Cubiculum | Claudia Romana

Claudia Romana
Hier, in einem nicht allzu überdimensionierten Cubiculum, befindet sich die Schlafstätte von Claudia Romana. Ein Fenster bietet einen schönen Ausblick über den Garten der Villa Claudia. Die Wände des Zimmers sind bemalt mit exquisiten Fresken. Die Besitztümer der Claudierin sind schön säuberlich in Regale und Schränke geschlichtet. Ein Arbeitstisch und eine Kline stehen unter dem Fenster. Die Kline steht direkt gegenüber vom Bett. Der Schreibtisch steht neben der Kline, auf ihm liegen ein paar Federkiele, Tintenfässer und einige Schriftrollen. Die meisten sind auf Latein, ein paar in etruskischer Sprache.

Das Bett, welches nicht im Bild unten ist, ist eine Art Himmelbett mit Daunenmatratze und seitlich vom Dächlein herunterhängende Gardinen. Im Bett selber liegen eine Unmenge von Kissen etwas chaotisch durcheinandergewürfelt beieinander.

Ein Blick auf das Cubiculum
Claudia Romana
Am Abend saß Romana an ihrem Tisch und schaute aus dem Fenster hinaus. So viele Lichter hat die Stadt. Bald würde sie noch eines haben.

Eine Kerze lag am Tisch. Heute hatte sie Romana am Markt gekauft. Sie nahm einen Zündstein hervor und zündete die Kerze damit an. Anschließend packte sie sie und stellte sie auf den Fensterrahmen hinauf.

„Diese Kerze sei dir gewidmet, große Vesta.“, murmelte sie und breitete ihre Arme aus. „Oh große Vesta, ehrwürdige Jungfrau, Beschützerin aller Jungfrauen, Göttin von Heim und Herd, schenke mir dein Gehör! Bleibe mir gnädig! Zu deinem Fest widme ich dir diese Kerze. Bald schon werde ich hoffentlich in deinem Dienst sein. Ich verspreche dir, ich werde dir eine gute Dienerin sein, ich werde alles tun für dich, oh Göttin! Sei mir gnädig. Mach, dass ich alsbald Vestalin werde.“ Das Gebet war eher kurz gehalten, doch sie wusste noch nich, wie Gebete richtig forumliert wurden, hatte sie doch noch keine Ausbildung bei den Vestalinnen genossen.

Darüber hinaus war sie müde. Sie entkleidete sich, zog ihr Nachthemd an und stieg in ihr Bett. Bald war sie entschlafen. Ein ganz leichtes, kaum hörbares Schnarchen war in ihrem Raum zu vernehmen.
Claudia Romana
Aus dem Cubiculum ihres Vaters kommen, eilte Romana in ihren Raum. Sie würde das tun, was ihr Vater ihr geraten hatte – sich umziehen. Sie schloss die Tür hinter sich und blickte an sich herab. Die Palla, die sie anhatte, die blaue, war also nicht gut genug... es gab allerdings schon einen guten Grund, sie auszuziehen. Sie war etwas verschwitzt. Sie würde jetzt ihr weißes Kleid anziehen und dann gemessenen Schrittes hinunter zur Regia schreiten.

Wie eine echte Vestalin.

Sie schmunzelte beim Gedanken und schlüpfte aus ihrer Palla. Achtlos warf sie sie auf den Boden – eine Sklavin würde sich schon darum kümmern – und huschte erst zu ihrem Schreibtisch, um die Schriftrolle abzulegen, bevor sie begann, ihren Kleiderschrank zu untersuchen. Nach kurzem Suchen war das Weiße gefunden. Eine Stola dazu brauchte sie nicht, war es doch warm, es gab also keine Veranlassung für einen Mantel, obwohl sie einen farblich passenden hätte.

Sie setzte sich auf ihr Bett und zog sich die weiße Palla über. Sie eilte zu ihrem Tisch, sprühte ein wenig Parfüm über sich, und verließ dann ihr Zimmer. Keine Zeit war zu verlieren.
Claudia Romana
“Während die Parther, die Germanen und die Kaledonier wie eine Hautkrankheit sind, ist das Christentum vergleichbar mit einer Krankheit am Herzen, am Herzen unseres Reiches.”, las Romana sich selber vor. Sie hatte sich selber in ihr Bett geworfen, lag nun leger auf ihren Kissen und zusammengeknuddelten Decken ausgebreitet herum und hielt ein Pergament in ihrer Hand. Sie hatte es in der Bibliothek der claudischen Villa gefunden und hatte es in ihr Zimmer hineingeschmuggelt. Dort lag sie nun, kritisch auf den Text des Pergaments schauend, unbeabsichtigterweise vor sich selbst halblaut dahinlesend.

„Des Christen einziges und alleiniges Ziel ist die Zerstörung unseres Reiches. Sie hassen unseren verehrten Kaiser und spotten der lieben Götter.“ Romana sog scharf Luft ein und schüttelte ungläubig ihren Kopf. Was für verdorbene, elende Menschen! Was für Schurken! Ihnen musste der Garaus gemacht werden, und zwar so schnell wie möglich.

„Die Christen sind Kannibalen. Ja, sogar stolz sind sie darauf, Blut zu trinken und Menschenfleisch zu essen!“ Romana starrte entsetzt auf diese Meldung. Jung und gutgläubig wie sie war, nahm sie alles im Pergament für bare Münze. Und nicht zuletzt deswegen, weil sie es glauben wollte. „Die Christen sind nicht bereit, die göttliche Natur unseres Kaisers anerkennen.“ Das war ja die Höhe! „Sie verehren einen einzigen Gott, ähnlich wie die Juden, doch unterscheiden sie sich von denen, indem sie vorgeben, dass dieser Gott einen Sohn hat. Jedoch betrachten diese verwirrten Köpfe den „Vater und den „Sohn“ als genau das selbe. Dies bezeugt zweifelsohne die Wahnwitzigkeit und Lächerlichkeit der Religion.“ Sie lachte einmal laut aus. Was für elendigliche, verachtenswerte Knülche!

„Die Christen müssen systematisch ausgerottet werden. Der Cultus Deorum muss die Oberhand behalten. Götter zu verleugnen, welche unser Reich fast 1000 Jahre lang geschützt haben, ist Aberwitz und gefährlich.“ Sie könnte nicht mehr übereinstimmen! Christen waren verachtenswerte Kreaturen, dachte sie sich, und feuerte das ausgelesene Pergament von sich.

Sie sackte zurück. Hoffentlich würde bald der Bescheid des göttlichen Augustus eintreffen! Dann würde sie endlich imstande sein, im Cultus Deorum mitzuwirken und aktive Schritte gegen diese Christen zu unternehmen. Das Übel musste an der Wurzel gepackt werden, wenn nicht, würde es das reich überschwemmen.

Fanatismus glomm in ihren Augen auf. Religiöser Fanatismus. Stärker als je zuvor. Ein Glanz, den man nicht in den Augen einer solch jungen, amsonsten so netten Frau je vermuten würde.
Claudia Romana
Es war ein Tag wie jeder andere. Heiß war es draußen. Aus diesem Grund war Romana erst einmal gar nicht nach draußen gegangen, sondern hatte sich in ihrem Zimmer verschanzt. Sie saß am rande ihres Bettes und las irgendein Buch, an dessen Namen sie sich nicht erinnern konnte, unkonzentriert. Ihre Gedanken schweiften immer aber von der Handlung des Buches. Wann kommt er endlich? Wann kommt der Brief? Gewissheit wollte sie haben. Gewissheit, ob sie aufgenommen worden war oder nicht. Sie würde alle Nachrichten stoisch ertragen, schwor sie sich selber. Sie würde es akzeptieren, als Entscheidung des Kaisers in seiner göttlichen Natur...

Sie wurde aus ihren gedanken gerissen, als es klopfte. Jemand trat ein. Romana erkannte die Person, die eintrat, sofoert; es handelte sich um eine verna des Hauses namens Kallonike, eine Ionerin, die sich ihr Vater irgendwann einmal angeschafft hatte. „Herrin?“, fragte sie leise. „Ein Glas kaltes Wasser?“ Ein Lächeln wurde ihr entgegnet. „Ja, bitte, das ist sehr nett.“ Als die Griechin auf sie zuschritt, den Becher voller Wasser in ihrer Hand ausstreckend, bemerkte sie noch beläufig: „Ach ja. Ein Brief ist gekommen. Für dich.“ Sie hielt inne, streckte ihre linke Hand aus und hielt eine Schriftrolle unter Romanas Nase. „Was?“ Ja, ich weiß nicht von wem, ich...“ Gib her!“ Die Freundlichkeit, die noch vorher Romanas Stimme erhellt hatte, schwand einer gewissen Art von... Hast, vielleicht sogar Panik. Ihr Arm fuhr nach vorne und entriss der Griechin die Schriftrolle, welche sie in ihrer linken Hand hielt. Mit fast schon zittrigen Händen brach sie das Siegel mit etwas mehr Kraft als notwendig und rollte die Schriftrolle aus, gar nicht mehr auf das Wasser, welches Kallonike neben ihr hingestellt hatte, achtend.

„Pomponia Pia Virgo Vestalis Maxima Claudiae Romanae s.p.d.”, las sie selber sich laut vor, wie sie es des Öfteren tat. Ein Brief von den Vestalinnen! Nicht nur von irgendeiner Vestalin, nein, gleich von der Höchsten! Das musste der Brief sein, der sie über das Ja oder Nein des Kaisers unterrichtete. Fast kicherte sie, als sie das p sah. Die Leute im Cultus Deorum hatten es wohl mit mit ihren vielfältigen Grüßen. Doch sie war viel zu aufgeregt, um darüber zu sinnieren, sie musste weiterlesen!

„Der Pontifex Maximus et Imperator Caesar Augustus L Ulpius Aelianus Valerianus...“, der gute Kaiser! Er hatte ihren Brief bekommen! Was hatte er beschlossen? „...hat beschlossen,“, ja, was denn? Ihre Hände zitterten jetzt schon wirklich. Sie konnte die Lettern kaum noch ausmachen. Sie musste sich zusammenreißen! Sie stierte gebannt auf die Worte. „...dich für die Sacerdotes Vestales zu rauben und in seinem Patria Potestas zu überführen.“

Natürlich hatte Romana sich vorgenommen, die Nachricht mit dem notwenigen Maß an Gravitas und Stoizismus, der einer Patrizierin zustand, anzunehmen. Doch über diese Nachricht vergaß sie all ihre Vorsätze. Sie sprang auf und ließ den Brief zu Boden fallen. Aus ihrem Mund erklang ein lauter, etwas heiserer, aber komplett heiterer Freudenschrei. Ja, sie warf ihre Hände in die Höhe und fiel der armen Kallonike, die ob des Ansturms fast umgefallen wäre, um den Hals. „Herrin? Alles in Ordnung?“ „Jaaaaaaaa!“, heulte Romana. „Sie haben mich genommen!“ Tränen der Freude weinte sie in das Gewand der Griechin, die mit der Situation etwas überfordert war. „Herrin? Willst du dich nicht wieder setzen?“, fragte sie. Ein Nicken bekam sie als Antwort. „So.“ Sanft drückte die kleine Griechin die große Römerin wieder auf den Rand ihres Bettes. „Sie haben mich akzeptiert...“, schluchzte die glückselige junge Patrizierin. „Oh danke! Danke, Götter! Danke, Vesta! Danke Kaiser, oh Göttlicher, oh Großer, oh strahlender Schützer der Heimat, der sofort die Wahrheit erkannte! Danke Pomponia Pia, Hüterin des Feuers, große Obervestalin! Danke, Tiberius Durus, in ich froh, dass wir einen Pontifex wie dich haben, du bist einmalig, du bist spitze, du bist der Beste!“ Sie wischte sich mit ihrem rechten Ärmel über ihre Augen. „Lies weiter, bitte... ich kann nicht mehr!“ Kallonike nickte, ergriff das Papier und las für Romana weiter.

„Finde dich dazu PRIDIE ID IUL DCCCLIX A.U.C. (14.7.2009/106 n.Chr.)“ „Welch großter Tag, welch freudiger Tag! Ich werde da sein!“ „im Tempel der capitolinischen Trias“ „Hä? Wieso dort?“ „...des Municipium Misenum ein,“ „Was? WAS? Misenum?“ Romana starrte auf Kallonike, ihre Glückstränen waren weg. „Misenum? Du nimmst mich auf den Arm.“ „Nein, Herrin...“ Gib her!“, verlangte sie abermals und las es sich durch. „Tatsächlich! Misenum! Au Backe.“, murmelte sie. Dann las sie selber weiter. „...nimm jedoch Abschied von den Deinen, denn danach wirst Du eine Amata Minor des Cultus Vestalis sein. Möge das Heil der Vesta mit Dir sein!“ Auf ihren Lippen bildete sich wieder ein Lächeln.

„Wenn es Misenum sein muss, wird es Misenum sein! Gib den Sklaven Anweisungen, zu packen! Trommel alle Familienmitglieder zusammen, ich werde mich nun von allen im Atrium verabschieden! Brechen wir schnell auf!“, wies sie Kallonike an. Während diese nickte und verschwand, aus ihrem Zimmer hinaus, blieb Romana dort noch eine Weile. Nachsinnend, mit einem vielleicht leicht debil aussehenden, aber komplett glücklichen Grinsen auf ihrem Gesicht. Doch lange verblieb sie nicht dort, sie stand schnell auf und entfernte sich ebenfalls. Es musste jetzt noch einiges getan werden!