Atrium | M' Flavius Gracchus Minor putzt claudische Klinken .. und wird ein neuer Klient?

  • Das Atrium sah aus wie an jedem Salutatio-Morgen. Das hieß: Es war vor allen Dingen voll. Noble Klienten standen neben nicht so noblen Klienten, dazwischen hier und da ein paar Freigelassene, die den Hausherrn zum Patron hatten. Und hin und wieder fanden sich auch Leute hier mit ein, die noch keine Klienten von Claudius Menecrates waren .. es aber unbedingt werden wollten!


    Warum sonst kam man auch zu einer Salutatio? Jeder Römer wusste ja, dass ein Patron zu der Zeit absolut beschäftigt war .. mit seinen Klienten. Kam man also ausgerechnet zur Salutatio vorbei. Und hatte man sich besonders herausgeputzt mit einer so strahlend weißen Toga. Und wollte man dann den Hausherrn sprechen, der um diese Zeit regelmäßig seine Klienten zur Salutatio empfing. Dann zog das Hauspersonal daraus seine Schlüsse.


    Nachdem der Hausherr im Atrium eintraf und seinen üblichen Gruß an die Leute losgeworden war, wurde ein Versprechen eingelöst. Der junge Flavier bekam eine Sonderbehandlung und kam als erster an die Reihe: "Du kannst jetzt zum Hausherrn treten, Herr." Eine leise Regiehilfe von der Seite, damit der Flavier nicht in der Luft hing. Derweil stand ein anderer Haussklave bei Claudius Menecrates und flüsterte nicht: "Der Herr Manius Flavius Gracchus Minor, Sohn des Manius Flavius Gracchus und der Claudia Antonia, Dominus. Nach dem Tod seiner Mutter will er scheinbar die Verbindung zu deiner Familie erneuern .. durch dein großzügiges Patronat." Das war der Schluss, den das Hauspersonal zog. Jetzt war es raus.




    NOMENCLATOR - HERIUS CLAUDIUS MENECRATES

  • Konträr zur claudischen Salutatio diente jene Institution in der Villa Flavia Felix wie auch in manch anderem Hause nicht exklusiv den formellen Klienten der Gens, sondern generell als Zeit des Pater Familias für Bittsteller diverser Relation, wobei die Klienten selbstredend eine extraordinäre Rolle spielten, doch auch lose assoziierte Freunde und Günstlinge der Familia ein Forum erhielten, mit ihren patrizischen Mäzenen zu konferieren. In einem derartigen Sinne hatten auch die Berater Manius Minors beschieden, diese Zeit für die Besuche bei den oftmals intensiv okkupierten Senatoren zu nutzen, welche zu zur morgendlichen Stunde mit größter Sekurität waren anzutreffen.


    Der junge Flavius erschrak somit ein wenig, als der Nomenclator an der Seite seines claudischen Anverwandten ihn als potentiellen Klienten präsentierte, was keineswegs die Intention seines Besuches war gewesen.
    "Oh, dies ist ein Irrtum!"
    , stieß er daher, uneingedenk der Konsequenzen einer derart negativen Äußerungen, spontan aus. Erst im Folgenden gewahrte ihn, dass womöglich sie dem Claudius mochte den wahren, doch unhöflichen Umstand mochte suggerieren, ihm erscheine ein claudisches Patronat als generell unerstreblich oder inadäquat.
    Neuerlich rettete den Jüngling sein Diener Patrokolos, welcher ebenso sichtlich die Worte seines Antipoden hatten irritiert, nun jedoch (wie so oft) rascher als sein Herr die Fassung zurückgewann:
    "Das Anliegen meines Herrn ist weitaus bescheidener."
    Erwartungsvoll blickte er hinab auf den jungen Flavius, welcher doch selbst seine Bitte sollte formulieren:
    "Ich bin gekommen, um dir die Grüße meines Vaters auszurichten. Er sendet mich, um dich um meiner Mutter und unserer gemeinsamen Ahnen willen zu bitten, meine Kandidatur zur Vigintivirat zu unterstützen."

  • Ein neuer Gast, eine neue Vorstellung. Menecrates nahm mit sachtem Nicken die Erklärung seines Haussklaven zu diesem Gast, einem Verwandten des Hausherrn, entgegen und wollte schon zum Gruß ansetzen, als jener dementierte. Der Gruß blieb dem Claudier im Hals stecken und nicht wenig verwundert musterte er den jungen Mann. Ein mitgebrachter Sklave fügte weitere Erklärungen an, bis schließlich der junge Flavier erneut das Wort ergriff.


    "Dein Vater sendet Dich?", erwiderte Menecrates verblüfft, bevor er mit einem Kopfschütteln anfügte: "Ich grüße Dich." Erst der Gruß, dann die Unterredung - was war das für eine unübliche Reihenfolge.

  • Ein halber Claudius mochte er sein, doch musste er nun, da er dem Oberhaupt jener Gens ins Antlitz blickte, erkennen, dass nichts an ihm familiar erschien. Selbstredend war er ob der Distanz ohnehin außerstande, die Gesichtszüge mit den seinen oder gar der verblichenen Reminiszenz an seine Mutter zu vergleichen, doch auch jene ihm gebräuchlichen Identifikatoren wie die Silhouette, die Gestik und selbst die Stimme wirkten mitnichten vertraut. Zu lange waren die Flavii und Claudii getrennte Wege gegangen, zu lange lag das letzte gemeinsame Convivium zurück, ja selbst von der Bestattung seiner Mutter vermochte er sich nicht an jenen Anverwandten zu erinnern. Umso schändlicher erschien es ihm nun, jene familiaren Relationen zu aktivieren, ja gar seine arme Mutter zum politischen Argument zu instrumentalisieren, ja zu degradieren, da doch dies gesamte eitle Ringen zuletzt sinn- und ziellos war, sodass zweifelsohne sie mit Gram auf ihn hätte herabgeblickt, wäre sie nicht vor Jahren bereits restlos in unzählige Atome zerfallen.


    Die Frage des Senators indessen kalmierte ihn keineswegs, sondern erweckte in ihm die Furcht, eine paternale Warnung übersehen zu haben, da sie doch nahelegte, dass sein Gruß in diesem Hause Anlass zur Verwunderung war, wie es im Falle eines Zwistes zwischen den Geschlechtern mochte erklärlich sein.
    "Nun, ja."
    , replizierte er somit seinerseits sichtlich irritiert, zumal jene Hypothese in vielfacher Hinsicht in seinem Falle die Realität vortrefflich traf, da ja seine gesamte Kandidatur nicht mehr war als eine paternale Sendung.
    "Ich grüße dich ebenso."
    , addierte er sodann hastig, auf die Salutation seines Opponenten sich schlagartig der Etikette entsinnend.

  • "Tjaa", entfuhr es Menecrates, wenn auch nicht gänzlich ungewollt. Seine Äußerung beinhaltete viele Formen von Verwunderung. Verwunderung darüber, dass ihm zwar die Grüße des Vaters überbracht, zunächst aber nicht die Grüße des Anwesenden entgegengebracht wurden, Verwunderung über das offensichtliche Missverständnis, den Grund des Besuches betreffend, und immer noch Verwunderung darüber, dass ein Vater seinen Sohn schickt und jener das auch so darstellt. Menecrates wäre das an Stelle des zukünftigen Kandidaten peinlich gewesen, aber möglicherweise lag das am Fortgang der Zeit und dass er selbst längst zum alten Eisen gehörte.


    Der junge Flavier verdiente trotz der skurrilen Situation deutlich mehr Aufmerksamkeit, als es Menecrates zur Salutation normalerweise möglich war. Er winkte daher seinen Verwalter heran und raunte ihm Anweisungen ins Ohr, um die anderen Besucher, Klienten und Bittsteller zeitweilig bei Laune zu halten, ohne ihnen das Gefühl zu geben, sie seien nebensächlich.
    Anschließend gab er Flavius mit einem Wink zu verstehen, ihm zu einer Sitzgruppe zu folgen, die einige Schritte abseits des Treibens zum Verweilen einlud. Wein und Wasser standen ebenso bereit wie Trinkgefäße.


    "Eine Erfrischung?", fragte Menecrates, bevor er einen bereitstehenden Sklaven mit Blick aufforderte, den Wunsch entgegenzunehmen. "Für mich nichts", entschied er. Sein Blick weilte kurz auf des Gastes Antlitz, dann fuhr er fort.


    "Unsere gemeinsamen Ahnen wären gewiss ein Grund." Er machte eine Pause. "Deine Mutter weniger. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie nach ihrer Vermählung einen einzigen Schritt in diese Villa gesetzt hätte."

  • Bange folgte der junge Flavius dem greisen Claudius hinüber zu der Sitzgruppe, auf welcher Menecrates nun augenscheinlich zumindest gedachte, ihn einem Anverwandten adäquat zu empfangen. Noch immer war er hingegen voller Konfusion über die mirakulöse Replik, welche doch Übles verhieß, weshalb er beschied, sich trotz der Stunde mit einem Becher Weines zu kalmieren (eine Eigenschaft, welche er während der teils zu früher Stunde beginnenden Gelage im Hause des Dionysios hatte entdeckt).
    "Einen Becher Wein, bittesehr."
    , murmelte er daher und interpretierte in furchtsamer Erregung selbst die Refutation seines Gastgebers, selbst etwas zu trinken und damit womöglich genötigt zu sein einem Flavius zuzuprosten, als böses Omen.


    Nichts präparierte ihn hingegen für die nunmehrige Deklaration seines Opponenten, denn in der Tat traf ihn jenes maternale Meiden der eigenen Anverwandten als gänzliche Novität, vermochte er weder sich derartiger Äußerungen oder einschlägiger Situationen zu Antonias Lebtagen zu entsinnen (obschon dies sein Unvermögen, gemeinsame Reminiszenzen mit Menecrates zu entdecken, erklären mochte), noch hatte Manius Maior ihn diesbezüglich gewarnt. Er war dem infortunablen Varus gleich in das offene Messer gelaufen, was ihn doch zutiefst beschämte und seine Wangen rubrizierte.
    "Das... war mir nicht bekannt."
    , presste er hervor, gleichsam als Defension seiner ahnungslosen Deklaration, doch reuten ihn jene Worte sogleich, da es doch von profunder Ignoranz der eigenen Familia zeugte, wenn es dem Erstgeborenen zur Gänze entging, dass seine eigene Mutter ihre Cognaten niemals aufsuchte. Deplorablerweise war jedoch eben dies augenscheinlich der Fall gewesen, hatte der flavische Knabe niemals auch nur irgendeine Irregularität innerhalb der parentalen Relationen geargwöhnt und somit nie die Frage gestellt, warum niemals ein Onkel Menecrates zu den familiaren Festivitäten war erschienen, während eine schier unerschöpfliche Zahl flavischer Oheime sich dort hatte getummelt. Dennoch war er nicht gewillt, das ideale Bild seiner geliebten Mutter ob jenes simplen Faktums zu verdunkeln (da doch ein cordiales Verhältnis zu sämtlichen Anverwandten zu den indisputablen Normen matronalen Verhaltens, welches Claudia Antonia wie keine Zweite hatte inkorporiert), da doch durchaus gute Gründe mochten bestehen, einem Gentilen die Verwandtschaft aufzukündigen.

  • Menecrates war sich der Tragweite seiner Worte bewusst, aber ungeschminkte Wahrheiten lagen ihm mehr als diplomatischer Seiltanz. Er konnte sich allerdings nicht erinnern, dass sich seine Enttäuschung, die zweifellos in ihm saß, je einen Weg nach außen gebahnt hätte. Das mochte aber auch an fehlenden Gelegenheiten liegen.


    Er versuchte abzuschwächen, als er bemerkte, wie gefangen sein Gast wirke. "Nun ja, immerhin war Deine Mutter nicht die einzige, die nach der Heirat in die flavische Familie sich hier hat nie mehr blicken lassen." Er strich sich nachdenklich über die Oberlippe, bevor er fortfuhr. "Ist Dir denn bekannt, ob Deine Mutter wenigstens mit Catilina den Kontakt gepflegt hatte? Immerhin wohnten sie ja zumindest zeitweilig im selben Haus."


    Aber er driftete vom Thema ab, wie er feststellte. Also kam er zum eigentlichen Anliegen des Gastes zurück. "Ich denke, ich könnte Deine Kandidatur unterstützen, sofern DU mich darum bittest. Aus dem Alter, dass der Vater bittet, bist Du schließlich heraus. Außerdem sollte eine Kandidatur mit einer gewissen Selbstständigkeit einhergehen, damit sie von Erfolg gekrönt ist."

  • Der junge Flavius wusste nicht, ob er die Information, dass auch Tante Catilina diesem Hause den Rücken hatte gekehrt, nachdem sie der flavischen Familia sich angeschlossen hatte, nicht als Konfirmation seiner Hypothese der Begründetheit der similären maternalen Entscheidung zu ponderieren hatte. Freilich hatte die Gattin seines Onkels ebensowenig jene Abstinenz thematisiert oder in anderer Weise eine derartige Distanz offenbart.
    "Sie pflegten ein herzliches Verhältnis, wie es einer derartigen Relation adäquat war."
    So zumindest hatte es sich seinen Observationen zufolge verhalten, obschon er konzedieren musste, kaum von analogen Verhältnissen jemals er hatte Notiz genommen und er ebensowenig zu postulieren imstande war, beide als Freundinnen zu titulieren. Folglich ergänzte er ein wenig insekur:
    "Soweit ich dies zu evaluieren vermag."


    Anstatt jenes überaus sensible Sujet weiter zu vertiefen, kehrte Menecrates jedoch zum eigentlichen Anlass seiner Visite zurück. Der Jüngling räusperte sich, da doch seine folgenden Worte nur partiell der Wahrheit entsprachen, welche doch, würde er sie enthüllen, ihn als einen Feigling hätte offenbart, der seine Einsichten stringent zu verfolgen nicht imstande war.
    "Nun, selbstredend bitte ich dich auch in meinem Namen um deine Unterstützung."
    , sprach er also und mühte sich, sein Zögern nicht zu verraten.

  • Die Aussage, die beiden Kinder des claudischen Hauses pflegten ein herzliches Verhältnis, überraschte Menecrates. Ein unterkühltes Verhältnis hätte er eher glauben können, aber sei es gewesen wie es sei. Er widmete sich dem eigentlichen Thema. Selbstredend empfand er die ím eigenen Namen hervorgebrachte Bitte zwar nicht ganz, aber letztlich kam es darauf auch nicht an.
    "In Ordnung."


    Eine Fortsetzung der Unterredung schien nicht nötig zu sein, daher schloss Menecrates: "Dann wünsche ich Dir Erfolg und der Götter Unterstützung bei Deinem Vorhaben."

  • "Ich danke dir."
    , erwiderte der junge Flavius, hin- und hergerissen zwischen der Freude, augenscheinlich die Unterstützung eines ersten, wenn auch anverwandten Senators gewonnen zu haben, und dem Zweifel ob der inkonkreten Formulierung jener Subsidien, welche doch wohl eher der notorischen Insekurität des Jünglings als der dubitablen Intention des Alten mochte geschuldet sein.


    Die Wünsche endlich implizierten, dass jene eher inkommode Unterredung endlich ihr Ende hatte gefunden, was ungeachtet seines Zweifels dem jungen Flavius einen Stein vom Herzen stieß.
    "Ich danke dir, O-"
    Manius Minor stockte. Bisweilen hatte seine Mutter den claudischen Senator ihm gegenüber als "Onkel Menecrates" tituliert, sodass jene Anrede ihm in gewisser Weise vertraut erschien. Doch in Anbetracht jener augenscheinlich eher bitteren Relation seines Gegenübers zum flavischen Hause erschien jene familiare Benennung als allzu prätentiös. Er räusperte sich also kurz und wählte dann eine förmliche Appellation:
    "Claudius Menecrates. Auch dir wünsche ich den Segen der Götter."
    Obschon jener Wunsch ein bloßes Lippenbekenntnis des epikureisch gesinnten Jünglings mochte bedeuten, erachtete er es doch als adäquate und womöglich ein wenig versöhnliche Salutation für einen ältlichen, sittengestrengen und womöglich ein wenig verhärmten Patrizier.

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