Templum Dis patris - Am Rande des Abgrundes

  • [size=7]I-V[/size]


    Der Tempel des Dis Pater war nur einer von vielen kleineren Tempeln, welche über ganz Rom hinweg waren verteilt, einer von jenen, welche einfach, beinahe glanzlos erschienen im Vergleich zu den prächtigen, bunten Bauten der Kaiserforen, des kapitolinischen Hügels oder des Circus Flaminius, welche den den Römern liebsten, den Staatsmännern und dem Staate vorteilshaftesten Göttern waren geweiht. Doch während auch und insbesondere viele der kleineren Tempel und Altäre in den Straßen vom einfachen Volk, Frauen, Arbeitern, Handwerkern und Händlern wurden frequentiert, da jenen viele der Numina neben den Hauptgöttern sooft viel erreichbarer schienen für ihre Sorgen und Nöte, während in jenen Tempel durchaus immer jemand ein oder aus ging, lag der Tempel des Pluto in Einsamkeit, schien es beinah als streife der atemlose, eisige Hauch seines Bewohners um ihn und hielte alles Leben von ihm fort. Instinktiv wechselten vorübereilende Passanten die Straßenseite, gingen einen Bogen um den Vorplatz, niemand ruhte sich im Schatten des Gebäudes aus, niemand auf den steinernen Treppen des aedes. Die Römer respektierten den Tod, sie ehrten ihn im häuslichen Kult, doch selten nur öffentlich, und nicht öfter als dies notwendig war. Als die flavische Sänfte auf dem Tempelvorplatz hielt, berührte die Sonne bereits die Dächer der gegenüberliegenden Häuser, und die ersten Arbeiter, jene, welche ihren Tag noch vor dem eigentlichen Tage hatten begonnen, machten sich auf den Weg zu ihren Heimstätten, wo das warme Herdfeuer, das wärmende Lächeln ihrer Frauen und die innigen Begrüßungen ihrer Kinder auf sie warteten. Gracchus fröstelte beim Anblick des Tempels, der drohend sich vor ihm erhob, doch jenes marginale Zittern, welches stets von seinen Händen Besitz ergriff, so es galt den Unterirdischen ihren Tribut zu zollen, blieb an diesem Tage aus. Sein Sklave Sciurus reichte ihm das Paket, ein in weiche, samtige Stoffbahnen gehülltes Etwas, und einen kleinen Beutel mit der kostbaren Räucherung. Die wenigen Stufen hinauf zu den schweren Flügeltüren aus dunkelfarbenem Holz schienen Gracchus weitaus länger, weitaus steiler als die Stufen jedes anderen Tempels, welchen er je hatte betreten, obgleich ihre Anzahl eher gering war. Als er die schmale Türe, welche in die großen Flügeltüren war eingelassen, aufdrückte, ächzte sie in ihren Angeln und seufzte gleich dem Hauch eines Sterbenden, und wie dieser aus der trockenen Kehle des verendenden Leibes entwich die stickige Luft aus dem Tempelinneren. Dieses selbst war spärlich nur beleuchtet durch den goldfarbenen Schein der Kerzenflammen, welche im Hauch des hereinwehenden Luftzuges flackerten und konturlose Schatten über die im Halbdunkel dahindämmernden Wände tanzen ließen. Gracchus trat ein und schloss hinter sich die Türe, verharrte einige Augenblicke, dass seine Pupillen an das fahle Licht sich konnten gewöhnen und sein wild in der Brust schlagendes Herz sich konnte beruhigen.


    tbc ...

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • [size=7]II-IV[/size]


    Nicht die Schatten waren es, wie Gracchus allmählich erkannte, welche im Lichtschein tanzten, es war das Licht, welches mit der Dunkelheit rang, mit aller Macht jeden Flecken Helligkeit zu verteidigen suchte, mühsam um jeden digitus seiner Existenz kämpfte. Die Luft wurde durchzogen von feinem Nebelschwaden, graufarbenen Schlieren, welche schlangengleich aus den Räucherkelchen an den Seitenwänden des Tempels sich erhoben, jede Struktur umschmeichelten und in sich verschlangen, so auch alsbald Gracchus' Kopf, an dessen Nase die Flügel bebten, die schwere, würzige Bitternis aus Adlerholz und Galbanum in seinen Leib hin einsogen. Wie im Traume setzte er einen Fuß vor den anderen, durch die diffuse, surreale Nebelwelt hindurch als wandele er über ein sumpfiges Moor, bald nicht mehr sicher, ob seine Füße noch den Grund berührten, ob seine Füße überhaupt noch Teil seiner selbst waren. Er hörte das leise Wispern aus den Ecken des Tempels, er spürte den eisigen Atem in seinem Nacken, und ohne sie zu sehen, wusste er um die daimones, larvae und lemures, jene aus seinem Innersten, jene der Familie und jene, welche im Tempel des unterirdischen Herrschers hausten, doch keiner von ihnen konnte an diesem Tage ihn in seinem Tun beirren. Gegensätzlich zu den gewaltigen, prächtigen Bildnissen der großen Tempel Roms war jener Dives vor ihm in seiner Größe nicht gar so furchteinflößend, doch was der Anblick eigener Infinitesimalität nicht konnte erreichen, dies schaffte das düstere, von Schatten und Rauch verzerrte Antlitz allein. Sich einredend, dass auch dies letztlich nur eine Statue war, sich an sein Wissen um kultische Macht klammernd und den gesunden Menschenverstand beschwörend, suchte Gracchus dem Blicke des Unterirdischen stand zu halten, doch längst hatten die Räuchersubstanzen in seinen Sinnen ihre Wirkung entfaltet, längst hatten die Pforten zwischen den Welten ihre Impermeabilität verloren, und er wagte nicht länger sein Haupt zu heben. Betreten wie ein kleiner Junge nestelte er an dem Beutel, das Päckchen weiter in seinen Händen haltend, unterdrückte einen leisen Fluch, da der Knoten des dünnen Lederbandes sich nicht wollte lösen. Es dauerte eine geraume Weile, unwirklich endlos in dieser Atmosphäre, bis endlich der Beutel seinen Inhalt Preis gab, Gracchus die länglichrunden, rötlich durchscheinenden Körner des Bdellium über die Kohle am Altar gab, wo sie in einer opaken Wolke langsam sich auflösten, welche seinen Kopf umhüllte, beißend und mit widrigem, bitteren Geruch, ihm Tränen in die Augen trieb. Blinzelnd stand er vor Dispiter, schweigend, und es schien, als sei er unschlüssig. Doch Gracchus' Kopf war in diesem Augenblicke einzig leer, befreiend leer, als hätte der Rauch alle Gedanken, alle Furcht mit sich hinfort getragen, als hätte die schwarzfarbene Düsternis des Tempels den entstandenen Freiraum ausgefüllt, als verlange sie dabei nichts mehr. Gracchus stand vor Pluto und hatte dem Herrn der Leere augenblicklich nur Leere entgegen zu bringen.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • [size=7]I-XII[/size]


    Er wusste nicht, wie lange er in der Stille hatte verharrt, doch irgendwann wurde Gracchus sich des Paketes bewusst, welches allmählich aus seinen Händen zu gleiten drohte. Blinzelnd vertrieb er die Leere aus seinen Sinnen, hob das Bündel aus Stoff und begann, den Inhalt aus dem Tuch heraus zu schälen, sprach leise, ohne den Blick zu heben.
    "Dis, dunkler Hau'h in kalter Na'ht, ... tiefe Schwärze zwischen den Sternen, Herr über alles, was na'h dem Leben bleibt, süße Stille der Absenz, bitteres Schweigen der Spra'hlosigkeit. Du hast zerrissen, was eins war, ... Du hast zerstückelt, was in Gänze war, ... Du hast ni'ht verschlungen, was Dir zustand, nur daran geleckt und ... Deinen modrigen Atem hinterlassen. Du hast ni'ht genommen, was Dir gehören wird, ... Dir bereits gehörte, nur in Deinen kalten Händen gehalten ... und Deine eisigen Fingerab..drücke hinterlassen. Hast Du verschmäht? War es ... Warnung, war es ein Spiel? Bloße Absi'ht, ein Versehen oder ni'ht einmal Teil Deiner Gedanken, ... Abfallprodukt eines gänzli'h anderen Planes? I'h weiß es ni'ht, Du wirst es wissen. Do'h i'h bin hier, Dir zu zeigen, ... dass i'h ni'ht undankbar bin, dass i'h dies Geschenk - beabsi'htigt oder ni'ht -, zu würdigen weiß. Stets galt mein Dienst dem Gegen..teiligen, galt mein Streben seinem Wohl, ... do'h ohne Dunkelheit kein Li'ht, ohne Kälte keine Wärme und ... ohne Tod kein Leben."
    Er blickte auf, dem düsteren Abbild entgegen.
    "Fur'ht ist so weit von Ehrfur'ht ni'ht entfernt, Dis immortalis, ... und na'h all den Jahren, in wel'hen mein Herz und mein Verstand stets nur ersteres für Di'h bargen, ist es an der Zeit, Dir au'h letz..teres zukommen zu lassen."
    Die letzte Falte aus Stoff glitt zur Seite und offenbarte in Gracchus' Händen ein kleines, kunstfertiges Abbild des Pluto, aus einem einzigen, schwarzfarbenen Marmorstein gehauen, welcher von graufarbenen Schlieren wurde durchzogen wie die Nacht von Nebelfetzen, einzig als Augen glimmten rotfarbene Edelsteine wie Tropfen frischen Blutes. Es war ein kleines Vermögen und es war nicht einfach gewesen, die Statue zu beschaffen, doch was waren Münzen wert im Atemhauch des Todes?
    "Dir Dispiter, gebührt mein Dank, unter..irdischer Fürst, Dives immortalis, mein Dank Dir gegenüber, untergründiger Pluto, ... für Deine Geduld und Dein Geschenk, unergründli'her Hades."
    Ursprünglich war es Gracchus' Ansinnen gewesen, Dis Pater gleichsam eine Bitte entgegen zu bringen, den letzten Rest von sich einzufordern, welcher noch immer in des dunklen Herrschers Reich verloren war, doch als er nun im dämmrigen Lichte des Tempels stand, umgeben vom Hauch der Unterirdischen, ihm gänzlich zu Bewusstsein drang, wie viel von ihm bereits in jenen Hallen hatte verweilt, so schien eine verlustige Buchstabenkombination ihm ein nicht allzu schlechter Tausch. Allfällig würde er einfach jeglich Worte, in welchen ein ch inbegriffen war, aus seinem Wortschatze streichen.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • [size=7]II-X[/size]


    Vorsichtig stellte Gracchus die Statuette auf dem Gabentisch ab, nah an dem Räuchergitter mit den glühenden Kohlen, so dass die letzten Reste des graufarbenen Rauches des Bdellium den schwarzfarbenen Stein umschmeichelten, sich den Schemen der Marmorierung anglichen, mit ihnen verschmolzen. Obgleich es ihn drängte, den Altar, Dispiter selbst nicht aus den Augen zu lassen, schloss Gracchus mit der Wendung nach Rechts hin das Zwiegespräch, wandte dem Gott den Rücken zu, verweilte jedoch einige Herzschläge noch, ehedem er langsam durch den trüben Flammenschein auf den Ausgang hin zu schritt, welcher fern und unscharf in endloser Weite vor ihm zu sein schien. Erneut spürte er den kalten Hauch, den fauligen Atem der Unterirdischen in seinem Nacken, glaubte ihre dürren Finger durch die Stoffe der Toga hindurch auf seiner Haut, wie sie tausenden Insekten gleich über ihn hinweg krabbelten, ihn hinab ziehen zu suchten in ihr dunkles Reich. Schwer waren seine Füße, als steckten sie im morastigen Sumpf, lösten nur zögerlich sich aus dem bei jedem Schritte gierig schmatzenden Grunde, und obgleich er beständig dagegen ankämpfte, kam er kaum einen digitus der Türe näher. Einem tiefen, finsteren Laut folgend, donnerndem Grollen gleich, wandte Gracchus einen Augenblick seinen Kopf zurück, sah in den alles verschlingenden Schlund der Dunkelheit, sah die Fratzen der Larven und Lemuren, verzerrt in ihren stummen Schreien, sah die kahle Dürre, welche die Styx und den Acheron säumte, die schattigen Schemen, welche an Kokytos klagten und in Lethe nach Vergessen suchten, die lodernden Flammen, welche aus dem kochenden Blute des Phlegethon züngelten, jene Orte zwischen Sein und Vergehen, zwischen Ende und Anfang, welche stets nur zur Furcht ihm gereichten, noch immer, selbst da er längstens dem Alter entwachsen war, in welchem die fantastischen Welten ihn der Realität gänzlich zu entreißen hatten vermocht. Scharf sog Gracchus die Luft ein, blinzelte und wandte hastig sich um, den Umrissen der Tür entgegen, nurmehr ein paar Schritte, nurmehr eine Armlänge vor ihm und schlussendlich sich öffnend. Ein frischer, kühler Windhauch zog durch die Öffnung in den Tempel hinein, ließ die Flammen der Kerzen und Lampen erzittern, dass Gracchus Schatten vor ihm auf dem Boden ekstatisch tanzte, wirbelte die Weihrauchschwaden in Spiralen durch den Raum, ließ einige geflügelten Schlangen gleich in die dämmrige Abendluft entweichen. Auf der Plattform zwischen den Säulen drehte Gracchus noch einmal sich um, die Türe zu schließen, einen letzten Blick in die cella hinein zu werfen, welche sich erwartungsgemäß in jenem Anblicke bot, welchen sie auch beim Betreten gezeigt hatte. Fröstelnd schloss Gracchus die Türe, trat langsam die Stufen hinab, wo seine Sänfte auf ihn wartete.

    cdcopo-pontifex.png flavia.png

    IUS LIBERORUM

    PONTIFEX PRO MAGISTRO - COLLEGIUM PONTIFICUM

  • Nachdem Axilla einige Tage nicht aus dem Haus gegangen war und so ziemlich jede Träne geweint hatte, die ihr Körper hervorzubringen vermocht hatte, war sie an diesem Tag doch aufgestanden. Sie hatte sich gebadet und ein einfaches, schwarzes Kleid angelegt. Ohne irgendwie sich zu erklären oder zu entschuldigen hatte sie eine Entscheidung getroffen, die sie den anderen nur knapp und kurz mitgeteilt hatte. Sie würde heute zum Tempel von Pluto in seiner Eigenschaft als Dis Pater gehen, um ein Opfer für Urgulania vorbereiten zu lassen. Es war mehr eine einfache Ansage gewesen denn etwas, wozu sie eine Meinung brauchte. Sie hatte nur einmal mit ihren leergeweinten Augen in die Runde gesehen und war dann auch schon gegangen, ohne etwas zu essen. Seit Urgulanias Tod war ihr ohnehin wieder so übel wie seit der Überfahrt nicht mehr, und sie wollte nichts essen.


    Mit Leander und einem großen, ostländischem Sklaven – Parther oder sowas, Axilla hatte zum einen keine Ahnung und zum anderen nicht nachgefragt – als Leibwache im Schlepptau war sie zum Tempel gelangt.
    “Ihr könnt hier auf mich warten“, meinte sie zu beiden vor dem Eingang, weil sie merkte, wie beide unruhig nach oben zu den Kapitellen der Säulen und dem blauen Himmel jenseits des Daches starrten, als gehe es in den Schlund der Unterwelt und das wäre das letzte, was sie davor sehen würden.
    Axilla hingegen trat furchtlos ein. Sie schreckte der Tod nicht, sie kannte ihn schon lange. So lange, wie ihre Mutter krank gewesen war, so lange, wie ihr Vater schon gefallen war, da fürchtete sie die Unterwelt nicht. Das Leben war schwieriger und schlimmer. Sterben konnte jeder.


    Ihre Schritte hörten sich in den stillen Hallen irgendwie Laut in ihren Ohren an, obwohl sie ganz sanft eigentlich auftrat. Sie sah sich um, ob sie vielleicht einen Priester ausmachen konnte, der ihr helfen könnte. Sie hatte etwas zu besprechen, was über den Tod einer Taube hinausging, und dafür brauchte sie jemanden, der sich auskannte.


    Sim-Off:

    Einmal NPC bitte^^

  • | Aedituus Caecus Niger


    Obgleich der Tempel des Pluto ein Tempel wie jeder andere war, so schien er doch immer ein wenig düsterer, ein wenig unheilvoller als alle anderen. Dass dies so war und blieb, dafür trug der verantwortliche Aedituus Caecus Niger Sorge, indem er zur Beleuchtung Öllampen mit besonders kleinen Öffnungen wählte, so dass die Flammen stets nur wenig Licht warfen, indem er die Votivgaben und Statuetten präzise um die Lichtquellen herum arrangierte, dass ihre Schatten besonders groß und düster schienen, indem er die Räuchermischung besonders sorgfältig aussuchte, dass ihrem Rauch ein latenter Duft von Verwesung inhärent war. Caecus Niger konnte nicht von sich behaupten, dass er Dis mochte, noch dass er ihn fürchtete - er respektierte ihn, was unbezweifelt die beste Voraussetzung für eine Aedituus war, in diesem Tempel seinen Dienst zu tun.


    Da, wie in jedem anderen Tempel auch, im Hause Dis Paters zumeist Stille herrschte, durchbrachen die leisen Schritte der Iunia diese unüberhörbar, was Caecus Niger aufhorchen und sich umwenden ließ. Der Aedituus war gerade dabei, einige ältere Votive aus Bronze und Silber auszuwählen, die aus der Cella entfernt werden sollten, um Platz für neue Gaben zu schaffen - gleichsam musste der Tempel zum Jahreswechsel seinen Beitrag zum Staatshaushalt entrichten, was in Form der eingeschmolzenen Metalle würde geschehen. Caecus erhob sich mit leeren Händen, da er noch unschlüssig über seine Auswahl war, und schickte sich an, den Tempel zu verlassen, um der Eingetretenen Raum für ihr Opfer zu geben. Die junge Dame indes blickte ein wenig suchend und unschlüssig umher, so dass er sie schlussendlich doch ansprach.
    "Salve, mein Name ist Caecus Niger, ich bin Aedituus dieses Tempels. Kann ich dir irgendwie behilflich sein?"



    M.F.G.

  • Es dauerte ein bisschen, bis sich Axillas Augen an das Halbdunkel hier drinnen gewöhnt hatten. Zwar war es um diese Jahreszeit generell etwas gedämpfter, aber hier drinnen schien es besonders duster zu sein. Wenn man Angst vor der Dunkelheit hatte, war dieser Tempel sicher sehr unheimlich. Axilla hatte keine, überhaupt fühlte sie sich seltsam ruhig und entschlossen. Sie hatte geglaubt, sie würde nervöser sein, aber wenn sie so darüber nachdachte, eigentlich fühlte sie sich nur noch immer leer.
    Nachdem sie eine Weile da gestanden hatte und sich etwas suchend umgesehen hatte, kam ein Priester auf sie zu und fragte, ob er ihr helfen könne. Axilla lächelte nun doch ein klein wenig verlegen. Im Gegensatz zu Tempeln, Gottheiten und Dunkelheit, vor denen sie keine Angst hatte, erfüllten Priester sie immer mit einem leichten Unbehagen, zeigten die ihr doch meist sehr deutlich ihr eigenes Unvermögen auf. So auch dieser, obwohl er noch gar nichts gesagt oder getan hatte. Etwas unbehaglich strich sich Axilla einmal über ihren Unterarm, ehe sie zu sprechen anfing.
    “Ich bin Iunia Axilla, und ich bräuchte etwas Hilfe bei einem Opfer.“
    Axilla sah sich kurz um, als müsse sie sichergehen, ob nicht doch noch jemand hier war, den der Priester vielleicht noch vorziehen könnte, aber scheinbar war sie doch recht allein hier.
    “Ich habe Dis einen schwarzen Ochsen versprochen, aber... also, ich hab nie etwas geopfert, was... so... groß war, und ich weiß nicht, wie... also...“ Axilla machte ein paar hilflose Handbewegungen beim Sprechen und hoffte, der Aedituus würde schon verstehen, was sie meinte und was sie von ihm jetzt wollte. “Bisher waren es meistens Vögel, oder Kaninchen, und... also, das ging ja allein, aber bei dem Ochsen geht das nicht, und... es soll perfekt sein.“
    Es musste perfekt sein, das war das wichtigste überhaupt. Axilla wollte sichergehen, dass der Gott das Opfer annehmen würde. Und dafür brauchte sie definitiv die Hilfe von jemandem, der das schonmal gemacht hatte.

  • | Aedituus Caecus Niger


    Sanft spiegelte sich der Schein einiger goldfarbener Flammen in den grünen Augen Iunias und verstärkten somit noch den Eindruck der Verlegenheit, welchen ihre Worte und ihr Gebaren in Caecus erweckten. Er setzte ein freundliches Lächeln auf, um sie ein wenig zu beruhigen, gab es doch keinerlei Anlass ob ihres Anliegens wegen betreten zu sein. Der Aedituus begegnete oftmals Menschen, die nur selten den Weg überhaupt in einen der Tempel fanden und kaum je mehr als eine Taube geopfert hatten, zudem war eine Frau, welche in ihrem Leben noch keinen Ochsen dargebracht hatte, nicht eben außergewöhnlich - geschahen die meisten Opferungen diese Größe doch im Beisein eines Ehemannes oder Vaters, wobei diesem die ausführende Rolle zukam. Ungewöhnlich war darob nur, dass die junge Frau mit den entzückenden Gesichtszügen überhaupt ein solches Opfer außgerechnet dem Dis pater wollte darbringen - doch darüber zu urteilen war nicht des Aedituus Aufgabe.
    "Du brauchst dich nicht zu sorgen, der Tempel hat genügend Personal, um dir bei einem Opfer diese Ausmaßes behilflich zu sein. Einen victimarius* und mindestens drei popae* würde ich dir empfehlen. Hast du das Tier bereits erworben?"
    Der Cultus Deorum stand selbstredend auch stets gerne beratend bei der Auswahl der Opfertiere zur Seite, schlussendlich zahlten die empfohlenen Händler einen Teil des Verkaufspreises als Provision an die Tempel - offiziell natürlich als voluntaristische Spenden.



    Sim-Off:

    *victimarius: Schlächter
    popa: Opferhelfer

  • Axilla nickte einmal, während sie dem Priester zuhörte. Gut, kein Tadel, kein Vorwurf, sondern direkt ein Vorschlag, mit dem Axilla auch etwas anfangen konnte.
    “Nein, ich habe noch keinen gekauft. Ich dachte, vielleicht... könntest du einen Händler empfehlen, der besonders schöne Tiere hat, die dem Gott auch bestimmt gefallen? Ich würde dann die Hörner noch mit Silber verzieren lassen. Gefällt Pluto wohl sonstiger Schmuck?“
    Axilla kannte ihn nur als grimmigen, wenngleich gerechten Herrn der Unterwelt, auch wenn es durchaus auch verspieltere und friedlichere Darstellungen des alten Gottes gab. Sie glaubte nicht, dass Dispiter großen Sinn für Humor oder Spielereien hatte, aber wer wusste das schon so genau? Sie auf jeden Fall nicht, aber vielleicht ja der Priester.
    “Und ich wollte fragen, wie das ganze dann genau... also, ob ich dann selber... oder macht das der victimarius?“ Bei einem Kaninchen war das eine einfache und schnelle Angelegenheit. Ein Stich, und das Tier war tot. Vielleicht zappelte es noch kurz, aber da konnte herzlich wenig schief gehen. Aber bei einem Ochsen war schon jede Menge Platz, wo man etwas falsch machen konnte. Und nicht, dass dann ein wütender, da verletzter, Ochse den Tempel ramponierte. Das wäre wohl definitiv ein sehr schlechtes Omen.

  • | Aedituus Caecus Niger


    Der Aedituus nickte beflissentlich. Er war kein gieriger Mensch, wiewohl es um den Tempel des Dis pater auch nicht schlecht stand - obgleich der Pontifex Maximus selbst sich wenig um den Cultus Deorum bemühte, so wurden doch alle Götterhäuser ausreichend unterstützt, so dies notwendig war -, doch waren die Zusatzeinnahmen durch die Händler stets eine willkommene Gabe.
    "Es gibt einen Rinderhändler am Forum Boarium, Fuficius Salonius, dessen Tiere sehr zu empfehlen sind. Er verwendet viel Mühe auf eine ausgezeichnete Züchtung, wie auch die Haltung der Tiere. Für wann hast du dein Opfer angedacht? Fuficius bietet immer nur eine Auswahl aus seiner Herde auf dem Forum an, doch wenn er weiß, dass ein besonderes Tier benötigt wird, kann er entsprechende Ochsen mit in die Stadt bringen, so dass du die beste Wahl treffen kannst. Sonstig kann ich dir anbieten, das Opfertier über unseren Tempel zu beziehen, dann würden wir die Aufgabe der Auswahl, sowie die Schmückung nach deinen Vorgaben und Wünschen übernehmen."
    Wie die Iunia die Frage nach 'sonstigem' Schmuck stellte, klang es Caecus beinahe, als denke sie über Ketten, Ringe und Haarverzierung nach - er war diesbezüglich ein wenig vorbelastet durch seine Ehe, behängte sich seine Frau doch gerne über alle Maßen mit jeglicher Art von Schmuck.
    "Du kannst zusätzlich die Hufe versilbern lassen, allerdings ist dies nicht unbedingt notwendig. Ansonsten sollten der traditionelle Opferschmuck aus infulae* und vittae*, sowie die dorsula* ausreichen."
    Auch Caecus Niger konnte sich nicht vorstellen, dass Pluto einen Sinn für Blumenkränze und Girlanden besaß, so dass er solcherlei auch nie vorschlug. Bisweilen dachte er über eine Kette aus dunklen Bohnen nach, wie sie den unterirdischen Geistern als Opfergabe dienten, doch auch dies schien ihm nicht angebracht für Dis pater.
    "Die Schlachtung musst du selbstverständlich nicht selbst vollziehen. Einer der popae wird das Tier mit einem Hammer betäuben und der victimarius mit dem Beil die Kehle aufschlagen. Letzterer wird anschließend auch die Ausweidung vornehmen. Du selbst wirst dem ganzen in sicherem Abstand beiwohnen können."
    Manche Opfernde fingen gerne eine Schale voll Blut auf, andere legten Wert darauf, zumindest ein Organ selbst aus dem Tier zu schneiden, doch verbindlich war hierbei nichts und andere waren auch einfach nur froh, wenn sie nicht allzu nahe an das blutige Geschen herantreten mussten - nicht zuletzt, um ihre Kleidung nicht mit dem roten Lebenssaft zu beflecken, welcher so schwer aus Stoff herauszuwaschen war.



    Sim-Off:

    * infulae und vittae: weiße und scharlachrote Wollbinden, die um den Kopf des Opfertieres gebunden werden und an den Seiten herabhängen
    dorsula: Wolldecke oder -band über dem Rücken des Tieres, dient als symbolisches Fell, um das Tier im Laufe der Opferhandlung symbolisch zu 'entkleiden'

  • Während der Priester erzählte, nickte Axilla immer wieder und kaute sich überlegend auf der Unterlippe herum. Sie hatte keine Ahnung von Rindern. Wenn eines nicht offensichtlich krank und dürr aussah, war es für ihre Begriffe gut. Aber das hieß ja noch lange nicht, dass es das auch war. Von daher war sie für jegliche Form von Rat da auch sehr dankbar, ebenso wie dafür, dass der Priester nicht viel nachfragte. Sie hatte sich schon auf ellenlange Erklärversuche eingestellt, weil sie konnte ja schlecht sagen, dass das Opfer zur Untermauerung eines Fluchs gedacht war.
    “Ich wollte das Opfer recht bald machen. Also, so bald es der Tempel einrichten kann.“ So ein Ochse war ja kein Pappenstiel, und bei den vielen Festlichkeiten und Feiertagen im Dezember hatten bestimmt alle Collegien und Priesterschaften gut zu tun. Sie wollte ja auch nichts erzwingen, aber je eher Zeit gefunden würde, umso besser.
    “Und, wenn es keine zu großen Umstände macht, würde ich den Ochsen dann über den Tempel beziehen. Mit versilberten Hörnern und Hufen, und infulae und vittae und dorsula.“ Axilla hätte dem Ochsen auch noch Schmuck umgehängt, wenn der Priester das für eine gute Idee gehalten hätte. Alles, solange Pluto das Opfer nur annehmen würde. Das war ihr das allerwichtigste. “Ich denke, ihr habt mehr Erfahrung damit, ein Tier auszusuchen, das dem Gott gefallen wird. Es soll nur pechschwarz und schön sein.“
    Als der Priester dann meinte, sie könne dem Opfer in sicherem Abstand beiwohnen, sah Axilla schon etwas verwirrt drein. “Aber was mach ich dann überhaupt dabei? Ich denke, ich sollte schon irgendwas auch tun, immerhin will ich das ja opfern?“ Das war doch dann gar nicht mehr ein richtiges Opfer, wenn sie irgendwo im Hintergrund stand und eigentlich das ganze nur bezahlte? Ein bisschen mehr wollte sie schon tun, immerhin war es doch ein ziemlich persönlicher Gefallen, um den sie Dis Pater bitten wollte. “Wenn du fürchtest, ich könnte das nicht… also, ich hab keine Angst davor. Ist doch nur Blut.“ Axilla war vieles, aber ängstlich sicher nicht.

  • | Aedituus Caecus Niger


    Der Aedituus nahm sich einigen Augenblicke Zeit, um über einen günstigen Termin nachzudenken. Zwei Tage sollten zur Beschaffung eines adäquaten Tieres ausreichen, so dass am Nachmittage des Dritten das Opfer konnte stattfinden - in diesen Tagen wurde es schlussendlich schon früh dämmrig.
    “Wenn es dir Recht ist, so können wir das Opfer in drei Tagen durchführen, zur aufkommenden Abenddämmerung ist der günstigste Zeitpunkt, Dis pater eine Gabe zu bringen. Das Tier wird dann geschmückt bereit stehen, so dass du nurmehr die Gaben für das Voropfer mitbringen brauchst. Dieses, sowie die rituelle Handlung kannst du natürlich selbst übernehmen, ich sprach nur von der eigentlichen Schlachtung des Tieres - Opferbeil und Hammer sind doch recht schwer zu schwingen.“
    Dazu bedurfte es recht viel Kraft, ein Rind mit einem Schlag zu betäuben, wie auch ihm die Kehle mit dem Beil aufzuschlagen.

  • Gut, das Gewicht vom Hammer und dem Beil und die Kraft, die man wohl brauchen würde, hatte Axilla vergessen. Daher kaute sie – mal wieder – auf der Unterlippe herum, als sie verlegen überlegte. Der Priester hatte sicher Recht, trotzdem fühlte sich Axilla, als würde sie zu wenig machen. Sie wollte ja so unbedingt, dass der Gott es annehmen würde, und mehr noch, dass er tun würde, worum sie ihn gebeten hatte.
    “Ich denke, du hast Recht. Gibt es etwas, das Dis als Voropfer besonders schätzt? Öl? Honig?“ Axilla lag schon 'Blumen' auf der Zunge, aber das ließ sie doch bleiben, die Frage erschien ihr zu albern. Zwar war Plutos Gemahlin eine Frühjahrsgöttin, trotzdem konnte sie sich den Herrn der Unterwelt nicht mit Blumenkränzen vorstellen, beim besten Willen nicht. Aber der Priester hatte sicher noch irgendwelche Tipps für sie auf Lager, sie musste nur wissen, was sie fragen sollte.
    “Und... hmm, also... ich müsste dann noch wissen, was es kostet...“ Der letzte Teil war Axilla etwas unangenehm. Sie hatte zwar durch ihre Betriebe schon ein klein wenig beiseite legen können, allerdings war sie kein Krösus. Und sie würde ungern jemand anderen fragen, damit der ihr Geld auslegen könnte. Nicht dafür.

  • | Aedituus Caecus Niger



    "Ganz recht, Öl und Honig gehören zu jenen Dingen, die der Herr der Unterirdischen präferiert. Wenn es ein wenig teurer sein darf, so kommt auch mulsum in Frage. Ansonsten eignen sich Efeukränze, schwarze Bohnen, sowie kleine Gebäckstücke aus Sauerteig für das Voropfer."
    Im Geiste überschlug der Aedituus die Ausgaben für das Opfertier und den Schmuck, die darüberhinaus notwendigen Arbeiten würde der Cultus Deorum selbstredend unentgeltlich übernehmen.
    "Es werden rund dreihundert Sesterzen* sein, die der Ochse und die Schmückung kosten."
    Dreihundert Sesterzen waren beileibe kein geringer Betrag, insbesondere nicht für einen einfachen Bürger, doch ein Rinderopfer war auch keine geringe Gabe - unbezweifelt würde die Iunia einen guten Grund für eine solche Mühe haben, wiewohl sie Caecus aus gutem Hause schien und darob vermutlich nicht des Opfers wegen hungern musste.



    Sim-Off:

    *Du wirst in der WiSim dafür ein "großes blutiges Opfer" als Angebot erhalten.

  • Ganz langsam nickte Axilla bei den Worten des Aedituus, wägte sie genau ab. 300 Sesterzen war sicherlich nicht wenig, und doch hatte die Iunia sich schon darauf eingestellt, weitaus mehr dafür zu bezahlen. In diesem Moment war sie sehr dankbar dafür, die letzten anderthalb Jahre in Ägypten verbracht zu haben, denn dort waren ihr als Frau Mittel und Wege offengestanden, selbst ein wenig Geld zu verdienen, ohne irgendwelche Seitenblicke fürchten zu müssen. Ob sie hier in Rom dieselben Mittel gehabt hätte, bezweifelte sie.
    “Nun, Caecus Niger, 300 Sesterzen sind sicher angemessen für den großen Gott.“ Man konnte an Axillas Augen ablesen, wie sie überlegte, hin und her rechnete und abwog. Normalerweise ging sie immer aus dem Bauchgefühl heraus an Dinge heran, so dass man ihr am Gesicht ablesen konnte, wie schwer ihr die Abwägung fiel. Sie wollte, dass der Gott zufrieden war und sie erhöhrte. 300 Sesterzen waren da wohl ein kleiner Preis für das verlangte. Vielleicht ein zu kleiner.
    “Aber ich möchte wirklich, dass der Gott das Opfer annimmt. Da will ich nicht am falschen Ende sparen. Sagen wir...600 Sesterzen, und du suchst das schönste Tier dafür aus? Und vielleicht noch ein paar Flötenspieler während des Opfers?“
    Axilla war sich nicht sicher, ob das nun schon Bestechung war oder noch nicht. Sie hatte von diesen Dingen doch absolut gar keine Ahnung. Und außerdem wollte sie den Priester ja auch nicht bestechen, sie wollte wirklich wissen, ob Pluto das Opfer annahm. Aber sie wollte eben auch gleichzeitig dafür Sorge tragen, DASS er es annahm.
    Ein wenig unschlüssig suchte Axilla im Gesicht des Priesters nach einer Antwort, ob das nun zuviel gewesen war. Verlegen kratzte sie sich dabei am Ellbogen. Irgendwie war ihr gerade sehr mulmig zumute.

  • | Aedituus Caecus Niger



    Der Aedituus deutete eine kleine Verbeugung an. Bestechlich war er selbstredend nicht, wiewohl der Wert eines Opfers stets im Auge des Betrachters lag - für einen Bettler mochte eine geopferte Sesterze mehrere Tage Hunger bedeuten, ein Senator dagegen würde sich nicht einmal für eine Münze dieses Wertes am Wegesrand bücken (abgesehen von einem einzigen allfällig, der in Rom und darüber hinaus für seinen Geiz bekannt war). So die Iunia ein Opfer für 600 Sesterzen haben wollte, würde sie es daher bekommen.
    "Ganz wie du wünschst, Iunia Axilla, ich werde selbst dafür Sorge tragen, dass dir der prächtigste schwarze Ochse zur Verfügung steht, den Rom dieser Tage zu bieten hat. Dazu ein paar tibicines und ein paar Jungen, die Harze verräuchern, dies wird Dis Pater unbezweifelt gefallen."
    Was genau sie verräuchern würden, würde Caecus nicht Preis geben, doch würde es zweifellos einen beißenden, scharfen Geruch ergeben.

  • So einfach war das also? Axilla schaute nochmal kurz etwas verwirrt herum, als ob ihr so besser einfallen würde, ob sie etwas vergessen hatte, und grübelte offensichtlich darüber nach. Allerdings wusste sie nichts, was sie sonst noch hätte fragen können oder hätte sagen sollen. Für das Opfer war alles geklärt und sie hatte bekommen, was sie wollte. Das Voropfer würde sie noch zu besorgen wissen, und dann konnte es eigentlich schon losgehen.
    “Gut, dann machen wir das so“, beendete sie schließlich ihre Überlegungen. “Ich werde einen Boten mit dem Geld morgen schicken, damit du alles kaufen kannst, was noch fehlt. Das Voropfer besorge ich dann selbst und bringe es in drei Tagen von heute an mit.“
    Axilla wartete noch auf eine Bestätigung des Priesters, ob alles so passte oder ob sie nicht doch noch etwas vergessen hatte, um sich danach zu verabschieden. Immerhin gab es nun etwas zu tun.

  • | Aedituus Caecus Niger



    "In drei Tagen", bestätigte der Aedituus und sah schon jetzt in Vorfreude auf diesen Augenblick. "Etwa zur Ende der hora duodecima, wir werden allerdings schon etwas früher bereit sein und natürlich auch warten."
    Ein Opfer dieser Größe wurde - außerhalb der Feiertage, an welchen die Organisation den Collegien zufiel - nicht oft vollzogen, vor allem nicht dem Dis Pater dargebracht, so dass dies für Caecus eine angenehme Abwechslung im manches mal tristen Tempelalltag darstellte. Er würde sich daher besonders große Mühe geben - auch ein wenig deswegen, da die Schönheit der Iunia ihn nicht unbeeinflusst ließ, obgleich er solcherlei natürlich niemals hätte zugegeben. Er mochte es, wenn Frauen opferten, schon allein, da sie ihr Haar dann offen trugen, was Caecus Niger besonders gut am weiblichen Geschlecht gefiel, im öffentlichen Leben Roms aber sonstig an den Damen aus besserem Hause eher selten zu sehen war.
    "Ich wünsche dir eine angenehme Zeit bis dahin", verabschiedete er Iuna Axilla. "Mögen die Götter dich stets geleiten!"

  • Pünktlich drei Tage später stand Axilla wieder vor dem Tempel, aber dieses Mal nicht allein. Sie hatte ihre Cousine Serrana gefragt, ob sie sie begleiten wollte, und diese hatte natürlich ja gesagt. Bestimmt würden auch genug Passanten stehen bleiben und zusehen, um so vielleicht ein wenig vom Segen des dunklen Gottes abzubekommen, oder zumindest um ihre Schaulust zu befriedigen. Und genau deshalb war Axilla auch so nervös. Sie würde im Mittelpunkt eines Geschehens stehen, wo alle Welt sie anschauen würde, und jeder kleine Fehler, jeder Makel, den sie hatte, nur umso deutlicher hervorstechen würde. Ihr war schon wieder schlecht, den ganzen Morgen über. Aber es nützte nichts, sie hatte es dem Gott versprochen. Und sie würde den Dis tun – auch wenn es in diesem Fall besonders anmaßend war – und ihm dieses Opfer nicht bringen. Sie wollte ihre Rache.


    Sie sah noch einmal zu ihrer Cousine, um dort ein wenig Mut zu schöpfen. Serrana kannte sich mit dem ganzen hier natürlich weitaus besser aus als sie selbst, und es war irgendwie gut, noch jemanden bei sich zu haben, der notfalls vielleicht helfen konnte. Oder zumindest wusste, wenn etwas fehlte, und sich dann kurz räuspern konnte.
    Axilla hatte ein schlichtes, schwarzes Kleid an, das bis zu den Knöcheln reichte. Kein Schmuck, keine Verzierungen, nur ganz schlichtes, sattes schwarz. Nicht einmal die Fibeln waren besonders gearbeitet, sondern eher unauffällig. Unter der Palla, die Axilla gleich noch ablegen würde, war ihr Haar offen. Sie hätte gerne glattes Haar gehabt, damit es noch einfacher aussehen würde, aber sie hatte diese Wellen darin, die es leicht lockig aufplusterten. Insgesamt sah sie eher klein und unwichtig aus, fand sie zumindest. Sie hoffte, dass diese zur Schau gestellte Schlichtheit den Gott versöhnlich stimmen würde.


    Sie hatten zwei Sklaven mitgebracht, die eben den Honig, das Öl und das mulsum, ein Honig-Wein-Gemisch, zum Tempel trugen. “Ich bin ein wenig nervös“, gestand Axilla ihrer Cousine. Es war noch nicht ganz die zwölfte Stunde, aber im Winter vergingen die stunden auch schnell, so dass sie hier nicht trödeln sollten.
    “Hat der Altar wohl eine Öffnung für das Voropfer, oder soll ich es einfach draufstellen?“ Warum hatte sie das nicht schon vor drei Tagen gefragt? Jetzt zerbrach sie sich über diese Frage den Kopf und wurde deshalb immer nervöser. “Siehst du den Aedituus irgendwo?“

  • Serrana hatte keine Sekunde gezögert und Axilla sofort zugesagt, als diese sie um ihre Begleitung gebeten hatte. Denn auch wenn sie ihre Verwandte Urgulania gar nicht persönlich gekannt hatte, war ihr die Geschichte um deren gewaltsame Ermordung sehr nah gegangen und setzte ihr noch ziemlich zu. Trotzdem war Serrana selbst deutlich ruhiger als Axilla, die nicht nur nervös und aufgeregt, sondern auch gesundheitlich angeschlagen wirkte. Aber vielleicht konnte sie durch ihre Anwesenheit ja ein wenig dazu beitragen, dass ihre Cousine das bevorstehende Ritual besser überstand. Auch ihr Haar fiel offen den Rücken herunter und sie hatte das einfache Leinengewand angezogen, dass sie auch sonst bei ihrem Dienst im Tempel trug.


    "Du brauchst nicht nervös zu sein." sagte sie leise zu Axilla und strich ihrer Cousine beruhigend über den Arm. "Es war die richtige Entscheidung hierherzukommen, und der Gott wird dein Opfer bestimmt erhören, da bin ich mir sicher." Kaum waren die beiden Mädchen am Tempel angekommen, da schlüpfte Serrana aus ihren Sandalen und gab Axilla ein Zeichen das gleiche zu tun. Als diese nach dem Aedituus fragte, ließ sie den Blick durch die Tempelanlage schweifen und schüttelte dann den Kopf. "Ich kann ihn nirgendwo entdecken, aber wir sollten die Zeit nutzen und uns vor dem Opfer noch gründlich reinigen." Sie wies auf steinerne Wasserbecken, die sich am Eingang des Tempels befanden. "Da drüben können wir unsere Hände und Arme waschen, vielleicht kommt der Aedituus ja in der Zwischenzeit. Alles andere klären wir am besten mit ihm. Ich bin mit dem Tempel des Pluto und seinen Riten nicht so vertraut und möchte nichts falsch machen oder etwas übersehen."

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!