorge, er könne die Göttin, die auch des Waldmanns Heil zuträglich war, erzürnen. Wäre Marcus ein Junge gewesen, hätte er wohl angefangen von einem Fuß auf den Anderen zu treten, aber so sah er nur einen Moment schuldbewußt auf den See, der zwar mit der Kühle lockte, schließlich hatte es seinem Bein nach dem Zusammenprallen wirklich gut getan. Lockend glänzte das Sonnenlicht auf dem Wasser, dessen Schattierungen durch das Licht von einem hellen Jadegrün bis zu einem tiefen Mooston variierten. Marcus fuhr sich fahrig mit der Hand über den Nacken und riß seinen Blick von dem kühlen Naß weg, um erneut die junge Frau – die mythische Nymphe - zu mustern.
Langsam humpelte er zwei Schritte weiter und sank auf eine marmorne Bank herunter, die, umrahmt von zwei weißen Rosenbüschen, vor dem Teich aufgebaut war, um den Flaviern oder Gästen der villa eine idyllische Zeit an dem Teich zu ermöglichen. Jetzt ruhte Marcus nur sein Bein aus und ließ immer noch nicht die Nymphe aus den Augen, wer wußte schon, ob sie sich nicht gleich verflüchtigte und zornig der Göttin Diana von dem Zusammenprall erzählte. Die Rachegeschichten der Diana waren schließlich legendär!
„Ich habe oft Diana ein Opfer dargebracht!“
, begann Marcus etwas holprig, um seine Demut gegenüber der Göttin auch zu versichern, vielleicht half das ja bei der Nymphe.
„Ich würde niemals die Göttin oder einer ihrer Nymphen beleidigen wollen!“
Die Versicherung folgte eilends schon nach den anderen Worten.
„Ich kann auch Dir ein Opfer darbringen laßen, göttliche Nymphe.“
Brachte man Nymphen auch Opfer dar? Ganz sicher war sich Marcus nicht, tat es jedoch sofort als belanglos ab, Hauptsache er konnte die Nymphe von ihrem Zorn ablenken und wieder milde stimmen.
„Welches Tier wünschst Du Dir als Opfer, oh göttliche Nymphe, sprich es aus, und Dir soll das Tier geweiht werden!“
An seine Versprechen an Götter und überirdischen Gestalten hielt sich Marcus immer, schließlich war nichts schlimmer als die Unsterblichen zu erzürnen.
Asny
Zugegeben, normalerweise bevorzugte Asny harte Fakten und gegebenenfalls noch härtere Wahrheiten im Umgang mit den Menschen in ihrer Umgebung und so mag es – wenn man nicht das Glück hat, die Identität einer toten Zwillingsschwester zu besitzen – an dieser Stelle verwunderlich scheinen, dem ihr Unbekannten sogleich mit einer derart infamen, ja gotteslästerlichen Lüge zu kommen. Aber die Welt gesehen durch Asnys eisblaue Augen hob sich bisweilen sehr ungeniert von der tatsächlichen Welt ab, bereicherte oder entfremdete sie, ergänzte, kürzte oder drehte sie schlicht ins genaue Gegenteil. Insofern schätzte das Häuflein schamloser Debilität neben ihr das beiderseitige Verhältnis zwischen ihnen im Grunde stimmig ein, dadurch, dass er sie als Nymphe bezeichnete. Im Vergleich mit ihm sah sie sich durchaus als ein ‚Überwesen‘, allerdings nicht nur, weil sie so überlegen, sondern weil er selbst sich so fürchterlich unterirdisch in Dingen wie Nachdenken und Analysieren gab.
Darüber hinaus wollte sie diesem Mann überdeutlich seine eigene Insuffizienz in alle Grenzen sprengender Intensität vor Augen führen, beziehungsweise diese für ihre eigenen Interessen ausnutzen, wie es doch schon so gut an anderer Stelle funktioniert hatte. War dies nicht das einzig Schöne an den Menschen, ihre Schwächen, ihre Fehler und Mängel? Erhielten sie nicht dadurch erst einen Sinn? Und wenn jemand wie jener Strohkopf seine Schwächen auch noch so offen präsentierte wie eine ungeschützte Kehle, flehte er doch geradezu darum, ausgenutzt zu werden. Manche Lektionen konnte man nun einmal nur auf die schmerzhafte Art und Weise lernen, indem man schamlos ausgenutzt wurde. Dazu kam nach wie vor sein unverzeihlicher Frevel, ihre heiligen sportlichen Betätigungen blockiert und für unbestimmte Zeit schmerzlich beeinträchtigt zu haben. Nein, welche Widrigkeiten auch immer aus diesem Possenspiel noch erblühen mochten, Asny war sich darüber völlig im Klaren, dass jenes Stück geistiger Beschränktheit jede einzelne Blüte mehr als verdient hatte. Vielleicht reagierte die lebende Schwester diesbezüglich sogar noch etwas strikter als Asa, der es mehr um reine Schadenfreude und Unruhestifterei ging, und die gerade ihren zweiten Tod aufgrund eines nicht enden wollenden Lachanfalls starb.
Wieder knirschte die zähe, widerspenstige Tür des männlichen Verstandes, scheuerte schwerfällig über allerlei Unrat wie es schien, der sich aufgrund des kaum benutzten Einganges in geistige Leistungen häuslich niedergelassen hatte und zu bequem war, um jetzt einfach aufzustehen und sich hinfortzubewegen. Asny glaubte das Ächzen und Schaben förmlich durch den Sommergesang der Vögel zu vernehmen, welches träge und unzufrieden davon kündete, dass etwas lange Verschollenes wieder aktiviert wurde. Nein, dieses Theaterstück bestand wahrlich nicht nur aus Annehmlichkeiten.
Die folgenden Laute der Überraschung, des anfänglichen Unglaubens, vor allem aber der düster dämmernden Erkenntnis zerrten nicht unerheblich an Asnys Geduld, spiegelten sich letztendlich aber nur in einer Verschärfung und Vereisung ihres Blickes in seine Augen wider, während sie mit ‚lebendigen‘ Dingen wie Blinzeln oder Zucken erneut beängstigend sparsam umging. Wie konnte man nur derart langsam in den Verstandesvorgängen sein? Oder mehr noch, wie konnte man es sich leisten, so behäbig zu sein, und ein solch hohes Alter damit erreichen? Vielleicht hatte sie es auch mit einem ehemaligen Soldaten zu tun, den das viele Befolgen von Befehlen und das Tragen von sperrigen, schweren Helmen mit der Zeit auch den letzten Rest geistiger Beweglichkeit gelähmt und verstümmelt hatten. Asny empfand Kriegsführung als irgendwie unsinnig, einzig die Taktiken fanden ein wenig ihr Interesse. Doch diese ganze Eroberei setzte ihrer Meinung nach bestimmte Werte und Ansichten in eine Höhe, die diese nicht verdienten. Weswegen sollte man roher Körperkraft eine solche Wichtigkeit beimessen, wenn der Verstand doch etwas wesentlich Wichtigeres und Erstrebenswerteres war? Was fing man mit sich an, war man alt, gebrechlich und verkrüppelt und hatte sich bis dahin nur auf seinen Körper verlassen? Nicht mehr viel, mochte man meinen.
Ihrerseits ließ die Sklavin ihren schwer zu deutenden, hintergründigen Blick auf dem anscheinend doch schwerer verletzten Mann ruhen, der sich vom Teich fort und zu der steinernen Bank schleppte, während sie mit keinem Lidschlag Kenntnis davon gab, ob sein Verdacht, sie gehöre der Göttin Diana an, wahrlich gerechtfertigt wäre. Soso, sie wirkte also wie eine Dienerin der Mond- und Jagdgöttin. Eine interessante Offenbarung, wenngleich sie den Vergleich zu einer Najade immer noch nicht recht für sich erkennen wollte. Nicht einmal ihre Haare trug sie heute offen wegen des Laufes, und was die Gewichte an Hand- und Fußgelenken betraf --- nun denn. Wenn dieser geistige Tiefschlag es so sah, war dies im Grunde nicht ihr Problem und sollte es auch nicht werden. Schließlich beging er gerade den dummen Fehler. Zudem war es nicht langweilig zu ergründen, wie solch ein Mensch beim Anblick eines mystischen Wesens reagierte.
Offensichtlich plagte ihn arg das schlechte Gewissen, vermischt mit sicherlich nicht unbegründeter Sorge um sein Schicksal. Mit Diana hatte er sich nicht gerade eine zimperliche, nachsichtige Göttin ausgesucht. Da er ihr jedoch – angeblich – bereits viele Opfer gebracht hatte, wie er gleich zu Anfang in den Raum warf, schien er entweder eine Schwäche für den Mond oder die Jagd zu haben. Die Jagd lag wahrscheinlicher. Umso mehr Furcht musste er also zwangsläufig haben, gerade seinem Jagdglück auf ewig den Todesstoß versetzt zu haben. Die Jagd – eine weitere eher lächerliche Zeitverschwendung, ganz besonders wenn man seine Zeit lieber mit Dingen füllen sollte, die den ungeheuren Mangel an Intelligenz etwas weniger rasch offenlegten. Die Jagd nach Wissen war ohnehin abwechslungsreicher und effektiver, als seine überschüssige Energie an in diesem Fall schlaueren Tieren auszulassen.
Ein Opfer wollte er ihr also bringen. Nur würde das weder ihre Verletzung schneller heilen lassen, noch sah Asny dadurch seine Schuld abgetragen. Zumal es ihm, sollte er denn tatsächlich der Besitzer des Gartens sein, wie er eben verkündet hatte, nur allzu leicht fallen würde, irgendwo irgendein Opfertier herbringen zu lassen, ganz im Gegensatz zu ihr, für die die Beschaffung des Mars-Opfers auch alles andere als leicht gewesen war. Nein, so simpel würde sie es dem Wächter oder Flavier oder was auch immer da vor ihr hockte garantiert nicht machen.
Weiterhin ruhte ein samtiges Lächeln auf ihren Lippen, das irgendwie doch nicht die Wirkung erzielte, die ein Lächeln für gewöhnlich haben sollte.
„Ein Opfer willst du mir bringen, römischer Jäger? Du hast mich verletzt, mich beschimpft, und nun glaubst du, ein Opfer wäre ein einfaches Mittel, um meinen Furor von dir abfallen zu lassen? Du verlierst ein paar Geldstücke, überläßt einem Priester die Arbeit und wiegst dich dann in Sicherheit, dass die große Göttin Diana auch bei der nächsten Jagd deine Pfeile ihr Ziel finden lässt? So wisse denn, dass mir an derlei Opfern nichts liegt. Es fiele dir zu leicht, deine Reue wäre nicht mehr als ein Herbstblatt in einem Wirbelsturm. Rasch und spurlos vergangen.“
Kurz senkte sich ihr Blick auf die Fingerspitzen, welche beinahe zärtlich die glitzernde Oberfläche des Sees liebkosten. Danach hoben sich ihre Lider wieder, als sie leise fragend ergänzte:
„Wie steht es um deine Nachkommenschaft, machtvoller Römer?“
Blieb zu hoffen, dass das Wissen dieses Mannes Diana betreffend ausreichend war, um sich zu erinnern, dass die Göttin auch menschlichen Opfern durchaus nicht abgeneigt war. Andererseits konnte man jene Frage auch ebenso unschuldig deuten, wie sie denn klang. Dies war indes abhängig davon, wie der Unbekannte sie aufzunehmen gedachte.
Marcus Flavius Aristides
SimOff - Entschuldige, akute IR-Unlust kam dazwischen
Wie vom Donner gerührt starrte Marcus die junge Frau vor sich an, als er ihrer Worte gewahr wurde, ein Zustand, der immer noch anhielt, seitdem sie ihn mit einem einzigen Wort völlig aus dem Konzept gebracht hatte, das marginale Ja hatte ihn wohl noch nie sonst in seinem Leben so sehr verunsichert wie an jenem eigentlich doch schön sonnigen Tag in dem sonst lauschig, idyllischen Garten und aus dem Munde jener hellblonden Wesenheit. Gleichwohl etwas an ihr ihn in der ganzen Vorstellung irritierte, so nahm er jedes Wort, jede noch so irrige Annahme, dass sie ein göttlicher Geist war, als bare Münze. Was ihn störte, konnte er in jenem Augenblick nicht ganz so faßen oder gar in Gedanken faßen. Hinwieder lenkten ihn abermals die Worte von dem weißen Fleck auf der Karte des völligen Irrglaubens ab; Marcus wurde mit jedem Wort – sprichwörtlich kleiner – so klein, bis er einem Mann im Hut gleich würde, seine Miene indes war genauso geknickt und zerknirscht, zudem durchaus besorgt. Marcus' Mund öffenete sich bereits, um eine Antwort zu geben, was sicherlich nur in einem nicht sonderlich schlagfertigem Gestammel geendet hätte – aber mal ehrlich, wer würde schon in Gegenwart eines göttlichen Wesens noch etwas passables erwidern können? - aber den Göttern sei Dank unterband Asny jeden Einwand von Marcus mit ihrer konsequenten Fortführung der Rüge und Schelte. Er schluckte heftig, als er hörte, dass ihr ein einfaches Opfer, selbst ein blutiges Opfer von einem Lamm oder ähnlichem nicht zu reichen schien; und Marcus war doch sehr daran gelegen, daß die Göttin der Jagd ihm weiter oder überhaupt gewogen war, es würde seinem Leben sonst einen empfindlichen Schlag versetzen.
Hektisch begann er in seinem Geist eine Alternative zu überlegen, was er der Nymphe, der Jungfer der Diana, anbieten könnte, um ihren Furor – was auch immer das war, Marcus würde auch da seinen Vetter Gracchus fragen müßen – von ihm abzuwenden. Furor klang fast wie Fluch, und somit sehr unheilschwanger. Doch auch diese langsamen Mühlen, die sich hektischer bewegen wollten und somit eher das ganze Räderwerk durcheinander brachten, mußten nicht allzu lange sich drehen, hektisch und im Kreise, denn der nächste Satz ließ Marcus aufhorchen. Wie es um seine Nachkommenschaft stand? Er blinzelte verblüfft und sah die Nymphe einen Augenblick lang ratlos an, ehe sich ein dezentes Lächeln auf seine Lippen stahl. Vielleicht war sie gar nicht mehr wütend und wollte bereits Konversation betreiben oder erfahren, ob er gedachte, seinen Sohn dem cultus deorum zu übergeben. Da dieser bereits viel von seinem Vetter Gracchus lernen konnte, einem pontifex, würde er auf dem Feld sicherlich ihre Milde wieder gewinnen. Was ihn jedoch irritierte, war der Ausdruck der in den blaßblauen Augen der Nymphe lag.
„Meine Nachkommen?“
, fragte Marcus versichernd.
„Ja, meinen Kindern geht es...“
Marcus stockte und seine Augen glitten einen Moment irrend über die Oberfläche des Sees, die Licht spiegelte sich dort in vielen Reflexionen wieder, kräuselte das Wasser und wurde nur gebrochen, wenn ein Fisch die Oberfläche in Wellen aufrauhte. Marcus schwieg für einige Herzschläge, etwas, immer wenn er an seine Tochter dachte, pochte schmerzend in ihm, aber er war immer noch gut dabei, jene tief sitzende Wunde in ihm zu verdrängen und die Wahrheit zu leugnen.
„...gut!“
, murmelte er matt schließlich und riß sich vom Anblick des Teiches ab, um zu der jungen Nymphe zu sehen.
„Ich habe eine Tochter und einen Sohn!“
, erklärte er ihr, selbst wenn er sich schon dachte, daß sie es bestimmt wußte, göttliche Wesen sollten schließlich alles wißen und die Menschen sofort ergründen können, auf jeden Fall die Diener einer Gottheit, die Marcus so sehr verehrte wie die Göttin der Jagd. Marcus hob die Hand und verscheuchte eine Fliege, die erst eine Weile brummend um ihn gekreist hat und sich dann auf seinen Arm setzen wollte, eine Pferdebremse, die den Weg vom Stall in den Garten gefunden hatte. Doch ehe sie stechen konnte, wurde sie schon hinfort verjagt.
„Meine Tochter lebt bei meiner Mutter in Baiae und mein Sohn wird in den nächsten Jahren in Griechenland die Kultur und das Wissen und sowas dort lernen!“
Ihm tat ja das Schicksal seines Sohnes in dieser Hinsicht doch Leid, aber seine Mutter wußte schon, was das Beste für ihren Enkel war und Marcus wußte zudem, was für ein aufgeweckter Junge Serenus war, er würde mit Sicherheit noch hoch hinaus wachsen und da tat eine solche Bildung nur Gutes.
„Ähm...?“
, gab Marcus von sich und betrachtete Asny eingehend, irgendwie war dieser seltsame Ausdruck immer noch auf ihrem Gesicht.
„Warum?“
, fragte er schließlich nach. Und jetzt kam auch langsam eine leichte Verwunderung in ihm auf, als er die Nymphe derart ansah, etwas, was nicht ganz in das Bild paßte: das lädierte und in verschiedener Koloration gezeichnete Knie. War eine Nymphe derart filigran, daß sie durch einen Sturz schon verletzt wurde? Konnten Nymphen überhaupt verletzt werden? Marcus wußte es nicht, auch etwas, was er wohl lieber seinen Vetter fragen würde und nicht jenes seltsam, überirdische Wesen. Wie die Bremse verscheuchte Marcus jenen kurzen Anflug von Skepsis in sich, die noch nicht mal die Gelegenheit bekam, zu keimen.
Asny
Die Mimik des Römers war das Abbild der reinsten, verunsicherten Demut, voller Zweifel und erschüttert bis in die Tiefen seiner Seele. Asny empfand sein Äußeres in diesen Momenten als durchaus attraktiv, wobei sie Nebensächlichkeiten wie Augen- und Haarfarbe oder den Körperbau vollkommen außer acht ließ. Die Schönheit, die dieser Römer gerade ausstrahlte, lag ganz allein in seiner gänzlichen Unterwerfung gegenüber ihres Geistes. Ein wahrlich wundervoller Anblick, der das Herz der blonden Sklavin zum Klingen brachte, was vermutlich das Äusserste an Gefühl darstellte, das sie einem anderen Menschen entgegenhielt, und es besaß seinen Ursprung vollständig in ihrem Verstand. Dieser besondere Moment wog beinahe sogar den ungeschickten Zusammenprall auf, der ihr Training für den gesamten Tag zunichte gemacht hatte. Der Ausdruck in den Augen dieses Mannes, die glimmende Furcht in den Schatten des Haders – unvergleichlich. Um dies zu erleben musste sie also in die Ränge einer Sagengestalt aufsteigen, was kein allzu großes Problem darstellte, wenn der Geist des Gegenübers nur einfältig genug war.
Ein tiefes, ein angenehmes Gefühl bemächtigte sich ihrer, legte sich als Gänsehaut auf ihre schlanken Arme, trotz der gnadenlosen Glut der Sonne, die von oben auf sie niederbrannte. Asny blieb die Identität dieser Empfindung nicht lange verborgen, sie kannte sich gut genug und hatte sich genügend mit sich selbst auseinandergesetzt in dieser Welt voller Narren. Sie gehörte nicht zu den Leuten, die Schwierigkeiten hatten, ihr eigenes Ich richtig zu erkennen. Ihre Selbstkontrolle war perfekt und nichts spielte sich in ihrem Inneren ab, das einem unbekannten Geist oder einem verborgenen Schatten glich. Insofern wusste sie, dass sie das euphorische Gefühl der Macht über jemanden beherrschte, der ihr vom sozialen Standpunkt her theoretisch überlegen war. Dennoch kroch er da in seinem eigenen Staub und wand sich, weil sein minderer Verstand ihn dazu zwang. Das blonde Mädchen wusste zudem von der Gefahr dieses Gefühls, das sich wie so vieles zu einer Droge wandeln konnte, nach der es einen immer stärker verlangte. Vorerst konnte sie sich jedoch vollauf damit besänftigen, dass ihrem Ego noch eine weitere süße Mahlzeit bevorstünde, wenn nämlich dieser bedauernswerte Tropf seinen Fehler bemerkte und die Schmach und Schande seiner eigenen tumben Beschränktheit wie eine himmlische Faust über ihn hereinbrach. Sie musste an sich halten, sich nicht bereits vor lauter Vorfreude über die Lippen zu lecken wie eine Katze, die frische Milch erschnuppert hatte. Hoffentlich hatte sie tatsächlich einen Flavier vor sich, einen besonders stolzen, ehrwürdigen, arroganten. Er würde schon merken, wer es sich hier leisten konnte, arrogant zu sein.
Er rafft’s nicht. warf Asa fachmännisch ein, während sie mit verschränkten Armen schräg vor dem Römer in der Luft schwebte und ihn gründlich betrachtete. Dieser hatte gerade begonnen, von seinen Kindern zu berichten und damit preisgegeben, dass er Asnys Wink entweder nicht verstanden hatte oder nicht verstehen wollte. Das Mädchen entschied sich kurzerhand für eine Mischung aus beidem, irgendein schützender Eingriff des väterlichen Unterbewußtseins, gewürzt mit der üblichen Prise Begriffsstutzigkeit.
Dennoch lauschte sie aufmerksam den eintreffenden Informationen, schließlich wusste man nie, wann man jene einmal gebrauchen konnte. Das kurze Stutzen bei der Erwähnung seiner Tochter entging ihr ebensowenig wie die reizende Formulierung ‚die Kultur und das Wissen und sowas‘. ‚Und sowas‘, ahja.
In Asnys blassblaue Augen war schon zuvor ein seltsames Glitzern getreten, das den Eindruck eines Eiskristalls noch verstärkte und ihrem Lächeln jegliche Wärme und Freundlichkeit entzog und ihr etwas Bedrohliches verlieh.
„‘Warum‘ fragst du mich? Nun, welches Thema behandelten wir denn gerade? Soweit ich mich erinnere lautete meine Frage an dich nicht: ‚Hast du Kinder und was treiben diese gerade?‘“
Asny fand es amüsanter, wenn sich der Gedanke im eigenen Schädel des Römers herauskristallisierte, wenngleich sie dazu etwas mehr Geduld benötigte. Langsam bewegte sie ihr verletztes Bein prüfend im kalten Wasser, entließ ihr Opfer aber keinen Herzschlag lang aus ihrem durchdringenden Blick, der sich in seiner gnadenlosen Intensität immer tiefer in die Seelenspiegel des Mannes zu versenken schien.
Marcus Flavius Aristides
Oh, dieser Blick! Nicht mal seine eigene Mutter konnte so vernichtend ihn anschauen, mit den Augen so viel an Verachtung und Eiseskälte ausdrücken wie die gletscherblauen Augen jener Nymphe, die er mit einem – völlig unbeabsichtigten – Frevel verärgert hatte. Oh dieser Blick könnte das Herz verdorren lassen und einem Sterblichen – wie Marcus es nun einmal war – in den Hades schicken! Und Marcus starb tausend kleine Tode, es rieselte ihm heiß und kalt über den Rücken, selbst die Prüfungen der letzten Jahre hatten nicht so ein schreckliches Gefühl in ihm hervor gerufen wie die Konfrontation mit dem göttlichen Wesen vor ihm. Marcus' Nasenflügel bebten als er tief Luft holte, um jene seltsamen und nicht angenehmen Gefühlswallungen in sich zu bekämpfen. Oh Mars und Iuppiter, steht mir bei!, schoß es Marcus durch den Kopf. Die beiden Götter würden schon wißen, wie schwierig es war, eine verärgerte Frau – egal ob Sterblich oder Unsterblich – zu besänftigen, Iuppiter noch mehr, hatte er doch angeblich ständig Ärger mit seiner Gattin. Das dumpfe Pochen in seinem Bein wurde etwas besser, seine Situation jedoch nicht. Verständnislos sah er die Nymphe an und merkte durchaus, daß sie ein Spiel mit ihm trieb. Doch welches? Worauf wollte sie nur hinaus?
„Ähm, ja...das war die Frage!“
Hatte er sie nicht beantwortet? Er hob die Hand und kratzte sich als Zeugnis seiner Konfusion an seinem Nacken.
„Möchtest Du, daß mein Sohn oder Tochter in den Dienst von Deiner Göttin tritt?“
, fragte er schließlich nach einigen Herzschlägen des intensiven Nachdenkens, was die Nymphe denn nun eigentlich wollte...als Sühne.
Marcus stützte sich mit den Händen auf dem steinigen Rand des Brunnens ab und drückte sich langsam und mit einem leichten Stöhnen auf den Lippen in die Höhe. Immer noch spürte er diesen intensiven Blick, der ihm sehr unangenehm war. Er fixierte den Fischteich vor sich und kämpfte damit, wieder auf die Beine zu kommen, was a. wegen seiner Verletzung aus dem Krieg nicht ganz einfach war, aber auch b. weil er eben kein Leichtgewicht darstellte. Doch schließlich war es geschafft; Marcus stand neben dem Fischteich, an seinem Bein tropften noch die Waßerperlen hinab und benäßten die grünen Grashalme, die erst vor kurzem sorgfältig gestutzt worden waren. Die Sandalen, die er im Hause trug, lagen neben dem Teich. Jetzt sah er auch wieder zu dem hellblonden Geschöpf neben ihm und bekam gleich wieder das so ungnädige Augenpaar zu sehen; mühsam unterdrückte er ein Seufzen. Hoffentlich verlangte sie nicht von ihm, selber in den Götterdienst zu treten, dafür war er einfach untauglich, zudem müßte man schon so schlau wie Gracchus dafür sein, das wußte er eben. Marcus sah sich suchend in dem Garten um, bis er eine Gestalt in einigen Schritten Entfernung erkennen konnte, der Sklave, der ihm am morgen den puls gebracht hatte. Marcus deutete ihm, zu ihm zu kommen. Der Sklave, mit einem neugierigen Seitenblick auf Asny, trottete brav heran.
„Servus, hol' mir aus dem Keller was zum Kühlen!“
Der Sklave nickte.
„Ja, dominus!“
Und trat ab.
Während Marcus einige Schritte weiter humpelte und laut ächzend auf einer Bank Platz nahm. Immer noch herrschte Ratlosigkeit in ihm, immer noch suchte er danach diesem Blick auszuweichen. Seine Gedanken drehten sich im Kreise, um die Nymphe und ihre Göttin. Hoffentlich würde sie nicht ihn in irgendetwas verwandeln wollen? Aber wäre dem so, würde er wahrscheinlich schon als Ziegen- oder Hirschbock herumlaufen und von den Hunden des Hauses angefallen werden.
„Oh Nymphe, hab' doch Erbarmen mit einem Sterblichen, ich weiß nicht, was Du von mir als Sühne wünschst! Sprich es aus und es soll Dir gewährt werden.“
Hoffentlich wollte sie jetzt nicht etwas, was er unmöglich geben konnte, aber die Unsterblichen wußten doch, was ein Sterblicher zu leisten vermochte. Oder etwa nicht? Ah je, hätte er doch jetzt Gracchus hier, der wüßte was zu tun wäre. Suchend sah sich Marcus im Garten um, doch die rettende Gestalt seines Vetters war nicht zu sehen.
Asny
Ihr ‚Hinweis‘ bezüglich dessen, worauf sie eigentlich hinaus wollte, strotzte nicht gerade vor Informationen und Eindeutigkeit, obgleich sie sehr wohl wusste, dass der Fremde wahrscheinlich nur dann auf die Antwort ihrer Absicht käme, wenn sie sie ihm in aller Deutlichkeit vor die Füße werfen würde. Allerdings tat sie es gerade aus jenem Grunde. Schließlich wollte sie diese Situation auskosten und sie so lange wie möglich ausweiten, bis an die Grenzen stoßen, so dies möglich war. Zudem konnte der Spaß sehr rasch vorbei sein, also wollte sie dieses besondere, seltene Vergnügen ausführlich genießen. Sie würde ihn zappeln lassen wie einen langsam erstickenden Fisch an Land.
Trotz dieses emotionalen Höhenfluges blieb Asny jedoch äußerlich vollkommen unbewegt, ihre Mimik ein angedeutetes Lächeln, das ihre Augen nicht im Geringsten erwärmte. Mitleid hatte sie keines, ein Gefühl der Reue erst recht nicht. Sie sah sich nicht als sadistische Schuldige, es war der Verstand dieses Römers, dem die gesamte Verantwortung für diese hochgradig peinliche Situation, in welche er hier geraten war, zufiel. Und sein Stolz würde dafür sorgen, dass das Ende seiner jetzigen Lage um keinen Deut angenehmer würde.
Asa unterdessen kugelte sich um sich selbst in der Luft und schien kurz davor, um Erbarmen zu winseln. Ihr war es unbegreiflich, wie ihre Schwester es schaffte, dabei so unbewegt wie eine Statue zu bleiben. Wie so oft reagierten sie auf eine Situation vollkommen unterschiedlich, obgleich sich der tote Zwilling recht sicher war, dass sich Asny nicht weniger darüber amüsierte. Allerdings neigte diese vielmehr zur reinsten Introvertiertheit und konnte ihrer Umgebung wirklich all ihre Empfindungen und Gedanken vorenthalten, wenn sie es darauf anlegte. Sich imaginäre Tränen aus den silbernen Augen wischend beschloss Asa, dass sie ihre Schwester niemals zum Feind haben wollte.
Die hellblonde Sklavin war sich inzwischen sicher, tatsächlich einen Flavier vor sich zu haben. Seinem Verhalten lag etwas zugrunde, das bestimmte Grenzen noch nie überschritten gesehen hatte, das sich nicht ausmalen konnte, dass etwas seine heile, gesicherte Welt tatsächlich einmal zerstören konnte. Zumindest nicht innerhalb eines gewissen Rahmens. Außerdem wäre er in seinem physischen Zustand ein jämmerlich schlechter Gartenwächter gewesen. Asny ließ ihn während seiner erbarmungswürdigen Vorstellung, während der er einfach nur aufstand, keinen Bruchteil eines Herzschlages lang aus den Augen. Seine Kinder zum Dienst an der Göttin... welchen Schaden würde er persönlich bei so einer Lösung davontragen? Diese Reichen stellten sich das Wohlwollen der Götter in der Tat sehr einfach zu erlangen vor.
Der herbeigerufene Sklave, dem Asny nur einen flüchtigen Seitenblick schenkte, ehe sich ihre gesammelte Aufmerksamkeit wieder ungehindert auf ihr Opfer entlud, hob den Vorhang dieser Inszenierung ebenfalls nicht. Der servus hatte sich ohnehin vielmehr auf seinen Herrn als auf sie konzentriert und sich dadurch um die Prachtrolle gebracht, die seinen Herrn als leichtgläubigen Idioten entlarvt hätte. Bedauerlich, es war wohl nicht sein Glückstag.
Asnys Beine bewegten sich langsam und anmutig durch das kühle Wasser, weiche, lange Wasserpflanzen strichen zart über ihre Haut. Den Schmerz in ihrem Knie spürte sie so gut wie gar nicht mehr, das quälende Pulsieren war einem dumpfen Kribbeln gewichen. Nichtsdestotrotz würde sie sich der Berührung der kalten Flüssigkeit langsam entziehen müssen, wollte sie nicht eine ernste Beeinträchtigung ihres Kreislaufes riskieren. Mit ein wenig Glück war diese interessante Farce auch bald beendet, obgleich sie nicht glaubte, dass dieser Flavier alleine dazu in der Lage wäre.
„Ich bin nicht die Gnadenvollste und Barmherzigste unter meinen Schwestern“, dämpfte Asny auch gleich mit seidig kühler Stimme alle Hoffnung, dass das Geflehe in ihre Richtung irgendein großartiges Ergebnis zutage fördern würde. Ihre schlanken Finger tauchten erneut unter die schillernde Oberfläche des Sees und schöpften ein wenig des klaren Nass.
„Mein Wesen ist kalt und tief wie dieser See. Dein Flehen wird den Grund niemals erreichen.“
Asa überlegte zwischen zwei neuerlichen Kicheranfällen, ob ihre Schwester unter Umständen zuviel Zeit in der Gesellschaft einer Toten verbracht hatte.
„So sage mir, Flavier, welches deiner Kinder liebst du mehr?“
Marcus Flavius Aristides
Ein einzelne grünes Blatt glitt von dem Zweig eines Baumes, federleicht wirbelte es durch die Luft, drehte sich immer wieder herum um sich langsam auf die Oberfläche des kleinen Teiches zu begeben, zart erzitterte das Wasser bei der Berührung, ein Fisch glitt nach oben und berührte das Blatt mit seinem Maul, in der Hoffnung eine Fliege zu erwischen. Gerunzelter Stirn verfolgte Marcus den Fall jenen Blattes und blinzelte verwirrt, ob jener Situation. Oh, weh!, dachte sich Marcus, warum mußten ihn die Götter nur derart strafen, hatte er nicht schon genug an Ärger und schlimmen Dingen in den letzten Jahren gehabt, daß es erst mal reichte? Eine erzürnte, nicht sehr gnadenvolle Nymphe kam ihm da gar nicht Recht. Das Wasser erzitterte erneut und etwas durchbrach den glatten Spiegel des Tageslichtes. Marcus' Augen verfolgten die Bewegung der blasshellen Hand der jungen Frau, die das Wasser mit den Fingerspitzen durchbrach und die glatte Oberfläche aufwühlte. Einem feinen Schleier glich das Wasser, daß durch die Hand der Nymphe geschöpft wurde und wieder von ihrer Hand entfleuchen wollte; Marcus konnte es dem Element gut nachfühlen, wenn er nicht zu sehr in Sorge seines zukünftigen Jagdglückes gewesen wäre, womöglich hätte er doch einen taktischen Rückzug eingeschlagen, um jenen eiskalten, blauen Augen zu entgehen.
Ein Starre zog über Marcus' Gesicht, jegliche Regung von Unbehagen und Verwirrung schwand mit einem Schlag und der Ausdruck wurde wächsern, wie bei einer Totenmaske. Seine Augen verloren einen Moment den sonst mehr leutseligen Glanz und an Lebhaftigkeit und sie versanken in der grünen Pracht des flavischen Gartens und in den Schatten der Bäume und Sträucher. Langsam verschob sich das Bild vor seinen Augen, eine Kline stand zwischen den schattigen Bäumen und eine junge Frau saß dort, ein liebliches Gesicht, zornig bis fröhlich blitzende dunkle Augen und der Trotz in ihrem Gesicht, der jedoch das Strahlen von ihr nicht überdecken konnte, seine kleine Cinilla. Es war das letzte Mal gewesen, daß er seine kleine Tochter dort gesehen hatte, bevor er aufbrach in den Krieg. Es tut mir sehr leid, daß Arrecina ins Elysium gegangen ist. Langsam schloß Marcus die Augen und lehnte sich gegen den Stamm. Immer noch weigerte er sich, diese Wahrheit an sich heran kommen zu laßen; es konnte nicht sein, nicht sein kleiner Goldschatz, Arrecina, die doch das blühende Leben war. Ein schmerzlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht ehe er langsam die Augen wieder öffnete und ausdruckslos auf den Teich richtete und auf die Nymphe. Bestimmt trieb sie ihren Spott genau deswegen mit ihm, um ihn noch mehr zu quälen - als unsterbliches Wesen wußte sie mit Sicherheit alles von ihm.
„Meine Tochter!“
Tonlos war die Stimme in jenem Moment, ein marginaler Hauch von Verzweiflung schwang in jenen zwei Worten mit, gleichwohl Marcus' Miene fern von Regungen war. Seine Tochter war ihm tatsächlich immer von je her sein liebstes Kind gewesen, selbst wenn er seinen Sohn aufrichtig und ehrlich in seinem Herzen trug, so war Cinilla immer sein kleiner Sonnenschein gewesen, sein Ein und Alles, über die er hüten und wachen wollte...wobei er versagt hatte. Immer mehr troff das Gift der Erinnerung in sein Herz und krampfte es zusammen. Stumm starrte er die Nymphe an, fragte sich nicht einmal, was sie mit dem Wißen anstellen wollte und worauf die Frage abzielte.