Das Grab des Egerius

  • Mitten in der Stadt (allerdings nicht im Zentrum) stand ein Steinquader an einer Ausfallstraße. Auf dessen Seite war folgendes eingemeißelt:


    D M S
    EGERII ARUNTIS F
    ET LVCRETIAE PARENTES
    BENE MEREN
    L TARQUINIVS EGERII F COLLATINVS COS
    FECIT


    Es handelte sich um das Grab des Egerius, das nun innerhalb des Pomeriums lag, zur Zeit der Könige jedoch durchaus zur Bestattung geeignet war. Jener Egerius war der Legende nach der Vater des ersten Consul Tarquinius Collatinus, des Amtskollegen des berühmten Iunius Brutus, gewesen und stammte aus einer korinthischen Familie, die zwei Generationen zuvor nach Rom eingewandert war. Leider musste er jedoch der Legende nach in Armut leben, da sein Vater vor seiner Geburt verstarb und das Erbe an einen anderen Zweig der Familie ging. Sein Grab - und das seiner Frau Lucretia - war so eher unauffällig und wohl auch kaum noch bekannt.


    Nur die Vestalinnen erschienen hier gelegentlich, um aus der Quelle, die direkt neben dem Grabmahl entsprang, Wasser für die rituelle Reinigung des Vesta-Tempels jeden Morgen zu schöpfen. Diese Egerische Quelle war angeblich bereits von Numa Pompilius für diesen Zweck bestimmt worden (obschon sie damals wohl anders geheißen hatte, da Numa Pompilius zum Zeitpunkt der Einführung der Republik bereits lange tot gewesen war).

  • Es war kein sehr langer Fußmarsch den Calvina, Papiria Occia und ihr Liktor zurücklegen mussten. Den Tempel der Vesta hatten sie längst hinter sich gelassen. Das morgendliche Gedränge war bereits recht groß, Karren zogen durch die Gassen und Menschen gingen ihrem Tagesgeschäft nach. Der Liktor hatte nicht allzuviel Mühe den Weg für die beiden Vestalinen freizumachen.


    Nun waren sie also an ihrem Ziel angekommen und Calvina hatte sich den Weg hierher versucht zu merken, für den Tag an dem sie diese Arbeit übernehmen müsste.


    Nun stand ich vor der Quelle, von der Papiria gesprochen hatte und beobachtete wie meine Schwester nun ihrer Arbeit nachging.

  • Papiria Occia


    Occia war zu Fuß den Weg bis zur Quelle gegangen und erklärte Calvina auf dem Weg, dass es noch verschiedene andere, auch etwas nähere Quellen gab, von denen man inzwischen schöpfen dürfe, es sich dabei jedoch grundsätzlich immer um Stellen handeln musste, bei denen das Wasser noch nicht durch Leitungen geflossen war. Natürlich hatte sie auch den Weg zu diesen erklärt.


    Dann waren sie endlich angekommen und Occia stellte den Eimer unter die Stelle, bei der das Wasser aus dem Stein sprudelte.


    "Egerius war der Vater des Kollegen von Iunius Brutus, des ersten Consuls. Also der erste Mit-Consul. Damals lag sein Grab noch außerhalb der Stadt - aber die Stadt ist drumherumgewachsen. Jetzt ist es eben mitten drin und sogar innerhalb des Pomerium, obwohl man dort eigentlich niemanden begraben darf."


    erklärte sie, während der Eimer volllief. Schließlich war er halbvoll und Occia nahm ihn wieder an sich.


    "Das ist eigentlich keine große Sache, wie du siehst."


    So machten sich die drei wieder auf den Rückweg. Der Liktor war die ganze Zeit stumm daneben gestanden und machte nun wieder den Platz auf dem Rückweg. Tatsächlich wichen die meisten Frühaufsteher sowieso ehrfurchtsvoll zur Seite, sobald der Liktor ihren Titel nannte.

  • Papiria Occia


    Als sie den Platz erreichten, war Papiria immer noch am Erzählen. Sie war nun jedoch weg von der Geschichte der Tarquinier, hin zur eigentlichen Quelle gekommen.


    "Der Sage nach ist die Quelle aber schon viel älter: Numa Pompilius soll sie als Quelle für die Reinigungsrituale der Vestalinnen bestimmt haben. Wir suchen sie jedenfalls noch immer auf. Damals lag sie natürlich noch außerhalb des Pomeriums - heute jedoch nicht mir. Da sind wir ja!"


    Sie blieb am Straßenrand stehen und deutete auf den Grabstein, der hier unbemerkt stand. Daneben floss eine Quelle aus einem Stein.


    "Nicht sehr beeindruckend, was?"

  • Occia plapperte. Und plapperte. Und quatschte. Jeder Mensch, der weniger Widerstandsvermögen hatte als Romana, hätte schon lange auf Durchzug geschalten. Doch die Vestalinnenschülerin gab sich ehrliche Mühe zu folgen. Ihr kam die Geschichte vertraut vor, sogar von den Quellen hatte sie schon gehört, aber eine detaillierte Erzählung zu bekommen, war schon viel wert.


    Beide blieben neben der Quelle stehen. Romana blieb neben Occia stehen und schaute hinunter. „Öhm...“, meinte sie, als Occia suggerierte, die Quelle sei nicht sehr beeindruckend. „Ähm... sie ist schon in Ordnung... und so... glaube ich einmal.“ Mehr brachte sie jetzt nicht hervor. Sie blickte zur Papirierin. „Und nun? Was machen wir jetzt?“, fragte sie.

  • "Jetzt befüllen wir unsere Gefäße!"


    erklärte Occia fröhlich und zog einen Eimer hervor, den Romana möglicherweise nicht gesehen hatte, da Occias Schleier ihn verdeckt hatte. Langsam stellte sie ihn unter die Quelle und sah zu, wie das Wasser hineinplätscherte.


    "Zugegebenermaßen auch nicht soo spektakulär. Du darfst ihn zurücktragen, damit du auch beschäftigt bist!"


    fügte sie an, da sie feststellte, dass die Claudierin etwas unschlüssig herumstand.

  • „Ach so.“, entgegnete die junge Claudierin etwas unschlüssig. Als Occia den Eimer aus ihrem Schleier hervorzog, staunte Romana nicht schlecht. So ein riesiges Gefäss konnte man in diesem Schleier unterbringen. Das musste sie sich merken. Ihr Blick wanderte hinunter, zur Quelle, wo das Wasser den Kübel zu füllen begann.


    „Nun, gut, das mache ich.“, meinte Romana, wartete ab, bis der Eimer voll war, ergriff ihn dann und zog ihn hoch. Es machte ihr nichts aus, Sachen zu schleppen, und schwer war der Behälter sowieso nicht. „Was genau passiert mit dem Wasser, wenn wir zurück beim Atrium sind?“, fragte sie interessiert Occia.

  • Als Claudia den Eimer aufnahm, nickte die Papirierin ihrem Liktor, der sie begleitet hatte, zu und setzte sich wieder in Bewegung - zurück zum Atrium. Dabei wichen die Passanten andächtig vor der Jungfrau zurück, die jedoch auf ganz und gar unspirituelle Weise weiterplapperte und das Kommende erklärte


    "Mit dem Wasser reinigen wir den Tempel jeden Morgen. Dazu besprengen wir ihn rundherum und auch im inneren mit dem Wasser. Davor gibt es ein Gebet und natürlich rituelle Worte, die du aber schnell lernen wirst..."


    So ging es weiter, bis sie vor dem Tempel der Vesta kamen.

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