cubiculum MAC | Oh, the guilt!

  • Nach dem Gespräch mit Helena hatte ich eigentlich in mein Arbeitszimmer zurückkehren wollen. Doch dort angekommen, war mir nach allem, nur nicht nach dem Wälzen von Schriften, dem Vergleich von Angeboten oder dem Lesen von Berichten. Ohne mich zu setzen, machte ich gleich wieder kehrt und verließ die bereit liegenden Arbeiten unangetastet.


    Eine Weile wanderte ich in der villa herum, nach Zerstreuung suchend. Doch nichts und niemand war anzutreffen, abgesehen von Arsinoe, die mich kurz im Vorübergehen anlächelte und dann ihren Weg in die Waschküche fortsetzte. Schließlich trugen mich meine Füße in mein cubiculum. Es schien ganz so, als hätten sie sich mit meinem Unterbewusstsein abgesprochen. Drinnen herrschte tristes Halbdunkel. Ich schloss die Tür und lehnte mich schwer an das kühle Holz des Türblatts. Ein tiefer Seufzer kam über meine Lippen, und ich gab mir keine Mühe mehr, die Fassade aufrecht zu erhalten. Der Hinterkopf ruhte am Holz, die Augen waren geschlossen. Meine Lippen schmeckten noch nach dem Kuss Helenas, meine Ohren klingelten von ihren Worten, und in meinem Geist schwappten die harschen Worte von Ursus allmählich wieder an die Oberfläche. Der Kloß, befindlich in meinem Halse seit dem Betreten von Helenas Gemach, wuchs auf unerträgliche Große an.


    Ich stieß mich von der Tür ab, gestattete diesem Durcheinander nicht, herauszubrechen und wollte ihm auch keine Möglichkeit geben, über Umwege zu erreichen, was es beabsichtigte. Ich schleppte mich träge zu der kleinen Kommode, auf welcher die Waschschüssel stand, blieb vor ihr stehen und stützte mich mit der Rechten neben dem Spiegel an der Wand ab. Was tat ich nur? Helena? Allein der Gedanke an Eventualitäten war verboren und gehörte verbannt. Ursus? Verdammt noch mal, er war mein Neffe! Verdiente er da nicht, dass ich Milde walten ließ, dass ich nachgab? Und Deandra? Herrje, wir waren zu Fremden fürienander geworden, obgleich sie doch einst meine Schwester gewesen war! Mühsam quälte sich der Atem an dem Kloß vorbei, der in meinem Halse feststeckte. Stoßweise presste ich ich die Luft hinaus. Der stützende Arm zitterte marginal, mein Körper krampfte. Warum nur zerbrach alles um mich herum, wo ich doch genau das zu verhindern suchte? "Warum?!" Wieso war Ursus mir gram, warum verstand er nicht? Wie konnte Helena mich nur vor eine solche Prüfung stellen, warum misstraute mir Aquilius, weshalb empfand ich nur mehr Zuneigung für Deandra und nichts weiter, wieso schien mich Prisca zu meiden und, verdammt noch mal, Vater, "Warum hast du mich verlassen?" Gepresst waren die Worte, ein Zugeständnis an mein scheinbares Unvermögen, die Familie zusammenzuhalten.


    Ich schnaufte und zog geräuschvoll die Nase hoch. Wen scherten schon sittsame Tugenden, es war ja ohnehin niemand zugegen. Nur der bleiche, weinerliche Mann im Spiegel, der sich an der Wand abstützte, um nicht vollends zu fallen. Zu fallen wie ein Unfähiger, der es nicht anders verdient hatte. Wie jemand, der bereits alles verloren hatte. Dem es nichts ausmachen würde, auch noch sich selbst zu opfern. Hasserfüllt starrte ich mein Spiegelbild an, schnaufte wie eine alte Matrone beim Treppensteigen. Alles zerfiel! Nichts war von Bestand, wenn es mich betraf. Wenn ich die Finger im Spiel hatte. Es war zu viel! Zu viel! Ich wünschte mir Aquilius herbei, doch allein Kraft meiner Gedanken würde er nicht erscheinen. Nur das Spiegelbild leistete mir Gesellschaft, schien mich mit seinen heißen Tränen auf dem wutverzerrten Gesicht zu verhöhnen.


    Es klirrte. Es schepperte und krachte, als ich das vierte Mal mit der baren Faust auf den stattlichen Spiegel einhieb. Rot verschmierte Scherben regneten gen Boden und bildeten ein Mosaik, das mich gleich tausendfach zeigte. Ich brüllte wie ein Berserker, doch nicht vor Schmerz, sondern in Raserei, bis meine Stimme aufgab. Matho stürmte herein, verschwand jedoch gleich wieder, als er mein Gebärden erlebte. Meine Knöchel waren aufgeplatzt, die Hand und der Unterarm von Schnitten übersäht. Und allmählich, tatsächlich, wich das Gefühl, das mich in die Zerstörung getrieben hatte. Bitter lächelte ich, als ich an den unschuldigen Tisch dachte, der Aquilius zum Opfer gefallen war. Siehst du, Caius, nicht nur du bist bisweilen schwach. Die Anspannung wich, zurück blieben Leere und dieses verdammte Selbstmitleid. Ich lehnte mich an die Wand neben der Kommode, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen. Blut tropfte rhythmisch von meiner linken Hand, und ganz allmählich beruhigte ich mich soweit, dass auch der Schmerz an Relevanz gewann. Ich zitterte, teils vor Anstrengung ob des inneren Zwangs, der mir Beherrschung gebot. So stand ich einfach nur da und versuchte, meinen Herzschlag zu beruhigen.



    Sim-Off:

    reserved

  • Siv hatte gerade – ausnahmsweise – eine Pause gehabt, und das sogar völlig gerechtfertigt, hatte sie doch alle Aufgaben erledigt, die ihr aufgetragen worden waren, und als sie bei Niki vorbeigesehen hatte, hatte diese auch nichts für sie zu tun gehabt. Sie hatte gerade in den Garten gehen wollen, wie immer wenn sie freie Zeit hatte, als ihr Matho über den Weg lief. Und kaum hatte der Maiordomus sie gesehen, winkte er sie auch schon zu sich, so wie jedes Mal. Er überhäufte sie mit Arbeit, wann immer er sie sah, und Siv wusste, dass er das bei den anderen Sklaven nicht in dem Ausmaß tat – und dass es Absicht war. Sie bekam langsam das Gefühl, dass er dachte, sie wäre leichter im Zaum zu halten, wenn sie vor Arbeit nicht mehr aus noch ein wusste. Diesmal hatte er einen überraschend einfachen Auftrag für sie, der sie aber trotzdem das Gesicht verziehen ließ: Der dominus braucht jemanden, in seinem Schlafgemach. Sie hätte alles mögliche lieber getan, als zu diesem Römer zu gehen, aber Matho bestand darauf, dass sie gehen sollte, und zwar schnell. Also machte sie sich auf den Weg zu Corvinus, mit gemischten Gefühlen. Sie versuchte meistens, die Erinnerung an jene Nacht, ihre zweite in diesem Haus, zu verdrängen – und vor allem die an den Morgen danach. Sie verachtete sich selbst für ihre Reaktion, für das, was sie getan hatte, aber gleichzeitig war sie auch froh. In dieser Zeit, die sie mit Corvinus verbracht hatte, als sie für diesen einen Moment ihren letzten, inneren Widerstand aufgegeben hatte, hatte sie sich frei gefühlt. Und danach so gelöst wie schon lange nicht mehr. Aber warum war ausgerechnet ein Römer in der Lage, ihr dieses Gefühl zu vermitteln? Das Gefühl frei zu sein, wo sie sich doch ohne Römer überhaupt nicht erst danach sehnen würde? Wieso hatte sie etwas Derartiges mit einem Römer geteilt, teilen können, wo sie Seinesgleichen doch eigentlich verachtete? Viel, über das sie sich Gedanken machen musste. Zu viel, für den Moment. Also schob Siv sie weg, so gut es ging.


    Als sie Corvinus’ Räume erreichte, begriff sie sofort, warum Matho sie geschickt hatte. Der Römer schien durchgedreht zu sein. Er stand inmitten eines Scherbenmeers und tobte, brüllte sein Schlafgemach an, oder auch die Scherben zu seinen Füßen, Siv konnte das schon nicht genau sagen. Sie verzog kurz das Gesicht, als sie wieder an Matho denken musste. Er hatte mit Sicherheit gesehen, in welchem Zustand Corvinus war, und in seiner Überzeugung, dass Siv noch diverse Flausen ausgetrieben werden müssten, hatte er sie mit voller Absicht in die Höhle des Löwen geschickt. So wie der Römer sich im Moment benahm, schien seine Toleranzgrenze irgendwo bei Null zu liegen, und Siv beanspruchte die Toleranzgrenzen der meisten im Haus Anwesenden definitiv mehr. Aber Siv wäre nicht Siv, wenn sie eine Herausforderung nicht annehmen würde, selbst wenn sie von Matho kam. Also lehnte sie sich zunächst einfach nur in der offenen Tür an den Rahmen, verschränkte ihre Arme und wartete. Er konnte ja nicht ewig toben – und danach konnte sie fragen, was er wollte.


    Tatsächlich beruhigte sich der Römer nach einiger Zeit, wurde langsamer, bis er schließlich ganz aufhörte. Mit einer – wenn Siv es nicht besser gewusst hätte, hätte sie gesagt mutlosen – Bewegung lehnte er sich gegen die Wand, Kopf im Nacken, die Augen zu, so dass er sie nach wie vor nicht sehen konnte. Und erst jetzt bemerkte Siv, dass seine Unterarme verletzt waren, der linke sogar so sehr, dass das Blut so stark floss, dass es dunkle Flecken auf dem Boden hinterließ. Siv bewegte ihren Kopf hin und her und wusste nicht so recht, ob sie sich freuen sollte – eigentlich ja, immerhin war er ja ein Römer, aber er wirkte in diesem Moment so erbärmlich auf sie, dass sie schwankte zwischen Verachtung – und Mitleid. Sie zuckte die Achseln und beschloss, sich später darüber klar zu werden, was sie nun genau empfand bei diesem Anblick. Für den Moment löste sie sich von ihrer Position an der Tür und ging zu ihm hinüber. "Ihr Römer seid schon ein seltsames Völkchen. Ich meine, ich will ja nicht behaupten, dass ich nicht auch manchmal den Wunsch hab irgendwas kaputt zu machen, aber ich tu mir dabei nicht selbst weh." Kopfschüttelnd griff sie nach dem stärker blutenden Arm und besah sich die Wunden. "Was besseres konnte dir nicht einfallen, wie?" Sie hob den Saum ihrer Tunika und riss einen Streifen daraus, von dem sie noch einmal ein Stück abriss. Damit tupfte sie das Blut fort, mit gekonnten, aber nicht unbedingt sanften Bewegungen, bevor ihre Finger geschickt über den Arm glitten, die Wunden genauer inspizierten und gelegentlich einen Splitter herausholten. "Eigentlich", sinnierte sie, "wäre es nur fair, wenn ich deine Tunika ruiniere – ich weiß du zahlst für meine, aber ich muss meine selbst in Ordnung halten. Außerdem ist deine vermutlich wesentlich teurer. Und wenn du schon meinst, dich nicht beherrschen zu müssen, dann solltest du auch was von den Folgen haben, finde ich." Dass ausgerechnet sie mit ihrem Temperament eine der Letzten war, die sich über seine Selbstbeherrschung ein Urteil erlauben konnte, der Gedanke kam ihr nicht.

  • Von den seltsamen Vorgängen in der Sklavenschaft hatte ich nichts mitbekommen. Wie auch? Des maiordomus Berichte waren stets zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus beschwerte sich niemand. Also ging ich davon aus, dass alles in bester Ordnung war. Und vollkommen irrelevant in dieser Situation, so zumindest der Grundgedanke. Dass allerdings plötzlich Siv vor mir stand, irritierte mich zum einen, zum anderen löste es einen gewissen Grad an Peinlichkeit in mir aus. Es war mir schleierhaft, warum ich so empfand, und so galt die echte Verwunderung nicht Sivs urplötzlich anmutender Anwesenheit, sondern vielmehr der Verblüffung über mein eigenes Empfinden darüber.


    Erst das Zucken der germanischen Sklavenschultern veranlasste mich zum Blinzeln, und ich sah zur Seite, als sie noch näher kam. Frustriert knirschte ich mit den Zähnen und versuchte, zumindest den Sinn hinter dem germanischen Sermon herauszufinden, der mir entgegen sprudelte. Kurz darauf bestand mein dringlichstes Anliegen darin, den Schmerz ungeschehen zu machen, und ich sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als Siv nach meiner Linken griff. Ich schleuderte strafende Blicke in ihre Richtung, sagte jedoch nichts. Ein Reißen von Stoff erklang, und Siv hielt gleich darauf einen Streifen Stoff in der Hand. Ich hielt meinen schlimmeren, linken Arm nah am Körper und zog eine Grimasse. Ihr Germanisch regte mich auf! Zugleich tat es allerdings gut, den Ton der harten Worte zu vernehmen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was sie sagte. Und es war auch gleich gar nicht mehr wichtig. Sengender Schmerz durchzuckte meinen Arm, setzte meine Haut in Brand und veranlasste mich dazu, ihr meinen eigenen Arm sozusagen wegzunehmen. "Au!" fuhr ich sie anklagend an, setzte jedoch einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck hinterher. "Das tut weh." Schließlich wollte ich sie nicht vergraulen, wo sie scheinbar gekommen war, weil sie sich Sorgen machte. Die einzige in diesem Irrenhaus, die sich für ihre Position annähernd normal verhielt, dachte ich sarkastisch. "Autsch", knurrte ich, als Siv an einem kleinen Splitter zupfte. "Kannst du das nicht so sagen, dass ich es auch verstehe? Bona Dea. Du musst wirklich Latein lernen." Seltsamerweise ging es mir nach diesen grimmigen Worten sogar etwas besser. Ich musterte versonnen Sivs geschickte Hände. "Kennst du dich damit aus? Hast du sowas schon - au! - öfter gemacht?" fragte ich sie, als sei nichts gewesen und als würden wir nicht gerade inmitten tausender Scherben stehen.

  • Siv ignorierte die strafenden Blicke, die der Römer ihr zuwarf, ebenso wie den Schmerzlaut, der ihm über die Lippen kam. Sie warf ihm allerdings einen noch strafenderen Blick zu als es seine waren, als er ihr den Arm entzog. "Willst du, dass die Splitter drin bleiben?" Energisch griff sie wieder nach seiner Hand und zog den Arm näher zu sich heran, bevor sie fortfuhr, die Wunden gründlich zu untersuchen, während sie gleichzeitig immer wieder das Blut abtupfte, das aus den Schnitten neu hervorquoll. Sie sah kurz hoch und ihn an, als er erklärte, dass ihm das weh tat. Ihre linke Augenbraue rutschte ein gutes Stück nach oben, und obwohl ihr Gesicht einigermaßen unbewegt blieb, funkelte in ihren Augenwinkeln gutmütiger Spott. In diesem Moment glich er eher einem ihrer Brüder oder Freunde, weniger einem der ihr so verhassten Römer. "Natürlich tut das weh, bei den Schnittwunden." Und Siv ging nicht gerade zimperlich mit ihm um. Wenn sich jemand aus Dummheit, Unachtsamkeit oder gar mit Absicht verletzte, dann hatte derjenige nichts anderes verdient, fand sie. Ihre Brüder hatten ihr in solchen Fällen immer halb lachend, halb vorwurfsvoll gesagt, sie wäre ein Eisblock, weil sie nicht einmal genug Mitgefühl zeigte, um sanft zu sein. Woraufhin Siv jedes Mal grinsend gekontert hatte, dass sie kein Mitleid habe mit Menschen, die es hätten besser wissen müssen – oder habe sie ihnen etwa zu viel zugetraut?


    Die Germanin sah erneut hoch, als Corvinus sie wieder anfuhr, einen gerade erst herausgeholten Splitter zwischen den Fingern. Diesmal konnte sie nicht verhindern, dass es um ihre Mundwinkel amüsiert zuckte, aber noch konnte sie ein Grinsen unterdrücken. "Nein, kann ich nicht. Ich hätt’s auf Latein gesagt, wenn ich könnte. Ich würd viel sagen, wenn ich könnte, warum sollte ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen… Aber warum eigentlich? Wenn du mich verstehen willst, lern doch Germanisch." Das war es sogar wert, es auf Latein zu sagen. Das Funkeln in ihren Augen wurde für einen Moment stärker. "So ich sein, fühlen, alle Zeit. Schwer verstehe, was… was die anderen sagen. Ich muss mich ständig konzentrieren, das ist so anstrengend. Furchtbar. Du lernen Germanisch. Wenn du wollen verstehst all ich Worte." Weil sie das Grinsen jetzt nicht mehr wirklich unterdrücken konnte, sah sie wieder nach unten und machte ungerührt weiter, ließ ihre Finger weiter hinunter gleiten, bis sie zu seinem Handgelenk kamen. Sie drehte die Hand so, dass der Rücken nach oben zeigte, und fuhr, sanfter diesmal, über die Schnitte und Abschürfungen an den Knöcheln, aber dort konnte sie keine Scherben spüren.


    Währenddessen hatte der Römer erneut eine Frage gestellt, und Siv ließ mit einem zufriedenen Nicken von seiner Hand ab und sah ein weiteres Mal zu ihm hoch. "Öfter gemacht? Du meint das machen oft?" Die Worte konnten so viele unterschiedliche Formen bilden… Aber inzwischen war Siv recht geübt darin, wenigstens den Wortstamm zu erkennen und daraus zu schlussfolgern, was gesagt worden war. "Ja. In Germanien, Leben ist… viel Gefahr. Viel wild. Wald, und Wetter, und Tiere." Und Römer. Aus einem Grund, der ihr selbst nicht ganz klar war, sagte sie das Letzte nicht laut, sondern beließ es bei den natürlichen Risiken. So gut wie alles konnte zu einer – oft genug tödlichen – Gefahr werden, selbst wenn man sich auskannte und vorbereitet war. Man traf die nötigen Vorkehrungen, so gut es ging, man brachte seinen Kindern bei auf was sie zu achten hatten, und im Übrigen akzeptierte man was kam – kurz, man lebte einfach damit. Etwas anderes kannten die Menschen dort nicht, etwas anderes hatte sie nicht gekannt, bis die Römer sie verschleppt hatten. "In Germanien, viele wissen wie, wie… bei… wie Wunden zu versorgen sind." Sie deutete auf seine Schnitte, fuhr erneut mit ihren Fingern darüber und drückte die größeren zusammen, so dass erneut Blut herauskam, um möglichen Schmutz herauszuschwemmen. Dann tupfte sie es ein letztes Mal weg, bevor sie den längeren Streifen nahm und ihn um seinen Arm zu wickeln begann. "Das da. Du lernst, müssen lernst, in Germanien."

  • Ich musste nicht verstehen, was sie fragte, als sie auf die Schnitte an meinem Arm wies. Der Ton und die Mimik verrieten mir genug. Zur Antwort gab ich nichts zurück, streckte ihr jedoch etwas bereitwilliger den Arm entgegen. Den Mund verzog ich, wann immer es brannte, was Siv anstellte, doch war ich zumindest bemüht, nicht weiter zu jammern. Der Spott in ihren blauen Augen blieb nämlich nicht unbemerkt, und obwohl sie nur eine Sklavin war, wollte ich mir dennoch einfach nicht die Blöße geben, zu jaulen wie ein Schoßhündchen. Nur ein gelegentliches, vom brennenden Schmerz verursachtes Zucken meines Gesichts verriet, dass ich diese Prozedur alles andere als angenehm fand. Von der schwelenden Wut war nichts mehr geblieben.


    Ihr Schmunzeln machte mich ratlos, zumal es in Kombination mit erneutem Kauderwelsch kam. Diesmal verstand ich allerdings, dass es um Sprachen zu gehen schien - die Wörter Latein und Germanisch hatte ich herausgehört. Nur was genau es damit auf sich hatte, erschloss sich mir nicht. Ihre schließlich folgende, lateinische Erklärung konnte ich dann allerdings mehr denn nachvollziehen. Ich hob einen Mundwinkel und nickte kurz. "Ich verstehe", sagte ich und verstand tatsächlich, runzelte allerdings die Stirn, als sie vorschlug, ich solle Germanisch lernen. Hätte sie diesen Vorschlag nur wenige Minuten zuvor gemacht, Bona Dea, ich hätte ihr die Flausen schon ausgetrieben. Nun aber schürzte ich nur die Lippen und entgegnete: "Wäre es nicht besser, du lernst Latein? Dann verstehst du auch die anderen, nicht nur Brix." Ein unschlagbares Argument, wie ich fand. Scharf sog ich die Luft ein, als sie eine kleine Scherbe zwischen Ring- und Mittelfinger herauszog, hielt einen Moment die Luft an und stieß sie dann in einem Seufzer wieder aus. Obwohl sowohl meine Hand als auch mein Arm brannten, tat es doch gut, als Siv prüfend darüberstrich. Ich reichte ihr nun auch meine Rechte. "Schau dort auch noch mal nach", sagte ich und fügte, kurz lächelnd, an: "Bitte."


    Ihre Aufzählung vom germanischen Leben verstand ich, obwohl ich nie im freien Germanien gewesen war. Nicht einmal, als ich in der Legion gedient hatte. Vermutlich lag es daran, dass ich mehr schlecht als recht reiten konnte, und deswegen solchen berittenen Unternehmungen weitestgehend aus dem Weg gegangen war. Erneut hatten wir ein Kommunikationsproblem. Ratlos sah ich sie an und verstand nicht, was sie mir sagen wollte. "Ah", entfuhr es mir schmerzhaft, als sie an mir herumdoktorte und - vermutlich - erklärte, dass viele Germanen sich auf Wundbehandlung verstanden. Ein lohnenswerter Gedanke kam mir. "Verstehst du dich auch auf den Umgang mit Kräutern?" fragte ich und erklärte im gleichen Atemzug meine Worte noch einmal. "Hm, kannst du mit Pflanzen umgehen? Gegen Krankheiten?" Während sie meinen Arm umwickelte, betrachtete ich die hübsche Germanin. Allein Mars wusste, wie sie es geschafft hatte, mich derart abzulenken von dem, was in meinem Inneren wütete. Helenas Bild kam mir wieder ins Gedächtnis, und ich seufzte schwer, lehnte den Kopf wieder an die Wand. "Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht hier", sagte ich matt.

  • Siv bemühte sich weiterhin, eine neutrale Miene zu wahren, aber sie konnte weder das Funkeln in ihren Augen noch das Schmunzeln um ihre Mundwinkel ganz unterdrücken. Ihr fiel durchaus auf, dass der Römer sich – nach den ersten paar Schmerzlauten – zusammenriss und keinen Laut mehr von sich gab, allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob dass tatsächlich ihrer Reaktion darauf zuzuschreiben war. Zu Hause, egal bei wem, hatte Spott in der Regel immer gewirkt, und sie behandelte ihn im Moment nicht anders – die Götter wussten warum, aber dass er Römer war, spielte für sie gerade keine Rolle. Die Änderung in seinem Verhalten entlockte ihr allerdings ein Lächeln, auch wenn sie vermutete, dass er sich vor einer Sklavin einfach keine Blöße geben wollte. Aber sie wusste, wie weh gerade solche Wunden tun konnten, und wieder blitzten ihre Augen auf, diesmal in einer Art anerkennendem Spott.


    Die Germanin musterte ihn für einen Moment länger, als sie auf das Sprachproblem kamen. Sie hatte das Gefühl, dass er tatsächlich verstand, aber nachdem sie ihn gerade eben erst mit Germanisch überhäuft hatte, überraschte sie das auch nicht wirklich. Wieder zuckten ihre Mundwinkel, als ihr der Gedanke kam, dass sie das vielleicht öfter machen sollte, aber seine nächsten Worte machten ihr klar, dass er ihren Kommentar offenbar falsch aufgefasst hatte. "Ich lernen. Alle Tage, klein dazu. Ich, ich verstehen will, was… andere… Was andere sagen, mich mit anderen unterhalten können. Worte bei anderen." Nach einem Moment des Zögerns fügte sie hinzu: "Worte bei dir. Du lernen Germanisch für Worte verstehen bei mir." Wieder ein Blick, etwas seltsam diesmal, als sie das 'bitte' hörte. Warum sollte er sie um etwas bitten? Sie war seine Sklavin, sie hatte ohnehin keine Wahl… Aber sie nickte nur, beendete ihre Untersuchung des linken Arms und nahm dann den rechten, der um einiges besser aussah. Er wies ebenfalls viele Schnitte und Kratzer auf, aber keiner von ihnen war so tief, dass Blut stark floss.


    Ein erneutes Reißen von Stoff erklang, als Siv wieder einen Streifen aus ihrer Tunika und diesen wieder in zwei Teile riss. Das Stück, mit dem sie bisher das Blut abgetupft hatte, hatte sich inzwischen vollgesogen, und sie lehnte sich an Corvinus vorbei und legte es auf die Kommode, bevor sie dieselbe Prozedur beim rechten Arm wiederholte. "Kr… Kräu…?" Verständnislos sah sie ihn an, aber noch bevor sie dazu kam, wirklich zu fragen, erklärte er seine Worte von selbst. Nicht dass sie wesentlich mehr verstand, aber immerhin die wichtigsten Worte begriff sie. "Pflanzen… Krankheit? Krank? Ich kennen Pflanzen. Giftige Pflanzen und Heilkräuter, wenigstens die bekanntesten. Manche. Pflanzen das macht Mensch krank, und Pflanzen das macht Mensch gut." Siv war sich nicht ganz sicher, wonach er genau gefragt hatte, aber auf diese Art hatte sie beide Möglichkeiten abgedeckt. Dann hielt sie inne, als er seufzte und seinen Kopf wieder an die Wand lehnte. Sie musterte ihn. "Nicht hier sein? Ich auch", erwiderte sie trocken, bevor sie die letzten Splitter aus seinem rechten Arm zupfte und diesen dann ebenfalls mit einem Streifen Stoff zu umwickeln begann. Wieder ein Blick in sein Gesicht, dann eine Kopfbewegung, die auf das Chaos um sie herum zeigte. "Warum?"

  • "Wenig", sagte ich in der Absicht, das Wort 'klein' zu ersetzen, und versuchte gleichzeitig zu vermeiden, dass es besserwisserisch oder herablassend klang, denn so war es nicht gemeint. "Du lernst wenig - aber du lernst. Und das ist gut so", fügte ich hinzu und nickte, ehe der Schmerz mich die Miene verziehen ließ. Rätselnd sah ich Siv hernach an. "Worte von mir?" fragte ich nach und hob die Brauen in fragender Manier. "Eh... Du willst, dass ich Germanisch lerne?" Verdutzt blickte ich in diese meerwasserblauen Augen. Meinte sie das etwa tatsächlich ernst? Erneut verzog ich das Gesicht und seufzte. Kleine Schnitte taten meist mehr weh als tiefe Wunden. Daran hatte ich eben nicht gedacht, als mich die Raserei im Griff gehabt hatte. Ich seufzte. Es konnte doch nicht angehen, dass ich mich zwei Jahre in Germanien aufgehalten hatte, dort kein Wort - nun gut, ein paar Worte - Germanisch aufgeschnappt hatte, und nun, hier zu Hause in Rom, diese barbarische Sprache mit ihren gutturalen Worten lernte! Und doch...


    Bestätigend nickte ich, als sie auf ihre eigene, drollige Art erklärte, was ich meinte. "Genau. Pflanzen, die Menschen gesund machen. Das sind Kräuter." Es kam mir seltsam vor, dass ich mit Siv sprach wie mit einem Kind. Aber es war eben anders nicht möglich. Nicht vom Verstand her, sondern vielmehr wegen des eingeschränkten Wortschatzes, den sie hatte. Den sie bedauerlicherweise hatte. Erneut riss sie einen Streifen von ihrer tunica und verband meinen Arm damit.


    Ich hob die bandagierte Linke, fuhr ihr kurz über das Haar und lächelte vage. "Aber du und ich, wir können beide nicht fort", fasste ich schonungslos zusammen, was ich dachte. Eine Weile sagte keiner von uns beiden etwas, dann gewahrte ich die Kopfbewegung und Sivs fragenden Blick. Ich sah auf den scherbenbesähten Boden hinab, dann kurz zu Siv und schließlich zum Fenster hinaus. Ja....warum.... Ein Seufzer folgte. "Ich habe Probleme", begann ich und versuchte, die Beschreibung möglichst einfach zu halten. "Ich habe meine Verlobte zurückgestoßen. Ehm... Wir haben fast geheiratet, verstehst du? Aber eben nur fast. Dann der Streit mit Ursus. Und ein Mann, der sagt, dass er mein Neffe sei. Eh...zur Familie gehört, aber ich kenne ihn nicht. Und Helena..." Konnte ich dies offenbaren? Sollte ich es? Ich entschloss mich dagegen. "Sie ist mir auch böse. Mein Vater ist tot, meine Mutter auch. Ich fühle mich einfach nicht imstande, das alles zu schaffen. Nicht stark genug. Und einsam." Ich blickte auf und sah in Sivs Gesicht. "Verstehst du?"

  • "Wenig?" Siv sah ihn fragend an und nickte dann, als sie begriff was er meinte. Sein Bemühen nicht herablassend zu klingen hatte dabei Erfolg, denn auf Siv wirkte es nur wie eine beiläufige Verbesserung, wofür sie dankbar war, gaben sich doch die wenigsten Mühe dazu, solange sie sie nur verstanden. Anschließend zuckte sie leicht die Achseln und grinste ihn diesmal tatsächlich an. Sie ging nicht davon aus, dass er ernsthaft darüber nachdachte, Germanisch zu lernen – es war lediglich ihre erste Reaktion darauf gewesen, dass er so ungehalten gewesen war, weil er sie nicht verstanden hatte. Im ersten Moment war es auch nur purer Trotz gewesen, der sie das hatte sagen lassen, aber inzwischen gefiel es ihr, ihn aufzuziehen. Sein verblüffter Gesichtsausdruck war es allemal wert. "Warum nicht? Wenn es dich stört, dass du mich nicht verstehst… Ich werd noch öfter Germanisch reden, auch in deiner Gegenwart." Sie überlegte kurz und übersetzte dann: "Ich… Du wollen verstehst, was ich Worte? Du lernen. Latein bei mir… von mir… schlecht. Ich nicht… nicht kann…" Sie kämpfte Momente lang mit den Worten. "Nicht kann… Lateinworte. Nicht viel zu… Nicht kann Worte, das, das ich meine… bei Germanisch… zu tun in Latein." Sie ließ einen zornigen Laut hören, als sie es noch nicht einmal wirklich schaffte, das jetzt halbwegs vernünftig auf Latein auszudrücken. "Du sehen? Ich… Ich kann’s einfach nicht! Und ich hasse es so sehr, mich nicht ausdrücken zu können, wenn ich will!" Kurz biss sie sich auf die Unterlippe, dann zuckte sie nur die Achseln, und ihr Tonfall wurde wieder ruhiger. Das Latein lernen mochte ihr für ihren Geschmack zu langsam gehen, aber sie lernte in jedem Fall, sich zu beherrschen. "Du sehen, du müssen lernen Germanisch, wenn du wollen verstehst all Worte bei… von mir." Sie musterte ihn wieder, überlegte einen Moment, dann überwand sie sich. "Du… du hast gerade wenig gesagt. Statt klein, nehme ich an. Du das tun wieder… bitte? Andere nicht… Die anderen verbessern mich nicht, wenn sie mich verstehen, sie… Viel andere nicht das tun. Nicht wenn sie verstehen."


    Wieder hielt sie inne, diesmal als sie seine Hand in ihrem Haar spürte. Sie wollte erneut aufsehen, aber seine Worte hinderten sie daran. Nein, dachte sie. Ich kann nicht fort. Ohne etwas zu sagen, ohne sich zu rühren, starrte sie einen Moment lang an ihm vorbei die Wand an. Dann erst realisierte sie, dass der Römer von ihnen beiden gesprochen hatte. Er konnte nicht weg? Ihre Augen verengten sich etwas. Wem wollte er das weismachen? Dann allerdings sprach er weiter, versuchte mit möglichst einfachen Worten zu erklären, was ihn dazu gebracht hatte, sein Zimmer in ein Scherbenmeer zu verwandeln. Und Siv wurde nachdenklich. Weil er versuchte, sich möglichst verständlich für sie auszudrücken. Weil er überhaupt anfing, ihr etwas zu erklären – sie hätte nicht gedacht, auf ihre Frage wirklich eine Antwort zu bekommen. Und nicht zuletzt wegen dem, was sie hörte. Bisher hatte sie Römer immer nur als Feinde gesehen, oder höchstens – in den letzten Tagen – neutral. Sie hatte nie darüber nachgedacht, welche Gefühle sie bewegten, oder dass sie auch Sorgen und Probleme hatten. Dass manche von ihnen, in gewisser Weise, ebenfalls unfrei waren, gebunden an das, was ihre Familie und die Sitten verlangten, nicht anders als in ihrer Heimat… Sie verstand nicht alles, was er sagte. Aber sie verstand genug. Und auf gewisse Weise konnte sie ihn verstehen, konnte nachvollziehen, was er empfand. Sie hob ihre Hand und berührte mit blutverschmierten Fingerspitzen kurz seine Wange, und ihre Stimme war leise, als sie antwortete. "Ich verstehen. Einsam ist nicht gut. Einsam ist… nimmt stark sein. Ich weiß…" Oh, wie gut sie das wusste.

  • Es war verblüffend, wie gepflegt doch Sivs Zähne waren, die mir entgegen grinsten. Zumindest war das der Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, ehe sie tatsächlich bestätigte, dass ich Germanisch lernen sollte. Verblüfft sah ich sie einfach nur an, bombardiert von dem Kauderwelsch, den sie mir entgegenspuckte, und der nur einige wenige Brocken latein beinhaltete, die ich zudem kaum verstand. Irritiert blinzelte ich - ich wollte ja verstehen, aber ihre Worte ergaben kaum einen Sinn, selbst wenn sie doch Latein waren. Auch Siv schien das zu stören, da sie wütend schnaubte und den Kopf schüttelte. "Ja, ich möchte verstehen, was du sagst. Ich fürchte nur, ich würde kaum besser deine Sprache lernen können als du meine", erwiderte ich mit zweifelndem Gesichtsausdruck. Selbst wenn ich mich darauf einlassen würde - was blanker Irsinn wäre, denn welcher Patrizier lernte schon die Sprache seiner Sklaven? - würde es nicht so einfach funktionieren, wie Siv sich das scheinbar vorstellte.


    Ich legte den Kopf schief, als Siv mich hernach um etwas bat, was ich allerdings erst herausfand, als ich mir die Worte einige Male durch den Kopf gehen ließ. "Wenig statt klein? Hm... Du meinst, dich verbessern? Dir die richtigen Worte sagen?" fragte ich sicherheitshalber nach. Mit gemischten Gefühlen sah ich sie an. Bei jedem anderen Sklaven hätte ich weder Lust noch Zeit dazu gehabt - Cadhla einmal ausgenommen, doch sie sprach schließlich auch schon viel besser Latein - aber bei Siv... Ich merke, wie ich mit mir selbst rang und viel zu schnell zusagte, was mich hinterher gewissermaßen verwunderte. "In Ordnung", sagte ich schlicht.


    Kaum, dass sich ihre Augen verengten, befürchtete ich schon, sie hätte nicht verstanden, was ich versucht hatte, ihr zu erklären. Doch bald schon normalisierte sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht, und ich war einmal mehr ratlos, denn sie erwiderte gar nichts und sah mich nur an. Dann hob sie die Hand, und ihre Finger hinterließen kleine rote Flecken auf meiner Wange. Ich presste kurz die Kiefer aufeinander. "Alle erwarten von mir, stark zu sein", sagte ich mit sarkastischem Ton und seufzte. Warum eigentlich nicht, schoss es mir durch den Kopf. Es ging mir gut, wenn sie in der Nähe war. Und wenn sich eine Möglichkeit bot, Zeit mit ihr zu verbringen und sie darüber hinaus noch außerhalb der Schlafenszeit lag - warum nicht? Die Andeutung eines Lächelns zeichnete sich auf meinen Zügen ab, und mit deutlicher Verzögerung antwortete ich: "Also gut. Du lernst Latein, ich versuche mich in deiner Sprache. Abgemacht?" fragte ich und hielt ihr eine bandagierte Hand hin, sie auffordernd ansehend. "Aber ich warne dich - ich werde vermutlich alles andere als gut darin sein. Und ich möchte nicht, dass die anderen davon erfahren. Hm... Du sagst den anderen nichts. Kommst du heute Abend zu mir? Zum Lernen" Oh Corvinus, wie verzweifelt du doch sein musst, um mit einer Sklavin eine Barbarensprache zu lernen! Ich ignorierte das leise Flüstern hinter meiner Stirn, so gut ich konnte.

  • Sivs Grinsen wurde noch etwas breiter, als die Verblüffung des Römers größer wurde. Sie war selbst ein bisschen überrascht, wie er reagierte, aber langsam gewöhnte sie sich daran, dass ihre bisherige Einschätzung der Römer nicht immer zu stimmen schien. Und es gefiel ihr, dass er sich tatsächlich mit ihr unterhielt, auch wenn er den Vorschlag natürlich wie erwartet abwies. Auch wenn sie vermutete, dass er einfach nur zu überrascht war, um abweisend oder wütend zu werden. Nun, offensichtlich schien er auch nicht so ganz zu begreifen, dass sie ihn aufzog, aber hätte sie den Vorschlag ernst gemeint, hätte er auch Grund gehabt, sie in ihre Schranken zu weisen, war sie in seinen Augen doch nur eine Sklavin. Dennoch, vielleicht konnte sie von Glück reden, dass er nicht verstand, wie sie es gemeint hatte. Bei jedem anderen – jeden ihres Standes – wäre es einfach nur ein Spaß, aber er war Römer, ihr übergeordnet, und noch dazu ihr Besitzer. Und sie behandelte ihn im Moment nicht mit dem Respekt, der ihm seiner Meinung nach wohl zustand von jemandem wie ihr. Nicht, dass sie vor den Römern mehr Respekt hatte als vor sonst jemandem, eher im Gegenteil, aber in der Regel bemühte sie sich inzwischen wenigstens, es nicht so offen zu zeigen – und diese Situation war noch einmal ganz anders. Siv war sich nicht so ganz sicher, wie er mit einer solchen Frechheit umgehen würde, von einer seiner Sklavinnen auf die Schippe genommen zu werden.


    Sie befestigte den notdürftigen Verband um seinen rechten Arm und nickte, als er ihre Bitte noch einmal wiederholte. "Richtige Worte, ja. Sagen?" Die Germanin runzelte leicht die Stirn und sah ihn fragend an. "Du sagen Worte?" Während sie in Gedanken 'sagen' zu ihrem Wortschatz hinzufügte, musterte Corvinus sie einen Moment lang und schien über ihre Bitte nachzudenken. Als Siv das bewusst wurde, presste sie die Kiefer zusammen. Es hatte sie ohnehin schon genug Überwindung gekostet, einen Römer zu fragen, aber er hatte immerhin schon angefangen sie von selbst zu verbessern, und sie war es so leid, ständig nachfragen zu müssen, ob es wirklich richtig gewesen war, was sie gesagt hatte… Aber warum sollte er sich darauf einlassen? Sie wünschte sich, sie hätte diese Frage nicht gestellt – im Moment gerade fühlte sie sich einigermaßen wohl, fühlte sich ruhig, und das passierte ihr selten in Gesellschaft eines Römers. Jetzt von ihm eine für sein Volk typische Antwort zu bekommen – für eine Sklavin Lehrer spielen? Auf was für Ideen kommst du? –, würde sie wieder aufregen – allein schon die Erwartung einer solchen Antwort ließ ihren Zorn wieder brodeln. Es ging doch nur darum, ihr ab und zu zu sagen, was falsch gewesen war. Was sie stattdessen hätte sagen müssen. Nur dann, wenn sie ohnehin miteinander zu tun hatten. So schwer konnte das für einen Römer doch nicht sein, oder?


    Prüfend und mehr, um sich abzulenken, nahm sie noch einmal seine Hände in ihre und betrachtete die Abschürfungen und Schnittwunden dort, die sie nicht verbunden hatte. Im nächsten Moment ruckte ihr Kopf nach oben, als sie seine Antwort hörte, und sie war so sprachlos darüber, dass er zustimmte, dass sie nur ein Nicken als Antwort zustande brachte. Sie war froh, dass das Thema wechselte. "Andere… erwarten?" Sie runzelte die Stirn, aber sie konnte sich in etwa vorstellen, was 'erwarten' heißen mochte. Allerdings hatte sie zumindest in diesem Augenblick den Eindruck, dass Corvinus es war, der die meisten Erwartungen an sich selbst stellte. "Ich glauben anders. Ich glauben, du… erwarten… stark sein. Von dir. Andere auch erwarten, aber du. Und du… was du willst, von dir, das sein… sein wichtig. Sein was einsam, einsam geben. … Ich wollen… erwarten stark sein. Von mir. Nicht eins hier von Zuhause, nicht Vater, oder Bruder. Mutter tot, ich nie wissen sie. Ragin tot. Aber ich wollen bin stark. Auch wenn…" Sie verstummte. Wem erzählte sie das eigentlich? Ging sie tatsächlich davon aus, dass ihn interessierte, wie es ihr ging? Wieder entstand Druck in ihrem Kiefer, als sie die Zähne zusammenbiss. Ein Moment verging in Schweigen, dann ließ sie verblüfft ihre Hände sinken, die seine bis dahin immer noch gehalten hatten. Deutlich zeigte sich die Überraschung auf ihrem Gesicht bei seinem Vorschlag. Ihr Mund öffnete sich etwas, und für Momente starrte sie ihn einfach nur an. Sie hätte niemals gedacht, dass ihr im Spaß gemachter Vorschlag tatsächlich Wirklichkeit werden würde. "Du… du ernst? Du wollen…" Sie sah seine ausgestreckte Hand, und eher im Reflex als in einer bewussten Handlung nahm sie sie. "In Ordnung. Ich… heute Abend…"

  • "Ja", bestätigte ich. "Worte werden gesagt. Man redet. Unterhält sich." Während der Aufzählung hob ich eine Schulter. Es war so einfach, im Prinzip. Und doch wusste ich, wie sehr ich selbst mich damals hatte anstrengen müssen, bis ich weitestgehend fehlerfrei Griechisch sprechen konnte.


    "Erwarten... Ja, wie wollen es. Dass man stark ist." Ich zog eine Grimasse, die man mit viel gutem Willen als schiefes Lächeln auslegen konnte. Überrascht hob ich dann eine Braue, als Siv widersprach und ihre Sicht der Dinge darlegte. Verblüffend an dieser Tatsache war, dass wir im Grunde noch nicht näher miteinander bekannt waren, und sie mich dennoch so treffend einschätzte, dass ich im ersten Moment nichts erwidern konnte und sie nur anstarrte. Dann erst, als ihre Worte sich gesetzt hatten, antwortete ich. "Du hast recht. Ich will stark sein. Weil ich es muss. Rom ist nicht so einfach wie Germanien, Siv. Schwäche verzeiht dir hier keiner, wenn du ein Patrizier bist. Hm... kennst du den Unterschied zwischen Patriziern und Plebern?" hakte ich nach. Ich glaubte nicht, dass sie ihn wusste, und so fuhr ich kurz darauf von allein fort. "Patrizier bekommen bessere Arbeit, wenn sie wollen. Hm, mehr Geld... Gleichzeitig beobachten dich aber auch alle viel genauer als einen Plebejer." Ich seufzte tief und stieß mich von der Wand ab. Siv schien absolut überrascht zu sein, dass ich auf ihren Vorschlag eingegangen war. Nun, da war sie nicht minder überrascht als ich selbst... Der halb geöffnete Mund brachte mich zum Schmunzeln. "Ja, das ist mein Ernst. Es mag...ungewöhnlich sein, aber ich denke, dass wir etwas Spaß beide gebrauchen können." Das stimmte, ich dachte es wirklich. Und als sie zustimmte, beschenkte ich sie mit einem erfreuten Lächeln. Siv hatte derweil meine Arme fertig verbunden. Ich steuerte einen Sessel an und ließ mich darauf nieder. Spiegelscherben knirschten unter meinen Schuhen. Verdrießlich begutachtete ich das Chaos, das ich hinterlassen hatte. Dabei fiel mein Blick auch auf Sivs drastisch eingekürzte tunica. Seltsamerweise ließ mich der Anblick von so viel schlankem Bein allerdings diesmal kalt. Viel interessanter war das, was Siv in ihrem gebrochenem Latein von sich gab.


    Gerade wunderte sie sich noch darüber, dass ich eingewilligt hatte, ihren Vorschlag betreffend. "Komm mal her", bat ich sie und breitete einladend die Arme ein wenig aus. Sie sollte sich zu mir setzen, wobei ich es ihr überlassen würde, ob sie auf meinen Oberschenkeln Platz nehmen oder sich einen Sessel heranziehen würde. "Hast du schon Anschluss an die anderen gefunden? Hm...die anderen Sklaven? Hast du sie schon gut kennengelernt?" fragte ich sie.

  • Hätte Siv gewusst, dass er über ihre Einschätzung verblüfft war, hätte sie es mit einem Achselzucken abgetan. Sie hatte gar nicht mal so sehr ihn beurteilt – sie war viel mehr von sich selbst ausgegangen. Corvinus hatte zwar gesagt, dass andere viel von ihm erwarteten – aber warum sollte ihn das so belasten, warum sollte er sich deswegen einsam und nicht stark genug fühlen, es sei denn er selbst stellte diese Erwartungen auch an sich, oder wollte ihnen zumindest gerecht werden? Siv hatte sich um die Erwartungen anderer Menschen selten geschert. Es waren ihre eigenen, die – wenn sie hinter ihnen zurück blieb – dafür sorgten, dass sie sich einsam und schwach fühlte. Und gerade in den letzten Wochen und Monaten hatte sie diese Erfahrung nur zu oft gemacht, hatte zu oft das Gefühl gehabt, sie wäre nicht stark genug, wenn auch auf ganz andere Art als er. Sie legte den Kopf leicht auf eine Seite und zog leicht die Augenbrauen hoch bei seiner Antwort. "Germanien nicht einfach. Anders. Viel anders. Aber nicht, nicht einfach. Wald… viel Gefahr. Du tot, wenn du bist schwach. Nicht eins Fehler." Dann schüttelte sie nur den Kopf, als er von Patriziern und Plebejern sprach. Sie hatte die Begriffe inzwischen schon ein paar Mal gehört, sie wusste, dass die Aurelier Patrizier waren, und sie war inzwischen zu der Auffassung gekommen, dass es so etwas wie verschiedene Stämme sein mussten – ähnlich wie die Chatten und andere in Germanien. Aber was der Unterschied genau war, wusste sie nicht, und seine folgende Erklärung ließ sie an ihrer bisherigen Annahme wieder etwas zweifeln. Was hatte Arbeit damit zu tun, welchem Stamm man angehörte? Sie seufzte lautlos und beschloss, sich bei Gelegenheit Brix vorzunehmen und ihn zu löchern. Aber immerhin verstand sie, dass es die Patrizier offenbar schwerer hatten.


    Sein erfreutes Lächeln, das ihrer Zusage folgte, machte sie nur noch sprachloser, als sie es ohnehin schon war. Er stimmte nicht nur zu, er schien sich auch noch darauf zu freuen… Siv folgte dem Römer mit ihren Blicken, als er quer durch den Raum zu einem Sessel ging und sich darauf niederließ, dann gab sie sich endlich einen Ruck und ging in die Knie, um aufzuräumen, als er sie zu sich rief. Zögernd legte sie die paar der größeren Scherben, die sie schon eingesammelt hatte, wieder auf den Boden und erhob sich wieder. Einen Moment lang sah sie auf ihre immer noch blutverschmierten Finger, dann riss sie kurzerhand noch einen Streifen Stoff aus ihrer Tunika, die mittlerweile sehr kurz wurde, und tunkte ihn in die Waschschüssel auf der Kommode. Während sie zu Corvinus hinüberging, säuberte sie ihre Hände notdürftig, nur um kurz vor ihm stehen zu bleiben und etwas ratlos dessen Haltung zu betrachten, die sie aufzufordern schien, sich auf seinen Schoss zu setzen. Da er aber nichts sagte, blieb sie einfach stehen.


    Dann stellte Corvinus ihr eine Frage, die sie ihn verblüfft ansehen ließ. Sie konnte nicht einordnen, was er damit bezweckte, und das irritierte sie etwas. "Ja, ich… Cadhla. Ich kennen Cadhla, sie… ist gut. Ist stark. Wir… redet? … Und Tilla…" Siv lächelte versonnen, als sie daran dachte, wie sie beide in dem Baum gesessen hatten. Inzwischen hatte Brix ihr erzählt, was Tillas Namensgeste für sie bedeutete. Siv Eisenherz. Der Name gefiel ihr, auch wenn sie noch einen langen Weg vor sich hatte, bis er wirklich zutraf. "Tilla sein lieb. Und andere… Ich kenne Brix. Caelyn. Niki." Sie zuckte leicht die Achseln. Kennen gelernt hatte sie inzwischen so gut wie alle im Haus, aber wirklich gut kannte sie im Grunde noch keinen, außer vielleicht Cadhla. Sie fingerte an dem Stück Stoff herum, als ihr das so deutlich bewusst wurde, und presste kurz die Lippen aufeinander. Siv wusste, dass es an ihr lag – an ihrer Einstellung, sich nicht zu wohl fühlen, um nicht in Gefahr zu geraten aufzugeben. Zu vergessen. Aber spätestens seit sie mit Cadhla Blätter weggeräumt hatte, war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie das wirklich wollte. Sie biss die Zähne zusammen, und um sich abzulenken, beugte sie sich nach vorne und fuhr mit einer noch sauberen Ecke des Stoffs über die Wange des Römers, wo ihre Finger blutige Flecken hinterlassen hatten.

  • Ich nickte verdrießlich wie nachdenklich zugleich. "Dann ist es wie hier in Rom. Ein gravierender Fehler kann auch deinen Tod bedeuten, wenn auch vorerst nur den politischen", entgegnete ich ernst. Siv schien nicht nur überrascht zu sein, sondern ungläubig noch obendrein. Zumindest besagte der Ausdruck auf ihrem Gesicht, dass sie über die Maßen erstaunt war. Da sie auf die Sache mit dem Standesunterschied nicht weiter einging, war dies auch für mich kein Thema mehr, das ich weiter ausführte. Stattdessen beobachtete ich Siv, wie sie sich die roten Hände wusch. Meine Unterarme und Hände - besonders auf der linken Seite - brannten noch, doch es war erträglicher geworden dank ihrer Hilfe. Ich besah mir den recht hoch sitzenden Saum ihres Kleides, dann meine notdürftigen Bandagen und schmunzelte. "Man hat dir noch nicht gezeigt, wo das Verbandszeug liegt, was?" fragte ich sie und grinste kurz.


    Siv blieb leicht entfernt von mir stehen, und ich ließ die Arme sinken und lehnte mich etwas zurück. Sie hatte entweder die Aufforderung nicht verstanden oder aber nicht verstehen wollen. Nachdenklich betrachtete ich die hellhäutige Germanin. "Und kommst du gut mit ihnen zurecht?" fragte ich weiter, nachdem sie eine Hand voll Sklaven aufgezählt hatte. "Freunde sind wichtig. Bald sind die Saturnalien. Wenn du möchtest, darfst du etwas für deine Freunde besorgen - kaufen", fügte ich hinzu und war einen Moment selbst verwundert über mich. Siv schien mich aus dem Konzept zu bringen, und das immer wieder. Ich schob das alles weit von mir und sagte mir, dass sie eine Sklavin sei wie jede andere auch. Oder noch weniger, immerhin befand sie sich noch nicht sehr lang in meinem Besitz. Besitz... Das Wort war richtig, und doch schien es so falsch zu sein. Es klang falsch. Nachdenklich strich ich mir über das Kinn - bis Siv sich vorbeugte und meine Wange säuberte. Irritiert sah ich sie an, doch ich fing mich recht schnell wieder und legte meine Hand auf jene, die das Tuch hielt. "Ich danke dir, Siv", sprach ich schlicht aus, was ich dachte.


    Der Moment verstrich, und ich ließ die verbundene Hand wieder sinken. "Du brauchst eine neue tunica", stellte ich laut fest und deutete auf den unsauber ausgefransten Rand. "Du könntest mit jemandem auf den Markt gehen und dir etwas Angemessenes kaufen. Ein dunkles Rot, Blau oder Grün steht dir gewiss ausgezeichnet", befand ich und dachte an das Saturnaliengeschenk, welches ich für Siv hatte besorgt.

  • Verwirrt sah Siv den Römer an. Ein Fehler in Rom bedeutete doch nicht den Tod – vielleicht für die Armen, aber doch nicht für jemanden wie ihn, der in einer derart sicheren und behüteten Umgebung lebte. "Tod? Aber… du, hier, nicht sein gefährlich. Leben nicht gefährlich ist. Wie kann jemand wie du hier schnell den Tod finden. Wie du haben Tod?" Nach einer kurzen Überlegung fügte sie an: "Ich nicht verstehe, ich… Was gravierender, vorerst, politischen?" Seine Zusage, sie nicht nur verbessern zu wollen, sondern sogar mit ihr zu lernen – selbst Germanisch zu lernen –, hatte dazu geführt, dass sie etwas offener wurde. Es war nicht so, dass sie sich normalerweise nicht traute, solche Fragen zu stellen. Aber sie wollte sie meistens nicht stellen, vor allem einem Römer nicht. Siv fragte oder bat in der Regel nur dann, wenn sie sich einigermaßen sicher sein konnte, dass sie keine ablehnende Antwort bekam. Sie mochte es nicht, zurückgewiesen zu werden, und wenn diese Gefahr bestand, ließ sie es lieber – es sei denn sie war in einer Position, trotzdem zu bekommen was sie wollte, sei es weil sie sich einfach so lange trotzig benahm, bis ihr Gegenüber nachgab, oder sei es weil sie sonst in irgendeiner Form überzeugen konnte. Bei Römern hatte sie keinerlei Handhabe, sie zu irgendetwas zu bringen, wenn diese nicht wollten, und selbst wenn sie wollten, war die Situation doch immer die, dass sie – weil sie Sklavin war – um etwas bat, das allein in der Gnade der Römer lag zu gewähren. Gerade bei diesem Volk aber wollte sie sich am allerwenigsten die Blöße geben, in der Position des Bittstellers zu sein – je simpler die Bitte oder Frage war, desto mehr. Dazu kam, wurde die Bitte nicht gewährt, geriet man zu schnell in die Lage wie jemand zu wirken, der bettelte. Und das war etwas, was Sivs Stolz nicht zuließ.


    Corvinus aber schien im Moment nicht wie ein Römer auf sie zu wirken. Wie er mit ihr sprach, wie er auf sie einging… Die Atmosphäre war entspannt, und Siv merkte, wie sie darauf beinahe unbewusst reagierte, von Anfang an reagiert hatte, und sich mehr so gab wie sie wirklich war. Eine falsche Antwort von ihm konnte wieder ihre übliche, trotzig-ablehnende Art hervorrufen, so wie es in dem Moment geschehen war, als sie dachte, er würde ihr Bitte nach Verbesserung ablehnen, aber für den Augenblick war sie gelöster als normalerweise. Als der Blick des Römers zu ihren Beinen und der misshandelten Tunika wanderte und er einen dementsprechenden Kommentar abgab, zog Siv kurz die Nase kraus. "Verband? Nein, ich nicht weiß wo. Nicht sicher. Aber so", sie deutete auf ihre Tunika, "ist schneller. Und ich kann… Ich kann sie wieder flicken. Ich kann sie… Kann machen… wieder gut. Bei arbeiten ist nicht, nicht wichtig wie Tunika sein."


    Die Germanin stand immer noch etwas unschlüssig vor ihm, unsicher was sie tun sollte – ganz offensichtlich wollte er von ihr im Moment nicht, dass sie aufräumte, sondern sich weiter mit ihr unterhalten, aber er tat oder sagte nichts, was ihr zeigte dass sie sich hinsetzen sollte. Er konnte aber doch nicht tatsächlich gemeint haben, dass sie sich auf seine Beine setzen sollte… Innerlich zuckte sie schließlich die Achseln. Es war ja nicht so, dass sie ein Problem damit hatte, sich in Gegenwart eines Römers einfach zu setzen, selbst wenn er ihr nichts dergleichen erlaubte. Und sie hatte zwar nichts dagegen einzuwenden, sich weiter mit ihm zu unterhalten, aber sie sah nicht ein, das im Stehen zu tun, vor allem nicht wenn er währenddessen saß. Also zog sie sich schließlich den zweiten Sessel näher heran und setzte sich ebenfalls, nur um schon wieder etwas Überraschendes zu hören. Wenn sie ihn richtig verstand, dann interessierte er sich offenbar tatsächlich dafür, wie es ihr ging, ob sie sich mit den übrigen Sklaven verstand, ob sie Freunde hatte… So sehr, dass er ihr anbot, für sie etwas kaufen zu können? Siv starrte ihn an. "Du… Ich nicht weiß, ich… verstehe? Du sagen ich kann… kaufen… Sachen für andere? Einfach so?" Falls sie das richtig verstanden hatte, wusste sie beim besten Willen nicht, was sie davon halten sollte. Mal davon abgesehen, dass sie nicht gewusst hätte, wem sie etwas schenken sollte, oder was, jedenfalls nichts was sich kaufen ließ, fühlte sie sich, wieder mal, verwirrt. Was bezweckte er damit? Warum tat er so etwas? Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, zu sehr, als dass sie darauf im Moment weiter eingehen konnte. Stattdessen säuberte sie seine Wange und erstarrte, als sie seine Hand auf der ihren spürte. Danke. Der Römer verwirrte sie mit jedem Moment mehr. Einen Moment sah sie ihn einfach nur an, rührte sich nicht, bis seine Hand wieder hinunter sank, und jetzt hielt sie es auch nicht mehr aus. "Warum? Warum ich kann kaufen Sachen, Sachen für andere Sklaven? Ich hab selber nichts, weder zum Kaufen noch zum Tauschen. Ich hab auch nichts, was ich dir dafür geben könnte – selbst wenn ich dir nicht gehören würde." Ein leiser Anflug von Bitterkeit war in ihrer Stimme zu hören, aber die Verwirrung und Neugier, die Corvinus in ihr auslöste, war größer. "Ich nicht haben was ich kann geben. Also, was du wollen? Warum du das tun? Und warum danke?" Darauf, dass sie eine neue Tunika brauchte – mehrere eigentlich, denn bis jetzt war sie noch nicht auf dem Markt gewesen und hatte eigene bekommen –, ging sie nicht ein. Es erschien ihr einfach unwichtig im Vergleich zu dem, was sie ihn gefragt hatte, und sie brannte auf seine Antworten, wollte wissen, was er zu sagen hatte – wenn er sich denn erklärte.

  • "Hm?" machte ich, um etwas Zeit zum nachdenken zu schinden. Siv hatte meine Worte falsch verstanden, so schien es zumindest. "Gravierend bedeutet 'schlimm', Siv. Und Politik ist...ziemlich schwer zu erklären." Wie einer Barbarin erklären, was Politik war? Ich zog die Brauen zusammen und grübelte. Nicht einmal dachte ich daran, dass es doch eigentlich unerheblich war, ob sie etwas mit diesem Wort anfangen konnte oder nicht. In Gedanken durchforstete ich das wenige Wissen über die Grundlagen der Germanen, die ich hatte, und mir fiel ein einziges Wort ein: Dhieng...oder so ähnlich zumindest. "Da gibt es eine Zusammenkunft, bei euch. Dhieng. Dhingg. Wo alte Männer reden. Das ist Politik. Aber andere als in Rom." Weswegen wir auch einen Großteil Germaniens bereits erobert hatten, fügte ich gedanklich an. Ob sie mich nun verstand? Forschend sah ich sie an, wie sie immer noch vor mir stand und meine Geste ignoriert hatte, auch wenn sie gewiss ganz genau wusste, was ich damit hatte bezwecken wollen.


    Dieses... Runzeln ihrer Nase faszinierte mich. Ich sah es zum ersten Mal und auch nur flüchtig, ehe es bereits wieder verschwunden war, aber es passte so sehr zu der hellhäutigen Germanin vor mir, wie ich mich gewundert hätte, wäre es Cadhla gewesen, die diese Mimik gemacht hätte. "Du kannst sie reparieren, meinst du?" wiederholte ich, legte den Kopf schief und hielt ihn kurz so, ehe ich den Kopf schüttelte. "Nein. Du bekommst neue Kleidung. Es ist wichtig, dass deine Kleidung gut sitzt und nach etwas aussieht. Falls Besuch kommt." So war das eben. Im Garten oder in der Küche mochte man das ja durchgehen lassen können, doch bei der eventuellen Bewirtung von Gästen... Andererseits dürfte diese tunica nicht die einzige sein, die man Siv gegeben hatte. Oder doch? Während ich noch rätselte, zog sich Siv einen Sessel heran und nahm lieber darauf Platz als dort, wo ich es ihr angeboten hatte. Ich nickte kurz, zum Zeichen, dass es mir recht war, doch Siv starrte mich nur an. Die Erklärung folgte kurz darauf und ließ mich leise lachen. "Ja, das habe ich gesagt. Du brauchst etwas Neues zum Anziehen." Ich deutete auf den Saum der tunica. "Soweit ich weiß, ist Tilla aus ihren Tuniken herausgewachsen, du könntest mit ihr auf den Markt gehen oder mit jemand anderem. Du bist keine Gefangene hier, falls du das denkst. Vielleicht werde ich dich ab und zu auf den Markt schicken, damit du etwas für mich besorgst, da wäre es gut, wenn du die Stadt kennst. Oder zumindest den Markt."


    Ich musste kurz darauf einen neuerlichen Schwall Germanenworte über mich ergehen lassen, die ich nicht verstand, wohl aber den Tonfall. Zumindest schien sie sich anschließend die Mühe zu machen, mir zu übersetzen was sie gesagt hatte, und ich grinste kurz. "Zuallererst etwas zum Anziehen für dich. Ich werde dafür sorgen, dass dir ausreichend Geld zur Verfügung steht für die nötigen Einkäufe. Wir tauschen nicht, wie ihr das tut. Wir haben Geld. Kleine Münzen", sagte ich und formte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis. "Ich zeige dir später welche", versprach ich und ließ die Hand wieder sinken, um Siv nun erstaunt anzuschauen. "Warum ich das tue? Nun, wer sonst, wenn nicht ich, sollte dafür sorgen?" fragte ich zurück und versuchte, die Frage nach dem Warum bezogen auf meinen Dank einfach unter den Tisch fallen zu lassen. "Und für die anderen... Die Saturnalien stehen an, ein römisches Fest, an dem die Sklaven nicht arbeiten müssen. Man verteilt kleine Geschenke an diejenigen, die man mag. Falls du hier noch keine Freunde gefunden hast, keine eine solche Kleinigkeit sicher der Anfang einer Freundschaft sein."

  • Siv fuhr noch einmal abschließend mit dem Zipfel des Tuchs über die Wange des Römers, dann ließ sie ihre Hand sinken. "Du meinst Thing." Siv nickte langsam, konnte sie sich nun doch wenigstens einigermaßen vorstellen, was er mit Politik meinte. Trotzdem grübelte sie immer noch darüber nach, wie jemand dabei sterben konnte. Oder hatte er damit irgendetwas anderes gemeint? Sie runzelte leicht die Stirn. Er hatte 'politischer Tod' gesagt. Wenn zu Hause ein Mann falsche Entscheidungen traf, für sich, für seine Familie, für die Sippe… dann hörte auf Dauer keiner mehr auf ihn und seine Worte. Meinte Corvinus das damit? Dass die Römer hier nichts mehr zu sagen hatten, dass andere nicht mehr auf sie hörten, wenn sie einen schweren Fehler machten? Dann war… Polli… Politik in Rom aber tatsächlich ganz anders als das, was bei einem Thing ablief. Sie zog nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne. "Ich glauben wie du. Glaube dass Thing… anders. Anders wie Politik hier. Thing… reden. Alle reden, wer wollen. Wer will. Und reden, reden… frei. Am Anfang trinken sie Met, damit sie lockerer werden und wirklich alles sagen, was sie wollen. Sie… trinken. Nicht Wein, aber Alkohol. Met. Für reden frei. Und… und… Entscheidungen… sagen was tun, was machen, das sein später. Tag später. Das wichtig. Reden frei, reden alle Worte, die wollen, auch Fehler. Sagen was machen sein wichtig, sein wo nicht ein Fehler… sein… darf."


    Sie legte den Kopf schief. "Reparieren?" Wieder ein neues Wort. Ein erfreutes Lächeln flog über ihr Gesicht, als ihr bewusst wurde, dass er es tatsächlich tat, dass er sie wirklich verbesserte. Die Freude darüber führte auch dazu, dass sie nicht weiter widersprach, als er darauf bestand, dass sie neue Sachen zum Anziehen brauchte. Die Tunika die sie trug war zwar noch wunderbar, und sie hatte etwas dagegen, etwas so Gutes wegzuschmeißen – aber das musste sie ja schließlich auch nicht. Für Arbeiten im Garten konnte sie sicher noch anziehen, oder zum Schlafen beispielsweise. Sie zog erneut die Nase kraus, als der Römer über den Markt und die Stadt sprach, und darüber, dass sie sie kennen sollte. Sie mochte weder die Stadt noch den Markt kennen oder sie kennen lernen. Auf Dauer würde sie sich auch in diesem großen Haus eingesperrt vorkommen, wenn sie die ganze Zeit hier blieb, aber sie sehnte sich nach der Natur, nach Wäldern, Bergen, nach der Weite und der Einsamkeit dort. In Rom würde sie sich schneller verirren als sie ihren Namen sagen konnte. Aber sie sagte es nicht laut, wollte sie vor dem Römer doch nicht zugeben, dass ihr die Straßen, Gassen und Plätze mit den vielen Menschen Angst machten.


    Stattdessen hörte sie ihm nur weiter zu und runzelte erneut die Stirn. "Geld? Münzen?" Etwas verwirrt musterte sie die Geste, die er machte. "Das sein… Essen? Irgendwelche kleinen Früchte, oder Nüsse? Oder… Steine?" Für Siv tauschten die Römer im Grunde auch – die kleinen glänzenden Gegenstände gegen alles Mögliche. Unter anderem gegen Menschen – Sklaven. Allerdings wusste sie den lateinischen Begriff nicht. Und auch sonst hatte sie diesmal nicht genug verstanden, um den Sinn zu begreifen. Aber als er ihr versprach, ihr welche zu zeigen, zuckte sie leicht die Achseln und nickte gleichzeitig, nur um gleich darauf wieder die Stirn zu runzeln. Es machte Sinn, dass er für seine Sklaven sorgte, dafür dass sie Kleidung bekamen und Essen, aber das hatte sie mit ihrer Frage auch nicht gemeint. Schweigend hörte sie sich den Rest an, den er zu sagen hatte. Wieder zog sie die Unterlippe zwischen die Zähne, bevor sie sie langsam wieder losließ, und sie griff nach einer ihrer Strähnen und drehte sie nachdenklich zwischen zwei Fingern. "Ich nicht weiß… Ich… Anfang von Freund… Freundschaft? sein anders. Ich, ich nicht glaube, dass… dass ich, wenn ich geben Sache für andere, dass andere dann Freunde sein, für mir. Freunde sein, weil… weil mögen Mensch, das ich bin. Nicht wegen ich geben Sache." Die Germanin schwieg einen Moment lang und musterte ihn. Ihr war nicht entgangen, dass er nicht auf alle ihrer Fragen geantwortet bisher, und zwar genau auf die, deren Antwort sie unbedingt hatte haben wollen. Siv überlegte nicht lange. Sie stellte die Fragen noch einmal. "Warum du… geben, warum du wollen geben… möglich… ich kann geben Sache für Freunde? Ich sein Sklavin, von dir. Du…" Sie zuckte fast ein wenig hilflos mit den Achseln. Sie wurde nicht schlau aus ihm. "Warum danke?"

  • "Genau. Thing", bestätigte ich nickend und nahm in ihrer darauffolgenden Antwort erfreut zur Kenntnis, dass sie sich selbst verbesserte, wenn sie in ihrem Latein einen Fehler entdeckte. Dennoch verstand ich den letzten Teil nicht. "Keinen Wein.. Ich nehme an, sie trinken Met. Das habe ich in Germanien auch probiert, aber es hat mir nicht geschmeckt. Viel zu süß." Ich schmunzelte und strich abwesend über den behelfsmäßigen Verband meiner rechten Hand. Was ein echter Römer war, der stand eben nicht auf süßliche Präppelbrühe. 8)


    "Ja. Flicken, reparieren... Aber du kaufst dir besser eine neue, immerhin wirst du sie kaum länger machen können." Ich überlegte einen Moment. "Außerdem schulde ich dir in gewisser Weise eine neue, und die sollst du dann auch bekommen." Ein Lächeln bestätigte die Worte und erwiderte zugleich Sivs eigenes Lächeln. Da! Da war es wieder. Ihre Nase...kräuselte sich. Wie Wasser, über das eine Windbö strich. Amüsiert grinste ich die zierliche Germanin an, schließlich wusste ich nichts von den Gedanken, die diese Mimik begleiteten, sonst hätte ich sie vermutlich ermutigt, Rom kennenzulernen und ihr versichert, dass man sich leicht zurechtfand, wenn man nur einmal grob wusste, wo sich welches Viertel befand.


    "Münzen", bestätigte ich und nickte. Ich verwahrte mein Bargeld in meinem Arbeitszimmer, sodass ich Siv nicht augenblicklich zeigen konnte, was es damit auf sich hatte. Aber wozu hatte man schließlich Sklaven? Ich grinste, erhob mich und ging in einem Bogen um die Scherben herum zur Tür, vor der eigenartigerweise Matho herumlungerte. Er sah mich, ich ihn - und da wollte er schon umdrehen und verschwinden, doch ich kam ihm zuvor und trug ihm auf, mir je eine Münze jeder Art zu bringen. Als er verschwand, wandte ich mich um und ging zurück zu meinem Sessel, dabei das Chaos auf dem Boden und der Kommode musternd. Ich konnte in diesem Moment gar nicht mehr verstehen, warum ich das getan hatte. Ich setzte mich und betrachtete Siv, wie sie mit ihren Haaren spielte. Das ließ sie unschuldiger wirken, als sie eigentlich war, fand ich, und meine Gedanken glitten zurück zu jenem Morgen nach der ersten Begegnung und ließen mich kurz schmunzeln. "Ich zeige dir gleich Münzen", versprach ich. "Und am besten versuchst du nicht, sie zu essen", witzelte ich und grinste breit.


    "Hm. Da hast du natürlich recht. Aber manchmal ist es einfacher, auf diese Weise Anschluss zu finden", erwiderte ich und dachte an die Blicke, die einige der Sklaven jenen Sklavinnen zuwarfen, die gelegentlich mein cubiculum aufsuchten. Freundlich waren sie nicht gerade. Ihr Latein war kurz darauf wieder einmal grausam, und ein leicht gequälter Ausdruck trat auf meine Züge, ehe ich ihn bezwang und sie indirekt verbesserte, indem ich die Frage wiederholte. "Warum ich es dir ermögliche, Dinge für deine Freunde zu kaufen? Nun ja, du besitzt kein eigenes Geld, Siv, und ich möchte nicht, dass du ausgeschlossen bist von der Saturnalienfeier. Allen anderen gewähre ich ebenfalls eine bestimmte Summe zur freien Verfügung für diesen Zweck. Wenn du sparsam bist und nicht alles ausgibst, bleibt sogar noch etwas übrig, das du nur für dich ganz allein übrig hast." Ich lächelte sie an und lehnte mich weiter im Sessel zurück, nun ernst werdend. "Dass du eine Sklavin bist, bedeutet nicht, dass du keinen Dank verdient hast, Siv."

  • Siv seufzte. "Oh ja… Met ist, Met zu süß." Etwas verblüfft beobachtete sie anschließend, wie der Römer aufstand, und überlegte für einen Moment, ob das hieß dass sie auch aufspringen sollte. Dann aber zuckte sie nur die Achseln und lehnte sich etwas zurück. Wenn er etwas von ihr wollte, würde er das schon sagen, also folgte sie ihm nur mit Blicken zur Tür. Als er sie öffnete, konnte sie einen Blick auf Matho erhaschen, und sie wusste im ersten Moment nicht, ob sie sauer sein sollte oder sich freuen. Für sie war klar, dass er dort gewartet hatte, weil er sich nicht entgehen lassen wollte, wie sich die schlechte Laune ihres Herrn auf sie entlud. Ob das wirklich so war, war dahin gestellt, aber zumindest Siv war überzeugt davon. Auf der anderen Seite hatte Corvinus sich nicht nur beruhigt, er schien inzwischen erstaunlich gut gelaunt zu sein, bedachte man, wie seine Stimmung noch vor kurzem gewesen war – der Zustand seines Zimmers sprach eine deutliche Sprache davon. Schließlich entschied sich die Germanin, Matho – hinter Corvinus’ Rücken – zuzuzwinkern und zu grinsen. Der andere Sklave tat so, als ob er sie nicht gesehen hatte, und verschwand, und als der Römer sich wieder zu ihr drehte, bemühte sich Siv schleunigst, ihr Grinsen verschwinden zu lassen. Ihre persönliche Fehde mit Matho ging niemanden etwas an, zumindest niemanden, der sich möglicherweise einbilden würde eingreifen zu müssen. Genauso wenig wie jemanden etwas anging, was sie hier tat – dass sie Zeit mit einem Römer verbrachte, freiwillig, und dass es ihr gefiel. Sie hatte bis jetzt niemandem erzählt, auch nicht davon, wie sie Corvinus kennen gelernt hatte, aber natürlich war aufgefallen, dass es bereits in der zweiten Nacht nicht ihr Bett gewesen war, in dem sie geschlafen hatte.


    Siv zuckte innerlich mit den Achseln und vertrieb die Gedanken. Matho würde sich seinen eigenen Reim darauf machen, dass sie hier saß und sich unterhielt, anstatt sich eine Standpauke anhören oder wenigstens die Scherben wegräumen zu müssen. Sie konnte ihn nicht daran hindern – und wenn die anderen tratschten, würde sie einen Weg finden, damit umzugehen. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder vollends Corvinus zu und spielte weiter mit ihrer Strähne, während sie über Freundschaft nachdachte. Es mochte zwar ein paar Menschen geben, denen sie etwas schenken würde, aber davon abgesehen dass sie nicht wusste was, fühlte sie sich unwohl dabei, dass ihr das nur könnte, weil ihr Herr ihr das ermöglichte. Sie war noch nicht gern auf andere angewiesen gewesen, und gerade als Sklavin war sie so abhängig vom Willen eines anderen Menschen wie noch nie zuvor. Meistens schaffte sie es, diesen Umstand zu verdrängen, was bei den Aureliern zugegebenermaßen wohl leichter fiel als bei anderen Römern. Trotzdem versuchte sie, wann immer es ihr möglich war, so selbständig wie möglich zu sein und zu handeln. Und das schloss auch mit ein, dass sie keine Sachen kaufte, für sich oder für andere, von denen es ihr nicht befohlen worden war. Die Haarsträhne war inzwischen stark verzwirbelt, als Corvinus ihre Frage nach dem Dank mit einer versteckten Gegenfrage beantwortete, zumindest fasste sie es so auf. "Ich nicht weiß. Sklavin sein ist, ist… neu. Für mir, mich. Ich nicht weiß, was Sklavin… geben. Bekommen", verbesserte sie sich sofort. "Ich nicht… nicht denken, vorher, wenn, wenn… ich bin bei Soldaten, dass Römer… so sein. So vieles anders hier, anders wie ich denke. Ich nicht denke Römer danke sagen, bei Sklaven. Und dass sie es auch meinen." Siv musterte ihn kurz, dann fügte sie nachdenklich hinzu, was sie am meisten verwirrte, ausnahmsweise froh, dass er sie nicht verstehen würde: "Und du klingst, als ob du es meinst."

  • Unwillkürlich zog ich eine Grimasse, als ich mich zu sehr auf den linken Unterarm auflehnte und die Schnitte unter dem provisorischen Verband sich brennend auf ihr Vorhandensein aufmerksam machten. Ich war nun vorsichtiger und beobachtete Siv belustigt dabei, wie sie, scheinbar nachdenklich und in sich gekehrt, ihr Haar malträtierte, bis sie neuerlich aus der Traumwelt und an die Oberfläche der Wirklichkeit zurückglitt. Was sie sprach, war nur allzu verständlich, da die Germanen keine Sklaven hielten - soweit ich wusste machten sie nur Kriegsgefangene.


    "Du wirst alles bekommen, was du brauchst. Alle Sklaven in diesem haushalt bekommen, was sie benötigen." Das schloss zumindest die Grundbedürfnisse ein, denn einige Sklaven wünschten sich gar utopische Dinge, die für mich nicht einmal zur Diskussion standen. "Wenn dir etwas fehlt, sagst du es am besten Matho. Er sorgt dafür, dass alle versorgt sind, und er kümmert sich auch um die Austeilung des Geldes." Natürlich würde sie auch mir selbst sagen können, was sie brauchte, doch war es mir lieber, wenn ich nicht mit Kleinigkeiten wie einer fehlenden Haarbürste oder einer benötigten Nagelschere behelligt werden würde. Das sollten die Sklaven besser unter sich ausmachen, nicht Umsonst hatte jeder ordentlich geführte Haushalt einen maiordomus. Und eine Frau, Marcus, welche scharfsichtig die Oberaufsicht behält. Ich schob den Gedanken beiseite und seufzte. Das war noch so ein Problem, um das ich mich kümmern sollte. "Manchmal gibt es auch Belohnungen", fuhr ich also fort. Manches Mal bekamen die Sklaven das, was von Gastmählern übrig geblieben war - besonders hochwertiges Essen, gutes Fleisch, frisches Gemüse und Obst. Oder einer von uns zeigte sich in anderer Weise erkenntlich, beispielsweise mit freien Tagen, angenehmerer Arbeit oder einem kleinen Geschenk. Siv würde dies alles schon früh genug erfahren.


    "Die meisten Soldaten sind...anders. Im Krieg gibt es wenig Abwechslung, Siv, und die Männer müssen mit sehr wenig auskommen. Wenn dann Wein im Spiel ist, kann es schon..." - ich suchte nach einem Wort, welches sie verstand - "wild zugehen. Du sollst wissen, dass dir niemand Schaden zufügen wird. Das verspreche ich dir." Genaugenommen würde ich jeden, der gegen meine Zustimmung Hand an einen meiner Sklaven legte - gleich wie - schwer bestrafen.


    Ich lächelte flüchtig, als sie wieder ihr unverständliches Germanisch sprach. "Es gibt gewiss sicher auch Germanen, die danke sagen, wenn etwas Dank gebührt. Das ist nichts Ungewöhnliches. Du wirst aber auch viele Römer finden, die ihre Hunde besser behandeln als ihre Sklaven. Auch das ist an der Tagesordnung. Dann gehorchen sie aber aus Angst, nicht weil sie es wollen, und das finde ich nicht erstrebenswert", sagte ich, als es klopfte und Matho kurz darauf eintrat. "Die Münzen, dominus", sagte er und reichte mir einen kleinen Beutel aus rotem Schweinsleder. "Ah. Danke, Matho", erwiderte ich und nahm den Beutel. Kurz darauf war er - nicht ohne Siv ein hämisches Grinsen zuzuwerfen - auch schon wieder aus dem Raum gegangen.


    "So", sagte ich zu Siv und klingelte zweimal mit dem Beutel. "Das ist römisches Geld. Pass gut auf, was ich dir erkläre." Ich schüttete die Münzen, acht an der Zahl, auf den Tisch, an dem wir saßen, und ordnete sie der Reihe nach vom höchsten bis zum geringsten Wert. Dann wies ich auf die goldene Münze. "Das ist der aureus. Er besitzt den höchsten Wert und wird aus Gold gefertigt. Das hier ist der Denar, aus Silber. Fünfundzwanzig denarii entsprechen einem aureus", erklärte ich und deutete währenddessen auf die Silbermünze, welche den claudischen Kaiser Nero zeigte. Ich übersprang eine Münze und deutete nun auf einen Sesterz. "Das hier ist eine Sesterze. Einhundert hiervon entsprechen einem aureus. Die meisten Preise auf den Märkten werden in diesem Münzwert angegeben, daher solltest du dir gut merken, wie die Münze aussieht", sagte ich und reichte sie Siv, um hernach auf ein As zu deuten. "Ein As. Vier Asse entsprechen einem Sesterz. Und das hier", fuhr ich fort und zeigte nacheinander auf den quinarius, den dupondius und den semis, "sind Münzen, die nicht so wichtig sind. Sie besitzen jeweils den halben Wert der Münze, die links daneben liegt", erklärte ich und wies auf dem Tisch jeweils auf die zusammengehörenden Paare. "Die kleinste Münze ist der quadrans, aber meistens werden die Preise ohnehin auf- oder abgerundet und daher nur in Sesterzen und Assen angegeben. Vier quadrantes entsprechen einem As."


    Nachdenklich musterte ich Siv. Vermutlich war das etwas viel auf einmal gewesen... "Du kannst die Münzen ersteinmal behalten und sie dir einprägen, wenn du möchtest", bot ich an, wohlwissend, dass es eine ganze Stange Geld war, die ich einer Sklavin zu Lernzwecken auslieh. Aber etwas an Siv ließ mich nicht eine Sekunde lang glauben, dass sie mich hintergehen würde. Dazu hatte ich sie zudem viel zu gern.

  • Dass sie alles bekommen würde, was sie brauchte, diese Erfahrung hatte Siv bereits gemacht – im Grunde mehr als sie brauchte, denn von der Hälfte der Dinge, die sie in den Unterkünften, der Küche und dem Bad gesehen hatte, hatte sie bis vor kurzem noch nicht einmal gewusst, dass es sie gab. Wie beispielsweise die Seife, mit der die Germanin mehr als nur das eine Abenteuer erlebt hatte, dass an ihrem ersten Tag stattgefunden hatte. Aber als Corvinus davon sprach, dass sie mit Matho reden sollte – warum begriff sie nicht ganz, aber sie ging davon aus, dass es sich um eben diese Dinge drehte, die sie möglicherweise brauchte –, schnitt sie eine Grimasse. Sie würde mit Matho nicht reden, wenn es sich nicht unbedingt vermeiden ließ. Und sie würde sich eher die Zunge abbeißen, als ihn um etwas zu bitten. Ach was, sie würde eher einen Römer bitten als Matho! Aber auch das nur, wenn es wirklich nicht anders ging. Prinzipiell bat Siv niemals um etwas, wenn es sich nicht vermeiden ließ.


    Was Belohnungen waren, wusste Siv nicht, und sie fragte auch nicht nach, denn Corvinus nahm ihren Kommentar über die Soldaten zum Anlass, etwas dazu zu sagen. Wieder verstand sie nicht alles, aber es reichte ihr. Unwillkürlich fuhr ihre rechte Hand zum linken Oberarm, auf der noch einer der wenigen Blutergüsse zu sehen war, die noch nicht verblasst waren. "Wild?" In ihrer Stimme war beißender Spott zu hören, aber auch Wut – und die Verzweiflung, das Gefühl des Verletztseins, das sie immer unterdrückt hatte. "Wald ist wild. Tier ist wild. Aber Mensch? … Kind, vielleicht. Aber Soldat? Soldaten sind nicht wild. Sie denken nach, sie entscheiden, sie handeln. Sie müssten nicht-" Siv brach ab, wandte den Kopf zur Seite und presste die Lippen aufeinander. Selbst wenn sie hätte ausdrücken können, was sie meinte, wem glaubte sie das hier erzählen zu können? Der Mann vor ihr war immer noch Römer, auch wenn sie sich immer mehr dazu zwingen musste, sich das in Erinnerung zu rufen. Sie schloss die Augen, als sie sein Versprechen hörte, und biss für einen Augenblick die Zähne zusammen. Er konnte viel versprechen, aber selbst wenn er es hielt – ihr wäre wohler zumute, wenn sie es gar nicht nötig hätte, ein solches Versprechen zu bekommen. Weil sie frei war zu gehen, wohin sie wollte… Siv sah Corvinus erst wieder an, als er weitersprach. "So ich denke, von Römern. Dass Sklaven sein schlecht, mehr schlecht wie Hund." Sie zögerte einen Moment. "So ich denke … bis jetzt."


    Ihr für sie selbst überraschendes Geständnis – und noch überraschender für sie war, dass sie es auf Latein gesagt hatte, so dass er sie verstehen konnte – kam genau in dem Moment, in dem es an der Tür klopfte. Matho kam herein, und Siv hoffte, dass der Römer durch die Anwesenheit des anderen Sklaven abgelenkt genug war, um nicht zu merken, dass sich ihre Wangen leicht rot färbten. Der Maiordomus schien es zu merken, dem Lächeln nach zu schließen, das er ihr zuwarf, aber Siv funkelte nur zurück, und im nächsten Augenblick war Matho schon wieder verschwunden. Was danach kam, führte dazu, dass der Germanin der Kopf zu schwirren begann. "Oh. Das sein Münzen? Äääh…" Sie legte ihre Rechte auf den Tisch und berührte mit den Fingern nacheinander die Münzen. "Aureus… Denar… Sesterze… As…" Sich die Reihenfolge zu merken war nicht schwer, immerhin lagen sie so da. Aber was sie wert waren? Siv war nicht dumm, aber auf diese Art war sie noch nicht mit Zahlen umgegangen, und dazu kam, dass sie gleichzeitig Schwierigkeiten mit der Sprache hatte. "Sesterze… wichtig. Auf Markt sein?" wiederholte sie und sah ihn fragend an. Die goldene Münze war also am meisten wert, aber es waren die Sesterzen, die offenbar wichtiger waren. Die nächste Erklärung verwirrte sie erst recht. "Halben Wert? Ich… was, was… Wieso diese da", sie deutete auf die Münzen, die jeweils dazwischen lagen und deren Namen Corvinus nicht genannt hatte, "nicht wichtig? Wenig wichtig wie, wie Aureus, oder Denar?" Siv begriff nicht ganz, warum für die Römer offenbar die einen Münzen von Bedeutung waren, aber die anderen nicht. Offenbar konnte man doch – wenn man es begriffen und sich gemerkt hatte, jedenfalls – sehr genau sagen, welche Münze wie viel im Vergleich zu den anderen wert war, also war es doch eigentlich egal, welche man benutzte… Siv sah überrascht hoch, als Corvinus ihr anbot, die Münzen vorerst zu behalten. "Du meinst… lernen? Ich lerne, was… Münzen wert sein?" Sie verstand nicht ganz warum er ihr das anbot, aber sie fragte nicht nach, weil ihr in diesem Moment ein anderer Gedanke kam. Zögernd ließ sie ihre Hand sinken und musterte ihn. "Wenn du kaufen… Wenn Matho und Brix kaufen, mich… für dich. Wie viel du geben, davon?"

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