[ATRIUM] Consularischer Empfang für die Magistrate des Crusus Honorum

Marcus Decimus Livianus
Das Atrium war festlich geschmückt und die meisten Magistrate hatten sich bereits in der Casa Decima eingefunden, als der Consul eintrat und nachdem er ein paar Hände geschüttelt hatte, die Aufmerksamkeit durch ein deutlich hörbares räuspern auf sich zog.

"Meine lieben Freunde, geschätzte Kollegen!

Herzlich Willkommen in der Casa Decima Mercator! Ich möchte euch für eure kommen danken. Unser Amtsjahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und so habe ich mir erlaubt, euch in Form dieses kleinen Empfangs meinen Dank auszudrücken. Meinen Dank für die gute Zusammenarbeit, für eure Tatkraft und für euer Vertrauen, dass ihr mir in diesem Jahr entgegengebracht habt. Ich denke wir können mit stolz auf ein anspruchsvolles und auch arbeitsintensives Jahr zurückblicken, dass einige Veränderungen mit sich, das aber auch gleichzeitig dem Imperium neue Stabilität und Ordnung gebracht hat.

Für das leibliche Wohl ist gesorgt……"
Livianus deutete auf das auf der rechten Seite des Atriums aufgebaute reichhaltige Buffet. "…. und hier herüben wird mein guter alter Freund, der griechische Gelehrte und Philosoph Archytas später für alle Interessierten eine kleine Diskussionsrunde zur Politiktheorie leiten." Bei diesen Worten deutete er auf die linke Seite des Atriums, wo einige Klinen und Beistelltische aufgestellt waren.

"Ich wünsche euch einen netten und geselligen Abend in dieser freundschaftlichen Runde."
Marcus Iulius Dives
Vom Vestibulum kommend fand sich also auch der iulische Decemvir stlitibus iudicandis im tatsächlich auch für seinen Geschmack hübsch festlich geschmückten Atrium des Hauses ein. Mal etwas freundschaftlicher, mal etwas flüchtiger begrüßte er dort sodann den einen oder anderen bekannten Magistraten ihres Amtsjahres, bevor er sich, da er den Gastgeber nicht gleich zu entdecken vermochte, kurz vor dessen Begrüßungsrede zu seinem Freund Lepidus gesellte:
"Salve, mein Freund! So sehen wir uns scheinbar bei jeder besseren Gelegenheit wieder, was?", lächelte Dives bei seinen begrüßenden Worten, bevor er sich selbstredend mit weiterem Geplauder zurückhielt, als der Consul Decimus das Wort ergriff. So ganz konnte sich der Iulier im Anschluss zwar nicht in der senatorischen Rede wiederfinden, da die einzige Zusammenarbeit mit dem Consul wohl darin bestanden hatte, dass er diesen in seinem Officium empfangen und mit ihm über seine Tätigkeiten gesprochen hatte, doch für jene Magistrate, die als Quaestores wenigstens über einen Beisitz im Senat verfügten oder als höhere Magistrate gar einen ganz regulären Platz im hohen Ältestenrat innehatten, mochte das sicherlich schon eher stimmen. Insofern folglich tat Dives, was man als Mann der untersten Stufe der stadtrömischen Politik in einem solchen Fall eben so tat: Man versuchte seinen Blick darauf zu richten, dass man hoffentlich selbst schon in einigen Jahren einem Teil der politischen Gesellschaft angehörte, der sich hier und jetzt eben besser mit der Rede zu identifizieren vermochte, und klatschte für den Moment einfach erstmal mit den anderen Gästen mit. (Man musste sich, nachdem man sich schon in der Rede nicht ganz gefunden hatte, ja nicht auch noch offen von den anderen Gästen abgrenzen.)

"Archytas?", wandte er sich noch im Applaudieren begriffen in leicht fragendem Tonfall wieder an Lepidus. "Sagt dir der Name etwas?", erkundigte er sich und gab dabei offen vor seinem Freund zu, dass er nicht wirklich viel mit diesem Namen anfangen konnte. Nicht zuletzt hatte er auch ein kleines geografisches Problem: Faustus stammte aus Hispanien. Also kam auch Livianus aus dem gleichen Decimer-Zweig aus dieser westlichen Ecke. Dieser griechische Philosoph hingegen schien folglich aus dem Osten zu kommen. Ob sich die Bezeichnung 'guter alter Freund' also folglich auf eine Brieffreundschaft bezog?
Lucius Tiberius Lepidus
Ein fabelhafte Gelegenheit mit den Männern ins Gespräch zu kommen, die bereits deutlich mehr Stufen des Cursus Honorum erklommen hatten. Es schmeichelte dem Tiberier durchaus mit all diesen Leuten geladen worden zu sein. Erst hier realisierte man doch so richtig, was man eigentlich war: Ein Magistrat Roms. Das änderte natürlich nichts daran, dass man sich bei diesen öffentlichen Schaulaufen dann doch irgendwie an die Leute hielt, die man schon ein wenig besser kannte und sollte wohl auch an jenem Tage der Iulier wieder sein bevorzugter Gesprächspartner werden: "Salve! Ja, mich durchdringt bereits das Gefühl, dass ich mit dir schon mehr Zeit verbringe als mit meiner eigenen Familie. Das sollte mir zu denken geben" Aber natürlich nur auf eine nicht ernstgemeinte Art und Weise, wie das Lächeln von Lepidus unterstrich. Solange wie Dives und er in der Politik im Gleichschritt ihren Weg nach obe nahmen, würden sie wohl noch sehr viel Zeit miteinander verbringen. Es blieb nur zu hoffen, dass sich nicht irgendwann Langeweile im gegenseitigen Umgang einstellte, schließlich wird man irgendwann allen Dingen auf dieser Welt irgendwann einmal überdrüssig. Heute war dieser Tag aber zum Glück noch nicht gekommen.

"Noch nie gehört" Archytas? Großen Ruhm konnte dieser sich als Gelehrter und Philosoph wohl noch nicht erworben haben. "Aber ich bin auf die Diskussion mit ihm sehr gespannt. Dies scheint ja so etwas wie die Hauptattraktion am heutigen Tage zu werden und ich kann nicht leugnen, dass theoretische Darlegungen über Politik mein größtes Interesse finden." Politik ausschließlich praktisch zu betreiben war doch etwas für Stumpfsinnige, so sein gefasstes Urteil. Dass ein Hispanier wiederum mit einem Griechen befreundet war, wunderte Lepidus weniger. Diese Griechen trieben sich doch überall herum.
Marcus Decimus Livianus
"Bevor wir uns jedoch dem angenehmen Teil des Abends widmen, muss ich noch einmal eine offizielle Amtshandlung vornehmen. Ich möchte mein Recht als Consul nutzen und heute Magistraten auszeichnen, die sich in ihrer Amtszeit besonders durch ihre Leistungen und ihr Engagement hervorgetan haben. Besonders freut mich, dass es sich dabei um drei junge Magistraten handelt, die im Gegensatz zu mir erst am Anfang ihrer Karriere stehen und dadurch bereits jetzt aufzeigen, dass in naher Zukunft weitaus mehr von ihnen zu erwarten ist und wir ihre Namen nicht zum letzten Mal hören werden. Solche Männer braucht Rom und der Senat. Ich kann ihnen nur gratulieren.

Ich bitte daher Vigintivir Marcus Iulius Dives, Vigintivir Lucius Tiberius Lepidus und Vigintivir Marcus Decimus Aquila zu mir, um ihnen eine Diploma für ihre engagierte Arbeit als Magistraten des Cursus Honorum zu überreichen."


Unter Applaus und Beifallsbekundungen der versammelten Magistraten, vor allem der jungen Amtskollegen der Betroffenen, die sich sichtlich mit ihnen mitfreuten und stolz darauf waren, dass es welche aus ihren Reihen getroffen hatte und nicht die ohnehin schon oftmals vielfach ausgezeichneten Honoratioren der höheren Ämter, wartete Livianus darauf, dass die Aufgerufenen Vigintiviri zu ihm kamen, um ihre Diploma entgegenzunehmen.
Lucius Tiberius Lepidus
Noch kaum richtig mit dem guten Dives ins Gespräch eingestiegen, gab es auch schon einen formalen Programmpunkt. Gebannt blickte Lepidus zum Consul während er noch einen Becher in der Hand hielt, wo er sich verdünnten Wein hatte einschenken lassen. Interessiert folgte er den Worten, deren Inhalt die Aufmerksamkeit sämtlicher Magistrate wecken mussten. Auszeichnungen waren schließlich stets eine nette Sache. Als dann auch noch sein Name gennannt wurde, prallten Licht und Schatten schnell aufeinander. Der erste Moment war purer Stolz. All die harte Arbeit, die ausgetragenen Konflikte und letztlich auch die Nerven, die dieses Jahr gekostet hatte, all das kanalisierte sich in ein bisschen Anerkennung, die der Tiberier sich natürlich wünschte. Doch noch ehe sein Gesicht ein breites Lächeln auf sich nehmen konnte, verfinsterte es sich sogleich. Lepidus blickte einen kurzen Augenblick zu Dives, bevor er jedoch beschloss als erster voranzugehen und der Aufforderung zum Consul zu schreiten, auf sich nahm. Vorne angekommen, nahm er jedoch nicht etwa seine Auszeichnung entgegen, sondern wandte sich der versammelten Mannschaft zu. "Werte Magistrate Roms. Ich hoffe, der ehrenwerte Consul gestattet mir ein paar wenige Worte zu sagen." Ein kurzer schweifender Blick auf die Menge, dann ging es weiter. "Ich bin von den guten Absichten, die der Consul Decimus mit diesen Auszeichnungen verfolgt, überzeugt, zumal er durch seine gute Amtsführung innerhalb des Jahres selbst eine solche verdienen würde." So viel zur Watte, in die er seine Worte einbettete, bevor der geballte Hammer und die Überraschung folgte. "Doch ich lehne die Auszeichnung ab! Ich weise sie aufs entschiedendste zurück! Edle Magistrate: Ich diene Rom nicht, weil ich dadurch möglichst viele Lobpreisungen erhalten möchte und ich glaube sehr stark daran, dass wir alle hier für Rom um seiner selbst willen dienen und nicht etwa, um Auszeichnungen zu sammeln. Wir handeln für Volk und Kaiser und wir sind ehrenhaft darin, wenn wir den persönlichen Vorteil nicht suchen, sondern uns ganz in den Dienst der Sache stellen. Ehrungen wie diese sind dann maximal dafür da uns noch zu größeren Leistungen anzuspornen, wobei sich unsere Motivation niemals vom Dienst an der allgemeinen Sache entfernen darf. Diese Auszeichnungen nun scheinen ihren Zweck zu verfehlen. Sie scheinen lediglich aus Gründen des persönlichen Vorteilsstrebens geboren, sind jedoch nicht mehr mit der Belohnung für einen herausragenden Dienst an der Allgemeinheit verknüpft. Sie scheinen stattdessen den Geist des Nepotismus zu atmen!" Lepidus versuchte sehr ruhig zu bleiben, als er dies vortrug. Er ließ offen, wen oder was er hier meinte. Die Magistrate konnten sich sicherlich selbst ein Bild davon machen und feststellen, dass hier offensichtlich nicht ausschließlich 'Leistungen' und 'Engagement' zählten, wie vom Consul betont. Immerhin war dies mit einem Vorwurf an den Consul höchstpersönlich verbunden, denn er jedoch sogleich zu relativieren versuchte: "Ich sage sehr wohl 'scheinen', denn ich bin, wie gesagt, von den guten Absichten, die der Consul hegte, überzeugt. Doch wir alle tun gut daran, vor dem Volk nicht einmal den Anschein zu erwecken, hier würden Auszeichnungen aus unangemessenen Motiven vergeben." Und so kam er zu seinem Schlussplädoyer. "Ich glaube leider nicht, dass jede einzelne dieser Auszeichnungen vor dem Volk oder auch dem Kaiser gerechtfertigt werden kann. Es kann nicht klar gemacht werden, weshalb dieser und jener eine Auszeichnung verdient hat und der andere nicht. Es kann nicht bei jedem von uns festgestellt werden, wie sehr er seinen Dienst an der Allgemeinheit geleistet hat. Wenn dies bei auch nur einem einzigen, der hier Ausgezeichneten der Fall ist, wenn sich entschieden daran zweifeln lässt, dass es jemand aufrichtig verdient hat, hier eine Diploma zu empfnagen, dann bin ich in der Reihe derjenigen falsch, die eine solche Ehrung erhalten sollen. Dann ist sie nämlich entwertet und ich selbst muss mich fragen, ob ich dann überhaupt wert bin, sie zu empfangen. Somit möchte ich mein Gesicht vor den Göttern wahren und lehne die Diploma unter den gegebenen Umständen ab." Stur trat Tiberius etwas abseits, damit die anderen beiden nach vorne treten konnten. Seine Quatuorviri-Kollegen standen nicht weit weg von ihm. Warum wurden sie nicht genauso ausgezeichnet, wenn die Anforderungen doch so schmeichelhaft waren?
Marcus Decimus Livianus
Freundliche lächelte der Consul noch und nickte zuversichtlich, als der Tiberius darum bat ein paar Worte sprechen zu dürfen. Doch kaum ein paar Sätze gesprochen, versteinerte sich das Lächeln des Decimers wieder und er sah den Vigintivir mit fassungsloser Mine an. Während bereits lautes Murmeln aufkam und manche der älteren Magistrate den Kopf schüttelten, rang Livianus um Worte.

"Ich kann dir nicht folgen Tiberius. Von welchem persönlichen Vorteilsstreben sprichst du? Wie ich dir vor einiger zeit bei unserem Treffen in deinem Officium berichtet habe, hat sogar der Palast von deiner guten Arbeit Kenntnis genommen und war dir vor allem für deine Pflichtbewusste Haltung in Bezug auf die Verunglimpfungen des Princeps äußert dankbar. Bereits damals bei meinem Gespräch mit dem Procurator a libellis hat er mich darum gebeten, dich mit einer Auszeichnung zu bedenken, da sonst andernfalls er zum Princeps gegangen wäre, um eine Diploma für dich zu fordern."

Immer noch fassungslos schüttelte Livianus den Kopf über das Verhalten des jungen Magistraten, dass er beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Diese Verleigung war von langer Hand geplant und abgesprochen und keine plötzliche Eingebung des Consuls.
Lucius Tiberius Lepidus
Während die älteren Männer wohl mit dem Kopf schüttelten, taten es die jüngeren wohl weniger. Doch Lepidus konnte dies natürlich weder sehen noch beeinflussen, ob ihnen nun die Köpfe von den Schultern fielen oder nicht. "Es ehrt mich, dass du noch einmal hervorhebst, dass meine Arbeit hervorragend war und dass auch noch andere dieser Ansicht sind. Ich nehme dies gern an und blicke mit dem Gefühl meine Pflicht erfüllt zu haben auf eine erfolgreiche Amtszeit zurück. Doch diese Leistungen können unmöglich dazu geführt haben, mir eine Diploma verleihen zu wollen, denn ich bin mir sehr sicher, dass du keine ähnlichen Worte für jeden finden wirst, der heute ausgezeichnet werden soll. Auch glaube ich nicht, dass jeder, der heute hier eine Diploma erhalten soll, auch durch die kaiserliche Kanzlei als auszeichnungswürdig bekannt war. Rufe dir noch einmal meine letzten Worte in Erinnerung: Wenn es einen Zweifel an jemandem gibt, und sei es nur an einer einzigen Person, die hier ausgezeichnet werden soll - Zweifel an den Leistungen und dem Dienst an der Allgemeinheit desjenigen -, dann ist die gesamte Auszeichnung für jeden obsolet, seien auch darunter Personen, die es durchaus verdient hätten. Sie ist dann wertlos. Sie ist nur noch überflüssige Zierde, die sich nur derjenige wünschen kann, der diese Auszeichnung nicht für hervorragenden Taten zum Wohle Roms, sondern lediglich zum eigenen Vorteil für sein weiteres Fortkommen und dem Wunsch - trotz Anstrengungslosigkeit - zu prahlen, erlangen möchte." Dass es hier um einen gewissen verwandtschaftlichen Zusammenhang zwischen Auszeichnenden und Ausgezeichneten ging sowie einem gewissen Leistungsgefälle, konnte sich sicher nun auch dem Menschen mit den größten Scheuklappen erhellen. Letzteres machte den ersten Tatbestand überhaupt erst brisant. Nun schien es an der Zeit auch noch andere Personen in diesen Eklat mit hineinzuziehen - für den Tiberier ging es natürlich um eine ganz bestimmte Person, denn Dives konnte hier beweisen, wie stark Freundschaft und Bündnis wogen. Oh Dives, möge dir die Hand abfaulen, wenn du nach dieser verdorbenen Diploma greifst. Lepidus konnte nur hoffen, dass der Iulier den tieferen Zusammenhang all dessen erkannt hatte. Durch die bisherigen Beschreibungen sollte ihm sicherlich einsichtig gewesen sein, dass es hier nicht um ihn ging. "Keiner der erwähnten Vigintiviri sollte heute in diesem Rahmen eine Auszeichnung entgegennehmen! Mancher sollte es nicht, weil dies seiner aufopferungsvollen Leistungsbereitschaft nicht gerecht wird." Starker Blick zu Dives. "Sei es, weil sein Gewissen und die Frucht vor den Göttern ihn davor bewahrt, etwas anzunehmen, was ihm nicht gebührt." Starker Blick in die Runde, wo er leider niemanden fand. "Der objektive Blick mag manchmal durch gewisse Beziehungen, seien es z.B. verwandtschaftliche, getrübt sein. Wenn die kaiserliche Kanzlei und mithin der Kaiser persönlich eine Auszeichnung befürworten sollten, nachdem die Leistungen der Magistrate in Augenschein genommen wurden, dann bin ich bereit einem solchen Urteil Vertrauen zu schenken. Dann hat auch jeder dort Erwählte das Lob verdient. Doch hier und heute steht der Anschein des Nepotismus im Raum, die Möglichkeit einer anstrengungslos erworbenen Auszeichnung, die Möglichkeit von Ungerechtigkeit, den Bruch einer hohen Tugend. Dieser Anschein sollte vermieden werden, Consul Decimus. Ich gebe dies mit aller Ehrlichkeit zu bedenken."
Marcus Iulius Dives
"Da stimme ich dir vollauf zu! Seien wir also gespannt darauf, was dieser Archytas", wiederholte der Iulier den Namen noch einmal, um ihn sich vor allem selbst auch besser einzuprägen, "uns später zu erzählen vermag." Mehr vermochte Dives jedoch kaum zu seinem Verbündeten zu sagen, da ergriff der Gastgeber noch einmal kurz das Wort anzukündigen, drei besonders engagierte - jüngere und am Anfang ihrer Laufbahn stehende - Magistrate auszuzeichnen. Gerade da sich aufgrund jener Beschreibung die Aedile und Praetoren bereits ausschlossen, während der eine oder andere Quaestor vielleicht auch nicht mehr als ganz so jung zu bezeichnen wäre, stieg bei dieser Ankündigung selbstverständlich auch bei Dives Hoffnung und Erwartung gleichermaßen. Denn konnte man sagen, dass er in seiner Amtszeit mehr getan hatte, als seine Mitdecemvirn? Er fand: Ja, durchaus. Immerhin hatte er nicht nur zahlreiche, überdurchschnittlich viele persönliche Hausbesuche gemacht, um nicht nur neue Bekanntschaften zu schließen, sondern natürlich vor allem auch den Hinterbliebenen damit mehr Respekt und Mitgefühl auszudrücken, als dies nun einmal mit geschrieben Worten möglich gewesen wäre. Nein, er hatte darüber hinaus nicht zuletzt sogar eine Feststellungsklage angestrengt, die nebenbei selbstverständlich auch seinen Namen einmal mehr bekannter machen sollte. Ein 0815-Decemvir hätte den Fall ohne fremden Antrieb sicherlich da gelassen, wo er war: In den Akten. Und aller guten Dinge waren drei, hatte man schon in Ostia seinen gezeigten Einsatz nicht zu honorieren gewusst. (Nicht, dass er nur deshalb so lange als Duumvir Ostiensis amtierte, die Hafenstadt sicher und vor allem _unblutig_ durch den Bürgerkrieg manövrierte, sowie den Rechtsstatus der Stadt beim Kaiser bestätigen ließ und eine entsprechende Änderung des Stadtgesetzes durchsetzte, um dafür im Nachhinein gleich seinem Cousin Octavius Macer, der dereinst einzig einen Tempel bauen ließ, dafür eine Diploma zu empfangen.) Dennoch aber konnte der Iulier sich des Gefühls einfach nicht erwehren, dass er sich eine entsprechende Anerkennung irgendwo mittlerweile verdient hatte.
Und dann, sogar als Erstgenannter, fiel er, der Name Marcus Iulius Dives. Stolz war ja gar kein Wort für das, was er daraufhin empfand. Tausende, hunderttausende oder gar Millionen - ehrlich gesagt fehlte ihm hier jede quantitative Vorstellung - kleiner Härchen auf seiner Haut richteten sich unter dem Beifall unweigerlich auf und in der Tat hatte Dives für einen Augenblick lang wirklich beinahe das Gefühl platzen zu können vor geballter Freude. Doch dergleichen hielt nicht lange an. Denn während er selbst erst durch das Gerede und Gemurmel manch anderen Gastes überhaupt der Namen der beiden anderen vermeintlich Glücklichen gewahr wurde, war sein Freund Lepidus bereits der Aufforderung des Consuls gefolgt, stand bei diesem und begann seine kleine Rede.

Tja, was konnte man nach den Worten des Tiberiers zu ebenjenen noch sagen? Er sprach in seiner Argumentation zweifellos ein paar überaus wahre Dinge, die an der jüngeren Geschichte interessierte Menschen unter Umständen durchaus an 'hispanische Auszeichnungen' zu erinnern vermochten. Auch zu jenem in der Vergangenheit liegenden Thema konnte man schließlich sagen, dass es sicherlich Leute gegeben hatte, die dereinst überaus verdient für ihre Arbeit in der Provinz ausgezeichnet worden waren. Letztlich jedoch hatten exakt diese Leute von der Annahme der damals wohl recht inflationär verteilten Diplomata (nur um für den an richtiger Grammatik interessierten Leser auch einmal einen korrekten Plural vom konsonantisch deklinierten Neutrum Diploma zu formulieren) vermutlich mehr Schaden genommen, als dass sie davon profitierten. Denn mit jedem einzelnen eben nicht objektiv zu recht vergebenen Diploma war der Wert jener ursprünglichen Leistungsanerkennung dereinst gesunken - letztlich sogar auf ein negatives Niveau, wenn man den Erzählungen und Geschichten soweit glauben durfte. Vermutlich also von der Sorge getrieben, dass es auch ihm so ergehen könnte, lehnte also Lepidus seine Auszeichnung ab.
Die eigenen Gedanken, die sich Dives in der Folge darum machte, ob er hier womöglich derjenige des auszuzeichnenden Trios sein sollte, der allein, zu zweit oder zu dritt auf der Anklagebank saß, schob letztlich sein Verbündeter einen wohl für alle Anwesenden vergleichsweise eindeutigen Riegel vor, wie er gleichsam kurz zuvor vom Consul von der Anklagebank freigesprochen wurde. Damit dann blieb wohl nurmehr ein Magistrat noch potenziell auf jener Bank sitzen - zwar kein Enkel oder Neffe im Sinne des Begriffs Nepot-ismus oder Vetter im Sinne des Bezeichnung Vetternwirtschaft, mit Sicherheit aber irgendeine Art von Verwandter des amtierenden Consuls Decimus.

"Hoher Consul Decimus!", ergriff der Iulier, nachdem der Wortwechsel zwischen Lepidus und dem Consul offenbar kurzzeitig unterbrochen schien, nun selbst hervortretend das Wort. "In der Tat fühle ich mich überaus geehrt dadurch, dass du an meiner geleisteten Arbeit als Decemvir stlitibus iudicandis derart viel findest, dass du diese durch ein Diploma auszuzeichnen gewillt bist! Dies möchte ich dir vorab in aller Deutlichkeit ehrlich bekunden. Denn, und auch das möchte ich betonen, mir liegt sehr viel daran, dass sich das Verhältnis unserer beiden Gentes keineswegs wieder allzu strak trübt, nachdem ich mit großer Freude mich in der Vergangenheit für eine Verbesserung ebendieses Verhältnisses eingesetzt habe.", erklärte sich Dives und dachte hier selbstredend an die einstige Theatervorstellung in Ostia, an Faustus, an die Tätigkeit unter Decima Seiana als derart junger Praeceptor der Schola Atheniensis. Dann sah er einen kurzen Augenblick lang zu seinem tiberischen Freund, deutete durch ein kurzes Schließen seiner Augen ein Nicken lediglich an und wandte sich hernach den übrigen Anwesenden zu.
"Auch ich möchte euch, ehrenwerte Magistrate, an dieser Stelle noch einmal begrüßen. Den Worten meines Vorredners kaum mehr viel hinzufügen wollend, möchte jedoch auch ich verkünden, dass ich den ohne den geringsten Zweifel meinerseits mit den besten Vorsätzen verteilten Diploma hier und heute und unter den gegebenen Voraussetzungen nicht annehmen kann." Er machte eine kurze Zäsur. "Dies nämlich wäre aus meinem Blickwinkel in gleich mehrfacher Hinsicht ungerecht: Es wäre ungerecht gegenüber mancheinem von euch, der nicht hier bedachten Magistrate. So vermag ich hier aufgrund meiner Tätigkeit als seine rechte Hand in Erbschaftsfragen exemplarisch nur einmal den Praetor Urbanus Fundanius als ebenso engagiertem Magistrat anzuführen, so er mir dies gestattet." Für eine derartige Erlaubnis war es damit natürlich reichlich spät, was dem Iulier an dieser Stelle ein kleines Lächeln entlockte. "Und nicht zuletzt wäre es auch nicht gerecht gegenüber meiner Person, die ich keine Freude an einer solchen Auszeichnung zu haben vermochte, so ich sie hier in dieser von meinem tiberischen Vorredner mittlerweile sicherlich zur Genüge beleuchteten Situation annähme." Damit, und ganz bewusst einen dritten erwähnbaren Punkt aussparend, wandte sich Dives erneut zum Consul.

"Hoher Consul Decimus, es tut mir Leid.", senkte er bei diesen Worten sodann kurz seinen Blick. "Doch um deine Geste nicht gänzlich gering zu schätzen, möchte ich dir vorschlagen, und vielleicht mag mir hier der eine oder andere Magistrat zustimmen, dass du, so du unsere Arbeit und unsere Leistungen tatsächlich in erwähnter Weise schätzt, eine entsprechende Diskussion im über jeden Zweifel erhabenen Senat anregst. Denn als Magistrat des Cursus Honorum, als Magistrat des römischen Senats und des römischen Volkes würde ich nicht nur darauf vertrauen, dass dieses hohe Gremium zu entscheiden vermag, welches die geeignetsten Magistrate jedes Amtsjahres sind, sondern ebenfalls darauf, auch zu wissen und festzustellen, welcher gewesene Magistrat seine Amtspflicht überdurchschnittlich und damit auszeichnungswürdig erledigt hat und wer sie eben eher durchschnittlich zu absolvieren vermochte, was ich damit keineswegs herabwürdigen möchte." Denn im Gegenteil ging es ja irgendwo um Heraufwürdigungen. Da er nicht der Meinung war, dass hier nun jemandem eine Amtszeit gar gänzlich aberkannt werden müsste - so vortrefflich war er hier auch außerhalb seiner Decemvirn mitnichten informiert - erwähnte er diese Möglichkeit in der Folge auch nicht.
Mehr als diesen Vorschlag hatte Dives dazu an dieser Stelle erst einmal nicht zu sagen, obgleich er durchaus zur Kenntnis genommen hatte, dass Lepidus eine Entscheidung hier eher dem Kaiser und seiner Kanzlei zuzusprechen gewillt schien. Doch für den Iulier, der es selbstredend nicht wagen würde eine kaiserliche Auszeichnung zurückzuweisen, galt eben dennoch irgendwo, dass er kein Ritter war. Und ritterliche/kaiserliche Beamte, ja, die sollten durch die Kanzlei und den Kaiser ausgezeichnet werden. Senatorische Beamte hingegen, war er überzeugt, hatten ihre Ehrungen auch entsprechend vom Senat zu empfangen. Ausgenommen davon selbstredend etwaige militärische Ehren von der Phalera bis zum Triumph, was man an dieser Stelle natürlich eher als symbolische Aufzählung - die Auszeichnungsrechte eines Legionslegaten wollte er hier schließlich nicht beschnitten wissen - betrachten durfte.
Marcus Decimus Livianus
Nach den letzten Worten des Iuliers kehrte für einige Zeit Stille ein und Livianus sah nachdenklich in die Gesichter der vor ihm stehenden Magistrate. Um es seinem jungen Verwandten Aquila, der sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht zu Wort gemeldet hatte, zu ersparen den älteren Decima ebenso vor den Kopf zu stoßen, traf er schließlich eine Entscheidung.

"Unter diesen Umständen werde ich von der Verleihung aller Diploma absehen und sie wieder zurückziehen."

Seiner stoischen Miene war dabei keine Gefühlsregung zu entnehmen, die man in irgendeine Richtung deuten konnte, auch wen ihm diese ganze Angelegenheit sichtlich bewegte. Er wandte sich schließlich von den drei jungen Magistraten ab und sah zu den restlichen Magistraten, die gespannt darauf warteten, wie es nun weiterging und ob der Consul noch etwas zu sagen hatte. Doch ihre Neugier wurde vermutlich enttäuscht, als der Decimer lediglich ein

"Bitte labt euch am reichhaltigen Buffet. Ich wünsche euch allen einen netten Abend."

in den Raum warf und sich dann aus dem Mittelpunkt des Geschehens zurückzog.
Marcus Decimus Aquila
Gegen den Rat des Medicus und mit mehr Mühe, als ihm eigentlich gut tat, hatte Aquila sich trotz des Lungenleidens, das ihn nun schon so lang im Griff hatte, zu dem Empfang geschleppt, den sein Onkel gab. Bleich im Gesicht, mit ein paar roten Flecken auf den Wangen und dunklen Ringen unter den Augen hielt er sich vornehmlich im Hintergrund, und tat sein Bestes, die Hustenkrämpfe zu unterdrücken, die ihn regelmäßig schütteln wollten. Das Schlimmste hatte er hinter sich, jedenfalls fühlte es sich – mal wieder – so an für ihn in seinem Optimismus, aber er war weit davon entfernt gesund zu sein, und das vielleicht Schlimmste war dieses elende Auf und Ab, das ihn nach wie vor im Griff hielt. Er hatte schon zwei, drei Mal geglaubt, das Schlimmste hinter sich zu haben, nur um dann einen Rückfall zu haben. Es nervte ihn. Mehr noch, er hasste es. Aber viel dagegen tun konnte er auch nicht, außer zu tun was der Arzt ihm sagte, meistens jedenfalls. Was diesen Empfang anging, hatte er sich einfach darüber hinweg gesetzt – er hatte schon bei zu vielen Dingen gefehlt, als dass er sich leisten könnte bei etwas zu fehlen, was im Haus der eigenen Familie stattfand.
Mit erzwungener Konzentration lauschte er der Einführung und dem Wortwechsel, der sich dann entspann, und obwohl er Mühe hatte, wirklich alles Wort für Wort mitzubekommen, verstand er doch freilich genug um zu kapieren, worum es ging. Was auch nicht allzu schwer war. Sie waren höflich genug seinen Namen nicht zu erwähnen, aber das mussten sie auch gar nicht. Es war auch so offensichtlich, dass er gemeint war – und er wusste, dass sie Recht hatten. Er hatte keine Auszeichnung verdient für das, was er in dieser Amtszeit geleistet hatte, das war ihm nur allzu bewusst. Nachdem er krank geworden war, hatte er von daheim aus noch eine ganze Weile Papierkram erledigt*, aber zu wesentlich mehr war er zu lange nicht imstande gewesen. Also gab es keinen Diskussionsbedarf darüber, was seine Verdienste anging, für ihn nicht und wohl für keinen anderen. Und Aquila wusste auch, dass es nun an ihm war etwas zu sagen... aber die Zwickmühle, in der er sich befand, war nicht gerade schön. Er wollte seinen Onkel nicht vor allen hier Anwesenden bloß stellen, nicht noch mehr als es die beiden Vorredner schon getan hatten. Und er war, natürlich, nicht sonderlich scharf darauf, sich selbst hier vor allen bloß zu stellen – es wäre anständig gewesen, und richtig, aber ganz sicher nicht angenehm. Er kämpfte mit sich, und er hätte vermutlich doch noch das Wort ergriffen, hätte einen Augenblick länger Schweigen geherrscht, aber da kam ihm sein Onkel schon zuvor – und er fühlte sich zugleich erleichtert und unendlich beschämt. Wenigstens eine Sache allerdings konnte er dann doch noch tun: er gesellte sich zu seinem Onkel. „Nimm nur das Diploma für mich zurück, und red noch mal mit den beiden anderen. Ich denke sie würden die Auszeichnung annehmen, wenn ich nicht mit ihnen in einer Reihe steh“, sagte er zu ihm und kämpfte ein weiteres Mal darum einen Hustenkrampf wenigstens halbwegs zu unterdrücken. „Ich weiß du hast es gut gemeint, aber seien wir ehrlich: ich hab so was einfach nicht verdient. Und ich will's auch nicht haben, wenn ich's nicht verdient hab.“ Aquila hustete erneut und räusperte sich gleich darauf. „Wenn du mich entschuldigst, ich sollte mich wohl besser wieder hinlegen...“


Sim-Off: *=Erbschaftsfälle sim-off
Marcus Decimus Livianus
"Schon gut Marcus. Mach dir darüber keine Gedanken."

Livianus klopfte seinen jungen Verwandten auf die Schulter und nickte ihm dann verständnisvoll zu, bevor dieser sich entfernte. Der Consul stand noch einige Zeit da, sah in die Runde und dachte kurz über Aquilas Worte nach. Doch er kam recht schnell zu einem Entschluss: Nein! Er dachte nicht im Traum daran, nach diesem Theater auch nur irgendjemanden eine Diploma zu verleihen.

Natürlich war ihm von Anfang an bewusst gewesen, dass sein junger Verwandter diese Auszeichnung nicht im gleichen Ausmaß verdient hatte, wie die beiden anderen. Doch wäre er nicht der Erste und bestimmt auch nicht der Letzte gewesen, der Nutznießer eines höhergestellten Verwandten wurde und bei einem derartigen Anlass einfach das Glück hatte und mit den anderen mitschwimmen konnte. Abgesehen davon, dass wohl kaum einer beurteilen konnte, wieviel Arbeit ein Magistrat tatsächlich im Hintergrund leistete, die man nicht so publikumswirksam verkaufen konnte wie ein Gerichtsverfahren oder das Lob eines kaiserlichen Procurators.

Es war schlichtweg Heuchelei. Nicht mehr und nicht weniger. Livianus kannte solche ‚Glücksfälle‘ zuhauf, hatte das Kliententum und die Vetternwirtschaft doch schon fast System in der römischen Gesellschaft und zog sich durch alle Stände und Ränge. Sogar der nun so von Moralvorstellungen getriebene Tiberier war vor seiner Erhebung in den Ordo Senatorius ein einfacher Tempelverwalter gewesen und überhaupt erst durch seinen Patron in die Lage gekommen, ein Amt im Cursus Honorum anstreben zu können. Das hatte Livianus zumindest seinem Werdegang entnommen, den er sich aufgrund der Entscheidung über die Auszeichnung vorlegen hatte lassen. Da draußen gab es bestimmt zu Hauf Männer wie Lepidus, die es vielleicht sogar mehr verdient hätten nun hier zu stehen oder unter Umständen fähiger waren, schließlich gab es immer irgendeinen der Besser war. Doch die hatten eben keinen Patron, der wiederum Klient von Palma höchstpersönlich war und es einem richten konnte. Wenn diese zwei Moralapostel nun glaubten heiliger als jede Vestalin sein zu müssen, dann sollte es eben so sein. Jeder andere hätte in der gleichen Situation vermutlich geschwiegen. Doch Livianus hatte bereits das vergangene Jahr über feststellen müssen, dass das Amt des Consuls zu einer Lachnummer verkommen war, dem wohl keiner mehr einen auch nur irgendwie gearteten Respekt zollte, ob nun Senator oder Vigintivir. Aufregen brachte jedoch nichts und letztendlich konnte es ihm auch egal sein.
Marcus Iulius Dives
Tja, da ging sie hin, die Auszeichnung. Schade eigentlich, obgleich Lepidus zweifelsohne recht damit hatte, dass ein Diploma hier keineswegs annehmbar gewesen war - genau genommen wahrscheinlich schon von vornherein nicht und gänzlich unabhängig davon, wer alles bedacht und wer alles nicht bedacht worden war. Denn nicht zuletzt konnte man wohl auch die Frage wenigstens einmal in den Raum stellen, ob hier der Consul oder der Privatmann Decimus auszuzeichnen versuchte: Und das Ambiente sprach wohl eindeutig für letzteres, oder nicht? Der Decimer hatte in seine private Casa eingeladen, war allem Anschein nach folglich auch alleiniger Gastgeber und Veranstalter dieses Abends und trug damit nicht nur offenkundig ohne Befürwortung des Senats, der andernfalls sicherlich auf die Lokalität der Curia Iulia oder des Forum Romanum bestanden hätte, sondern nicht zuletzt auch ohne seinen Collega ganz alleine den Auszeichnungswillen. Da brauchte niemand glauben heiliger zu sein als eine Vestalin um zu sehen, dass sich jeder, der eine derartige Auszeichnung in diesem Rahmen annahm, automatisch ins Schussfeld begab: des anderen Consuls, der im übelsten Fall von seinem Veto-Recht gebrauch machen konnte, wenn er den Diplomata nicht zustimmte, sowie - und das viel entscheidender - des gesammten Senats, der absehbar sicherlich kaum begeistert wäre, wenn einer der ihren ganz allein eine Auszeichnung im Namen aller (und erwähntermaßen waren die Magistrate des Cursus Honorum senatorische Beamte, was den Senat als solchen, wenigstens aber beide Consuln gemeinsam zu ihren Vorgesetzten machte) vergab. Da galt es auch hinsichtlich der weiteren Laufbahn, in der man als Vigintivir doch anstrebte später noch einige Male gewählt zu werden, möglichst objektiv und gefühlsneutral abzuwägen, ob man mit seinem Verhalten nun den Unmut einer wahlberechtigten Person auf sich zog oder lieber jenen hunderter wahlberechtigter Personen. Wohlbemerkt: Dieser amoralische, also von moralischer Bewertung noch völlig freie, Gedankengang musste wohl zweifellos selbst Personen mit weniger hohen, patrizischen Moralansprüchen - und hier konnte und musste sich absolut auch Dives selbst schon allein aufgrund seiner... Sache mit Faustus an die eigene Nase fassen - davon überzeugen, dass eine Annahme einer Auszeichnung in diesem Rahmen politisch insbesondere für einen gerade einmal Vigintivir nicht möglich war.

Dass der decimische Consul hernach keinen Bezug mehr nahm auf den Vorschlag des Iuliers eine Entscheidung in den Senat zu tragen, war ein mehr als eindeutiges Zeichen. Verständlich selbstredend, dass sich der Gastgeber gekränkt sah, da er mit seiner wortwörtlichen Überraschung wohl keineswegs die positive Reaktion erhalten hatte, auf die er sicherlich hoffte. Auf der anderen Seite natürlich bot auch dies möglichen Gegnern nun wohl einmal mehr Tür und Tor für etwaige Angriffe. Dives würde derartige Gedanken kaum laut äußern, war es doch immerhin Faustus' Vater, um den es hier ging, doch litt hier natürlich mitunter schon die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der erst drei Magistrate für ihre "engagierte Arbeit als Magistrate des Cursus Honorum" auszuzeichnen gewillt war, bevor er jetzt, nachdem lediglich zwei ihn mehr oder weniger notgedrungen brüskiert hatten, nicht einmal für den letzten im Bunde vor den Senat zu ziehen gewillt war? Über Gründe dafür ließe sich weit gefächert spekulieren. Das wollte sich der Iulier jedoch gar nicht erst gedanklich ausmalen.
So also trat Dives ans angekündigtermaßen reichhaltige Buffet, wo er sich seinen tristen Gedanken daran hingab, wie er es innerhalb nur eines Amtsjahres geschafft hatte, nicht nur irgendjemanden aus Faustus' Verwandtschaft, sondern ausgerechnet auch noch dessen Vater konsequent drei volle Male gegen sich aufzubringen - neben dem heutigen Tage ja auch schon zur hiesigen Feier des consulischen Amtsantritts, die Dives gar nicht erst besucht hatte, sowie durch eine unbeantwortete Einladung des Decimers. Und war da nicht sogar noch etwas? - Ja richtig, er hatte nicht zuletzt auch in Gegenwart Faustus' schlecht über dessen Vater gesprochen! So langsam meinte der Iulier hier zu lernen und zu verstehen, was es mit der Bezeichnung Schwiegermonster auf sich hatte. Denn zwar hielt er den Consul hier mitnichten für ein Monster, wie er auch Faustus ja gar nicht heiratete, sodass hier auch niemals von einem Schwiegermonster die Rede sein konnte, doch 'best friends' mit Decimus Livianus sah auch irgendwie anders aus. Mit einem Seufzen schob Dives nun selbst ein bisschen gefrustet mittlerweile für jene, die mitzählen, das fünfte halbe Ei mit dieser leicht scharfen Pastenfüllung in sich hinein, während er darauf wartete, dass dieser Archytas auftauchte. Konnte diese Veranstaltung hier noch schlimmer werden? Besser nicht fragen, sonst wurde sie es noch. Die sechste Eierhälfte komplettierte das dritte Eier irgendwo im iulischen Magen und noch immer vermochte es das Sättegefühl nicht erfolgreich gegen das Selbstmitleid anzukämpfen...



PRAECEPTOR - SCHOLA ATHENIENSIS
DECURIO - OSTIA
VICARIUS PRINCIPIS FACTIONIS - FACTIO VENETA
Lucius Tiberius Lepidus
Die Erwiderung des Consuls war kurz, aber konsequent. Lepidus erwartete im Grunde keine weiteren Ausführungen mehr. Schön wäre es zwar, wenn er sowohl auf den Vorschlag von Lepidus mit Bezug auf den Kaiser oder auch auf den Vorschlag von Dives bezüglich des Senats eingegangen wäre. Doch offensichtlich war er stärker getroffen, als gedacht. Der Iulier selbst hatte noch einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, wobei Lepidus das einzelne Drumherum weit weniger interessiert als die schlichte Tatsache, dass sein Verbündeter hier bei ihm stand. Ob Dives dies nun aus eigener Überzeugung oder tatsächlich aus Unterstützung tat, das musste er wohl später noch in Erfahrung bringen. Hier und jetzt zeigte es jedoch, dass Lepidus und Dives nicht in Wort, sondern auch in der Tat zusammenstanden. Eine wichtige Erkenntnis für die Zukunft ihres Bündnisses.

Lepidus mischte sich nachdem diese Sache gegessen war, wieder unter das Volk. Er wusste nicht, wie die restlichen Magistrate diesen Vorfall wohl interpretieren würden. Lediglich seine Straßenreinigerkollegen, mit denen er ein ganzes Jahr zusammengearbeitet hatte, klopften ihm ein wenig auf die Schulter. Würde dies tatsächlich als Respektlosigkeit gegenüber dem Consul gewertet werden? Hatte sich hier ein kleiner Viginitivir törichterweise gegen einen der obersten Magistrate aufgelehnt? Lepidus selbst neigte natürlich nicht zu dieser Interpretation, auch wenn es ihm selbst natürlich schmeichelte. Das lag aber vielleicht auch an seiner verblendeten Sichtweise. Aus seiner Sicht hatte er stets betont, dass es hier nur um den Anschein ging. Letztlich hatte er ja sogar erwähnt, dass er den Consul selbst für auszeichnugswürdig hielt. Natürlich war dies verbunden mit ein wenig Heuchelei und dem Drang danach im Fokus der Veranstaltung zu stehen. Wie schnell konnten sich nun alle gewesenen Magistrate wohl den Namen Tiberius Lepidus merken? Eine Konsequenz, welche ihm jetzt erst bewusst wurde und wie es in der spontanen Regung, die ihn bei der überraschenden Auszeichnungsverleihung noch gar nicht klar sein konnte. Doch wenn es zumindest keine Respektlosigkeit gegenüber dem Consul war, war es dann zumindest Heuchelei?

Davon konnte man ausgehen. Jetzt in diesem Moment hielt der Tiberier natürlich gern die Tugenden hoch und berief sich auf das Volk, aber würde er eines Tages selbst in der Situation sein, würde seine Verwandten wahrscheinlich mit Auszeichnungen überschütten. Jeder Tiberier, sei er nun fleißig oder nicht, wäre allein Kraft seiner Herkunft für die höchsten Würden besser geeignet als jeder andere. Doch in diesem Moment war er natürlich nicht in der Situation und natürlich wäre es ihm fern gewesen, nur weil bei ihm das Verhalten zu befürworten ist, es bei jedem anderen ebenso zu befürworten wäre. Man konnte dies für Doppelmoral halten, Lepidus selbst hielt es dagegen einfach nur für eine logische Konsequenz, die seiner patrizischen Stellung erwuchs. Wahrscheinlich hätte sich der Tiberier an des Consuls Stelle selbst gar nicht darum gekümmert, ob die anderen nun die Auszeichnung annahmen oder nicht: Seinem Verwandten hätte er sie einfach dennoch verliehen. Was sollte man schon dagegen machen? Solange man Macht hatte, konnte man sie auch einsetzen. Besonders dann, wenn man ohnehin schon alles erreicht hatte, was es zu erreichen galt und man auf niemanden mehr Rücksicht nehmen musste. Doch der Decimus schien dann vielleicht doch noch der Tugendhafteste hier im Raume zu sein, da er seine Macht nicht mit der Brechstange ausübte.

Mit einem überaus stolzen Schritt und einem gewissen gewinnenden Lächeln, kam der selbstgefällige Patrizier wieder auf seinen iulischen Freund zu, der etwas bedrückt die Eierhälften herunterschlang. "Auszeichnungen haben schon viele gewonnen, mein Freund. Wenn die Geschichte überhaupt noch von jemandem Notiz nimmt, dann von demjenigen, der sie tugendhaft zurückwies" Lepidus wusste nicht, ob das seinen Freund wirklich darüber hinwegtröstete, da dies nun ganz sicher nichts war, was ein Historiker niederschreiben würde. Aber es zwar zumindest ein Versuch.


SODALIS FACTIO AURATA - FACTIO AURATA
Marcus Iulius Dives
Dives schluckte hinunter.
"Ach, das ist es ja nichtmal.", warf er seinem tiberischen Freund ohne lange Zeit des Überlegens entgegen und unterstrich seine Worte mit einer entsprechend wegwerfenden Geste. Erst im Anschluss daran ging ihm auf, dass er hier vielleicht ein wenig vorsichtiger sein sollte und nicht freimütig bis ins letzte Detail kundtat, was ihn hier am meisten an dieser Situation störte. "Ich meine, versteh mich nicht falsch. Es freut mich stets, wenn man meine Arbeit anerkennt, wie ich mich ganz generell selbstredend auch gerne dafür auszeichnen lasse.", setzte er nun in hörbar... politischerem Tonfall fort. "Was mir hier jedoch die größeren Sorgen bereitet, das sind meine Beziehungen zum Hause Decima: Nachdem das Verhältnis zwischen Decimern und Iuliern seit den Hochzeiten" (mit wohlbemerkt langem O) "des Decimus Meridius stets ein gutes war, was sich an dessen einstiger Gattin _Iulia_ Severa, mancheinem Patronat, diversen privaten Anstellungen und so weiter festmachen ließ, haben die Decimer sogar für einen guten Teil des Grundbesitzes meines Cousins Iulius Centho, wie auch meines Großonkels Iulius Licinus, dem Lagerpräfekten in Mantua, gesorgt. Decimus Livianus wollte sogar selbst eine Iulia ehelichen, bevor diese leider viel zu jung verstarb.", führte Dives aus und verkniff sich aufgrund seiner Stimmung einen leicht komischen Kommentar dahingehend, dass auch diese Beziehungen keinen Schaden daran genommen hatten, dass die Iulier irgendwann aus dem Lager der Aurata in jenes der Veneta gewechselt waren.

"Dann jedoch gab es einen wohl nicht gerade geringen Konflikt meines Cousins Centho mit der Redaktion der Acta Diurna, sowie damit zwangsläufig auch Decima Seiana." Er atmete durch und schüttelte ganz leicht nur seinen Kopf dabei. "Und jetzt hatte ich gerade geschlagene drei Jahre meine Zeit darin investiert, das Verhältnis zwischen Iuliern und Decimern wieder zu verbessern, habe mich mit mancheinem der ihren sogar persönlich angefreundet, bin in der Schola Atheniensis unter anderem aus diesem Grund tätig, habe die Decimi seither stets versucht in Gänze zu bedenken, wenn ich eine Theateraufführung in Ostia finanzierte, einen Tempelbau beauftragte, eine Feier ausrichtete - zu meiner Hochzeit sind sie ebenfalls alle eingeladen. Doch ausgerechnet mit Decimus Livianus, dem Consul, dem höchsten Mitglied der ihren, brauche ich nicht einmal ein drittel der ganzen investierten Zeit, um ihn innerhalb nur eines Jahres konsequent gleich mehrfach gegen den Kopf zu stoßen." Der Decemvir seufzte und griff sich noch eine Eierhälfte. "Und das nun bereitet mir ehrlich gesagt ein paar mehr Sorgen als die Frage, ob seine Worte des Lobes ehrlich gemeint waren oder ob er sich jetzt nicht weiter zusammen mit dem Senat oder dem Kaiser oder seinem Mitconsul oder wie auch immer für etwaige Anerkennungen unserer Tätigkeiten einsetzt oder nicht.", rutschte ihm letztlich am Ende seines Monologs doch noch dieser eine unschöne Gedanken heraus, den die offensichtlich ja kategorische Ablehnung jeden Vorschlags der beiden Vigintivirn zwangsläufig im Iulier geweckt hatte. Dann schlag er das halbe Ei in seinen Händen ebenfalls noch hinunter, bevor er mit einem Schluck aus seinem Becher stark verdünnten Weins (den hatte er sich zu Beginn irgendwann geben lassen, als er noch darauf geachtet hatte, was er hier zu sich nahm) nachspülte.



PRAECEPTOR - SCHOLA ATHENIENSIS
DECURIO - OSTIA
VICARIUS PRINCIPIS FACTIONIS - FACTIO VENETA