Rückkehr im greulichen Morgengrausen

Titus Germanicus Antias
Er war wieder da, kaum zu fassen. Völlig ausgepumpt, todmüde und zitternd zwar, aber er hatte es geschafft, bis zum Vorplatz der Castra zumindest. In einem kräftezehrenden Hindernislauf war er der Stadt entkommen, hatte lärmende Trauben noch immer feiernder Römer umrundet, war patrouillierenden Vigiles ausgewichen und herumlungernden Straßendieben davon gehastet, hatte Sänften gerammt, Besoffene umgeworfen und streunende Straßenköter aus dem Weg getreten. Jetzt war er kurz vor dem Ziel, und drohte zusammen zu brechen. Am Ende der Straße, die von den Kneipenvierteln der Vorstadt zu den Castra hinaus führte hockte er schwer atmend hinter einem leergeräumten Obstkarren und starrte über den Platz auf das Westtor hinüber. Wie erwartet: Verstärkte Wachen, zwei am Tor vier auf dem Wehrgang. Aber die auf der Mauer waren zu vernachlässigen. Nun ja, eigentlich war alles zu vernachlässigen, angefangen bei seinem glorreichen Plan. Im Grunde war der finale Teil des Planes, der im Wesentlichen aus dem Fehlen jeglicher Finesse bestand, so unfassbar simpel, dass es schon einiges an destruktivem Talent erfordern würde, die Sache zu versauen. Dummerweise verfügte er diesbezüglich durchaus über eine gewisse Begabung, die durch Schlafmangel und Herzrasen noch zusätzlich befeuert wurde. Wenig Grund also, sich an der nackten Tatsache zu berauschen, die Castra wieder heil erreicht zu haben. Antias fuhr hoch. Lärmen, Lachen, zurückkehrende Miles näherten sich. Gespannt duckte er sich hinter den Karren. Nur ein kleines lockeres Häuflein Urbaner schlenderte vorbei. Leider unbrauchbar.

Rein würde er in jedem Fall kommen, fragte sich nur wie tief. Keine Fässer mehr, kein Umwege, kein Herumgekrabbel in staubigen Ginsterbüschen, also kein Problem. Er hätte liebend gern daran geglaubt. Möglich, dass er das Ganze im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte lediglich als sportliche Herausforderung betrachtet hätte, aber er war am Ende. Die Augen fielen ihm zu, immer wieder und in immer kürzeren Abständen. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen und wann er das letzte mal etwas gegessen hatte, wollte ihm nicht mehr einfallen. Vor dem Morgenappell? Vermutlich. Was es im Carcer wohl zu essen gab? Lucanica wohl kaum.
Titus Germanicus Antias
Wieder zog eine Gruppe Heimkehrer die Gasse herauf. Wieder reckte Antias den Hals und zählte durch. Nur ein einzelnes Contubernium, vollzählig. Wo beim Arsch des Bacchus blieben die alle? Das besoffene Gegröle aus den Tabernae der Vorstadt war doch kaum zu überhören. Schwankend und schleppend schlurften die Urbaner an seinem Obstkarren vorbei auf den Vorplatz hinaus dem Tor zu. Grob zwei Stunden noch, schätze Antias mit Blick auf den östlichen Himmel, vielleicht etwas mehr. Die Wache war noch nicht abgelöst worden, das war gut. Allerdings konnte das jederzeit passieren, und das war schlecht. Das Zeitgefühl war ihm ebenso abhanden gekommen wie der Optimismus. „Nicht noch nervöser werden als du eh schon bist.“ flüsterte er leise vor sich hin, mehr um sich wach zu halten als um sich zu überzeugen. „Die kommen immer so spät, das weißt du doch vom letzten Ausgang, richtig? Richtig. Siehst du, und die Wachen kontrollieren die Listen nur abends, wenn die Männer raus gehn, richtig? Naja, ich weiß nicht.“ Er wusste es tatsächlich nicht, aber er nahm es an. Schließlich kannte er das von seinem eigenen Dienst am Tor. Beim Verlassen der Castra wurden Kuriere und Freigänger kontrolliert und vermerkt, bei der Rückkehr nur selten, wozu auch? Was draußen rumrannte, musste ja vorher irgend jemand kontrolliert und rausgelassen haben. „Exakt.“ begann er wieder zu flüstern, die Müdigkeit ließ ihn so langsam irre werden. „Und wenn alles läuft wie sonst, kommen die nachher gleich scharenweise, richtig? Wahrscheinlich. Außerdem weißt du, dass zwei Contubernien davon Leute im Valetudinarium liegen haben, richtig? Sicher, schon wahr. Na also, alles wie geplant, mach was draus!“ Es hatte keinen Sinn, er war zweifellos am durchdrehen. Also gut, dann eben die haarsträubende Nummer mit dem Kurier, der sich verlaufen hatte. Oder war der überfallen worden? Er wusste es nicht mehr. Egal, er würde das jetzt zu ende bringen. Nach wenigen unsicheren Schritten auf den Vorplatz zu, hörte er sie endlich kommen. Dem Lärm nach zu urteilen war da eine halbe Centurie im Anmarsch: Gebrüll, Gelächter, Hochrufe auf Palma, Hochrufe auf Augustus Octavianus, vor allem aber ein getragener Gesang aus rauen Kehlen. Fimbria hätte seine helle Freude gehabt.

'… nec non ausonii, troia gens missa, coloni versibus incomptis ludunt risuque soluto ...'
Titus Germanicus Antias
Aus Antias spross die Hoffnung wie Kleefarn aus einer Sickergrube. Flink schlich er zum Karren zurück und spähte die Gasse hinunter. Da kamen sie. Rülpsend, wankend, lallend, ein Anblick, der jeden Urbaner mit Stolz erfüllen musste. Ein Dutzend. Zwei Dutzend. Drei Dutzend? Sein Hals wurde immer länger. Die Spitze der Kolonne war bereits auf seiner Höhe. In Sichtweite des Vorplatzes versuchten die Miles merklich, sich zusammenzureißen, allerdings größtenteils erfolglos.
' .. oraque corticibus sumunt horrrenda cauatis, et te, bacche, uocant per carmina laeta: tibique oscilla ex alta suspendunt mollia pinu …'


Endlich war auch die Nachhut in Sicht. Neunundzwanzig! Das war gut! Das war sogar sehr gut! Ein sorgsam durchdachter Plan war eben nicht mit Gold aufzuwiegen. Trotzdem würde er Fortuna und Venus Opfer darbringen. Und Iuppiter. Und Iuno. Am besten allen, deren Namen er kannte.
„ .. camplentur walllesque cauae saltusque profundi ..“ lallte er schief und taumelte grinsend auf die ungeordnet dahin stolpernden Heimkehrer zu.
„Zu früh .. kommt erst noch.“ maulte der dunkle Umriss eines großen Urbaners, der sich fürsorglich einen Kameraden untergeklemmt hatte. „Hähähä .. Aaschloch hattoch keine Ahnung..“ kicherte der Geschleifte unter der Achsel hervor.
'… hinc omnis largo pubescit uinea fetu, camplentur walllesque cauae saltusque profundi..“

Antias klatschte dem großen Urbaner freundschaftlich auf die Schulter.
„Ssiehsu .. sag ich doch .. hähähä.“
„War aber trotzdem zu früh.“
So ging es langsam dahin. Einige der Soldaten schlossen auf, andere fielen zurück. Antias bemühte sich, mitten im Pulk zu bleiben. Sechzig genagelte Caligae brachten das Pflaster der Vorplatzes zum prasseln, dreissig verschossene Mäntel wogten zwischen den Stämmen der frisch beschnittenen Platanen auf das Westtor zu.
' .. et quocumque deus circum caput egit honestum.ergo rite suum baccho dicemus honorem ..'

Je näher sie dem Tor kamen, desto aufrechter wurde ihre Haltung. Die Schultern strafften sich, die Schritte nahmen Gleichtakt an. Die Wachen starrten ihnen mürrisch und müde entgegen. Der offene rechte Torflügel gähnte verheißungsvoll. Neben Antias lies der große Urbaner seine kichernde Last auf's Pflaster knallen. „Hoch jetzt .. bist alt genug!“ „.. carminibus patriis: lancesque et liba feremus ..“ jaulte der Gefallene grinsend und rappelte sich umständlich auf.

„Haaaalt! Ruhe jetzt!“ schnauzte einer der Wachposten lustlos und blickte fragend zu seinem Kameraden hinüber. „Ist das der Rest?“ Der Angesprochene kramte einen handlichen Codex aus dem Mantel und hielt ihn ins zuckende Fackellicht. „Sieht ganz so aus. Das erste und zweite der Vierten und das dritte und sechste der Zweiten.“
„Also gut. In Fünferreihe vorwärts, und hört mit dem Gesinge auf!“
Antias drängelte sich vorsichtig in Position, setzte das debilste Grinsen auf zu dem er fähig war, und marschierte mit angehaltenem Atem auf den lockenden Torflügel zu. Der Wachposten auf seiner Seite blickte aus rotgeränderten Augen über die Köpfe, der andere packte abwesend den Codex wieder in den Mantel. Eine Pertica, zwei Perticae. Plötzlich war Antias drin. Er wagte es kaum zu glauben. Jetzt losrennen, die Principalis hinunter jagen und um eine Mauerecke verschwinden. Aber nein, ruhig. Alles war in Ordnung. Er würde opfern bis ans Ende seiner Tage, er würde Apolonia wiedersehen, würde alles irgendwie ins Lot bringen. Er würde leben!
„Fehlen da noch welche?“

Er würde sterben! Die Kolonne wankte weiter vorwärts, aber wie lange noch? Welch Ironie, dachte er resigniert. Statt ihn zu erwischen, weil einer zu viel dabei war, würde man ihn nun wohl erwischen weil einer zu wenig fehlte. Er und sein wunderbarer Plan. „Nä..“ brummte plötzlich der große Urbaner neben ihm über die kräftige Schulter. „.. das zweite und sechste haben Ausfälle!“ Kein Kommentar folgte.

Er würde leben! Er würde diesem Kerl neben ihm einen Tempel erbauen! Die Reihen lockerten sich allmählich, die Männer begannen wieder leise zu schwatzen, weit hinter ihnen wurde donnernd das Tor geschlossen und ihm war schlecht vor Erleichterung.
Zeit, sich zu verabschieden. Noch einmal klatschte er dem großen Urbaner auf die Schulter. „Mir iss nich ganz wohl .. ich muss mal ummie Ecke.“ Der Soldat drehte sich leise lachend zu Antias um und packte ihn unerwartet heftig am Arm. „Eier hast du ja, Kleiner. Aber nur zwei. Ich würd's nicht übertreiben.“ Dann ließ er den Arm los und schlurfte gemächlich davon. Da wird ein Tempel nicht reichen, dachte sich Antias verdattert, ging los, rannte an den schwatzenden Miles vorbei von der Principalis weg in die nächste dunkle Gasse, ließ sich gegen eine Mauer fallen und kotze Galle.