Cubiculum - Severina

  • Gleich nach dem Gespräch mit Falco kam eine Sklavin auf Severina zu und zeigte ihr ihr Zimmer. Es war für stadtrömische Verhältnisse überraschend hell und freundlich, oder war es die Zukunft, die nun weitaus rosiger erschien? Severina setzte sich auf ihr Bett und testete es auf seine Weichheit, befand es für sehr angenehme und stand gleich wieder auf, um sich ans Fenster zu stellen und die Aussicht und auch den kommenden Frühling ein wenig zu geniessen. Die Sklavin in der Zwischenzeit verstaute alle Habseligkeiten Severinas, wobei sie aber nur wenig zu tun hatte, hatte Severina doch nur wenig Kleidung und Kosmetika dabeigehabt, weil der Grossteil ihres Besitzes auf dem Anwesen ihres Vaters weilte.


    Sie bedankte sich bei der Sklavin und sagte ihr, dass sie jetzt ein wenig allein sein wollte. Sie fühlte sich träge und wollte sich ein wenig hinlegen. Doch dazu kam es nicht, denn schon im nächsten Moment klopfte ein Sklave an und überbrachte ihr einen Brief vom Vigintivir, in dem er ihr in kühlen Worten den Tod ihres Bruders bestätigte.


    Sie weinte nicht, auch kein Schluchzen entkam aus ihrer Kehle, nur ein einzelner Tropfen bildete sich in ihrem Auge, schwoll an und liess sich dann ihre Wange hinunterrollen. Erst als dieser an ihrem Kinn angelangt war, liess sie den Brief sinken, schniefte und wischte mit dem Handballen ihre Träne weg. Innerhalb von wenigen Tagen den Vater, die Mutter und einen Bruder verloren, all ihre anderen Brüder waren verstorben, nur einer lebte, und der verdingte sich als Krimineller, wenn sie den Worten des Proconsuls Glauben schenkte durfte. Ermattet liess sie sich auf das Bett sinken und starrte eine ganze Zeit die Decke an, bevor sie endlich einschlief.

  • Lange, wirklich lange hatte sie sich zurückgezogen, war nur in ihrem Cubiculum gewesen, hatte gelegen, gelesen, geschrieben, getrauert. Irgendwann hatte Severina sich mit ihrem Schicksal abgefunden, hatte Freundschaft mit einer der Sklavinnen geschlossen, liess sich über diese Sklavin mit den neuesten Klatsch und Tratsch versorgen und mit der Zeit auch zurechtweisen. Ismene, die Sklavin, hatte schon manches Mal beanstandet, Severina solle wieder unter die Leute gehen, solle auf den Markt, in die Thermen, ja zumindest den Göttern opfen gehen. Severina hatte nur müde gelächelt, lautlos dies versprochen, doch nie war sie wirklich daran interessiert gewesen, tatsächlich ihr Zimmer verlassen zu wollen.


    Dann, einige Wochen später, bekam sie wieder einen Brief. Es war wieder vom Vigintivir, doch diesmal nicht von Flavius, der sie immer korrekt ansprach, diesmal war es ein wenig merkwürdiger. Sie bekam ein Erbe, und es war ihr sowohl zum Lächeln als auch zum Weinen zumute, als sie diesen Brief las. Zum Lächeln, weil sie eine doch erkleckliche Summe bekam, zum Weinen, weil dieses Geld aus der Hinterlassenschaft ihrer Brüder stammte. Die Götter spielten ein gar arges Spiel mit ihr, schlossen sie doch eine Tür und machten gleichzeitig eine andere auf. Severina wusste nicht, was sie davon halten solle. Aber mit dem, was ihre Brüder ihr vermachten, brauchte sie sich nicht verstecken, sie konnte wirklich erhobenen Hauptes aus der Tür wandeln und endlich ihr Leben in die Hand nehmen.


    In diesem Moment erschrak sie. In den letzten Monaten war sie quasi nur in ihrem Cubiculum gewesen. Wie konnte sie glauben, dass sie einfach so raustreten könne, Rom betreten könne? Ein merkwürdiger Gedanke, aber abwegig war er nun nicht mehr. Sie hatte Geld, nicht viel, eigentlich wirklich wenig, aber dieses wenige verschuf ihr nun ein wenig Freiheit, Freiheit, sich kleine Dinge kaufen zu können. Sie konnte nun auf den Markt gehen und sich eine neue Tunika kaufen, ohne dass sie vorher Falco fragen musste. Als sie diesem Gedanken gewahr wurde, stand sie ohne zu zögern auf und ging zur Türe. Dort aber stockte sie doch, zu sehr wirkte in ihr ihre Erziehung mit, aber nur zwei Momente später verliess sie ihr Cubiculum, nein, sie verliess das Haus ihres Onkels. Nur ein Sklave begleitete sie, denn ohne Schutz wollte sie nicht weggehen, aber dennoch: in diesem Moment fühlte sie sich allein und frei. Ein wundervolles Gefühl.

  • Der Kaiser war tot. Auch er war nun in die elysischen Gefilden gegangen, so erzählte man es in Rom, auf dem Forum, auf den Märkten, überall. Severina hatte das Gefühl, seit ihrer Rückkehr nach Rom würden alle Konstanten in ihrem Leben einfach so verschwinden. Ihre Mutter, ihr Vater, ihre Brüder und jetzt der Kaiser, sie verstarben einfach. Wen wunderte es, dass sie sich in Rom nicht mehr wohlfühlte?


    Der Brief des Vigintivirs. Lange hatte sie diesen angesehen, ebenso lange wiederum nicht beachtet. So lange, bis die vom Vigintivir gesetzte Frist verstrich. Als Severina dies nach einigen Tagen bemerkte, atmete sie erleichtert aus und dankte den Göttern, dass sie sich nun nicht mehr damit plagen musste. Nein, sie wollte sich nicht mit dem schmutzigen Geld ihres Bruders beflecken. Doch der Vigintivir, der ehrenwerte, er hatte eine Antwort verdient. Sie dachte nicht lange nach, sondern schrieb ihn, so wie es aus ihren Gedanken kam, auch wenn sie damit unstandesgemäß ihre Gefühle zeigte. Doch in diesem Moment war ihr das einerlei.


    Ein Sklave würde ihren Brief im Hause des Vigintivirs abgeben. Severina hingegen blieb in ihrem Zimmer sitzen.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!