Tiberius Decimus Optatus
Das war ich also. Die Erkenntnis begann an dem Tag, an welchem ich mich das erste mal in einem Spiegel betrachtete. Bis dato hatte ich nicht gewusst, wie ich aussah, hatte noch keinen Bezug zu meinem Äusseren hergestellt. Alle Erwachsenen mochten mich so wie ich war. Bekamen anfangs automatisch ein Lächeln, wenn sie mich sahen. Ich musste Eindruck gemacht haben. Oder aber zumindest nett ausgehen haben. Gewissheit erlangte ich jedoch erst an jenem Tag, an welchem ich mich kritisch selbst betrachtete.

Tiberius Decimus Optatus. Wie man meinen Namen schrieb wusste ich noch nicht. Doch ich hatte ihn oft genug gehört. Zusammen mit einer Vielzahl an Kosenamen, die mich mein Leben lang begleiten sollten. Selbst in meiner Jugend sollte mich meine Amme noch "Mein Süßer" nennen. Diesen und ähnliche Namen verdankte ich meinem engelhaften Gesicht und auch in meiner Jugend sollte ich zu den schöner anzuschauenden Wesen des männlichen Geschlechts gehören. Mein Aussehen sollte Teil meines Kapitals werden, ebenso wie der politische und gesellschaftliche Erfolg meines Vaters oder der stille Einfluss meiner Mutter im Hause. Ich hatte ohne Zweifel Startbedingungen in mein Leben, welche weit erhabener waren, als die der meisten anderen Römer. Der Vorsprung schien meilenweit, doch ebenso hoch lasteten vom ersten Augenblick an die Verantwortung und eine stillschweigende, nie ausgesprochene Verpflichtung auf mir. Der Sohn eines Senators musste gleichfalls Senator werden. Der Sohn eines Generals musste bei den Truppen dienen. Und Rom nicht zu dienen schien ein Sakrileg zu sein. Dies alles sah ich damals natürlich noch nicht - als ich in meinem Spiegelbild nach meiner Seele suchte, hies es doch, dass im Spiegelbild, im Anlitz, in den Augen die Seele einer Person ersichtlich werden würde. Im Laufe der Zeit sah ich jedoch tiefer und jeder spätere Blick in den Spiegel war belastet, hatte seine Unschuld verloren.
Wer war ich also wirklich? Welchen Weg würde ich einschlagen? Was hatten die Götter für mich vorgesehen? Wieviel hatten sie vorherbestimmt? Und warum war ich wie ich war? Und weshalb entwickelte ich mich so und nicht anders? Tiberius Decimus Optatus. Aufschneider, Possenreißer, Schönling, Liebling der Mädchen und Taugenicht. Ich hatte viele Spitznamen in meinem Leben. Nicht alle waren von Erfolg gezeichnet. Sicher tat ich meine Pflicht, sicher gab ich mir die größte Mühe, meiner Familie und Rom gerecht zu werden, doch wie schon bei meinem Vater, war die Nachwelt auch über mein Leben, meine Taten gespalten. Die einen liebten, die anderen verdammten mich.
Ich liebte jedoch Venus und Venus liebte mich. Diese Gewissheit hatte ich schon von klein auf gewonnen, fiel es mir doch spielend leicht, die Herzen aller Damen im Haushalte zu gewinnen. Und an dieser Tatsache sollte sich im Laufe meines Lebens nichts ändern. "Optatus" hieß "der Erwünschte!" Nomen est Omen.
Bevor ich jedoch mein Leben in aller Breite und mit einem gesunden Abstand auf die Vergangenheit hier darstellen werde, möchte ich dem geneigen Leser empfehlen, die kommenden Seiten nicht zu überblättern, sondern mir auch in die Geschichte meiner Familie zu folgen, welche in kurzen Zügen und ohne allzuviele Abschweife umrissen werden soll. Niemand kann sein ohne seine Familie. Niemand ist nur aus sich heraus erklärbar. Wer Decimus Optaus verstehen will - und wie oft hörte ich die Frauen sagen "Wenn ich Dich doch nur verstehen könnte, lieber Tiberius!" - muss auch die Decima verstehen. Nicht nur den übermächtigen Vater, welcher wie ein Denkmal über mir stand, nicht nur meine Mutter, welche mir so nah und doch so fremd war und blieb, oder meine Tante Lucilla, die ich vom ersten Tag an liebte, oder meinen Onkel Germanicus Avarus, welchen ich im stillen bewunderte, obwohl ich merkte, dass seine Beziehung zu meinem Vater verhalten war, die Decima waren allumfassend im Leben eines der ihren. Die Ahnen hatten eine Strahlkraft und waren in den Erzählungen präsent. Die Familie stand an oberster Stelle. Und alles begann vor einigen Jahrhunderten in Hispania. Iberien eigentlich, aus der Perspektive der Römer jedoch Hispania Tarraconensis.
Am Anfang, ganz am Anfang von Tiberius Decimus Optatus stand - ein Decimus. Decimus der Erste. In diesem Falle. Und keinesfalls nur der Zehnte. Und dieser Decimus entsprang einer Stadt Namens Tarraco.
Die Geschichte - meine Geschichte - muss daher mit Tarraco beginnen. Und das soll sie auch.

Tiberius Decimus Optatus. Wie man meinen Namen schrieb wusste ich noch nicht. Doch ich hatte ihn oft genug gehört. Zusammen mit einer Vielzahl an Kosenamen, die mich mein Leben lang begleiten sollten. Selbst in meiner Jugend sollte mich meine Amme noch "Mein Süßer" nennen. Diesen und ähnliche Namen verdankte ich meinem engelhaften Gesicht und auch in meiner Jugend sollte ich zu den schöner anzuschauenden Wesen des männlichen Geschlechts gehören. Mein Aussehen sollte Teil meines Kapitals werden, ebenso wie der politische und gesellschaftliche Erfolg meines Vaters oder der stille Einfluss meiner Mutter im Hause. Ich hatte ohne Zweifel Startbedingungen in mein Leben, welche weit erhabener waren, als die der meisten anderen Römer. Der Vorsprung schien meilenweit, doch ebenso hoch lasteten vom ersten Augenblick an die Verantwortung und eine stillschweigende, nie ausgesprochene Verpflichtung auf mir. Der Sohn eines Senators musste gleichfalls Senator werden. Der Sohn eines Generals musste bei den Truppen dienen. Und Rom nicht zu dienen schien ein Sakrileg zu sein. Dies alles sah ich damals natürlich noch nicht - als ich in meinem Spiegelbild nach meiner Seele suchte, hies es doch, dass im Spiegelbild, im Anlitz, in den Augen die Seele einer Person ersichtlich werden würde. Im Laufe der Zeit sah ich jedoch tiefer und jeder spätere Blick in den Spiegel war belastet, hatte seine Unschuld verloren.
Wer war ich also wirklich? Welchen Weg würde ich einschlagen? Was hatten die Götter für mich vorgesehen? Wieviel hatten sie vorherbestimmt? Und warum war ich wie ich war? Und weshalb entwickelte ich mich so und nicht anders? Tiberius Decimus Optatus. Aufschneider, Possenreißer, Schönling, Liebling der Mädchen und Taugenicht. Ich hatte viele Spitznamen in meinem Leben. Nicht alle waren von Erfolg gezeichnet. Sicher tat ich meine Pflicht, sicher gab ich mir die größte Mühe, meiner Familie und Rom gerecht zu werden, doch wie schon bei meinem Vater, war die Nachwelt auch über mein Leben, meine Taten gespalten. Die einen liebten, die anderen verdammten mich.
Ich liebte jedoch Venus und Venus liebte mich. Diese Gewissheit hatte ich schon von klein auf gewonnen, fiel es mir doch spielend leicht, die Herzen aller Damen im Haushalte zu gewinnen. Und an dieser Tatsache sollte sich im Laufe meines Lebens nichts ändern. "Optatus" hieß "der Erwünschte!" Nomen est Omen.
Bevor ich jedoch mein Leben in aller Breite und mit einem gesunden Abstand auf die Vergangenheit hier darstellen werde, möchte ich dem geneigen Leser empfehlen, die kommenden Seiten nicht zu überblättern, sondern mir auch in die Geschichte meiner Familie zu folgen, welche in kurzen Zügen und ohne allzuviele Abschweife umrissen werden soll. Niemand kann sein ohne seine Familie. Niemand ist nur aus sich heraus erklärbar. Wer Decimus Optaus verstehen will - und wie oft hörte ich die Frauen sagen "Wenn ich Dich doch nur verstehen könnte, lieber Tiberius!" - muss auch die Decima verstehen. Nicht nur den übermächtigen Vater, welcher wie ein Denkmal über mir stand, nicht nur meine Mutter, welche mir so nah und doch so fremd war und blieb, oder meine Tante Lucilla, die ich vom ersten Tag an liebte, oder meinen Onkel Germanicus Avarus, welchen ich im stillen bewunderte, obwohl ich merkte, dass seine Beziehung zu meinem Vater verhalten war, die Decima waren allumfassend im Leben eines der ihren. Die Ahnen hatten eine Strahlkraft und waren in den Erzählungen präsent. Die Familie stand an oberster Stelle. Und alles begann vor einigen Jahrhunderten in Hispania. Iberien eigentlich, aus der Perspektive der Römer jedoch Hispania Tarraconensis.
Am Anfang, ganz am Anfang von Tiberius Decimus Optatus stand - ein Decimus. Decimus der Erste. In diesem Falle. Und keinesfalls nur der Zehnte. Und dieser Decimus entsprang einer Stadt Namens Tarraco.
Die Geschichte - meine Geschichte - muss daher mit Tarraco beginnen. Und das soll sie auch.
