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Heute ist der ANTE DIEM III NON IUL DCCCLXX A.U.C. (5.7.2020/117 n.Chr.)
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Reiseprotokolle

ANTE DIEM XII KAL APR DCCCLX A.U.C. (21.3.2010/107 n.Chr.)
Rubriken: Geschichtliches
ie entfernten Provinzen des Imperium Romana sind den meisten Bürgern Roms nur ungenaue Begriffe. Deswegen möchte ich, der in der Provinz Mauretania Tingitana meine Heimat hat, etwas aus diesen fernen Landen erzählen. Mein dritter Bericht ist der Erlebnisbericht einer Löwenjagd: Wo kommen eigentlich die wilden Tiere für die römischen Venationes her?

III. Venationes in "echt"

Möge uns Hercules, Beschirmer der Sportstätten, wohl gesonnen sein.

Es war früh morgens, noch vor Sonnenaufgang, als ich mich zum Treffpunkt begab. Bei mir: Drei Diener, für jeden ein Pferd, ein Maultier mit Ausrüstung und ein Ersatzpferd.
Es würde ein langer und anstrengender Tag werden, doch ich freute mich darauf. Lange war ich nicht bei der Jagd gewesen. Für mich war es eine seltene Freizeitbeschäftigung, während es für viele die Haupteinnahmequelle war.
Denn die Nachfrage nach wilden Tieren seitens der Römer war enorm. Jährlich wurden hunderte, wenn nicht tausende Elefanten, Löwen, jedwegliche Wildkatzen, ja sogar Wildschweine in das Zentrum des römischen Reiches gebracht.

Unser offizielles Ziel heute war es, so viele Löwen wie möglich lebendig zu fangen. Allerdings wären auch andere Tiere, die sozusagen nebenbei ins Netz gingen, eine schöne Zusatzbelohnung. Und sollte ein Löwe mal zur Strecke gebracht werden müssen, könnte sich der Erleger damit später schmücken.

Langsam begann die Dämmerung und wir waren nun alle vollständig. Es waren 23 Reiter mit Gefolge. Im Gepäck waren nicht nur Waffen und Käfige, nein, auch Zelte, Teppiche, Kochutensilien, Ersatzausrüstung und Verbandmaterial. Zurück ließen wir sorgenvolle Familien, die ungeduldig unsere nächtliche Heimkehr erwarteten.

Schließlich ging es hier um einen fairen Kampf: Mann gegen Tier. Keiner der beiden war eingesperrt oder gefesselt. Jeder hatte seine Waffen - der eine Schwerter und Lanzen, der andere Zähne und Krallen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Alle waren aufgeregt und gespannt. Wir legten ein strenges Tempo vor. Der Weg war lang und die Sonne würde nicht allzu lang auf sich warten lassen.

Wir kamen gut voran und als die Sonne anfing, uns die Häupter zu erhitzen, waren wir an unserem vorläufigen Ziel: Hier würden die Zelte aufgeschlagen, Feuer gemacht und das Gepäck abgestellt werden. Nachdem alles soweit organisiert war, teilten wir uns in Gruppen auf. Späher hatten uns berichtet, wo sie Tiere entdeckt hatten. Es war nun an uns, das erste Rudel Löwen zu umzingeln. Ich ließ einen meiner Diener hier, um bei den allgemeinen Arbeiten zu helfen, die anderen beiden kamen mit mir. Ansonsten nahmen wir nur das nötigste mit: unsere Waffen und Grabwerkzeug. Wir mussten leicht und beweglich bleiben.

Der Panthera leo leo, der mauretanische Löwe besitzt - im Gegensatz zu den Löwen aus Nubien - eine korpulentere Form: Er ist kürzer, aber breiter. Seine Mähne ist besonders prunkvoll. Außderdem leben viele von ihnen nicht in der Steppe, sondern in den bewaldeten Bergen, weswegen er auch Waldlöwe genannt wird.
Für uns war es leichter, die Löwen auf offenem Gelände zu jagen, deswegen suchten wir uns lieber die wenigen Rudel aus der Steppe zur Jagd.

Wir bildeten fünf Gruppen: Zwei sollten das erste Rudel weit umrunden, um es dann in unsere Richtung zu treiben. Zwei andere sollten die Seiten bewachen, damit die Löwen nicht ausbrachen, und meine Gruppe war es, die es zur Aufgabe hatte, eine Grube zu graben: Sie musste tief genug sein, damit die Löwen nicht hinausspringen konnten, sie musste auf einer Seite eine Öffnung haben, durch die wir sie dann in die Käfige leiten konnten, und sie musste mit natürlichem Astzeug abgedeckt werden. Die seitliche Öffnung wurde mit Steinen versperrt, die teilweise an Seilen festgemacht wurden, so dass man sie später wegziehen konnte, ohne hineinsteigen zu müssen. Die Käfige würden später geholt werden.

Zuerst einmal mussten wir jedoch eine geeignete Stelle finden. Die Gegend war meist flach, es gab jedoch hie und da einige Felsen oder ausgetrocknete Flussbetten. Wir fanden ein Flussbett, dass sich plötzlich verengte und wasserfallartig in die Tiefe stürtzte. Die ideale Falle! Die Löwen müssten nur genau in dieses Flussbett geleitet werden. Und das würde bestimmt nicht leicht werden!

An der Stelle, wo der Grund abfiel, errichteten wir unsere Grube: Drei Seiten waren bereits hoch genug, nur der Ausfluss musste noch mit genügend Steinen abgedichtet werden. Diese mussten so aufgeschichtet werden, dass die Löwen nicht daran hochklettern konnten.

Wir versuchten, bei unserer Arbeit so wenig Spuren wie möglich zu hinerlassen. Die Löwen sollten ja nicht durch unseren Geruch abgelenkt werden. Als alles so weit war, entfernten wir uns von dem Ort und ritten den seitlichen Gruppen entgegen, um sie genau hierher zu führen, wenn es so weit wäre.

Da hörte ich auch schon in der Ferne Hufgetrappel. Sie konnten nicht mehr weit sein. Jetzt hieß es, Ohren und Augen offen halten, um nicht in die Fänge der Löwen zu gelangen, sie aber auch nicht zu verschrecken oder fehlzuleiten. Inzwischen konnte ich schon die Fackeln erkennen, mit denen die Treiber die Tiere hetzten. Und da: Plötzlich sah ich die Löwen kommen: Etwa sechs Weibchen und drei Männchen konnte ich von fern entdecken. Die Jungen waren sicherlich unterwegs erschöpft zurückgeblieben. Ich rief nun den Reitern zu, mir zu folgen und so flogen wir in rasendem Ritt der Grube entgegen. Als wir näher kamen, wurden die Löwen langsamer, sie witterten wohl die Gefahr, um die sie doch nicht umherkommen würden. Die hinteren Reiter schlossen immer mehr auf. Die Löwen kamen in Bedrängnis und doch wollten sie nicht einfach so in die Falle gehen.
Einige versuchten auszubrechen. Ein Löwenmännchen mit gewaltiger Mähne kam auf mich zu. Laut schreiend ritt ich ihm entgegen, darauf hoffend, dass ein Fackelträger mir beistehen würde. Ich selbst hatte nur meine Lanze in der Hand. Wohl durch mein Geschrei verschreckt, scheute der Löwe aber zurück und ging nun vorneweg als erster in die Falle! Der Damm war gebrochen: Die anderen folgten ihm und einer nach dem anderen fielen sie in die Grube. Wir hörten lautes Gebrüll und Fauchen. Das aber war normal, sie würden sich bald wieder einkriegen.

Unter Siegesgeschrei kamen nun alle Reiter zusammen. Erschöpft hielten wir an, stiegen von unseren Pferden und sahen von oben in die Grube hinein. Nun konnte ich elf Prachtexemplare ausmachen: sechs Weibchen, drei Männchen und zwei Halbwüchsige. Es war eine erfolgreiche Jagd!

Da fiel mir auf, dass einige Reiter fehlten. Auf meine Nachfrage hin, wurde mir berichtet, dass ein Löwe einen Reiter angegriffen und vom Pferd gezogen hätte. Glücklicherweise kamen rechtzeitig weitere Reiter dazu, die den Löwen erlegen konnten. Der Verletzte hatte eine offenen Wunde am Bein erlitten und wahrscheinlich das Bein gebrochen. Er wurde mit zwei Begleitern zurückgelassen, die ihn langsem nachbringen sollten. Auch den erlegten Löwen würden sie mitbringen. Denn es war Brauch, dass ein Löwe, der einen Menschen angegriffen hatte, gekreuzigt wurde: Er wurde mit den Vorderbeinen an die wagerechte Holzlatte - einem Vogel gleich - festgenagelt. Die Füße wurden um den unteren Teil des Kreuzes gebunden. Oft war der Kopf so schwer, dass das gesamte Kreuz sich durchbog. Die Aasgeier machten sich dann recht schnell über den Kadaver her, bis nur noch die Knochen übrig waren.

Auf einmal hörten wir ein Rascheln hinter uns im Gebüsch. Erschrocken drehten wir uns um, in der Erwartung jeden Moment ein Rudel Löwen auf uns zukommen zu sehen. Doch was kam da heraus? Ein Wildschwein, das bei unserem Anblick erstarrte. Mein Diener nutzte die Gelegenheit und schoss einen Stein mit seiner Schleuder auf das Tier. Andere machten es ihm gleich. Das würde ein gutes Abendessen werden!

Ich fragte die Treiber, ob sie keine Jungen gesehen hätten. Sie bejahten und ich schlug vor, sie zu suchen und ebenfalls mitzunehmen. Sie stimmten mir zu und so machten einige von uns sich auf den Weg, die Jungen zu suchen, während andere die Käfige holten.

Wir legten den Weg zurück, den wir während der Jagd genommen hatten. Die Fährte war klar, denn so viele Reiter hatten viele Spuren hinterlassen. Tatsächlich fanden wir fünf junge Löwenkinder. Sie waren noch so klein, dass wir sie problemlos aufnehmen und mit uns tragen konnten.

Zurück an der Grube trafen wir auf den Rest der Gruppe, die gerade mit den Käfigen ankamen. Wir mussten diese nun so im unteren Flussbett plazieren, dass die Löwen direkt hineinlaufen würden, sobald wir die Steine wegzogen.
Es ging tatsächlich alles glatt und wir hatten letztlich fünf Käfige, die die Diener auf ihren Schultern zum Lager tragen mussten. Den Pferden konnten wir die Last nicht aufladen, da sie zu sehr gescheut hätten. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Da die Last schwer war, würde der Transport einige Zeit brauchen. Das machte aber nichts.

Wir nahmen nun das Wildschwein mit und freuten uns auf einen Abend am Lagerfeuer mit alten Geschichten und Gesang. Viel schlafen würden wir nicht, denn der Rückweg sollte noch nachts angetreten werden, um nicht in die Sonne von morgen zu gelangen.

Ich war froh, an einer so erfolgreichen Jagd teilgenommen zu haben. Unsere Laune war gut und ich nahm mir vor, zukünftig regelmäßiger an Jagden teilzunehmen.

Auf dass Hercules uns weiterhin den Sieg bescheren möge!