alicubi | Ein ernstes Gespräch?

  • Die Einladung war überbracht worden, eine positive Antwort hatte ich ebenfalls bereits erhalten. Beseelt von einer mir unerklärlichen Anspannung, lag ich auf einer cline der Terrasse in der Sonne und musterte nachdenklich die Pflanzen im Garten, die man von hier aus sehen konnte. Träge summten Bienen von Blütenkelch zu Blütenkelch, Amseln stritten sich um die fettesten Würmer des guten Bodens und die Sonne beseitigte die letzten Tautropfen. Es war ein klarer Morgen, und er verkündete, dass der Tag sehr warm werden würde.


    Leise Schritte hinter mir ließen mich den Kopf drehen. Ich erwartete jemanden, genau genommen hatte ich nach Siv schicken lassen. Ich blickte sie kurz an und deutete wahllos auf eine Sitzgelegenheit. "Setz dich" sagte ich zu ihr und wartete.

  • Siv war bereits seit langem wach – der Boden in der Küche hatte geschrubbt werden müssen, was mittlerweile schon gar nicht mehr aufgetragen wurde. Es war selbstverständlich, dass sie das tat und es nicht mehr im Wechsel stattfand, es musste nicht mehr erwähnt werden. Weil tagsüber aber Niki in der Küche rumorte und viele Sklaven ein und ausgingen, stand die Germanin lieber früher auf, als irgendjemandem im Weg zu sein – oder in der Küche manchen zu begegnen, denen sie lieber auswich, so gut es ging. Nach wie vor vermied sie, was sie früher so ausgiebig und gern getan hatte: auf Konfrontation gehen. Es hatte schon immer Sklaven gegeben, die mit ihrer Art nicht klar gekommen waren oder die anzügliche Kommentare fallen gelassen hatten über sie und ihre Stellung beim Herrn, aber Siv hatte nie etwas auf sich sitzen gelassen. Jetzt schwieg sie meistens, versuchte die Sprüche zu ignorieren und verzog sich schnellstmöglich. Nach wie vor war sie gerade bei diesem Thema viel zu empfindlich, als dass sie darüber hätte reden können oder wollen, geschweige denn andere zusammenzustauchen, wenn sie etwas sagten.


    Als sie fertig war mit dem Boden, hatte sie sich schnell gewaschen, um dann das aus dem Keller zu holen, was Niki für den Tag brauchen würde, als Dina kam und ihr sagte, dass Corvinus nach ihr verlangte. Siv erstarrte für einen Moment, als sie das hörte, aber sie riss sich zusammen, als sie Dinas neugierigen Blick sah. Ihr Gesicht blieb unbewegt, und sie nickte nur, murmelte ein Danke und verschwand dann aus der Küche. So ruhig sie vor der anderen Sklavin geblieben war, so aufgewühlt war sie innerlich – und kaum war sie aus Dinas Sicht, begann sie zu zittern. Was wollte er? Wochenlang ging er ihr aus dem Weg und ignorierte sie bewusst, wenn sie sich denn trafen, und jetzt schickte er nach ihr? Siv biss sich heftig auf die Unterlippe. Dass er zu dem Schluss gekommen sein könnte, es sei genug, der Gedanke kam ihr nicht. Zu abweisend war sein Verhalten gewesen, als dass sie wirklich glauben könnte, er würde das einfach so ändern. Aber was sonst? Wollte er ihr mitteilen, dass er entschieden hatte, was er mit ihr machen würde? Und wenn ja, was stand da schon zur Auswahl? Entweder er schickte sie auf eines seiner Güter und ließ sie dort schuften, oder er verkaufte sie. Beide Aussichten gefielen ihr nicht, aber vor allem bei letzterer schien sich ihr Magen umzudrehen. Auf einmal war sie froh, dass sie, wie so oft in letzter Zeit, nichts gefrühstückt hatte.


    Die Germanin ballte die Fäuste und presste die Knöchel auf die Augen. Es half nichts. Sie gehörte ihm. Was immer er mit ihr machen wollte, es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Es lag allein bei ihm. Verzweifelt suchte sie nach dem alten Trotz in ihr, der ihr helfen würde sich wenigstens zur Wehr zu setzen, wenn es denn zu dem kam, was sie befürchtete, aber sie fand nichts. Da schien nur Schmerz zu sein. Siv biss sich auf die Zunge, bis sie ein scharfer, physischer Schmerz durchzuckte und sie den metallischen Geschmack von Blut spürte, dann setzte sie sich wieder in Bewegung, ging in die von Dina gewiesene Richtung und betrat schließlich leise die Terrasse, auf der Corvinus war. Er lag auf einer Cline und betrachtete den Garten, den er nach wie vor in ihrer Obhut gelassen hatte, die einzige Aufgabe, die ihr Leben derzeit wirklich erträglich machte und ihr Momente der Zufriedenheit gab. Sein Profil löste eine leise Sehnsucht in ihr aus, aber bevor sie etwas sagen konnte, drehte er sich schon zu ihr um, der Ausdruck auf seinem Gesicht undeutbar für sie, und Sehnsucht wurde wieder abgelöst von diesem Schmerz – und der Furcht. Sie erwiderte seinen Blick nur kurz, dann senkte sie den ihren und gehorchte, setzte sich auf einen der Stühle, die ebenfalls dort standen, und wartete. Für einen Moment flogen ihre Gedanken zurück zu dem Abend, an dem sie ihn das erste Mal getroffen hatte. Sie hatte genauso unter Anspannung gestanden wie jetzt, hatte ihn nicht einschätzen können, nicht gewusst, wie er reagieren würde – oder wie sie reagieren sollte. Und sie hatte nichts gesagt, hatte darauf gewartet, dass er zuerst sprach. Aber sie hatte ihn angesehen. Sie war ihm nicht ausgewichen. Sie war fest entschlossen gewesen, ihm Kontra zu bieten. Und jetzt? Nagte die Angst an ihr und schickte sie ein Stoßgebet zu Hel, Corvinus möge sie nicht fortschicken, wenn er ihr schon nicht die Gelegenheit gab, ihre Sicht zu erzählen.

  • Siv wirkte angespannt, aber darüberhinaus war nichts weiter feststellbar. Dafür verbarg sie ihre Gefühle zu gut. Ich ließ noch einen Moment verstreichen, in dem ich sie nicht ansah, sondern den Blick in den Garten gerichtet hielt. Das Schweigen zog sich in die Länge, und ich war mir sicher, dass nicht nur mir das unangenehm war.


    Schließlich räusperte ich mich, bedachte eine in Blüte stehende Magnolie mit langem Blick und sprach, ohne Siv anzuschauen. "Ich bin zufrieden damit, wie der Garten aussieht." Dann wandte ich doch den Kopf. Siv sah mich nach wie vor nicht an, wirkte aber dennoch recht aufmerksam, vielleicht auch ein wenig ängstlich. Ich gab mir Mühe, nebensächlich zu klingen. "Gleich kommt Besuch hierher. Ich möchte, dass du dir eine saubere tunica anziehst und uns begleitest. Dieser Tag könnte wichtig für mich sein, daher solltest du dich benehmen. Ich würde jemand anderen bitten, mit uns durch den Garten zu streifen, aber du bist diejenige mit dem Grünen Daumen." Ich befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze. Ein wenig leid taten mir die reservierten Worte schon. Siv hatte seit der Rückkehr nicht versucht, zu fliehen. Vielleicht war ich ein wenig zu streng mit ihr. Andererseits saß der Dorn tief in meinem Fleisch, und er schmerzte immer noch. Ich war mir nicht sicher, ob sie mein Vertrauen verdiente, nach allem, was geschehen war. Gebüßt hatte sie ganz bestimmt, allein schon wegen der Schikanierungen der anderen und der schlechten Arbeiten, die nun zum Großteil ihr zufielen. Ich schnalzte mit der Zunge und seufzte. "Du hasst mich", stellte ich nüchtern fest.

  • Siv saß da, den Blick unbestimmt auf den Boden irgendwo zwischen sich und Corvinus gerichtet, die Arme in ihrem Schoss, die Finger miteinander verschlungen. Sie bemühte sich um eine aufrechte, aber lockere Haltung, aber sie spürte selbst, wie die Spannung in ihrem Rücken zu schmerzen begann. Er schwieg genauso wie sie, und Siv war drauf und dran, doch etwas zu sagen, weil ihr das Schweigen zu sehr an den Nerven zerrte. Aber dann ergriff er doch das Wort. Siv sah kurz hoch, musterte sein Gesicht, das von ihr abgewandt war, und sah dann wieder zu Boden. Sie murmelte etwas, was man viel gutem Willen als Danke auslegen konnte, was aber eigentlich eher ein Mhm war. Dennoch bewirkte sein Eingangssatz, dass ein Funke Erleichterung sich in ihr entzündete. Er war zufrieden, wenigstens mit dem, was sie im Garten geleistet hatte. Er würde nicht so anfangen, wenn er ihr eröffnen wollte, dass er sie wegschicken würde. Oder doch? Wollte er andeuten, dass ihre Hilfe nun nicht mehr benötigt war und sich jemand anderes um den Garten kümmern konnte, jetzt, wo es den Pflanzen gut ging und sie kaum noch Schwierigkeiten machten?


    Corvinus’ nächste Worte dann überraschten sie – und trafen sie zugleich. Besuch kam, er wollte sie dabei haben, hielt es aber tatsächlich für nötig, sie auf ihr Benehmen hinzuweisen, und sagte noch dazu im gleichen Atemzug, dass er eigentlich lieber einen der anderen Sklaven dabei gehabt hätte. Siv, die verblüfft erneut hochgesehen hatte, bis sich auf die Unterlippe bei diesem Satz. Es war nicht nötig, ihr zu sagen sie solle sich benehmen – seit sie Corvinus hatte begleiten dürfen, hatte sie sich immer bemüht, ihn in keinem schlechten Licht dastehen zu lassen, auch wenn ihr das manchmal sehr schwer gefallen war bei ihrem Temperament. Und musste er ihr auf die Nase binden, dass er immer noch kein Bedürfnis hatte, sie in seiner Nähe zu wissen? "Ja", war schließlich alles, was sie antwortete. Was hätte sie denn sonst sagen sollen? So abweisend, wie er sich verhielt, so anders als früher, wünschte sie sich nur, dass sie schnell wieder gehen konnte. Aber Corvinus war noch nicht fertig, und diesmal fuhr ihr Kopf so schnell hoch, dass ihre Haare wippten. Verständnislos starrte sie ihn an. "Ich? Ich und dich hassen? Du bist doch derjenige, du hasst mich!"

  • Ich dachte darüber nach, warum ich Siv nicht gesagt hatte, wer zu Besuch kommen würde. Im Grunde war die Antwort denkbar einfach, dennoch sah ich sie nicht deutlich. Während sie sich in kurzbündigen Ergüssen erging, fragte ich mich, wie dieser Tag wohl noch verlaufen mochte für mich. Der Kaiser hatte seit seiner Ausrufung nicht erkennen lassen, ob die Flavier ihm ein Gräule waren, ob er sie ignorieren oder beschneiden wollte. Insofern hatte ich keine Ahnung, ob es klug war, mich an Celerina zu interessieren, oder ob nicht vielleicht sogar eine plebejische Senatorentochter nicht die bessere Wahl war. Es mochte dieser Tage nicht so eng gesehen werden, doch manche älteren Senatoren legten durchaus Wert darauf, dass man verheiratet war, wenn man im Gremium saß.


    Sivs rasche Reaktion ließ mich irritiert blinzeln. Ihre Verständnislosigkeit musste gespielt sein - oder war sie tatsächlich echt? Ihr Ausruf hing eine Weile im Raum, einer schweren Parfumwolke gleich. Interessiert und aufmerksam musterte ich sie. Seit Mathos Tod erschien mir ihr Fluchtversuch wie in weite Ferne gerückt, verschwommen und ausgebleicht wie ein Traum. Oder so, als bertäfe das alles nicht mehr mich selbst. "Ich hasse dich nicht", entgegnete ich schließlich, denn das tat ich wirklich nicht. "Aber ich bin maßlos enttäuscht von dem, was du getan hast. Oder tun wolltest. Letztendlich spielt das keine Rolle." Zum ersten Mal nach all den Wochen, die sie nun schon alle von der Reise zurück waren, konnte ich einigermaßen ruhig darüber sprechen. Das bedeutete jedoch nicht, dass ich geneigt war, dies auch zu tun. "Aber das ist jetzt auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass du darauf achtest, was du sagst, wenn Celerina gleich hier eintrifft." Ich schwang die Beine von der cline und setzte mich. Ich musste mich noch umziehen. Eine toga wäre wol zuviel des Guten gewesen, aber gewandet in diese schlichte tunica wollte ich die Flavierin schließlich auch nicht empfangen. Also erhob ich mich, drängte all jene Gedanken beiseite, die sich mit Siv befassten und deutete ins Haus hinein. "Hilf mir bei der Kleiderwahl, ihr Frauen habt einen besseren Geschmack", wies ich sie in nebensächlichem Tonfall an und setzte mich in Bewegung, um vorauszugehen.

  • Corvinus musterte sie nach ihrem Ausruf, schwieg aber eine ganze Weile, und auch Siv sagte nichts. Was ihr zuvor mehr herausgerutscht war als alles andere, hing zwischen ihnen, während er sie ansah. Und als er dann schließlich antwortete, schnürte es Siv die Kehle zu bei der scheinbaren Gleichgültigkeit, die aus seinen Worten, seiner Stimme klang. Er hasste sie nicht, das war immerhin etwas, aber warum verhielt er sich dann so? Für Momente musste sie gegen die Tränen ankämpfen, die aufsteigen wollten, und sie sagte nichts, wusste sie doch, dass ihre Stimme gezittert hätte und um einige Tonlagen höher ausgefallen wäre als normal. Sie senkte den Kopf wieder und schluckte mühsam, um ihren Hals wieder zu öffnen, aber das Gefühl der Enge blieb. Und jedes weitere Wort, das an ihr Ohr drang, traf sie nur noch mehr. Spielt keine Rolle. Nicht wichtig. Bei der Kleiderwahl sollte sie helfen… Corvinus war inzwischen aufgestanden und machte Anstalten, loszugehen, und Siv sprang ebenfalls auf – sie aber mit einer Wucht, dass der Stuhl umkippte. Ihre Kehle war immer noch eng, aber ihre Augen blitzten jetzt. Hilf mir bei der Kleiderwahl, so beiläufig hatte er das gesagt, so hingeworfen, vor ihre Füße, als wäre nie etwas gewesen. Und irgendetwas in Siv zündete. Sie litt seit Wochen unter dieser Situation, und er? "Es spielt Rolle", entgegnete sie heftig. "Es spielt Rolle! Ich getan, ja, aber nicht gewollt, aber du, du nie zuhörst! Du nie gibst, gibst, du hast mir nie eine Gelegenheit gegeben mich zu rechtfertigen!"

  • Ich hatte bereits einen Fuß auf die Schwelle gesetzt, als ein unerwartet lautes Geräusch mich dazu zwang, stehen zu bleiben und mich überrascht umzuwenden. Siv stand inzwischen, aber der Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, lag am Boden. Er war es, der das Geräusch verursacht hatte. Im nächsten Moment giftete Siv mich an, und als sich mein erstes Erstaunen gelegt hatte, bedachte ich sie mit missbilligendem Blick, bis ich ihr schließlich mit einer abrupten Geste das Wort abschnitt. "Was gebe ich dir nicht?" fragte ich sie mürrisch und mit einem begemischten, entnervten Unterton in der Stimme. Ich schüttelte den Kopf. "Du sagst, du hast nicht weglaufen wollen. Willst du behaupten, man hätte dich gewzungen? Titus hat mir geschrieben, was passiert ist. Welchen Grund hätte ich denn, daran zu zweifeln, dass du dich wie eine Wilde gebärdet hast, als man dich eingefangen hat?"


    Während ich gesprochen hatte, war mein Tonfall schärfer geworden. Es fiel mir allerdings erst am Ende auf. Ich seufzte tief und wandte mich ab, ließ Siv einfach stehen, wo sie war. Einen weiteren Streit konnte ich nicht gebrauchen. Ich fühlte mich ohnehin seit Tagen gerädert und auf eine seltsame Art zermürbt, auch wenn ich das nicht offen zugab oder zur Schau stellte. Erst recht nicht an diesem Vormittag, an dem Celerina hierher kommen würde. Ich musste noch dringend etwas essen, auch wenn ich noch keinen Hunger verspürte. Mich mit belanglosen Gedanken selbst ablenkend, blendete ich Siv schlichterweise aus und gelangte kurz darauf in meinen Räumen an. Hinter mir wurden bereits Schritte laut. Ich trat ein, in der Hoffnung, den Gram draußen lassen zu können, doch im nächsten Moment stand Siv bereits im Zimmer und schnappte sichtlich nach Luft.

  • Siv starrte Corvinus an, als dieser sich umdrehte bei dem Geräusch, das der fallende Stuhl machte. Sein Gesichtsausdruck wechselte recht bald von erstaunt zu tadelnd, was Siv allerdings nur noch rasender machte – genauso wie die Tatsache, dass er sie unterbrach. Was war mit ihm los? Warum konnte er nicht endlich irgendetwas zeigen, irgendeine Form von Gefühl, irgendetwas anderes als beherrschte Missbilligung, wenn er sie denn überhaupt zur Kenntnis nahm? Wochen des unterdrückten, aufgestauten Schmerzes ob dieser Behandlung brachen sich Bahn und verwandelten sich langsam, aber sicher in Wut – die sie zu überrollen drohte wie eine Flutwelle. Sie hörte seine Worte, und als er Ursus’ Brief ansprach, schürte das ihren Zorn nur noch mehr. Sie hatte es ihm ja sagen wollen. Sie hatte ihm alles sagen wollen, jedes Detail dessen, was geschehen war! Aber er hatte sie nicht gelassen, und jetzt hielt er ihr vor, dass er es von Ursus erfahren hatte? "Nein, das, du-"


    Aber Corvinus hatte sich bereits abgewandt und verschwand im Haus, ohne sie weiter zu beachten. Siv stand für einen Moment da wie angegossen und starrte ihm hinterher. Sie konnte nicht mehr, sie hielt es nicht mehr aus – bewusst war ihr das nicht, aber in den letzten Wochen hatte sie zuviel gelitten unter Corvinus’ abweisender Haltung. Sie konnte nicht mehr zählen, wie oft sie – die in ihrem bisherigen Leben so selten Tränen vergossen hatte, und wenn, dann meistens Tränen der Wut – eben diese unterdrücken musste des Tags, bis sie abends, wenn sie alleine war, nicht mehr in der Lage dazu war und weinte, bis sie einschlief. Sie konnte nicht zählen, wie oft sie sehnsüchtig daran dachte, wie es vor ihrer Abreise gewesen war, wie oft sie wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können, wie oft sie ihn vermisste. Sie konnte nicht mehr, nicht in diesem Moment. Wenn sie jetzt ging und einfach gehorchte, die Zähne zusammenbiss und sich fügte, würde der Schmerz in ihrer Brust nur größer werden, bis sie ihn irgendwann nicht mehr aushielt. Siv katapultierte sich regelrecht los von dem Platz, an dem sie stand, und rannte Corvinus hinterher, der bereits aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Aber sie wusste, wo er hinwollte, jedenfalls wenn er sich an das hielt, was er ihr gesagt hatte.


    Siv rannte, und sie holte ihn sogar fast ein – als sie um die Ecke bog, sah sie, wie er sein Cubiculum betrat, und nur einen Moment später war sie da, fetzte durch die Tür wie ein Wirbelwind und blieb abrupt stehen. "Ich wollte sagen! Ich wollte sagen, dir, was gesein, aber du nicht hast gehören! Ich haben Brief von Ursus gehabt, aber du, du, du du hast ihn einfach weggeschmissen! Und jetzt soll ich Schuld daran sein?" Aufgeregt und wütend wie sie war, wurde ihr Latein wieder schlechter – dennoch war deutlich, dass sie in den letzten Wochen einiges gelernt hatte, nicht nur im Unterricht bei den Flaviern mitbekommen, sondern tatsächlich aktiv gelernt. "Ich wollte sagen alles! Aber du gehört hast Matho, auf Matho, und Matho gehasst mich! Du, du nicht willst wissen Grund für was ich getan!"

  • Das Klatschen ihrer Schritte auf dem marmornen Boden verklang, als sie inmitten meines cubiculum anhielt und mich ansah. Ich seufzte, wandte mich um und begann, lustlos an der Kordel zu nesteln, die meine tunica an Ort und Stelle hielt. Siv polterte bereits los. Iihr Latein war schlechter, wenn sie wütend war, und sie fiel öter ins Germanische. Ich bemühte mich um eine möglichst teilnahmslose Geste, fast schon zu gnädig, wenn man bedachte, wer ich war und wie sie mit mir sprach. Missbilligend schürzte ich die Lippen und ließ die Hand vorerst sinken. Sivs Wutausbruch stand einen kurzen Moment wie ein Dritter im Raum. Ich löste mich von meinem Platz und ging langsam zur Tür, ergriff die Klinke und schloss sie. Dann verschränkte ich die Arme vor der Brust und lehnte mich, scheinbar kaltschnäuzig, von innen mit dem Rücken an das Türblatt.


    "Matho ist..war mein maiordomus. Welchen Grund hätte ich gehabt, seine Worte anzuzweifeln? Von dir allerdings wusste ich, wie sehr du uns Römer hasst. Auch wenn ich nicht geglaubt hätte, dass du mich hintergehen würdest", gab ich zurück und blickte Siv harsch an. "Titus hat bestätigt, was Matho mir sagte. Und was meinst du, wem ich wohl mehr glaube - meinem Neffen und meinem maiordomus oder einer römerhassenden, lügnerischen Sklavin, die mein Wohlwollen ausgenutzt hat?" Meine Augen hatten sich derweil zu Schlitzen verengt. Ich spürte das Brodeln tief in mir, und ein Teil hieß es willkommen. Diese Aussprache stand bereits zu lange aus. Sie war überfällig, selbst wenn es mir selbst danach noch schlechter gehen mochte als zuvor. "Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand. Vielleicht sollte ich dich gleich verkaufen. Bisher habe ich dich nur um des Garten Willens behalten", fügte ich geringschätzend hinzu und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Das war eine Herausforderung, und zwar eine allzu deutliche. Dessen war ich mir bewusst.

  • Corvinus reagierte kaum auf ihre Tirade. Ungerührt schien er sie zu betrachten, während sie das Gefühl hatte, jeden Moment zu zerspringen vor Wut – Wut, die immer heftiger in ihr brodelte. Siv konnte nicht fassen, dass ihn die ganze Sache tatsächlich so wenig berührte, dass sie ihn so wenig berührte, dass er sich noch nicht einmal über ihr Benehmen aufregte. Schließlich verstummte sie für den Moment und starrte ihn sprachlos an, auf eine Antwort wartend, eine Reaktion, die zunächst nicht kam – und als er dann doch reagierte, tat er es völlig anders, als sie vermutet hatte. Oder gewollt. Sein Gesicht verzog sich zu einem missbilligenden Ausdruck, dann ging er zur Tür, schloss sie betont langsam und lehnte sich dagegen. Sein Blick, seine verschränkten Arme, seine ganze Haltung drückten eine Herablassung und kalte Arroganz aus, die Sivs Zorn zur Weißglut trieb. Sie hasste es, wenn jemand sich ihr gegenüber so verhielt. Sie hasste es. Und besonders hasste sie es jetzt, bei ihm, in diesem Moment, in dem sie so sehr auf eine Reaktion seinerseits wartete, ja, hoffte, darauf, dass er endlich zeigte, was er dachte, was er wollte, wirklich in ihm vorging…


    Als Corvinus dann wieder das Wort ergriff, glaubte Siv ihren Ohren nicht zu trauen. Vor ein paar Minuten noch, draußen auf der Terrasse, wäre sie zusammengezuckt, als er noch einmal betonte, dass sie ihn hintergangen hatte – jetzt war ihre Wut so groß, dass sie nur noch hörte, dass er immer noch Matho glaubte. Dass er ihr immer noch unterstellte, sie hätte ihn absichtlich und bewusst hintergangen. Dass er ihr immer noch keine Gelegenheit geben wollte sich zu erklären. "Hast du mir überhaupt ZUGEHÖRT? Ich hab doch gesagt ich wollte dir sagen was passiert ist! Alles! Die Wahrheit! Ich wollte-" Sie verstummte abrupt, als ihr klar wurde, dass kaum Sinn machte auf Germanisch zu wüten. Bevor sie aber Atem holen konnte, um weiter zu machen, sprach Corvinus schon wieder, und bei seinen nächsten Worten blieb ihr die Luft weg. Lügnerisch? Sie und lügnerisch?!? "Ich – LÜ – GE – NICHT! Ich lüge nicht! Du weißt!" Aber Corvinus ließ sie gar nicht wirklich zu Wort kommen – und was dann seinen Mund verließ, ließ Siv tatsächlich für einen Moment vor Wut erstarren. Dann sah sie rot. Kombiniert mit ihrem ohnehin schon flammendem Inneren und dem Vorwurf, sie würde lügen – was sie, abgesehen von kleinen Flunkereien, ihr Lebtag lang nicht getan hatte – war dieser letzte Satz, die Drohung sie zu verkaufen und der Hinweis auf den Garten, und die Abschätzigkeit, die darin mitschwang, schlicht zu viel. Irgendetwas in ihrem Gehirn schien auszusetzen – und irgendetwas, das wesentlich tiefer lag und nicht immer mit ihrem Verstand kooperierte, ihn nicht einmal immer in Kenntnis setzte, übernahm die Kontrolle. Und ohne dass sie sich, im Gegensatz zu ihm, auch nur darüber bewusst war, dass seine Worte eine Herausforderung gewesen waren, nahm sie sie unbewusst an. Ohne nachzudenken schnellte sie nach vorne und versetzte Corvinus eine Ohrfeige.

  • Aus Sivs Kauderwelsch konnte ich nur wenige bekannte Worte heraushören, dazu war mein germanischer Wortschatz zu gering und die letzten Übungsstunden zu lange her. Dementsprechend wusste ich auch nicht, was Siv sagte. Ich wollte mir einreden, dass es mich auch in keinster Weise interessierte, doch allmählich erkannte ich, dass dem nicht so war. Es interessierte mich durchaus, doch nur deswegen, damit ich sie mit der Nase auf ihren Fehler stoßen konnte. Sie geriet zusehend mehr außer Rand und Band. Ich wusste nicht, wie sehr sie die Situation in den letzten Wochen belastet hatte, ich hatte stets nur gehofft, sie möge brennen und stechen, wie sie in mir gebrannt und gestochen hatte. Allmählich abgestumpft, so hatte ich vorhin gefühlt, als ich zurücksah auf die vergangenen Wochen. Doch Siv hatte die Flamme wieder entfacht, die mein Innerstes doch eigentlich schon längst hätte aufgezehrt haben müssen. Darüber war ich erstaunt, und gleichzeitig versuchte ich, den Funken zu löschen wie weiter zu entfachen. Es tat gut, zu wüten und seiner Wut freien Lauf zu lassen, obwohl ich doch wusste, dass ich damit die Beherrschung verlor, die Tugenden, auf die ein perfekter Römer so stolz gewesen wäre. Doch ich war Längen entfernt, um im Ansatz perfekt zu sein.


    Die Ader an meiner Schläfe pochte bereits. Sie würde es sehen, und wenn sie sich erinnerte, würde sie das mit anderen Begebenheiten in Verbindung bringen, in denen ich ebenfalls aus der Haut gefahren war. Ich knirschte mit den Zähnen, bereits nach einem passenden Vorwurd suchend, um ihn ihr entgegenzuschleudern. Da traf mich plötzlich ihre Hand im Gesicht. Mein Kopf ruckte nach rechts, meine linke Wange prickelte von ihrem Schlag, und mein Geist war erfüllt von Überraschung, in die ganz allmählich die Wut darüber rieselte, dass sie es gewagt hatte, mich zu ohrfeigen. Ganz gewiss färbte sich nun mein Gesicht rot, sowohl durch die schallende Ohrfeige als auch durch das, was ich ob ihrer Dreistigkeit empfand. Ich wandte langsam den Kopf, zwang mich zum langsamen Atmen, doch scheiterte. Nur kurz sah ich Siv an, dann griff ich unsanft nach ihren Handgelenken, dreückte fest zu und drehte mich mitsamt ihrer Gestalt. Nun war sie es, die mit dem Rücken zur Tür stand, und ich ließ sie genau das spüren, indem ich sie zunächst mit einem Ruck dagegenschleuderte und danach an die Tür presste, beides ohne sie loszulassen. Ich war in Rage, wie ich es lange nicht mehr gewesen war, und doch fehlten mir die Worte. Stattdessen atmete ich heftig und verspürte ein gewisses Verlangen danach, ihr wehzutun. Ihre Handgelenke presste ich rechts und links neben ihrem Kopf an das Holz der Tür, mein Gesicht nah an ihrem, mein Körper an ihren gedrückt, und ich starrte sie an, zornig schnaubend.

  • Siv sah, wie seine Schläfe begann zu pulsieren – und ein großer Teil von ihr verstand es auch durchaus als den Warnhinweis, der es war. Doch der Rest von ihr interessierte sich herzlich wenig dafür, dass sie ihn nun zur Weißglut trieb so wie er es umgekehrt mit ihr gemacht hatte – und eben jener Teil, der die steigende Wut, die von ihm ausging, registrierte, brannte darauf, von Corvinus endlich, endlich eine Reaktion zu sehen, ihn endlich aus der Fassung zu bringen und letztlich dadurch zu sehen, zu spüren, dass sie ihm doch nicht egal war, dass sie ihm etwas bedeutete. Und so ignorierte sie die pochende Schläfe ebenso wie die knirschenden Zähne, oder besser: sie ignorierte, was über das Maß hinausging, in dem es ihr Genugtuung verschaffte zu sehen, dass er lange nicht so desinteressiert und kaltblütig ihr gegenüber war wie er die letzten Wochen vorgegeben hatte zu sein. Ja, es verschaffte ihr Genugtuung, während gleichzeitig Wut in ihr brannte und all die Demütigungen und Abweisungen aufloderten, die sie hatte erdulden müssen, von den meisten hier im Haus, aber am schmerzhaftesten von ihm. Sie wollte sehen, dass er nicht gleichgültig war. Als dann jedoch die Worte fielen, die bei ihr das Fass zum Überlaufen brachten, spielte auch das keine Rolle mehr. Sie dachte nicht mehr, sie agierte einfach, machte einen Satz nach vorne und verpasste ihm einen Schlag, und hätte auch nur ein Teil von ihr noch klar denken können, sie wäre überrascht gewesen von sich selbst. Ihr Verstand schien aber wie benebelt zu sein von Schleiern, die die Wut darüber zog, und so war ihr zwar bewusst, was sie gerade getan hatte, aber nicht, was das bedeutete oder welche Konsequenzen es nach sich ziehen konnte. Eine Konsequenz sollte sie jedoch schon bald zu spüren bekommen.


    Nachdem ihre Hand mit einem klatschenden Geräusch auf seiner Wange gelandet war, schien sich zunächst für einen Moment die Zeit zu verlangsamen. Sein Kopf wurde von der Wucht zur Seite gedreht, und so verharrte er kurz, bevor er ihn langsam, quälend langsam in ihren Augen, wieder nach vorne drehte. Sie meinte zu sehen, wie die Röte über sein Gesicht kroch, vom Schlag, aber auch von der Wut, und sie sah tatsächlich, wie sich der Abdruck ihrer Finger weiß auf seiner Wange abzuzeichnen begann. Und sie spürte, dass ihr das noch nicht reichte. In ihren Fingern juckte es, ihn zurückzustoßen, und sie wollte ihn anbrüllen, aber noch schien die Zeit nicht in geordneten Bahnen zu verlaufen, noch war alles so träge, so als tropften die Sekunden wie ein zäher Brei von einem gehobenen Löffel zurück in die Schüssel. Sie starrte Corvinus an, der wiederum sie ansah, registrierte aus den Augenwinkeln, wie sich seine Hände hoben, aber erst, als seine Finger ihre Handgelenke berührten und ergriffen, schnellte die Zeit plötzlich wieder zurück – und als ob sie meinte die Verlangsamung gutmachen zu müssen, schienen die nächsten Sekunden viel schneller zu sein als gewöhnlich. Siv hatte keine Gelegenheit zu reagieren, sie kam nicht einmal dazu Luft zu holen, da hatte Corvinus sie schon gepackt und mit einem Ruck sie beide gedreht. Im nächsten Augenblick wurde sie an die Tür geschleudert, so heftig, dass ihr der Atem wegblieb, und dagegen gedrückt. Sein Körper presste sich an ihren, seine Hände nagelten die ihren unsanft rechts und links neben ihrem Kopf an die Tür, und als sie jetzt endlich begann, sich dagegen zu wehren, war es zu spät. Corvinus war schlicht stärker als sie, sie hatte keine Chance, aus seinem Griff zu befreien. Was sie allerdings nicht daran hinderte, es zu versuchen. Sie drehte und wand ihren Körper, um sich Freiraum zu schaffen, erreichte dadurch aber höchstens, dass sie ihm noch näher kam, wenn das überhaupt möglich war. Wutentbrannt starrte sie ihn gleichzeitig an, ihre Augen lodernd und ihre Wangen zornrot, während irgendwo in ihr, noch unbemerkt, ein anderes Feuer zu lodern zu begann. "Was?" fauchte sie, ihre Stimme nicht mehr laut, dafür aber um nichts weniger scharf und mit einer deutlichen Portion an Rauheit, während sie sich immer noch bewegte – ob um frei oder um ihm noch näher zu kommen, war ihr selbst nicht mehr ganz klar. "Was? Was willst du? Verkauf? Garten?"

  • Es war auf eine gewisse Weise interessant, wie Siv versuchte, sich aus meinem Griff zu winden, obwohl sie doch wusste, dass ich stärker war und sie mühelos halten konnte. Ihr Gebaren verschaffte mir kurzzeitig Genugtuung, die allerdings abgelöst wurde von Verwirrung, als ich spürte, was sie damit anrichtete. Abermals knirschte ich mit den Zähnen, drückte ihre Hände noch einmal fester gegen das kühle Holz der Tür und mich selbst noch näher an sie heran. Sie musste es spüren, daran bestand kein Zweifel, aber als sie mich erneut anfauchte, war mir dies auch egal. Ich knirschte mit den Zähnen, war ich mir doch ihres sich windenden Körpers mit urplötzlicher Klarheit nur allzu bewusst. Die kleinen festen Brüste, der flache Bauch...


    Nur kurz zögerte ich noch, schrie mein Gewissen den Betrug heraus, den sie verübt hatte, dann war es plötzlich stumm, zurückgedrängt und ausgeschaltet von loderndem Verlangen. Einseitig ließ ich Siv rechts los, nur um fahrig meine wie ihre Kleidung zu raffen und beiseite zu zerren, was nicht allzu schwierig war. Als wäre ihr niemals ein anderer Ort bestimmt gewesen, fand die Rechte zu ihrem Oberschenkel und zog ihn unsanft hoch, um mir Platz zu machen. Ihr Geruch, vermischt mit Schweiß und dem Duft vom Garten, der ihr noch anhaftete, stieg in meine Nase. Die einzigen Geräusche waren unser Atem und die dumpfen Schläge auf Holz, die jedoch nicht allzu lange währten. Eigensinnig und egoistisch nahm ich mir, wonach es mich gelüstete, und ich brachte es schnell zum Ende und ließ Siv keuchend los, mich selbst mit einer Hand stützend. Das alles wirkte surreal und seltsam, entbehrte jedoch nicht einer gewissen, sich ausbreiteten Zufriedenheit. Bedauerlicherweise war ich mir selbst nicht ganz im Klaren darüber, wie das hatte passieren können. Ich sah Siv an, suchte nach Worten, die ich nicht fand, weil einfach keine da waren. Allmählich beruhigte sich mein Herzschlag wieder, und der Zorn war einer tiefgreifenden Verwirrung gewichen, die sich in angestrengtem Stirnrunzeln äußerte. Dass mir nicht einfiel, was ich sagen könnte, vereinfachte die Situation nicht gerade, und so war ich beinahe erleichtert, als es plötzlich klopfte und Sofias Stimme verkündete, dass mein Gast eingetroffen sei. Ich murmelte eine knappe Anwort, warf Siv noch einen Blick zu und stieß mich dann von der Tür ab. Zum Umziehen war ich hergekommen, also sollte ich nun keine Zeit mehr damit verlieren. Die tunica landete auf dem Boden, ich zog eine frische aus einer Truhe und richtete nebenbei das Wort an Siv, die immer noch da stand. "Geh. Ich komme gleich nach. Sei nett zu ihr", sagte ich und sah sie dabei nicht an. Meine Stimme klang seltsam belegt, was sicherlich nicht nur daran lag, dass ich soeben den Kopf in den Stoff gesteckt hatte.

  • Siv spürte durchaus, was ihr Winden bei ihm auslöste, aber sie ignorierte es, noch, ebenso wie sie ignorierte, welches in ihr erwachte. Als Corvinus sie aber noch mehr gegen das Holz presste, sich selbst noch mehr an sie drängte, konnte sie nicht mehr länger ignorieren, was sie spürte – sowohl bei ihm als auch sich selbst. Für einen Moment hielt sie inne und starrte ihn einfach nur schwer atmend an, spürte seinen festen, warmen Körper an ihrem, spürte das Verlangen, dass sie urplötzlich und mit einer nie geahnten Heftigkeit durchzuckte, nicht das Verlangen nach einem Mann, irgendeinem, sondern nach ihm, jetzt, hier. Sie wollte ihn. Es wurde ihr in diesem Moment gar nicht bewusst, aber es war so. Das Verlangen nach ihm arbeitete nicht gegen ihre Wut, sondern vermischte sich mit ihr und gewann so nur allzu schnell die Oberhand über sie, und als Corvinus’s Rechte sie losließ und sich daran zu schaffen machte, den Weg frei zu machen, tat sie nicht das Geringste, um ihn daran zu hindern, im Gegenteil. Einen Moment hielt sie noch still, dann, als seine Hand nach ihrem Oberschenkel griff und ihn grob anhob, bäumte sie sich auf, soweit es sein Griff und der Druck seines Körpers überhaupt zuließ, nicht um sich zu befreien, sondern um ihm entgegenzukommen. Ihre linke Hand, die, welche er losgelassen hatte, krallte sich in seine Haare, während ihr Rücken in schnellem Rhythmus an der Tür entlangschrammte und sie mit geschlossenen Augen ihr Gesicht halb nach oben wandte. Der herbe Geruch von ihm, von Schweiß und Leidenschaft hüllte sie ein, benebelte ihre Sinne, wie die Wut sie zuvor benebelt hatte, und sie keuchte, während die Bewegungen sich beschleunigten. Schnell war es vorbei, viel zu schnell – vor allem für sie. Während ihr Inneres noch hellauf in Flammen zu stehen schien, zog er sich bereits zurück. Heftig atmend lehnte sie ihren Kopf gegen die Tür, die Augen wieder geöffnet, starrte ihn an und wartete darauf, dass er etwas sagte, etwas tat, dass er weitermachte – aber Corvinus stand nur da, hatte sie inzwischen gänzlich losgelassen und stützte sich nur noch am Holz ab, nicht mehr an ihr. Während ihre Nerven nach wie vor kribbelten und ihr Schoss ungeduldig pochte, starrte sie ihn weiter an, unfähig, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, und unfähig, zu äußern, was sie von ihm wollte.


    Noch bevor Siv einen klaren Gedanken fassen konnte, klopfte es auf einmal an der Tür. Corvinus wirkte… fast erleichtert, als Sofias Stimme durch die Tür drang und etwas von jemandem murmelte, der eingetroffen war und im Garten wartete. In ihrem augenblicklichen Zustand dachte Siv nicht an das, weswegen Corvinus sie noch vor kurzem überhaupt erst hatte rufen lassen. Ebenso irritiert wie inzwischen verwirrt beobachtete sie, wie er sich ganz von der Tür abstieß und begann, sich umzuziehen. Leidenschaft, Wut, Empörung und Verwirrung begann in ihr zu brodeln, und die Mischung war keine gute. Sie begriff einfach nicht, was gerade geschehen war, und sie begriff noch viel weniger, warum er sich jetzt so verhielt. Geh. Das Wort hallte in ihren Ohren. Sei nett zu ihr. Nur langsam sickerte diese Anweisung zu ihr durch. Ihr? Noch langsamer wurde ihr die eigentliche Bedeutung klar, während Stück für Stück die Erinnerung an die kurze Unterhaltung im Garten, oder eher: seine kurzen Anweisungen für sie, wieder zurück kamen. Zu ihr? Der Besuch, von der er gesprochen hatte, der ihm so wichtig war, war eine sie? Jetzt war es Sivs Stirn, die sich runzelte, und ihre Brauen zogen sich unheilverkündend zusammen. Wer sie kannte und hinsah, konnte in ihren klaren blauen Augen erkennen, dass sich ein Gewitter zusammenbraute. Aber noch war sie nicht in der Lage, irgendetwas von dem in Worte zu fassen, was in ihr vorging. Sie begriff es ja selbst noch nicht ganz, sie spürte nur, wie die unheilvolle Mischung verschiedenster Gefühle zunahm und weiter vor sich hin brodelte, wie Lava in einem geschlossenen Vulkan, die immer weiter anstieg, den Druck erhöhte und irgendwann zwangsläufig einen Ausbruch verursachen würde, wenn nicht ein anderer Ausgang gefunden wurde. Einen Moment lang stand Siv noch sprachlos da und starrte ihn an, während sich ihr verräterischer Körper leidenschaftlich zusammenzog bei dem Anblick des seinen, der sich ihr kurzzeitig völlig nackt präsentierte. Kurz war sie versucht, einfach zu ihm zu gehen, ihm die Tunika aus der Hand zu reißen und sich ebenso zu nehmen, was sie wollte, wie er es kurz zuvor getan hatte, oder es wenigstens zu versuchen – und sei es nur um ihm zu zeigen, dass sie so nicht mit sich umspringen ließ, dass er nicht seine Lust befriedigen und sie leer ausgehen lassen konnte. Aber Wut, Empörung und Verwirrung hatten in ihr inzwischen einen beinahe ebenso großen Anteil erobert wie die Leidenschaft, und so grub sie nur heftig die Fingernägel in die Handflächen und drehte sich dann um, um ohne ein weiteres Wort zu verschwinden. Als Corvinus die Tunika über den Kopf gezogen hatte und wieder sehen konnte, stand die Tür offen, und der durch den Rahmen sichtbare Teil des Ganges war leer.

  • Leone führte den Besuch wie angekündigt ins Atrium, wo ihm Sofia über den Weg lief. Er winkte sie zu sich und trug ihr auf, Corvinus darüber zu informieren, dass sein Gast eingetroffen war und der Flavia dann etwas zu trinken zu bringen, dann verzog er sich nach einem kurzen Gruß humpelnd wieder an die Tür – wo er sich auf den Stuhl setzte und mit einem Seufzen das Bein hochlegte. Sein Leben war wahrlich nicht einfach. Vor allem nicht, wenn ihn eine Biene gestochen hatte.

  • Die tunica zog ich langsamer an, als es nötig gewesen wäre, einfach, weil ich es vermeiden wollte, Siv ansehen zu müssen. Die Verwirrung auf meinem Gesicht wäre ihr mit Sicherheit sonst aufgefallen. So brauchte ich eine Weile, bis ich den Kopf aus dem Stoffgefängnis befreite, doch Siv stand noch an Ort und Stelle, und meine Zeitscheinderei war vergebens gewesen. Also setzte ich eine möglichst unbeteiligte Miene auf, die ziemlich gekünstelt wirkte - zumindest fühlte sie sich so an.


    Sivs Gesichtsausdruck nach zu schließen, hatte sie große Mühe, ihre wahren Gefühle zu unterdrücken. Welche dies waren - ob Hass, Streitsucht, Verwirrung, Leidenschaft, Trotz oder doch etwas anderes - vermochte ich nicht zu sagen. Es war einfacher, sich abzuwenden und so zu tun, als bedurften die Schließen des Gewandes meine ganze Aufmerksamkeit, deswegen tat ich es. Einige Herzschläge lang verweilte Siv noch, dann fuhr sie herum und lief aus dem cubiculum. Ich hörte ihre Schritte verklingen. Sie hatte nicht einmal die Tür geschlossen. Mir war, als hätte ich mit dem, was ich soeben getan hatte, unsere Situation noch einmal mehr verkompliziert. Untätig stand ich an Ort und Stelle, blickte aus der Tür hinaus und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Flavia Celerina wartete, ich konnte sie unmöglich zu lange sich selbst überlassen. Schlimmer noch, Siv würde bei ihr sein. Und wenn ich nicht ein Auge auf sie hatte, würde sie am Ende noch alles verderben, und ich konnte von vorn anfangen mit der Bratuschau.


    Ich seufzte tief, benetzte mir das Gesicht mit einer Hand voll kühlem Wasser aus dem Krug neben der Waschschüssel, trocknete es und verließ dann meine Gemächer, um die Flavia zu begrüßen.



    Sim-Off:

    edit: Ich stoße im Garten zu euch, Siv macht noch ein neues (Garten-)Thema auf, sobald sie Celerina begrüßt hat. :)

  • Ich folgte dem zuvorkommenden schwarzen Sklaven, der trotz allem etwas befremdlich auf mich wirkte, ins Atrium. Was hatte er nur mit seinem Fuß, oder war es gar eine angeborene Schwäche? Irritiert sah ich ihm nach, als er humpelnd das Atrium verließ.
    Ich nahm auf einem Stuhl Platz und wies Ylva an, den beiden Sklaven, die das Geschenk trugen, mitzuteilen, wie sie sich effektvoll im Atrium zu postieren hatten.
    Mittlerweile war ein weiterer aurelischer Sklave erschienen, der mir eine Erfrischung anbot. Diese nahm ich dankend an und genoß einen Schluck davon. Dann wartete ich und wartete. Langsam kam diese innere Unruhe wieder zurück. Warum ließ er mich nur so lange warten? Sicher war er mit überaus wichtigen Dingen beschaftigt! Womöglich kam mein Besuch sogar ungelegen? Nein, sagte ich mir, er hat dich doch eingeladen und sicher brennt er bereits darauf, dich endlich wieder zu sehen!
    Zu meiner Beruhigung, hörte ich letztendlich herannahende Schritte.

  • Nachdem Siv das Cubiculum verlassen hatte, ging sie weit genug, dass Corvinus sie nicht mehr sehen oder hören konnte – dann blieb sie wieder stehen und lehnte sich gegen die Wand, während sie sich mit beiden Händen erst über das Gesicht und dann über die Haare fuhr. Was bei allen Thursen, Schwarzalfen und Riesen war da passiert? Ihre Brust hob und senkte sich in rascher Folge, während immer noch das Feuer der Leidenschaft durch sie tobte, vermischt mit dem der Wut – sowie einer ganzen Reihe anderer Gefühle, von denen Irritation und Verwirrung nur die stärksten waren. Plötzlich ließ sie ihre Hände wieder fallen, ballte sie zu Fäusten und schlug sie gegen den Stein in ihrem Rücken. Kaum waren ihre Hände aufgekommen, stieß sie sich auch schon von der Wand ab, überbrückte die Distanz zur gegenüberliegenden und trommelte auf diese mit ihren Fäusten ein, während ein frustrierter Schrei über ihre Lippen kam, den sie nur halb unterdrücken konnte. Die inzwischen flachen Hände auf die Wand gelegt, presste sie ihre Stirn nun ebenfalls gegen den kühlen Stein und stemmte ihre Füße in den Boden. Die Zähne zusammengebissen, die Lider so fest zusammengepresst, dass sie begann kleine, tanzende Sterne zu sehen, versuchte Siv, wenigstens halbwegs ihre Fassung, und damit die Kontrolle über sich, wieder zu gewinnen. Sie streckte die Arme durch und atmete heftig aus und ein, starrte auf den Boden, die Gedanken rasend, vergeblich darauf hoffend, dass sie zur Ruhe kommen würden. "Was war das? Was bei Garm war das?!?" Schließlich – sie konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, aber es waren kaum mehr als ein paar Momente vergangen – richtete sie sich wieder auf und holte mit geschlossenen Augen tief Luft. "Egal. Spielt keine Rolle." Einen Moment schwieg sie, dann drehte sie den Kopf und sah zurück zu Corvinus’ Cubiculum. "Tut es doch", murmelte sie und presste die Handballen auf ihre Schläfen. "Oooh verdammt, was soll ich bloß tun…"


    Noch ein Moment verging, in dem sie dastand und zurückstarrte, dann setzte sich die Germanin ruckartig in Bewegung. Die vielen unterschiedlichen Gefühle in ihr nahmen nicht ab, sondern an Intensität nur noch zu, so sehr, dass ihr Kopf sich auszuschalten drohte. Unbewusst strich sie sich die Tunika glatt, während sie zum Atrium eilte, wo der Besuch wartete – sie. Sivs Kiefermuskeln spannten sich an. Sei nett zu ihr. Schon vorhin im Garten hatte Corvinus den Eindruck gemacht, als ob dieser Besuch wichtig für ihn wäre, und jetzt dieser Kommentar… Ihr Inneres begann zu rebellieren, während sie sich unaufhaltsam dem Atrium näherte. Was für eine Frau kam Corvinus da besuchen? Und was hatte er sich dabei gedacht, sie gerade eben so hängen zu lassen? Unwillkürlich ballten sich ihre Hände wieder zu Fäusten, während sich ihr Unterleib erneut zusammenzog vor Verlangen. Sie knirschte mit den Zähnen und versuchte, sich Corvinus’ Bild aus dem Kopf zu schlagen und stattdessen daran zu denken, wie er sich verhalten hatte, vor wenigen Augenblicken in seinem Cubiculum, vorhin im Garten, die letzten Wochen. Aber das tat ihr nur wieder weh und weckte Verwirrung neben dem Ärger, den sie damit provozieren wollte, um sich abzulenken. Und es rief in ihr wieder die Frage wach, was um alles in der Welt ihn – sie beide – gerade eben getrieben hatte. Und was es bedeutete. Oder ob es überhaupt etwas bedeutete. Für ihn, für sie, für sie beide. Wie würde er sich jetzt ihr gegenüber verhalten? Würde sich daran etwas ändern? Und was dachte er darüber, und, noch wichtiger: was dachte er von ihr? Sie wusste nur eines, wenn er ihr nur nicht so viel bedeuten würde, wäre es wesentlich einfacher.


    Am liebsten wäre Siv verschwunden, irgendwohin, wo sie ihre Ruhe hatte – wo sie sich in aller Ruhe mit ihren Gedanken beschäftigen und ihre Gefühle auseinander sortieren konnte, um wenigstens etwas besser damit klar zu kommen, oder noch besser: irgendwohin, wo sie das Feuer in sich löschen konnte – dann hätte sie vermutlich von selbst Ruhe vor tobenden Gedanken und Gefühlen, wenigstens für einige Zeit. Aber zwei Dinge hielten sie davon ab. Zum einen war Corvinus deutlich gewesen, und irgendetwas in ihr wollte ihm nach wie vor zeigen, dass ihr leid tat, was passiert war, wollte ihm zeigen, dass er ihr vertrauen konnte, wollte, dass er sie wieder so ansah wie früher. Zum anderen wusste sie, was ihr blühen konnte, wenn sie jetzt einfach verschwand. Sie war Sklavin, sie konnte sich nicht einfach weigern, seinen Anweisungen zu gehorchen – selbst wenn sie nicht die gewesen wäre, die den Garten am besten vorzeigen konnte. Und dann war da noch der Besuch selbst – sie wollte wissen, wer sie war. Als sie dann das Atrium betrat, erstarrte sie für einen Augenblick. Eine Frau, vielleicht ein paar Jahre älter als sie, mit einem liebreizenden Gesicht und gehüllt in ein Gewand, das sogar Siv beeindruckte. Lagen um Lagen aus zartem, blauem Stoff hüllten die Frau ein, so raffiniert um sie geschlungen, dass sie ihren Körper perfekt betonten. Nur die Goldverzierungen und der Schmuck wirkten für Sivs Geschmack übertrieben. Der Moment des Innehaltens dauerte aber nicht lange, dann trat Siv näher an die Römerin heran. "Salve." Höflich oder gar freundlich war ihr Tonfall nicht wirklich zu nennen. "Du bist…?"

  • Mein Herz pochte voller Erwartung, bei dem Geräusch der nahenden Schritte. Geschwind erhob ich mich. Noch einmal sah ich an mir herab, um mein Äußeres zu überprüfen. Hilfesuchend blickte ich zu Ylva hinüber, die mich aber mit ihrer beschwichtigenden Geste ungemein beruhigte. Den beiden Sklaven gab ich ein Zeichen, damit die hervortraten. Es sollte alles perfekt sein, etwas anderes war nicht akzeptabel!


    Ich wollte schon auf ihn zugehen, als ich plötzlich erstarrte. Das Lächeln wich augenblicklich aus meinem Gesicht und mein Mund blieb für eine gefühlte Ewigkeit geöffnet. Was…was war das? Wer war das? Eine blonde Frau, ohne Zweifel eine Sklavin, gekleidet in eine eher durchschnittlichen Tunika, die ihr aber nicht im Geringsten stand und diese Frisur… etwas durchwühlt für meinen Geschmack, so als hätte sie sich vor gar nicht allzu langer Zeit mit einem Sklavenjungen im Stall vergnügt. Wie sie mich anstarrte! Einfach unverschämt! Ich selbst faßte mich sogleich wieder und schloß meinen Mund. Vor diesem unverschämten Ding wollte ich mir doch keine Blöße geben. Den Ton, den sie mir gegenüber anschlug, war alles andere als höflich und zuvorkommend. Als Krönung des Ganzen fragte die vorlaute Göre auch noch nach meinem Namen. Ich kochte vor Wut, doch konnte ich mich noch beherrschen. Es galt die Contenance zu wahren, vielleicht hatte man sie ja auch nur geschickt.
    Wortlos gab ich Ylva ein Zeichen, um nicht mit dieser Sklavin sprechen zu müssen. Inständig hoffte ich, sie würde sich dieses Mal gleich einer zivilisierten Aussprache bedienen. Sie trat sogleich hervor. "Meine Herrin ist einer Einladung deines Herrn gefolgt. Ihr Name ist für dich sicher nicht relevant." Beeindruckt von ihrer Ausdrucksweise, was ich mir allerdings in keinster Weise anmerken ließ, stand ich wieder erhaben da. Einen Augenblick besah ich mir noch das blonde Geschöpf vor mir. Mittlerweile belustigte mich ihr Auftreten. "Nun, und was bist du?" Die Provokation, die in dieser Frage steckte war unverkennbar und selbstverständlich gewollt.

  • Siv biss die Zähne aufeinander, als sie sah, wie die Römerin sie betrachtete, aber im Übrigen versuchte sie, sich unbeeindruckt zu geben. Im Grunde war ihr selbst klar, dass es ein wenig dreist gewesen war, die Römerin derart anzusprechen, aber sie zu sehen, wie perfekt sie zu sein schien, und auf diese Weise von ihr gemustert wurde, so als sei sie minderwertig, Ungeziefer, höchstens vielleicht noch ein Insekt, dass möglicherweise interessant sein könnte, aber wohl doch eher zertreten werden sollte… Dass sie durch ihren Zusammenstoß mit Corvinus keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, sich eine andere, bessere Tunika anzuziehen als die Arbeitstunika, die sie derzeit trug, oder sich sonst wie hatte herrichten können, dass sie darüber hinaus nach wie vor aufgewühlt war von dem, was eben passiert war, von dem, was sie nicht bekommen hatte, und dass ihr Rücken langsam anfing zu schmerzen von der Begegnung an und in ihrem Fall mit der Tür, trug nicht gerade dazu bei, dass sie sich unter dem Blick der bis in kleinste Detail hergerichteten Römerin wohler fühlte. Auch deren Sklaven, die um sie herum standen, sahen gut aus – bei weitem nicht so prachtvoll wie ihre Herrin, aber doch tadellos. Siv musste wieder an Corvinus denken und das, was er gesagt hatte – dass der Besuch wichtig für ihn war, dass sie sich benehmen sollte, dass sie sich umziehen sollte… Und sie musste daran denken, dass sie nach wie vor eigentlich nur wollte, dass sie sich wieder verstanden – und dass er zufrieden war, dass es ihm gut ging. Aber dann schürzte sie kurz, aber trotzig die Lippen. Dass sie sich nicht mehr hatte umziehen können, war nicht ihre Schuld. Gut, sie hatte ihn provoziert, hatte ihn zur Rede gestellt, war zuerst wütend geworden und hatte ihn schließlich sogar geohrfeigt, aber er hatte sich ja provozieren lassen von ihr, obwohl er gewusst hatte, dass er Besuch bekam, er hatte sie gegen die Tür geschleudert und sich an sie gepresst…


    In ihren Augen spiegelten sich widersprüchliche Gefühle wider, als sie sich der Sklavin zuwandte, die auf ihre Frage schließlich etwas sagte, auch wenn sie ihr keine Antwort gab. Und wie könnte es anders sein, natürlich war ihr Latein, zumindest für Sivs Ohren, perfekt. Sie hatte in den letzten Wochen ohnehin ihre Bemühungen intensiviert, die römische Sprache zu lernen, nicht so sehr für sich selbst als vielmehr, unbewusst jedenfalls, für Corvinus – weil es eine weitere Möglichkeit war ihm zu zeigen, was er ihr bedeutete. Unbewusst beschloss sie, noch mehr zu lernen als sie es ohnehin schon getan hatte. Der Trotz in ihr flackerte allerdings wieder auf, als sie hörte, was die Sklavin ihr sagte. Nicht relevant. Der Name war für sie nicht relevant. Eine Erwiderung lag Siv auf der Zunge, die sie sich gerade noch verbeißen konnte. Sie wollte wissen, wer die Frau war, der Corvinus seinen Garten zeigen wollte, der sie den Garten zeigen musste. Ihr Kopf ruckte wieder zurück zu der Römerin, die sie einen Augenblick lang von oben herab musterte – Ungeziefer – und sie dann doch ansprach. Ihre Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten, und ihr Kopf hob sich etwas. Die Römerin mochte sich für etwas besseres halten, aber Siv hatte immer noch ihren Stolz. "Sklavin", antwortete sie, leicht fauchend, aber hauptsächlich in einem Tonfall, als würde sie die Römerin tatsächlich für so dumm halten nicht zu wissen, was sie war. Ihre Mundwinkel zuckten, aber die Römerin tatsächlich anzulächeln – selbst wenn es nur verächtlich war – brachte sie dann doch nicht fertig. "Ich bin Sklavin. Ich zeige den Garten." Ihre Sätze hielt sie bewusst kurz und einfach, wusste sie doch, dass sie dann die wenigsten Fehler machte.

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