[Centuria] Centuria I, Cohors I

Marcus Petronius Crispus
   
CENTURIA COHORTIS PRIMAE
Centuria Prima




Neben der Unterkunft des Primus Pilus neben der Principia befindet sich die Unterkunft der Legionäre der ersten Centuria. Hier schlafen und essen die Legionäre in Zeltgemeinschaften (Contubernia) in ihren Zimmern. Weil die Centurien der I. Kohorte mit jeweils 160 Milites doppelte Mannstärke haben, beanspruchen sie nicht nur eine, sondern zwei gegenüberliegende Baracken dieser Art.

Jede Stube besteht aus einem Vorraum (A), in dem Waffen und Ausrüstung gelagert werden, dahinter befinden sich die Schlafstuben (S) mit vier Stockbetten, sowie einem kleinen, gemauerten Herd, auf dem die Soldaten ihre Nahrung zubereiten können. Aus diesem Grund lagern sie hier häufig auch die Gemeinschafts-Handmühle, mit der sie die Getreiderationen zu Mehl verarbeiten. Neben der spartanischen Standard-Einrichtung haben viele Soldaten noch in ihren Stockbetten Zwischen-Regale für persönliche Gegenstände eingezogen. Trotzdem wirken die Räume eher kahl als wohnlich.
Vor dem Gebäude befindet sich ein überdachter Säulengang, in dem die Legionäre bei schönem Wetter ihr Essen verspeisen oder ihre Ausrüstung reparieren können. Direkt davor verläuft die Lagergasse mit zwei kleinen Ablaufgräben auf jeder Seite.

Das Gebäude ist etwa hüfthoch mit Bruchsteinen gemauert, darüber bestehen die Wände aus gekalktem Fachwerk. Das Dach ist mit roten Ziegeln aus der legionseigenen Ziegelei gedeckt.
Damit man auch im Schlafraum Licht hat, befindet sich zwischen den aneinanderliegenden Kasernenblöcken ein schmaler Lichthof, zu dem sich in jedem Schlafraum ein Fenster öffnet.

Marcus Petronius Crispus
Crispus verließ am Morgen seine Unterkunft. Etwas ungewöhnlich fand er es schon, dass der Kasernenblock nun doppelt so lang wie der alte war, aber immerhin war der Cornicen auf Zack und stand bereits bereit.

Der etwas klagende Ton klang über den Weg und kurz darauf traten die Legionäre - alle bereits jenseits der Dreißig - aus ihren Schlafräumen. Einige hatten Narben vergangener Schlachten, andere hingegen bereits gräuliche Ansätze an den Haaren. Aber dennoch sah jeder einzelne von ihnen so kräftig und erfahren aus, dass Crispus sich lieber nicht mit ihm angelegt hätte.

"Milites state!"

Der Optio, der ganz offensichtlich ein Veteran und vermutlich auch Evocatus war, trat auf ihn zu. Er hatte ein mächtiges Kreuz, das sicher Lasten wie ein Stier tragen konnte und Arme so dick wie manche Frauentaillie. Mit einer tiefen Stimme meldete er

"Nuntio: Centuria I angetreten, Centurio."

Crispus sah ihm in die Augen, wozu er seinen Kopf leicht nach oben drehen musste und antwortete

"Bene."

Wie der frischgebackene Primus Pilus gestern noch gelesen hatte, war der Name des Optios Caius Firmius Magnus. Er entstammte einer Familie aus Soldaten: Sein Vater war bei den Bataver-Aufständen gefallen, sein Großvater als Centurio im Jüdischen Krieg, sein Urgroßvater bei der Eroberung von Britannien und dessen Vater in der Varusschlacht. Im Grunde waren alle Firmii Magni in irgendeinem römischen Krieg gefallen seit, der Urahn des Optios der ersten Berufsarmee in der Geschichte beigetreten war. Somit hatte er das Militärwesen mit der Muttermilch aufgesogen und verstand sich hervorragend auf alles, was mit diesem zusammenhing. Natürlich hatte er auch dafür gesorgt, dass die Familie weiterlebte, selbst wenn er wohl irgendwann in den kommenden Jahren selbst bei irgendeiner militärischen Aktion sterben würde, wie es die Familientradition vorsah. Aber so weit war es noch nicht und daher deutete er auf die angetretenen Legionäre.

"Deine Männer."

Crispus nickte kurz und marschierte dann die Formation ab. Zuerst grüßte er seinen neuen Tesserarius Siculus Receptus, die einzige schmächtige Figur in der Reihe. Dafür sahen seine Augen wach hin und her und man konnte gut erkennen, dass er wohl der beiweitem intelligenteste in der Truppe war. Rasch grüßte er

"Salve, Centurio. Die Tessera der heutigen Nacht."

Damit reichte er den Wachbericht der letzten Nachtwache und Crispus warf einen kurzen Blick darauf, ehe er weiterging. Er konnte deutlich die Blicke seiner Männer spüren, kaum hatte er sie passiert, doch wenn er sich umdrehte, schienen sie alle stur geradeaus zu blicken, wie es die Probati eingetrichtert bekamen.

Als er am Ende angelangt war, drehte er sich um und begann eine kurze Begrüßungsansprache.

"Milites!

Ich bin Marcus Petronius Crispus und werde von nun an für euch und die ganze erste Cohors zuständig sein. Ihr wisst sicher, dass ich nicht der dienstälteste Centurio bin und ich selbst war sehr überrascht, als man mir diese Bürde, die zugleich die höchste Ehre ist, auflastete.

Ich weiß, dass ihr das beste seid, was diese Legion zu bieten hat und ich weiß auch, dass ihr eure Gewohnheiten und Rituale habt, die sich von den üblichen unterscheiden.

Doch ich warne euch: Ihr solltet auf keinen Fall versuchen, Spielchen mit mir zu treiben oder eure Grenzen auszutesten: Rom steht im Krieg und ich werde nicht zögern, jeden, der gegen die Regeln verstößt, hart zu bestrafen.

Aber hoffen wir, dass es nicht so weit kommen muss. Arbeitet wie bisher und wir werden glücklich.

Abite!"


Damit war der Morgenappell beendet und der Optio kam auf ihn zu, um mit ihm ein paar Dinge zu klären. Später würde er mit den anderen Principales zusammentreffen und die Belange der ersten Cohorte besprechen - Primus Pilus zu sein war tatsächlich ein anstrengendes Unterfangen!
Marcus Petronius Crispus
Nachdem Crispus mit einem kleinen Scherz von Seiten seiner Legionäre geweckt worden war, trottete er frisch gewaschen aus seiner Unterkunft. Es hatte wieder geschneit und so zog er sein Sagum enger. Im Porticus hatten sich bereits einige Legionäre gesammelt, die ihre Kochstelle ins Freie verlegt und mit einem Kessel Glühwein ausgestattet hatten.

"Salve, Centurio!"

grüßte ein hühnenhafter Bursche, dessen Pileus eindeutig zu klein war.

"Auch'n Schluck Würzwein?"

Da Crispus aus seiner eigenen Legionärszeit noch wusste, wie Würzwein am frühen Morgen wirkte, beschloss er, dankend abzulehnen. Stattdessen reckte er sich und suchte nach dem Optio. Dieser schien jedoch schon gegangen zu sein...es sei denn...

Langsam schlich er sich in die erste Unterkunft, in der der Optio und der Signifer schliefen. Das Bett des Signifers war leer, doch Firmius Magnus lag in seinem Bett und schlummerte friedlich. Zeit, das zu ändern...

"Optio, sofort aus dem Bett!"

brüllte Crispus in bestem Kasernenhofton. Voller Schreck riss der Optio die Augen auf, sah sich um und wirkte völlig perplex.

"Sofort aus dem Bett!"

Beinahe fiel der riesenhafte Optio aus seiner Koje und sprang dann sofort auf, um sofort Haltung anzunehmen.

"Als Disziplinarmaßnahme verurteile ich dich zu einem Becher Würzwein! Io Saturnalia!"

meinte er in strengem Ton und grinste dann. Der Optio brauchte ein paar Augenblicke länger, doch dann zeigte auch er seine Zähne.

"Bona Saturnalia, Centurio!"

murmelte er dann und machte sich daran, seine Wolltunika über die leinerne zu stülpen.

"Ich komm' gleich 'raus."
Marcus Petronius Crispus
Mitten im Frühling hatte der Primus Pilus beschlossen, wieder einmal eine kleine Kontrolle des Stubenzustands zu unternehmen. Aus diesem Grund traf er sich mit Siculus Receptus, der eine Tabula und einen Stylus gezückt hatte, im Porticus vor den Schlafräumen. Es war früher Morgen und die Männer hatten gerade ihr Frühstück zu sich genommen - vor dem Dienst war noch immer die beste Zeit, alle anzutreffen.

Geräuschvoll stieß Crispus die erste Tür auf und trat ein. Zwei Legionäre lagen dösend auf ihren Betten, zwei andere halfen sich gerade gegenseitig in die Rüstung. Ein dritter war noch beim Geschirr-Spülen und sah als erster auf.

"ACHTUNG!"

rief er und sofort wandten sich alle Soldaten dem Eingang zu, um vor ihrem Centurio zu salutieren. Der Abspühler meldete.

"Nuntio: Contubernium II bei den Dienstvorbereitungen, Primus Pilus!"

Crispus lächelte und deutete auf den Soldaten, der es noch nicht einmal geschafft hatte, aus seinem Bett aufzuspringen.

"Dienstvorbereitungen, hm? Ich will euer Marschgepäck sehen, zackig!"

Sofort herrschte geschäftiges Treiben und gerade noch rechtzeitig entdeckte Crispus die beiden, die wohl in Kürze Wache hatten.

"Habt ihr Wache?"

Einer der beiden, dessen Schulterpanzer nur halb an den Brustpanzer gebunden war, wandte sich um und antwortete.

"Jawohl, Primus Pilus!"

"Gut, ihr beide seid von der Kontrolle ausgenommen!"

Die beiden Soldaten nickten und machten sich weiter daran, gegenseitig die Rüstungen festzuschnallen.
Inzwischen hatte es der Abspühler als erster geschafft, sein Gepäck auf seiner Pritsche auszubreiten. Der Centurio trat näher und untersuchte die Sachen.

"Nuntio: Essgeschirr fehlt, da ich es gerade abspühle."

Der Petronier nickte daraufhin nur knapp und betrachtete die Wechsel-Tunicen, das Kochgeschirr, sowie die übrigen Dinge.

"Wo ist die Kaserolle?"

fragte er, denn der Haken, an dem das Kochstück normalerweise befestigt wurde, war leer. Der Soldat sah kurz zu Boden, dann stürzte er sich auf eine Truhe, die unter seiner Pritsche lag. Zuerst tauchte Zivilkleidung auf, dann fand er jedoch das gute Stück.

"Hier, Primus Pilus!"

Crispus war zufrieden. Inzwischen hatten auch die Schläfer ihre Marschbeutel auf das Bett geschafft. Auch hier warf Crispus einen prüfenden Blick auf die Dinge. Auch hier gab es manches zu bemängeln, anderes war zufriedenstellend. Schließlich zog er weiter zur nächsten Stube...
Lucius Duccius Ferox
Es war der Tag nach seiner Prügelei mit diesen Hornochsen. Naja, mit einem der Hornochsen – mal abgesehen von den obligatorischen Anfeuerungsrufen hatten die anderen zwei sich weitgehend rausgehalten aus der Schlägerei. Was ein Glück war, sonst würde Hadamar sich jetzt noch viel schlechter fühlen als es eh schon der Fall war. Die blauen Flecken an seinem Körper hatte er nicht gezählt, was ihm alles wo und wie genau weh tat genauso wenig, nur dass seine Rippen auf der linken Seite in besonderem Maß in Mitleidenschaft gezogen waren registrierte er dann doch überdeutlich, und, freilich, sein Gesicht: eine aufgeplatzte, immer noch leicht geschwollene Lippe, ein Kratzer an der rechten Schläfe entlang bis zum Wangenknochen und eine Platzwunde knapp über seiner linken Braue, in Kombination mit einem deftigen blauen Auge. Aber wenigstens hatte er keine gebrochene Nase, im Gegensatz zu seinem Widersacher... der erste Schlag von Hadamar war ein Treffer erster Güte gewesen.

Dass es allerdings dumm gewesen war, sich so provozieren zu lassen, war ihm im Nachhinein klar. Er fand immer noch, dass er im Recht gewesen war, dass er die Kommentare nicht einfach so hatte stehen lassen dürfen... aber trotzdem: es war dumm gewesen sich zu prügeln. Und wenn es nur deshalb war, weil das in der Legio gar nicht gern gesehen wurde, immerhin war Disziplin das ultimative Ziel. Und das war der Grund, warum er nun hier stand... vor der Unterkunft des Primus Pilus. Er brauchte jemanden zum Reden. Jemanden, der... Erfahrung hatte, der die Mannschaften kannte und die verschiedenen Ränge und das Leben dazwischen. Corvinus kam aus offensichtlichen Gründen nicht in Frage, Sönke auch nicht, die übrigen Kameraden genau so wenig – er brauchte jemanden zum Reden, der... so was wie eine Respektsperson war. Zu dem er aufsah, in gewisser Weise, und so sehr er viele seiner Kameraden auch mochte und ihre Erfahrung als Soldaten respektierte – keiner von ihnen schien geeignet als Ratgeber in dem Dilemma, in dem er sich grade befand. Den meisten fehlte allein schon der geistige Horizont. Sie waren gut in dem, was sie taten, aber es reichte eben nicht für mehr. Sie führten Befehle aus, die sie bekamen, und so lange der Sold stimmte und die Führung und sie ab und zu ein wenig Spaß haben konnten, war ihnen das genug. Hadamar dagegen hätte es ja nie geglaubt, dass ihm der Unterricht mal fehlen würde, aber irgendwie... war es so. Nicht so sehr das Lernen, aber die geistige Herausforderung und den Austausch vermisste er manchmal, den Austausch über mehr als nur das Alltägliche, und der war halt deutlich begrenzt, schon allein wegen des Trainings und der sonstigen Aufgaben, aber eben auch deswegen, weil die meisten... sich nicht für mehr interessierten, was über ihre direkten Angelegenheiten hinausging. Und in genau dem Punkt unterschied Hadamar sich von ihnen.

Kameraden kamen also nicht in Frage, und obwohl Corvinus nun Optio war, zählte er für Hadamar nach wie vor als Kamerad. Einen Centurio aber hatten sie nach wie vor nicht – und selbst wenn sie einen hätten, war Hadamar sich nicht sicher, ob ein Mann, den er kaum kannte, geeigneter gewesen wäre als einer seiner Kameraden. Artorius Massa hingegen war immer noch sein Centurio, sein Ausbilder, sein Anführer, auch wenn er jetzt Primus Pilus war und nicht mehr für ihre Centurie verantwortlich. Hadamar respektierte ihn und hatte auch das Gefühl, dass er ihm vertrauen konnte, gerade wegen der unbestechlichen Strenge, die der Mann immer an den Tag gelegt hatte, und weil er eigentlich immer den Eindruck gemacht hatte, zwar hart, aber trotzdem fair zu sein. Klar war es möglich, dass er ihn einfach wieder wegschickte – na gut, dann war Hadamar halt umsonst hierher gelaufen. Aber den Versuch war es wert. Also hob er nach einem winzigen Zögern die Hand und klopfte an die Tür der Unterkunft.
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Massa schritt durch den Säulengang, der das Gebäude der Soldaten der ersten Centuria an der Front überdachte. Er kam aus der Baracke und hielt auf die Principia zu, wo sich seine Unterkunft befand. Wenig später betrat er den Gang. Als er sich seiner Unterkunft näherte, erkannte er in dem Wartenden Ferox, einen Legionär seiner ehemaligen Centuria.

"Salve Duccius! Na, verlangt es dich nach einer Ansprache?" Massa zog einen Mundwinkel nach oben, was dem Kenner verriet, dass er sehr gut gelaunt war. Die Anspielung auf eine Ansprache kam daher, weil ihm noch gut in Erinnerung lag, dass gerade dieser Legionär am Tag seiner Beförderung für einigen Wirbel sorgte. Auch sonst gehörte Duccius nicht unbedingt zur stillen Sorte, sodass sich Massa sicherlich auch noch in ein paar Jahren an ihn erinnern würde. Der Primus Pilus drückte die Tür zu seinem Zimmer auf.



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Auf sein Klopfen reagierte niemand, auch nicht auf das zweite oder dritte. Hadamar überlegte kurz... entschloss sich dann aber auf den Centurio zu warten. Irgendwann musste er ja auftauchen, und tatsächlich, einige Zeit später kam er an. „Salve, Centurio“, salutierte Hadamar und unterdrückte den Anflug von Schmerz, der seinen Körper bei der zackigen Bewegung durchfuhr. Oh ja, sich zu prügeln war wirklich dumm gewesen.
Hadamar grinste ein wenig schief, als er die nächsten Worte des Centurio hörte, und war schon mal erleichtert – gleichermaßen darüber, dass er ihn nicht sofort wieder wegschickte, wie darüber, dass er nicht übel gelaunt wirkte. „So ungefähr, ja“, gestand er ein und beobachtete, wie Massa die Tür öffnete – machte aber noch keine Anstalten ihm zu folgen. „Oder vielleicht eher einen... einen Rat. Hast du da einen Augenblick Zeit dafür?“
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Bevor Massa die Türschwelle überschritt, landete seine Hand noch auf der Schulter des Legionärs.
"Wenn’s nicht so lange dauert, dann mal rein." Er strebte zur Zimmermitte, legte seinen Helm auf den Tisch und den Rebstock daneben, dann drehte er sich zu Duccius um. "Wie läuft es in der IV.? Es gab ja einige Veränderungen. Wie kommt ihr damit klar?" Er musterte Duccius, der ungewöhnlich zögerlich auf ihn wirkte. Irgendetwas lag im Argen, Massa wusste nur noch nicht was. Der Lagerfunk - ansonsten in jeder Hinsicht verlässlich - hatte ihm bisher nichts Greifbares zugetragen.



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Hadamar hatte keine Ahnung, wie lang das genau dauern würde, aber er schätzte mal, dass es nicht allzu lange werden würde. Vielleicht sogar recht kurz, wenn der Centurio fand, dass sein Anliegen schlicht und ergreifend lächerlich war, und ihn gleich wieder rauswarf. Ein bisschen hatte Hadamar schon die Befürchtung, dass der Primus Pilus vielleicht so darüber denken würde... Aber er hatte sich nun mal entschlossen, wenigstens den Versuch zu wagen. Und dass der Centurio ihm sogar kurz die Hand auf die Schulter legte, war ein gutes Zeichen, fand Hadamar, mehr noch: es wirkte ziemlich aufbauend. Was eine Wohltat für ihn war in seinem momentanen Zustand.

„Danke“, antwortete er, folgte Massa hinein in den Raum und schloss die Tür hinter sich. „In der IV. läuft es gut. Es gibt ein bisschen Gerede, wann wir wieder einen neuen Centurio kriegen... aber Corvinus – Helvetius Corvinus und die anderen Unteroffiziere haben den Laden gut im Griff.“ Womit sie schon beim Thema waren. Hadamar rieb sich über das Kinn und zuckte kurz zusammen, als er zu dicht an seine verletzte Lippe herankam. „Ehm. Ich... Also, Helvetius Corvinus macht seine Sache wirklich gut, er ist ein toller Optio.“ Als er das sagte, klang er zutiefst überzeugt. „Es ist nur... ein bisschen schwierig. Für mich. Ich meine, wir sind hier Freunde geworden, gute Freunde, aber jetzt ist er mein Vorgesetzter, und...“ Hadamar wusste nicht so recht, wie er das formulieren sollte, aber er machte einfach weiter. „Und egal wie ich mich anstreng, damit's da keinen Zweifel gibt dass er korrekt handelt obwohl wir Freunde sind, heißt es von manchen, er würd mich bevorzugen. Tut er nicht!“ schob er sofort hinterher, nicht dass der Centurio noch auf falsche Gedanken kam. „Aber manche behaupten's trotzdem.“ Hadamar räusperte sich und schwankte kurz, was er noch sagen sollte. Eigentlich war da noch mehr als dieser ganze Hickhack, der von außen kam... das komische Gefühl, das er hatte, wann immer Corvinus und er aufeinander trafen und entweder andere dabei waren oder er befürchtete, jemand könnte was mitkriegen, die Gedanken darüber, wie diese Beförderung ihre Freundschaft wohl noch beeinflussen würde, und was war, wenn er, Hadamar, tatsächlich mal wieder irgendwas tat, was Corvinus als Vorgesetzter gar nicht gut heißen konnte, selbst wenn er es als Freund wollte. Kurz gesagt: die Zweifel, die er hatte, ob ihre Freundschaft das wirklich aushalten würde. Aber er wusste nicht so recht, wie er das alles sagen sollte. „Hast du da... einen Rat für mich, was ich tun kann? Wie war das bei dir? Ich meine, du hast doch sicher Freunde, wie... habt ihr das gemacht, als du befördert worden bist? Und kann man... trotzdem befreundet bleiben?“
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Die Problematik, die Duccius ansprach, kam für Massa überraschend. Es handelte sich um nichts weiter als ein persönliches Problem, keine Unruhe in der Centurie, keine Disziplinlosigkeit der Legionäre, kein Kaiserfeind unter den Kameraden - mit anderen Worten: nichts Wichtiges. Massa antwortete zunächst mit einem: "Hm." Dann atmete er einmal durch, blickte Duccius durchdringend an und begriff langsam, dass der vorgebrachte Sachverhalt den jungen Mann durchaus beschäftigte. Bei der Betrachtung fiel ihm die geschundene Lippe auf.

Massa verschob die Antwort auf die gestellte Frage. Er wollte mehr über die Situation erfahren. "Wie ist das mit der Lippe passiert?" Sein Kinn wies in einer Vor- und Zurückbewegung in Richtung Duccius. So richtig Zeit für einen Plausch besaß er nicht, aber der Moment schien ungeeignet, sich nebenbei mit den alltäglichen Berichten zu befassen, also blieb er abwartend stehen. Das Gespräch besaß den Charakter einer Unterhaltung, nicht so sehr einer militärischen Erörterung, und trotzdem ordnete Massa keine bequeme Haltung an, denn es gab schließlich auch kein Strammstehen zuvor.

"Ganz gleich, welche Veränderung dein Leben nimmt, es erfordert stets ein Anpassen. Raus aus den eingefahrenen Spuren, neue Wege beschreiten, alte Gewohnheiten aufgeben, neue Sichtwesen einnehmen. Dem einen fällt es leicht, dem anderen schwer." Die Worte konnten sowohl an Duccius gerichtet sein als auch ein eigenes Resümee des Centurios darstellen. Und um Duccius Frage beantworten zu können, musste Massa zunächst herausfinden, was das Grundübel darstellte. Fanden sie es gemeinsam, erübrigte sich manchmal sogar ein guter Ratschlag. Ratschläge fand Massa ohnehin nicht gut. Sie bügelten eine fremde Meinung über. Auch Ratschläge waren nichts weiter als Schläge.
"Was genau empört dich daran, wenn Kameraden behaupten, du würdest vorgezogen werden?"



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Hadamar wurde fast ein wenig nervös, während er darauf wartete, dass der Centurio reagierte – und der ließ sich quälenderweise Zeit. Bevor er nun doch auf den Zustand seines Gesichts* zu sprechen kam. Und Hadamar hatte schon gehofft, er würde darüber einfach hinweggehen... Er wusste allerdings, dass es keinen Sinn haben würde, die Antwort zu verweigern. Noch nicht einmal eine Ausrede war wirklich angeraten, immerhin hatte er sich zur besten Abendzeit geprügelt, noch dazu am Brunnen im Lager, und sie waren auch nicht allein geblieben. „Das... eh... war ne Prügelei“, antwortete er also ehrlich, beschloss allerdings zu verschweigen, worum es dabei gegangen war. Oder wer angefangen hatte...

Dann bekam er endlich eine Antwort, allerdings nicht, wie Hadamar erwartet hätte. Er hatte sich... irgendwas Konkretes erhofft. Nicht so was wie: anpassen. Alte Gewohnheiten aufgeben. Neue Wege beschreiten. Wollte der Centurio damit durch die Blume sagen, dass er sich besser von seiner Freundschaft mit Corvinus verabschieden sollte, weil das auf Dauer nicht klappen würde? Er sah ein wenig zweifelnd drein, als Massa zum Abschluss dann noch eine Frage stellte – eine, die ziemlich einfach zu beantworten war. „Weil's unfair ist. Corvinus würd so was nie machen, ich kenn keinen, der da korrekter wär als er. Es ist nicht fair ihm zu unterstellen, dass er wen bevorzugen würd.“


Sim-Off: *Hadamar hat noch mehr sichtbar abgekriegt smile
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Die Antwort überraschte Massa. Sollte Duccius wirklich ganz uneigennützig nur an den Ruf seines ehemaligen Kameraden und jetzigen Optio denken? Der Primus Pilus versuchte in den Gesichtszügen zu lesen. Die meisten Soldaten wären verärgert, wenn nicht ihre Leistung, sondern ihre Beziehung für die Erfolge sorgte. Fast jeder wollte glänzen oder zumindest gerecht bewertet werden. Hinzu kam, gerade Duccius musste während und sogar nach seiner Grundausbildung erste Lektionen in Sachen Kameradschaft erhalten, um zu lernen, dass in der Armee das Persönliche hinter dem Gemeinschaftsdenken zurücktreten muss. Was war passieret?

"Haben diese Blessur und die anderen Schrammen etwas mit den Vorwürfen der Bevorzugung zu tun?" Massa wandte sich unmittelbar nach der Frage seinem Schreibtisch zu, weil er Duccius ermöglichen wollte, unbeobachtet zu reagieren. Die Stimmlage würde dem erfahrenen Offizier genug über dessen Emotionslage verraten. Er hantierte scheinbar geschäftig mit Wachstafeln, aber das täuschte. Er verfolgte ein Ziel und er ließ sich dabei nicht in Karten blicken.



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Hadamar wollte eigentlich gerne endlich wissen, ob der Centurio ihm irgendeinen Rat geben konnte. Ob es eine Lösung dafür gab, irgendwas, was er tun konnte, damit sich die Ärgernisse einfach... naja, in Luft auflösten. Das war so in etwa das, was Hadamar erwartete, unbewusst jedenfalls. Stattdessen wollte der Primus Pilus nun allerdings mehr über seine Blessuren wissen, und wie das alles zusammenhing. Worüber er, Hadamar, eigentlich gar nicht hatte reden wollen.
„Ja, Centurio“, brummte er zunächst nur ziemlich maulfaul und ein wenig widerwillig, während sein Gegenüber sich von ihm abwandte und sich irgendwelche Tafeln auf seinem Tisch besah. Davon, mit der Prügelei, mit den Jungs mit denen er sich gezofft hatte, wollte er nichts erzählen. Damit würde er schon irgendwie allein klar kommen. Klar hatte diese Sache und die anderen Sticheleien was damit zu tun, warum er hier war – aber er wollte ja nicht petzen, oder als Weichei erscheinen, das mit ein paar Rüpeleien unter Kameraden nicht fertig wurde. Er wollte wissen, was er tun konnte, damit er trotz der Beförderung mit Corvinus befreundet bleiben konnte, ohne dass dem Freund schadete in seiner Position, seiner Autorität... oder ob ihm auf Dauer nichts anderes übrig bleiben würde, als auf Distanz zu gehen. Hadamar mochte ziemlich viele Flausen im Kopf haben und war noch häufig zu unbekümmert, zu gedankenlos, aber er war nichts, wenn nicht loyal zu seinen Freunden. Und dieses Mal, bei dieser Sache, hatte er sich Gedanken gemacht... viele. Und deswegen beschloss er auch, noch ein bisschen mehr anzufügen. Wenn der Centurio ihm irgendwas sagen konnte, dann würde er damit wohl nur rausrücken, wenn er mitspielte, schätzte Hadamar. „War nen üblicher Streit. Ich würds Maul zu weit aufreißen, ich würd Sonderbehandlung kriegen...“ Er zögerte kurz und rückte dann, fast noch ein wenig widerwilliger, mit dem Rest raus. „Und dann hat einer behauptet Corvinus wär nur befördert worden, weil er...“ Was? Weil er dem Mann vor ihm in den Arsch gekrochen war und seine Eier geschaukelt hatte? Oh ja, das würde sicher sehr gut ankommen, wenn er das sagte, in dieser Wortwahl. „... weil er... sich eingeschleimt hat. Bei dem Spruch bin ich auf den Kerl losgegangen.“
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Endlich kam zur Sprache, was Massa interessierte und womit er etwas anfangen konnte. Um den Redefluss nicht abzukürzen, tat er weiterhin so, als würde er sich mehr um seine Unterlagen als um den Bericht kümmern. Er stapelte Tafeln um, tat so, als lese er eine durch und machte ein paar Kringel auf einer anderen Tafel, die keinen Sinn, aber sehr wohl Nutzen ergaben. Schließlich blickte er auf, nachdem er den Griffel fortgelegt hatte. In seiner über den Schreibtisch gebeugten Haltung blieb er unverändert, auch als die letzten Worte seine Kompetenz als Centurio, Können von Scheinempfehlungen unterscheiden zu können, infrage stellten. Er überhörte sie, denn er stand bereits zu lange einer Centurie vor, um von solcherlei Beurteilungen überrascht zu werden.

"Ich gehe einmal davon aus, dass du genausowenig unberechtigte Sonderbehandlungen erhalten hast wie einst Corvinus bei mir", begann er, dann richtete er sich auf und drehte sich wieder zu Duccius um. "Stell dir vor, du hast eine Gruppe von Legionären, sagen wir zwei Contubernia, die du zu einem Ausbildungsziel führen und sie auf diesem Level halten musst. Nicht ein Römer gleicht dem anderen, also sind Unterschiede im Verhalten, im Können, im Auftreten usw. vorprogrammiert. Wofür entscheidest du dich? Für eine Gleichbehandlung aller, um den Gruppenfrieden zu gewährleisten? Oder im Hinblick auf den Erhalt einer schlagkräftigen Armee für die Förderung von Talenten? Oder aber für die Förderung von Konkurrenzverhalten als stärkste Kraft, um Menschen zu Höchstleistungen anzuspornen? Oder entscheidest du dich für einen vierten, noch nicht genannten Weg?"

In Massa reifte ein Plan, der mit Duccius‘ Anliegen nichts zu tun hatte, aber von ihm angestoßen wurde. Die Antwort des Legionärs würde die Weichen stellen. Massa musterte Duccius interessiert.



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
„Nein, natürlich nicht“, antwortete Hadamar auf den ersten Kommentar hin. Hatte er ja vorhin schon gesagt, dass Corvinus dafür viel zu korrekt war, dass er so was niemals tun würde – genau deswegen waren die Vorwürfe ja so unfair. Dass er sein Maul zu voll nahm, wusste er selbst, und er hatte kein Problem damit, nicht einmal, wenn er dann eins auf die Schnauze bekam. Damit konnte man ihn nicht ärgern, davon ließ er sich überhaupt nicht provozieren – höchstens dazu, dass er den nächsten dummen Spruch riss.
Dazu lag ihm auch noch ein Satz auf der Zunge, aber der Centurio drehte sich nun zu ihm um, sah ihn wieder an und sprach weiter, und Hadamar schwieg und hörte zu. Und wurde immer verwirrter. Was war das denn jetzt? Was hatte das mit seiner Frage zu tun, seinem Problem, mit dem er zum Centurio gekommen war? Solche Gedankenspiele waren ja schön und gut, aber was er gerade brauchte, war etwas Handfestes, etwas, was er anwenden konnte.
Jetzt darauf zu hinzuweisen war aber wohl kaum anzuraten. Er war zwar mit seinem Anliegen zum Centurio gekommen, aber die Regeln galten deswegen trotzdem, immer, überall. Von den Regeln gab es kein frei, nicht einmal dann, wenn sie frei hatten – so wie sie immer das Cingulum militare trugen, waren auch die hierarchischen Strukturen immer in Kraft. Und das war etwas, was mittlerweile sogar ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Und wenn der Centurio jetzt über etwas anderes reden wollte, dann würden sie über etwas anderes reden.
„Nummer drei“, sagte er zunächst spontan. „Ob man jetzt Wettbewerb mag oder nicht, wenn man gewinnen kann, dann wollen die meisten auch gewinnen. Also strengen sie sich an. ... Und Nummer zwei auch“, fügte er nach kurzem Überlegen an. „Klar muss ein... gewisser Leistungsstandard in der Legion da sein. Aber wenn der da ist, wär's dumm, Talente verkümmern zu lassen. Ist wie beim Ludus latrunculorum, da muss man seine Figuren auch so einsetzen, dass sie strategisch günstig stehen, wenn man gewinnen will. Jede so, wie sie einem am meisten nützt. Kommt aber auch aufs Ausbildungsziel an, wenn das heißt, dass sechzehn Tirones 'nen Gewaltmarsch überstehen sollen, ist erst mal nicht viel mit Talentförderung. Und... eigentlich auch Nummer eins. Jedenfalls wenn's um... Belohnungen, Strafen oder so was geht, da muss man schon drauf achten, dass jeder die gleichen Bedingungen hat. Dass keiner bevorzugt wird, ohne sich das auch verdient zu haben, sonst gibt’s schnell Unruhe.“ Er zuckte leicht die Achseln und grinste etwas schief. „Also eine Mischung, eigentlich. Aber...“ Er zögerte kurz, fuhr dann aber fort: „Entschuldigung, aber was hat das mit meinem Problem zu tun?“
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Massa hörte aufmerksam zu - weniger, weil er den Plausch mit Untergebenen liebte, sondern weil er über das Anliegen des Legionärs auf eine Idee gestoßen war.
"Deine Gedankengänge sind gut, sie hören nur zu zeitig auf", antwortete Massa, als Duccius schwieg. "Außerdem empfiehlt es sich nicht, einen Vorgesetzten zu fragen, was die aktuelle Erörterung mit dem eingangs vorgebrachten Problem zu tun hat. Das Wort 'Entschuldigung' relativiert nicht den Vorwurf, der in dieser Frage steckt."
Nach einer kurzen Betrachtung des Soldaten fuhr Massa fort. "Bei der Fortführung deiner Gedankengänge wird klar, dass jeder Vorgesetzte ein verdammt gutes Gespür dafür entwickeln muss, wann Gleichbehandlung angebracht ist und wann Individualförderung, wann es eine Mischung aus allen Komponenten geben muss und wie die auszusehen hat. Das ist das tägliche Brot deines ehemaligen Kameraden und jetzigen vorgesetzten Corvinus.
Frage an dich: Glaubst du, dass jeder der achtzig Soldaten, dieselbe Einschätzung trifft wie sein Centurio oder Optio?"
Massa hob die Brauen. "Ein Vorgesetzter muss auch mit der Missgunst unter den Soldaten umgehen können, aber er wird sicher nicht derjenige sein, der sie verbal oder mit Fäusten zu spüren bekommt. Das sind andere, solche, die sich in gewisser Weise dafür anbieten, ob nun gewollt oder nicht. Und noch eine Frage: Wie groß siehst du die Chance, dass du bei einer Abflachung deiner Freundschaft zu Helvetius Corvinus weniger im Kreuzfeuer deiner restlichen Kameraden stehst?"

Nach einer kurzen Gedankenpause fuhr Massa fort.
"Ich habe mehr Antworten geben, als du Fragen gestellt hast, und das hat seinen Grund. Du wirst gleich morgen die Gelegenheit erhalten, einmal in die Rolle deines Optio Helvetius zu schlüpfen und die Angelegenheit aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dein alter Freund Marius Madarus wird so ziemlich das gleiche Problem haben wie aktuell du. Schauen wir einmal, wie ihr beide das meistert. Du unterstützt Helvetius in der Ausbildung solange es keinen Centurio gibt. Ich werde das in der nächsten Stabsbesprechung thematisieren und übernehme bis dahin die Verantwortung für diese Entscheidung."



Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Hatte seine Frage wirklich einen Vorwurf beinhaltet? Hadamar grübelte ganz kurz darüber nach, während seine Ohren mal wieder zu glühen begannen bei der Zurechtweisung, die dem Lob folgte. Er kam nur nicht wirklich zu einem Schluss. Er hatte dem Centurio ganz sicher keinen Vorwurf machen wollen, so viel stand für ihn fest, er hatte nur wissen wollen, was nun mit seinem Anliegen war, aber... naja... konnte man vielleicht als Vorwurf auffassen. „Ich werd's mir merken, Centurio“, murmelte er, weil er das Gefühl hatte, irgendetwas sagen zu müssen auf die Worte – ein weiteres Entschuldigung nun aber irgendwie lächerlich gewirkt hätte, fand er.

Auch bei der nachfolgenden Ausführung des Centurio fragte Hadamar sich zunächst allerdings weiterhin, was das nun ganz konkret mit ihm zu tun hatte. Ja, Vorgesetzte hatten auch kein leichtes Leben, aber wer hatte das schon? Mussten sie sich halt Gedanken machen, wann sie wen wie einsetzten. Hadamars Mitleid hielt sich da ziemlich in Grenzen, auch das für Corvinus. Die machten das schon, so wie sie alle hier ihre Aufgaben erledigten. Der Unterschied war nur, dass die meisten halt nur Befehlsempfänger waren. War wie beim Spielen, im Grunde: die meisten wollten nur würfeln, oder einfache Varianten des Soldatenspiels spielen. Wenn es komplizierter wurden, stiegen sie der Reihe nach aus, bis nur noch ein paar übrig blieben, die es halt konnten und Spaß dabei hatten.
„Ehm. Nein... Centurio“, antwortete er auf die Frage, die dann kam, ein wenig unschlüssig, ob Massa wirklich eine Antwort von ihm hören wollte oder die Frage einfach nur gestellt hatte, um sie zu stellen, ohne eine Antwort zu erwarten. Und als der Mann dann weiter sprach, wurde er endlich konkret. Hadamar starrte ihn an und fragte sich, ob er ihm da tatsächlich gerade erzählte, dass Corvinus von dem ganzen Gerede eigentlich gar nicht betroffen war. War es so? Hadamar hatte sich darüber noch gar nicht so wirklich Gedanken gemacht, ihn hatte zunächst mal einfach nur gestört, dass der Freund von manchen anderen verbal durch den Dreck gezogen wurde und ihm Vorwürfe gemacht wurden, die nicht stimmten – Vorwürfe, die halt ganz konkret mit ihrer Freundschaft zusammen hingen. Wenn Corvinus selbst das allerdings gar nicht so wirklich ausbaden musste – änderte das dann was? Hadamar war sich nicht so sicher. Stören tat es ihn auf jeden Fall immer noch, das schon, aber... Götter war das verwirrend. Vielleicht sollte er sich einfach noch mal Gedanken darüber machen, warum ihn das störte. Vielleicht fand er ja dann eine Lösung, zumindest dafür, dass er ruhig blieb, wenn sie weiter auf ihm herumhackten, und das würden sie wohl, wenn er den Centurio richtig verstand. Weil es immer welche gab, die sich benachteiligt fühlten, und unter denen immer welche, die das rauslassen mussten. „Ich... weiß nicht“, entgegnete er auf die nächste Frage, und fügte zögernd an: „Bei manchen vielleicht. Ein bisschen. Bei anderen... kaum.“

Hadamar war sich mittlerweile nicht ganz sicher, ob er es nicht bereute, zum Centurio gekommen zu sein. Der behauptete zwar mehr Antworten gegeben zu haben... aber er hatte gerade das Gefühl, mit ganz eindeutig mehr Fragen zu gehen als er gekommen war, und die meisten davon welche, die sich gerade erst in ihm zu formen begannen, weswegen er sie noch nicht einmal wirklich stellen konnte. War ja keine Unterhaltung unter Freunden. Der Centurio nahm sich zwar Zeit für ihn, aber Hadamar bezweifelte, dass er sich auf ein Gespräch mit ihm einlassen würde, bei dem noch nicht mal klar war, wo es hinsteuerte – wie unter Freunden eben. Und eine wirkliche Lösung hatte er immer noch nicht, vielleicht weil es keine gab, oder keine einfache zumindest.
Noch war der Centurio allerdings nicht fertig mit ihm. Und bei den nun folgenden Worten begannen Hadamars Ohren plötzlich zu klingeln. Er sollte was?!? Für Augenblicke starrte er den Primus Pilus einfach nur ziemlich perplex an, während er versuchte zu begreifen, was der da gerade gesagt hatte. Er sollte jetzt bei der Ausbildung helfen? Das... war... ne klasse Sache, das war ihm wohl bewusst. Er verstand nur nicht so ganz, warum. Wie der Centurio auf diese Idee gekommen war. Die andere Perspektive betrachten, echote es in seinen Gedanken. „Ich... jawohl, Centurio“, nahm er den Befehl dann erst mal nur an, zur Abwechslung mal froh über den knappen Sprachstil, der bei der Armee so gerne gepflegt wurde, weil es ihm etwas Zeit verschaffte. Die Frage nach dem Warum brannte trotzdem noch auf seinen Lippen, aber die verkniff er sich. Er wollte sich das jetzt nicht verderben durch irgendeine blöde Frage, denn ganz egal, was den Centurio dazu gebracht hatte es für sinnvoll zu halten, dass Hadamar die andere Perspektive kennen lernte: es war toll, dass es so war. Er mochte Abwechslung. Im Gegensatz zu vielen anderen mochte er ja sogar die meisten Sonderaufgaben, weil sie eben das versprachen im Alltagseinerlei der Legion – selbst wenn sie ihn wie vor einiger Zeit quer durchs Lager und später durch Mogontiacum scheuchten, nur weil ein Sklave sich einer Aufgabe entledigt hatte. Und er probierte gern neue Sachen aus. Und: das hier war ganz eindeutig eine Sonderbehandlung. Ausbilden, das wurde nicht jedem anvertraut. „Danke für dein Vertrauen. Ich werd die Gelegenheit nutzen.“
Herius Claudius Menecrates

Centurio Marcus Artorius Massa


Massa musste schmunzeln, als Duccius versprach, dass er die Gelegenheit nutzen würde. Er konnte sich tatsächlich den Legionär gut in der Rolle eines Ausbilders vorstellen. Vermutlich würde seine Hand etwas weicher als die anderer Centurionen sein.

"Einen Rat gebe ich dir jetzt doch: Ratschläge geben ist so eine Sache, wenn persönliche Entscheidungen davon abhängig gemacht werden. Hinter Selbsterkenntnissen steht man in der Regel besser als hinter der weitergegebenen Erfahrung anderer, deswegen gab es von mir keinen Ratschlag, sondern ein paar Gedankenanstöße. Und um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen: Ich habe auf die dummen Sprüche anderer geschissen und bin meinen Weg gegangen. Wen man nicht beachtet, der verliert bald die Lust an dummem Gelaber.
Abite, Soldat! Ich werde dich auf dem Exerzierplatz im Auge behalten."




Primus Pilus
Lucius Duccius Ferox
Hadamar war immer noch ein wenig baff, was sich aus dem Gespräch da gerade entwickelt hatte... und mitten hinein in diese Verblüffung kam dann noch das, weswegen er eigentlich gekommen war. Einen Ratschlag. Allerdings keinen von der Sorte, die er erwartet hätte... oder den er gewollt hätte. Ratschläge waren also schlecht? Aber... konnte man denn ständig ohne Ratschläge von anderen durchs Leben laufen? Hadamar war ja nun wirklich nicht von der Sorte, der keine eigenen Erfahrungen sammelte... ganz im Gegenteil. Da war er ziemlich eifrig dabei, gerade was die Art von Erfahrungen betraf, die andere vermutlich als Fehler, Dummheiten, Leichtsinn bezeichnen würden. Aber hey, aus denen lernte man ja mit am meisten. Nur, manchmal tat der ein oder andere Ratschlag dann doch ganz gut, fand er. Selbstverständlich nur dann, wenn man danach fragte, nichts war nerviger als ältere Leute, die meinten einen mit ihrer Lebenserfahrung und Altersweisheit erschlagen zu müssen... vor allem dann, wenn man es selbst doch so viel besser wusste. Was bei Hadamar noch verhältnismäßig häufig vorkam, dass er glaubte es besser zu wissen.

Mit dem, was danach kam, konnte er dann allerdings wirklich etwas anfangen. Drauf scheißen? Wunderbar. Das war doch mal ein Tipp. Und das würde er mit Sicherheit gut hinkriegen. Wichtig war ihm vor allem, dass Corvinus keinen Schaden davon trug, und nach dem, was er vorhin aus den Worten des Centurio herausgehört hatte, betraf ihn das wohl nicht so sehr. Er war sich nur nicht ganz sicher, ob drauf scheißen auch bedeutete, dass sie ganz normal Freunde bleiben konnten, Corvinus und er... Aber noch mal nachfragen ging nicht, weil der Centurio noch im selben Atemzug entließ. Und wie schon zuvor galt auch hier: das war etwas, worüber man nicht diskutierte, egal welcher Art das Gespräch gewesen war, das vorangegangen war. Hadamar salutierte also. „Danke für deine Zeit, Centurio. Vale.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ die Unterkunft wieder.



Lucius Duccius Ferox
„... und hier haben wir die Unterlagen zu jedem einzelnen Miles unserer Centurie“, schloss Verus. Und sah Hadamar abwartend an.
Dem schwirrte der Kopf. Gewaltig. Er hatte ja noch nicht mal ganz verdaut, dass er jetzt Optio war. Aber sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, dafür hatte er kaum Zeit. Weil ein Riesenhaufen Arbeit auf ihn wartete, und unzähliger anderer Dinge, die er erst mal kennen lernen musste, um zu wissen, was genau zu seinen Aufgaben gehörte und wie er die am besten erledigen konnte Aber das war alles so viel, und der Scriba erzählte ihm noch viel mehr, auch Sachen, die er dann gar nicht würde erledigen müssen, aber als Optio, meinte Verus, müsse er das trotzdem alles wissen. Und Hadamar... nun ja. Dem schwirrte, wie schon erwähnt, der Kopf. Dass mehr dazu gehörte, eine Centurie zu verwalten, als nur die Dienstpläne zu schreiben und den Sold auszugeben, war ihm ja klar gewesen, aber dass da so viel dazu gehörte... „Und... ähm. Was genau gehört da zu meinen Aufgaben?“
„Du gibst mir die Anweisungen des Primus Pilus weiter... und deine eigenen, falls du welche hast. Einträge bei bestimmten Milites, Extrasold als Belohnung, Änderung der Dienstpläne, solche Sachen. Die Informationen darüber bekomme ich von dir. Du bist für den Inhalt der Unterlagen verantwortlich, daher solltest du regelmäßig prüfen, ob ich meine Arbeit auch vernünftig mache.“ Verus zwinkerte ihm gutmütig zu, und Hadamar grinste schwach – und ziemlich schief. Er fürchtete eher, dass er Kontrolle durch Verus brauchte, ob er seine Arbeit auch vernünftig machte. „Centurio Artorius wird dir sicher etwas Zeit zur Einarbeitung zugestehen“, fuhr Verus fort, als hätte er Hadamars Gedanken gelesen – aber sich vorzustellen, was er dachte, war vermutlich nicht allzu schwer. Die Dienstpläne erstellst du in Rücksprache mit ihm – du machst die Entwürfe, er korrigiert sie eventuell und gibt sie frei. Für die Veröffentlichung bin dann ich zuständig“, erläuterte der Scriba weiter. „Gleiches gilt für die Ausbildungspläne. Je nachdem wie sehr du das Vertrauen des Centurio gewinnen kannst, wird er dir im Lauf der Zeit manche Entscheidungen ganz überlassen, ohne sie noch mal zu prüfen vorher. Die Ausbildungspläne sind ein typisches Beispiel dafür, damit fangen die Centuriones recht bald an, sie die neuen Optiones eigenverantwortlich schreiben zu lassen.“
„Aha“, machte Hadamar. Ausbildung. Das war ein weiterer Punkt, damit würde er sich auch noch beschäftigen müssen. Wie um alles in der Welt brachte man Tirones was bei?
Jetzt grinste der Veteran. „Du machst das schon.“
„Ich bin mir da nicht ganz so sicher“, antwortete Hadamar düster.
Verus schüttelte den Kopf. „Der Primus Pilus wird seine Gründe gehabt haben, dich zu ihm holen. Er traut’s dir zu – liegt an dir, ob du ihn enttäuschst.“
Na super. Einen Zuspruch dieser Art hatte er jetzt gerade noch gebraucht. Als ob er nicht sowieso schon das Gefühl hatte, dass ihm das alles über den Kopf wuchs, und das an seinem ersten! Tag hier – nein, die ohnehin schon latent vorhandene Befürchtung, dass er sich unendlich blamieren und das Vertrauen des Centurio enttäuschen würde, sprang plötzlich aus ihrem Versteck und schlug ihre Krallen tief in sein aktuell etwas angeschlagenes Selbstvertrauen. „Also“, seufzte er und ging noch mal durch, was der Scriba ihm gezeigt hatte. „Das hier sind die Unterlagen zum Sold, damit hab ich in der Regel nichts zu tun...“